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Kritik zu „Noga“: „Zu komplex für einen Soundbite“

Autorenbild: Toni Schindele
Toni Schindele
13. Aug.
5 Min. Lesezeit

Wer Noga Erez nur über ihre Musik kennt, dürfte nach diesem Film manches anders sehen. Denn „Noga“ schaut dorthin, wo Bühnenlicht und Beats längst nicht mehr ausreichen, um zu erklären, was diese Künstlerin ausmacht.


Bühnenszene aus dem Dokumentarfilm über Noga Erez mit einer Musikerin im Scheinwerferlicht.
Bildnachweis: © Babka

Noga Erez hätte auch Jazzmusikerin werden können. Ein entsprechendes Album hatte die Israelin sogar beinahe fertig, bevor sie es kurzerhand wieder verwarf und musikalisch noch einmal von vorn begann. Für jemanden, dessen Musik heute von wuchtigen Beats, elektronischen Spielereien, Rap, Pop und einer gehörigen Portion Eigensinn lebt, wirkt dieser Umweg rückblickend beinahe folgerichtig. Erez scheint ohnehin wenig Interesse daran zu haben, lange dort zu bleiben, wo man sie bereits einsortiert hat. Wer Noga Erez bislang noch nicht auf dem Radar hatte, bekommt nun Gelegenheit, das zu ändern – und wer ihre Musik längst kennt, kann der Frau dahinter näherkommen. Mit „Noga“ widmen Jono und Benji Bergmann der Musikerin einen Dokumentarfilm, der sie über mehrere Jahre hinweg begleitet.


Darum geht es:


Noga Erez ist international auf Tour, arbeitet mit ihrem Partner Ori Rousso an neuer Musik und versucht, Karriere, Beziehung und persönliche Zukunft miteinander zu vereinbaren. Gleichzeitig wächst der öffentliche Druck auf die israelische Sängerin, sich zu den politischen Entwicklungen in ihrem Heimatland zu positionieren. Je stärker Privates, Musik und Politik ineinandergreifen, desto schwieriger wird es für Erez, selbst zu bestimmen, wofür sie als Künstlerin stehen möchte. Wie lässt sich der eigene Weg behaupten, wenn plötzlich von allen Seiten Antworten erwartet werden?


Die Rezension:


Man habe ihr geraten, „Fire Kites“ an diesem Abend lieber nicht zu spielen, erzählt Noga Erez dem Publikum. Dann spielt sie den Song trotzdem. Diese kurze Szene zu Beginn von „Noga“ sagt bereits einiges über die israelische Musikerin aus: Erez lässt sich nur ungern vorschreiben, was sie auf der Bühne sagen oder singen darf. Der Dokumentarfilm zeigt jedoch auch, wie viel Kraft es kostet, ständig gegen die Erwartungen anderer anzutreten. Dafür verzichten die beiden Regisseure Jono und Benji Bergmann auf den üblichen Anlauf eines Biopics. Kein Kinderfotoalbum wird aufgeschlagen, keine Karriereleiter Stufe für Stufe erklommen, keine Schar prominenter Wegbegleiter versichert in sorgfältig formulierten Sätzen, es hier mit einer außergewöhnlichen Künstlerin zu tun zu haben. Dabei könnte „Noga“ durchaus mit großen Namen glänzen.


Konzertaufnahme aus dem Dokumentarfilm über Noga Erez: Eine Musikerin singt vor Publikum ins Mikrofon.
Bildnachweis: © Babka

So tritt Robbie Williams mit ihr auf und erklärt sie bald zur Freundin. Ein konventioneller Musikfilm würde solche Begegnungen vermutlich als Gipfelmarken inszenieren. Die Bergmann-Brüder behandeln sie erfreulich beiläufig. Denn sie steigen dort ein, wo die Karriere längst läuft und niemand auf die Kamera gewartet hat. Während mit Ori Rousso, zugleich musikalischer Mitstreiter und Lebenspartner, das dritte Album „The Vandalist“ entsteht, reist Erez durch Europa und die USA, spielt Festivals, gibt Interviews und versucht nebenbei, eine Beziehung zusammenzuhalten, in der die gemeinsame Musik Halt und Belastung zugleich geworden ist.


Die Bergmann-Brüder suchen dabei nicht den perfekten Blick auf Erez, sondern einen möglichst unmittelbaren. Auf der Bühne gerät die Kamera mit in den Sog der Auftritte, wenige Szenen später sitzt sie mit Erez auf dem Sofa, wenn sie über ihre Musik und Zukunft nachdenkt. Zusammengehalten werden diese über Jahre entstandenen Momentaufnahmen von insgesamt neun Songs, die als Orientierungspunkte dienen, um zwischen verschiedenen Lebensphasen, Themen und Stimmungen zu wechseln. Die Musik wird dadurch gewissermaßen zum roten Faden des Films: Texte, die ursprünglich in einem anderen politischen oder persönlichen Kontext entstanden, erhalten mitunter Jahre später eine neue Bedeutung.


