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Kritik zu Kenneth Branaghs „Tod auf dem Nil"

Am 9. November 2017 kam „Mord im Orient Express“ in die Lichtspielhäuser, eine neue Interpretation des beliebten Kriminalromans von Kult-Autorin Agatha Christie, die ihre Geschichte aus dem Jahr 1934 modern und historisch zugleich einfing. Ein neuer Film über den genialen Detektiv Hercule Poirot von Kenneth Branagh. Doch schon kurz vor diesem Kinostart meinte dieser, dass er sich im Falle des Erfolgs einen weitere Film über Hercule Poirot vorstellen könne. Er las während der Produktion einige Romane mit dem genialen Detektiv und wollte gerne weiter in die Figur eintauchen. 55 Millionen US-Dollar kostete der Film, mehr als 350 Millionen US-Dollar wurden wieder eingespielt – ein gutes Einspielergebnis. Auch wenn die Kritiken nur recht durchwachsen waren, kündigte das produzierende Filmstudio 20th Century Fox bereits im November 2017 einen zweiten Film an. 2019 sollte die Fortsetzung in die Kinos kommen, doch daraus wurde nichts...

Doch der ursprünglich anvisierte Kinostart ist nun zweieinhalb Jahre her, denn es gab einige Probleme bei der Produktion: Denn als Hauptdarsteller Armie Hammer sehr schwere Vorwürfe gemacht wurden, setzte man den Kinostart ordentlich nach hinten. Schreckliche Vergewaltigungs- und Kanibalismusvorwürfe gab es damals gegen den heute 35-Jährigen Schauspieler. Diese Vorwürfe mündeten inzwischen in dem Ausschluss kommender, großer Produktionen und somit ist „Tod auf dem Nil“ auch bis auf Weiteres sein letzter Film. Dem Schauspieler soll es psychisch gar nicht gut gegangen sein, weshalb er im vergangenen Jahr ganze neun Monate in Therapie verbrachte.


Doch nach dieser Verschiebung platzte die Corona-Pandemie herein und damit rückte ein Kinostart erneut in weite Ferne. Es wurde verschoben und verschoben und man konnte gefühlsmäßig gar nicht mehr mit einem Start in den Kinos rechnen. Jetzt ist es aber soweit und „Tod auf dem Nil“ ist seit dem 10. Februar 2022 endlich im Kino.


Doch hat sich die lange Wartezeit gelohnt oder ist die schwierige, langwierige und einfach Problem überhäufte Produktion letztlich gescheitert?


Nein und ja, aber kommen wir zunächst einmal zur Handlung:


Linnet Ridgeway heiratet Simon Doyle, den ehemaligen Freund ihrer Freundin namens Jaqueline de Bellefort. Während sich das frisch angetraute Ehepaar auf Flitterwochen in Ägypten befindet, taucht die abgewiesene Jaqueline de Bellefort erneut wieder auf. Immer und immer wieder taucht sie auf und steht dann einfach da. Das junge Paar ängstigt dies und sie fragen den gerade ebenfalls im Urlaub in Ägypten verweilenden Detektiv Hercule Poirot um Hilfe. Sie befürchten große Gefahr von der Abgewiesenen. Doch da es bisher kein Verbrechen gab, forscht der Detektiv nicht weiter nach. Er rät dem Ehepaar, den Urlaub abzubrechen, ins sichere Heim zurückzukehren. Doch Simon Doyle möchte die Flitterwochen nicht aufgeben, jedoch sicherer gestalten. Auf die Bitten willigt Hercule Poirot aber ein, dass Paar auf einer Nil-Fahrt zu begleiten, zu beschützen. Auf dem Nil-Dampfer Kamak scheinen sie sicher zu sein, doch dann ist plötzlich Jaqueline de Bellefort auf dem Nil-Dampfer und kurz darauf geschieht ein Mord...


