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Hercule Poirot ist zurück: Kritik zu „A Haunting in Venice“

Aktualisiert: 19. Sept. 2023

Hercule Poirot ist zurück auf der großen Leinwand und ermittelt erneut in einem spannenden Fall mit vielen Verdächtigen. Nach „Mord im Orientexpress“ und „Tod auf dem Nil“ hat Kenneth Branagh den dritten Kinofilm seiner Whodunit-Krimireihe um Agatha Christies kultigen Meisterdetektiv mit dem markanten Schnurrbart inszeniert. Im neuen Film „A Haunting in Venice“ wird es scheinbar übernatürlich, und Hercule Poirot muss sich ernsthaft fragen, ob wirklich alles rational erklärbar ist.


Bildnachweis: © 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Im Jahr 2017 landete Kenneth Branagh mit seiner Neuverfilmung des beliebten Kriminalromans „Mord im Orient-Express“ von Kult-Autorin Agatha Christie einen beachtlichen Kassenschlager, der das Siebenfache des Budgets wieder einspielte. Da war es absehbar, dass weitere Filme folgen würden. Tatsächlich begann man bald mit der Produktion der Verfilmung des zweiten allseits bekannten Agatha Christie-Krimis „Tod auf dem Nil“.


In der Fortsetzung führte Branagh erneut Regie und übernahm ebenfalls wieder die Rolle des belgischen Meisterdetektivs. Allerdings vermochte der hochkarätig besetzte Whodunit-Blockbuster weder das Publikum noch die Kritiker zu überzeugen. Dass der Film nur etwas mehr als ein Drittel des Einspielergebnisses des Vorgängers erreichte, könnte jedoch auch an den Umständen gelegen haben, darunter die Corona-Pandemie und die Kontroverse um Hauptdarsteller Armie Hammer, gegen den schreckliche Vergewaltigungs- und Kannibalismusvorwürfe erhoben wurden.


Bildnachweis: © 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Dadurch war es nach dem enttäuschenden Abschneiden von „Tod auf dem Nil“ beinahe überraschend, dass nun ein dritter Film mit dem Titel „A Haunting in Venice“ folgt. Doch bei diesem neuen Hercule Poirot-Film sind einige Dinge anders als beim Vorgänger: Weniger Stars, dafür wieder mehr echte Kulissen, ein eher unbekannter Roman von Agatha Christie und eine andere Atmosphäre sorgen für einen deutlich anderen Ansatz im Whodunit-Krimi. Doch wie gut ist dieser neue Ansatz?

Darum geht es:


Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt scheinbar Ruhe in die Welt ein, und selbst der legendäre belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot mit seinem markant gezwirbelten Schnurrbart genießt seinen wohlverdienten Ruhestand in Venedig. Doch die Langeweile ist ihm nicht hold, und seine unstillbare Neugier treibt ihn dazu, eine Einladung zu einer Séance anzunehmen. Doch was als unscheinbare spiritistische Veranstaltung beginnt, verwandelt sich rasch in einen düsteren Strudel aus Morden und Geheimnissen.


Bildnachweis: © 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Poirot ahnt, dass seine unvergleichlichen Fähigkeiten gefragt sind. Auf Bitte der berühmten Schriftstellerin Ariadne Oliver, die in die Wirren des Falls verstrickt ist, stürzt er sich in eine verzwickte Ermittlung. Doch wer ist der Täter in diesem undurchsichtigen Netz aus Lügen, Alibis und Verdächtigen?

Die Liste der möglichen Mörder ist lang. In dieser Geschichte ist nichts, wie es scheint, und nur Poirot scheint das Rätsel lösen zu können und die Wahrheit ans Licht bringen. Währenddessen muss der Meisterdetektiv selbst daran zweifeln, ob das vermeintlich Übernatürliche wirklich rational erklärt werden kann.


Die Rezension:


Hercule Poirot ist ein genialer Detektiv, wohl der bekannteste der Filmgeschichte. Agatha Christie schrieb insgesamt 33 Romane über und mit Hercule Poirot. Der belgische Meisterdetektiv mit dem markanten Schnurrbart ist eine bekannte Romanfigur, die bereits mehrfach filmisch aufgegriffen wurde. Peter Ustinov konnte sich in den 70er-Jahren fest mit der Rolle verknüpfen und lange wurde die Rolle fast automatisch mit ihm assoziiert. Kenneth Branagh versucht nun erst gar nicht, die bekannte Verkörperung zu erneuern, da er einen völlig neuen Ansatz wählte. Denn in der neuen Darstellung wird, auch wenn der Film noch immer ein Whodunit-Krimi ist, weniger von den Ermittlungen selbst und mehr vom Menschen hinter dem Detektiv gezeigt.


Bildnachweis: © 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Michael Green, der die Drehbücher zu allen drei Filmen verfasste, nimmt selbst mehr die Gefühlswelt des Hercule Poirot ins Geschehen, der Blick auf das Innere des nach außen so souveränen, genialen Detektivs wurde von Film zu Film intensiver, der dritte Teil markiert nun einen Höhepunkt. Die Ermittlungen, das Knobeln, Raten und Verhören wird gestrafft und Hercule Poirot, ein Mann, der die Ordnung und die Ruhe liebt, um mit sorgfältigen Listen das Verworrene aufzudröseln, wird näher beleuchtet. Wird die Ordnung gefährdet, gar zerstört, beginnt er zu kombinieren und zu überlegen, wie es dazu kommen konnte. War das Weltkriegstrauma bereits in „Tod auf dem Nil“ Thema, werden jene Ängste, mit denen sich jeder einzelne im Leben auseinandersetzen muss, in „A Haunting in Venice“ zum zentralen Element.