Ruhiger Moment im Dokumentarfilm über Noga Erez: Zwei Personen stehen an einer Brüstung mit Blick auf das Meer.
Bildnachweis: © Babka

Mit dem 7. Oktober 2023 wird das, was bis dahin bereits ständig mitschwingt, so laut, dass es beinahe alles andere übertönt. Nach dem Terrorangriff der Hamas und der darauffolgenden Eskalation in Israel und im Gazastreifen scheint kaum noch etwas, was Erez sagt oder singt, für sich selbst stehen zu dürfen. Ihre israelische Herkunft wird zum Maßstab, an dem plötzlich jeder Auftritt und jede Äußerung geprüft werden. Auftritte werden zum Streitfall, Boykottforderungen begleiten ihre Konzerte, zugleich wird Erez online immer wieder persönlich angegriffen und mit offenen Todesfantasien konfrontiert. Zugleich soll sie sich fortwährend erklären: zu Israel, zu Gaza, zur eigenen Regierung und zu Sätzen, die sie irgendwann einmal in einem Interview gesagt hat. „Meine Meinung ist zu komplex für einen Soundbite“, sagt Erez an einer Stelle.


Kritik an der israelischen Regierung schützt sie daher ebenso wenig vor Anfeindungen wie ihre Ablehnung der BDS-Bewegung davor, politisch vereinnahmt zu werden. Fast jede öffentliche Äußerung scheint neue Erklärungen nach sich zu ziehen, als müsse sie ihre Position immer wieder von Neuem vermessen und absichern. Klugerweise versucht „Noga“ dabei jedoch nicht, diese Komplexität für seine Protagonistin aufzulösen oder ihr nachträglich eine unangreifbare Haltung zu formulieren. Die Bergmann-Brüder drehen keinen geopolitischen Erklärfilm und erklären Erez auch nicht zur moralischen Autorität. Ihr Thema ist vielmehr, was permanentes Positioniertwerden mit einem Menschen macht.


Studioaufnahme im Dokumentarfilm über Noga Erez: Eine Musikerin singt mit Kopfhörern vor einem Mikrofon.
Bildnachweis: © Babka

Der Film interessiert sich weniger dafür, ob Erez auf jede politische Frage die vollkommen richtige Antwort findet, als für die Zumutung, dass ausgerechnet von einer Popmusikerin unablässig abschließende Antworten verlangt werden, während jede Nuance bereits als verdächtiges Ausweichen gelesen werden kann. Erez’ Wunsch, einmal wieder ausschließlich über ihre Musik sprechen zu dürfen, ist deshalb nicht bloß die Sehnsucht nach einem bequemeren Interview. Er beschreibt den Versuch, sich wenigstens einen Teil der Deutungshoheit über die eigene Person zurückzuholen. Der Film bleibt jedoch aufmerksam genug, um Erez nicht vollständig in diesem geopolitischen Konflikt verschwinden zu lassen. Auch ihr Blick auf die Musikindustrie, auf Geschlechterrollen und das Älterwerden erhält Raum.


Mit Mitte dreißig spürt sie einen Zeitdruck, der männliche Kollegen häufig sehr viel später oder überhaupt nicht erreicht. Während ihre internationale Karriere an Fahrt aufnimmt, drängen sich zugleich Fragen nach Partnerschaft, Familie und Zukunft in den Arbeitsalltag. Manche Beobachtung entwickelt sich zu einem starken Motiv, eine andere bleibt eher liegen wie eine Songidee, für die auf dem fertigen Album kein ganzer Track mehr frei war. Gerade im Mittelteil wirkt die Dramaturgie deshalb stellenweise suchend, als müsse der Film selbst erst herausfinden, welche Geschichte sich aus dem über Jahre gesammelten Material ergeben hat. Allerdings konnten Jono und Benji Bergmann zu Beginn ihrer Begleitung auch weder die weltpolitischen Ereignisse noch die privaten Wendungen voraussehen.


Konzertszene aus dem Dokumentarfilm über Noga Erez mit Blick von der Bühne auf ein großes Publikum.
Bildnachweis: © Babka

Dass „Noga“ die Spuren dieser Unberechenbarkeit behält, bewahrt den Film vor jener rückblickenden Schicksalslogik, mit der Künstlerbiografien ihr Material gerne bändigen. Vielleicht ist das daher die ehrlichste Form, Noga Erez zu porträtieren. „Noga“ liefert keine endgültige Erklärung seiner Protagonistin und presst ihre Widersprüche nicht in eine bequem konsumierbare Botschaft. Stattdessen entsteht aus dem Porträt einer Elektropop-Künstlerin ein ebenso intimer wie gegenwärtiger Film über Kunst und Öffentlichkeit, Liebe und Arbeit, Herkunft und Fremdzuschreibung – und über die zunehmend bedrohte Freiheit, eine Haltung zu haben, ohne vollständig auf sie reduziert zu werden. Für einen Soundbite mag Noga Erez daher tatsächlich zu komplex sein.


Fazit:


„Noga“ macht aus seiner Protagonistin weder eine politische Projektionsfläche noch eine unangreifbare Ikone, sondern sucht stattdessen vor allem die Nähe zu Noga Erez selbst – zu ihr als Mensch ebenso wie zu jener eigenwilligen Musik, die sie ausmacht. Jono und Benji Bergmann fügen ihre Beobachtungen dabei zwar nicht immer ganz zwingend zu einem Ganzen, finden gerade darin aber zu einem ebenso intimen wie klugen Porträt über die Schwierigkeit, sich nicht auf eine einzige Haltung reduzieren zu lassen.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 13. August 2026 im Kino.


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Weitere Informationen zu „Noga“:

Genre: Dokumentation, Musik-Biopic

Laufzeit: 100 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Jono Bergmann und Benji Bergmann

Drehbuch: Jono Bergmann und Benji Bergmann

Besetzung: Noga Erez und viele mehr ...


Trailer zu „Noga“:


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