Die ikonische Spürnase Hercule Poirot geht diesmal während einer mondänen Flusskreuzfahrt auf dem Nil vor spektakulärer Kulisse auf die Suche nach einem perfiden Mörder. An Bord des glamourösen Schaufelraddampfers nehmen die Flitterwochen eines bildhübschen Ehepaars ein tragisches Ende, weshalb Hercule Poirot seine Ermittlungen aufnehmen muss. Es scheint als hätte jeder Mitreisende ein Motiv und… ein Geheimnis!


Hercule Poirot ist ein genialer Detektiv, vielleicht sogar der beste. Agatha Christie schrieb insgesamt 33 Romane über und mit Hercule Poirot. Der belgische Meisterdetektiv mit dem markanten Schnurrbart ist eine bekannte Romanfigur, die jedoch auch zuvor verfilmt wurde. Mit dem ersten Film lernte Kenneth Branagh die Rolle des Hercule Poirot kennen und lieben und schuf aus der Figur seine ganz eigene Interpretation des berühmten Detektivs. Peter Ustinov konnte sich in den 70er-Jahren fest mit der Rolle verknüpfen und man konnte lange die Rolle fast automatisch mit ihm assoziieren. In der ersten Verfilmung von „Tod auf dem Nil“ verkörperte er auch Hercule Poirot. Kenneth Branagh versucht erst gar nicht, die bekannte Verkörperung zu erneuern. Denn in der neuen Darstellung wird versucht, mehr vom Menschen hinter dem Detektiv zu zeigen.


Bildnachweis: © Disney. Der Film Journalist ist im Presse-Server von Disney registriert.



Michael Green, der das Drehbuch zum ersten wie dem zweiten Film schrieb, versuchte bereits bei „Mord im Orient Express“ mehr die Gefühlswelt des Hercule Poirot zu beschreiben, beim zweiten Film wird der Blick auf das Innere des nach außen so souveränen, genialen Detektivs jedoch noch verstärkt. Die Ermittlungen, das Knobeln, Raten und Verhören wird gestrafft und Hercule Poirot, ein Mann, der die Ordnung und die Ruhe liebt, wird näher beleuchtet, jedoch wird dies nicht in den absoluten Fokus gerückt.


Wird die Ordnung gefährdet, gar zerstört, beginnt er zu kombinieren und zu überlegen, wie es dazu kommen konnte. Dabei ergreift ihn der Fall immer mehr, seine Vergangenheit wirft ihre Schatten in die Gegenwart.


Die Liebe kann man nicht berechnen, nicht kalkulieren. Sie kann wunderschön wie grausam sein – diesem Thema widmet sich die Geschichte und dieses Thema konfrontiert auch den Meisterdetektiv und seine tragische erste wie letzte Liebe. Liebe ist es, die die Figuren der Geschichte prägt, ihr Handeln beeinflusst und sogar zum Mord führt?

Neben der Liebe ist es die Vergangenheit, die den Detektiv seine souveräne Fassade verlieren lässt. Er kämpfte einst im ersten Weltkrieg...

Der Film zeigt Hercule Poirot so nah, verletzlich und menschlich wie noch nie zuvor und gerade durch den brillierenden Kenneth Branagh hat der geniale Detektiv eine beeindruckende Präsenz. Da die Figur dieses Mal nicht nur der glatte Detektiv ist, kann der Schauspieler auch mehr seines Könnens in die Figur hineinlegen. So glänzt er sowohl mit der verschmitzt lächelnden Fassade des Detektivs wie mit den ernsteren Momenten, dem Pathos und der Sensibilität. Er schöpft mehr Facetten der Figur aus und ist zweifellos das Herzstück des Films. Der Meisterdetektiv, der sich auch selbst als diesen sieht und irgendwann an einem Punkt ist, an dem ihn der Fall emotional fordert. Schuldgefühle und das Versagen rücken in die Geschichte.