Nachdem „Tod auf dem Nil“ Hercule Poirot mit der Liebe konfrontierte, wird in „A Haunting in Venice“ eine gruselige, düstere Atmosphäre geschaffen, in der Glaube und Übernatürlichkeit hinterfragt werden. Besonders die Stimmen im Inneren, die nur für ihn hörbar sind, zeigen Hercule Poirot so nah, verletzlich und menschlich wie nie zuvor. Durch die brillante Darstellung von Kenneth Branagh gewinnt der geniale Detektiv eine beeindruckende Präsenz, die jedoch wenig Raum für andere Akteure lässt.


Bildnachweis: © 20th Century Studios. All Rights Reserved.


Branagh glänzt sowohl mit der verschmitzt lächelnden Fassade des Detektivs wie auch mit den ernsteren Momenten, dem Pathos und der Sensibilität. Er schöpft mehr Facetten der Figur aus und ist zweifellos das Herzstück des Films. Der Meisterdetektiv, der sich auch selbst als diesen sieht und irgendwann an einem Punkt ist, an dem er an seinem eigenen Verstand zweifeln muss. Jedoch bleiben in der kurzweiligen Handlung durch diese starke Fokussierung auf Hercule Poirot auch die anderen Rollen – die Verdächtigen – recht blass, was für einen Whodunit-Krimi natürlich nicht gerade ideal ist.


Dieses Mal ist die Besetzung vergleichsweise weniger namhaft besetzt als in den Star-Ensembles der Vorgängerfilme. Die meisten bleiben zu blass und ihre Motive und Beweggründe werden erst sehr spät deutlich, so dass es nicht wirklich ein miträtseln gibt. Insbesondere Jamie Dornan und Tina Fey bleiben in ihren Rollen recht eindimensional. Am meisten sticht noch Oscarpreisträgerin Michelle Yeoh hervor, die in ihren wenigen Momenten einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Etwas schade ist, dass Emma Laird und ihre undurchsichtig angelegte Rolle sehr wenig Raum erhielt.


Bildnachweis: © 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Doch nicht nur die Charakterstudie des alternden Meisterdetektivs ist interessant angelegt, auch als Krimi ist der Film äußerst sehenswert. Gerade da die Auflösung wirklich überraschen konnte und nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Im Verlauf der Handlung gibt es genügend Hinweise, so dass sie am Ende nicht völlig unerwartet erscheint, ohne das man jedoch zu schnell den Braten riecht. Dafür haben die Macher aber auch die Romanvorlage von Agatha Christie mächtig umgeschrieben. Nicht nur, dass ihr 60. Roman „Halloween Party“ aus dem Jahr 1969 nach Venedig verlagert wurde, auch die Handlung wurde massiv verändert. Mit abgeänderter Auflösung und dem neuen Motiv der Séance schlägt „A Haunting in Venice“ neue Wege ein und kreiert einen Krimi zwischen dem klassischen Agatha Christie-Gefühl und zeitgenössischer Dramaturgie.

In den Kriminalromanen von Agatha Christie spielte Übernatürlichkeit kaum eine Rolle, in „A Haunting in Venice“ wird dieses Motiv ganz groß aufgezogen. Mit überraschend gut integrierten Horror-Elementen gelingt dem Film von Kenneth Branagh eine spannende Atmosphäre, die nicht nur zum miträtseln anregt, sondern stellenweise regelrecht Conjuring-Vibes versprüht. Das gelingt vor allem auch, da Hildur Guðnadóttir eine vielschichtig angelegte musikalische Untermalung gelang, die die verschiedenen Stimmungen geschickt miteinander verknüpft.


Bildnachweis: © 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Nachdem „Tod auf dem Nil“ noch den Eindruck hinterließ, dass der Großteil des Films im Filmstudio gedreht wurde, setzte „A Haunting in Venice“ spürbar wieder auf echte Drehorte, die dem Film eine deutlich authentischere Atmosphäre verleihen. Die Darstellung des Nachkriegs-Venedigs in „A Haunting in Venice“ ist äußerst ästhetisch und macht was her.


Nicht nur die ausgedehnte Kamerafahrt über die Dächer der wunderschönen italienischen Stadt ist beeindruckend, sondern auch die Innenaufnahmen in den alten Gemäuern des Hauptspielorts sowie das im Sturm um die Häuser Venedigs tobende Gewässer wurde hervorragend inszeniert. Im Gegensatz zum generischen Schauplatz des Nilschiffs bietet Venedig einen Handlungsort, der als gruseliger Tatort eines Poirot-Krimis perfekt gewählt ist.

Bildnachweis: © 20th Century Studios. All Rights Reserved.

„A Haunting in Venice“ präsentiert sich als der stilistisch ansprechendste Film unter den bisherigen Poirot-Verfilmungen. Die erstklassige Kameraarbeit, die eindrucksvoll ausgeleuchteten Bilder mit auffälligem Color Grading und die beeindruckend gestalteten Kostüme tragen maßgeblich dazu bei, dass der Film äußerst ansprechend wirkt.

Fazit:


Auch wenn Hercule Poirot als mehr oder weniger Alleinunterhalter fungiert und die anderen Charaktere um ihn herum eher blass erscheinen, ist es letztendlich auch der belgische Meisterdetektiv mit seinem unverkennbaren Schnurrbart, der den eigentlichen Grund bildet, diesen Film zu sehen. Wenn man also in erster Linie auf Hercule Poirot aus ist, wird man nicht enttäuscht. Aber auch sonst bekommt man in „A Haunting in Venice“ einen sehr sehenswerten Whodunit-Krimi!


7 von 10 Punkten

„A Haunting in Venice“ ist seit dem 14. September 2023 in den Kinos.



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