Gal Gadot schlüpfte in die Rolle der Linnet Ridgeway, die jedoch recht blass blieb. Auch wenn die Figur keine allzu große Charaktertiefe bietet, spielt sie etwas zu aufgesetzt. Emma Mackey ist dagegen besonders herausstechend, die in ihre Figur der Jaqueline de Bellefort wirklich vieles hereinlegte. Sie verkörperte die konträren Gefühlswelten der Liebe, der Verliebtheit. Zwischen Eifersucht und unbändiger Liebe gibt sie der Figur ungeheure Stärke und sie ist in jeder Szene sehr präsent.


Bildnachweis: © Disney. Der Film Journalist ist im Presse-Server von Disney registriert.



Armie Hammer spielt den einstigen Freund von Jaqueline de Bellefort und Ehemann von Linnet Ridgeway, der der Rolle ein recht ambivalentes Auftreten verleiht. Doch gerade die emotionalen Momente sind zu steif und so springt die Stimmung dann nicht auf den Zuschauer über.

Tom Bateman spielte bereits im ersten Film mit. Seine Rolle des Bouc taucht im zweiten Film wieder auf und er wird Hercule Poirot bei der Suche nach dem Mörder helfen. Er spielt seine Rolle mit einer angenehmen Leichtigkeit, die den Film immer wieder auflockert...


„Marvel“-Star Letitia Wright spielt Rosalie Otterbourne, die Geliebte von Bouc. Sie konfrontiert Hercule Poirot mit seiner Selbstdarstellung als besten Detektiv. Die Figur verbindet die Handlungsstränge vom Menschen und Detektiven Hercule Poirot. Doch darüber hinaus gibt es auch einige etwas limitierte schauspielerische Leistungen...


Dem Drehbuch gelingt es, die nicht gerade kurze und leichte Buchvorlage, in einen kurzweiligen Kinofilm zu bringen, welcher die Strukturen des Romans in eine neue Interpretation nimmt. Jedoch schafft der Film es nur recht sperrig, die erste und zweite Hälfte des Films zu verbinden.


Technisch sieht der Film dann doch an einigen Stellen nicht so gut aus. Viel wurde vor den Blue-Screen-Sets gedreht und auch, wenn eine zweite Einheit doch noch reale Aufnahmen in Ägypten machte, sieht vieles zu sehr wie vom Computer aus. So sieht so mancher Hintergrund einfach nicht fertig aus, fast wie aus einem alten Videospiel.


Bildnachweis: © Disney. Der Film Journalist ist im Presse-Server von Disney registriert.



Auch sonst ist der Film an der einen oder anderen Stelle zu überbelichtet. Aber auch darüber hinaus ist die Gestaltung des Films zu überbelichtet und der digitale Schatten erzeugt ein zu digitales Endergebnis.

Die Kameraarbeit ist gelungen. Sie bestimmt die Geschwindigkeit, den Rhythmus des Films und kann gerade zum Finale hin die Geschwindigkeit erhöhen. Lange Kamerafahrten bei Pyramiden, immer wieder recht verspielte Einstellungen bei den sich spiegelnden Glasfenstern und am Schluss eine recht einfache, aber wirksame Kameraführung. Die Musik schafft eine schöne Mischung aus Drama, Bombastischem und Krimi. Gerade in der ersten Hälfte mit einigen bluesigen, lockeren Nummern. Die Kostüme sehen hier wirklich durchweg toll aus und erzeugen einfach schöne, farbige Bilder.


Bildnachweis: © Disney. Der Film Journalist ist im Presse-Server von Disney registriert.



Fazit:

Kenneth Branaghs zweiter Hercule Poirot-Film versucht mehr den Menschen hinter dem genialen Detektiven zu beleuchten. Schauspielerisch überzeugt hier einmal mehr Kenneth Branagh selbst, aber auch Emma Mackey spielt herausstechend. Aber hier ist auch einiges „unrund“, gerade bei den Effekten...


5 von 10 Punkten

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