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Kritik zu „My Sailor, My Love“: Zwischen Liebesglück und Enttäuschung

In „My Sailor, My Love“ inszenierte Klaus Härö nicht nur eine ergreifende Romanze im fortgeschrittenen Alter, sondern auch eine fesselnde Dreiecksbeziehung, die den Film weitab vom kitschigen Titel lenkt. Lohnt sich hierfür ein Kinobesuch?


My Sailor, My Love Filmstill
Bildnachweis: © ARSENAL Filmverleih GmbH

Klaus Härö, ein finnlandschwedischer Filmregisseur, erlangte 2002 mit seinem ersten Spielfilm „Elina“ über ein Mädchen, das um seinen verstorbenen Vater trauert, internationale Anerkennung. Der Film wurde 2004 als Finnlands Beitrag für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film eingereicht und erhielt auf renommierten Filmfestivals, darunter der Berlinale 2003, begeisterte Reaktionen. Nun präsentiert er mit einem neuen Werk, geschrieben von Jimmy Karlsson und Kirsi Vikman, eine Geschichte, die viel zu sagen hat. Zu viel?


Darum geht es:


In einem malerischen irischen Küstenstädtchen lebt der pensionierte Seemann Howard ein zurückgezogenes Leben, seitdem der Tod seiner geliebten Frau ihn in tiefe Einsamkeit gestürzt hat. Seine Tochter Grace, besorgt um seinen Zustand, beschließt, eine Haushälterin für ihn zu engagieren, um wieder etwas Licht in sein düsteres Dasein zu bringen. Die lebensfrohe Annie, die Grace für ihn ausgewählt hat, bringt nicht nur Schwung in sein Zuhause, sondern auch in sein Herz. Es gelingt ihr, nach und nach den alten Sturkopf aus seinem Trott zu locken und sogar Gefühle in ihm zu entfachen. Doch genau dies bringt unerwartete und neuartige Probleme mit sich …


Die Rezension:


Der finnische Regisseur Klaus Härö führt uns in seinem neuesten Werk „My Sailor, My Love“ durch die windgepeitschten Landschaften Irlands und tief in die verworrenen Gefühle einer Familie. Auf den ersten Blick mag es wie eine typische Liebesgeschichte zwischen einem grummeligen alten Seebären und einer entschlossenen Haushälterin erscheinen, aber der Film gräbt tiefer, um die Komplexität der Dreiecksbeziehung zwischen Tochter, Vater und der neuen Haushaltshilfe zu erkunden.


My Sailor, My Love Filmstill
Bildnachweis: © ARSENAL Filmverleih GmbH

Härö verwebt geschickt zwei Erzählstränge miteinander: die sich langsam entwickelnde Romanze im Alter und die Krise einer Frau, die tiefe Traumata erlebt hat. Die Inszenierung nimmt sich Zeit, um den Alltag der Figuren zu beschreiben, und wechselt mit einem ruhigen, bedächtigen Tempo zwischen den Handlungssträngen. Eingebettet ist die Geschichte in die atemberaubende irische Landschaft, die in satten, kräftigen Farben eingefangen wird und eine wunderschöne Kulisse für die Handlung bildet. Sehr gut gelang hier die Kameraarbeit von Robert Nordström, der sowohl die intimen Momente in den Innenräumen als auch die weiten Aufnahmen der Küstenlandschaft gekonnt einfängt.


Vordergründig dreht sich in „My Sailor, My Love“ alles um Howard, einen alternden Seemann. Sein Leben scheint geprägt von Einsamkeit und Vernachlässigung, bis die Haushälterin namens Annie in sein Leben tritt. Doch die eigentliche Dynamik des Films liegt in der Beziehung zwischen Howard und seiner Tochter Grace. Grace ist eine komplexe und vielschichtige Figur, die von inneren Dämonen geplagt wird, die bis in ihre Kindheit zurückreichen. Ihr Leben war gezeichnet von der Pflege ihrer depressiven Mutter und der emotionalen Abwesenheit ihres Vaters. Als sie sich nun dazu entschließt, für Howard zu sorgen, wird sie mit den ungelösten Konflikten ihrer Vergangenheit konfrontiert.


My Sailor, My Love Filmstill
Bildnachweis: © ARSENAL Filmverleih GmbH

Das Herzstück des Films ist zweifelsohne die Besetzung der Hauptfiguren, wobei Catherine Walker als Grace eine herausstechende Performance abliefert. Sie verkörpert die komplexe und ambivalente Figur mit einer beeindruckenden Bandbreite an Emotionen, die Zuschauende auf eine Achterbahn der Gefühle mitnimmt. Walker gelingt es, Graces innere Zerrissenheit und ihre Suche nach Anerkennung eindringlich darzustellen. Man spürt die Last ihrer Traumata und ihrer unbewältigten Konflikte, wenngleich Grace etwas überzeichnet ist.


James Cosmo überzeugt ebenfalls als Howard, der mürrische Seebär, der durch seine Beziehung zu Annie langsam wieder zu sich selbst findet. Brid Brennan bringt als Annie Licht und Hoffnung in das Leben von Howard und sorgt für die nötige Leichtigkeit inmitten des emotionalen Sturms. Ihre Präsenz lässt die düsteren Schatten der Vergangenheit verblassen und verleiht dem Film eine Leichtigkeit, die ihn von reinem Kitsch unterscheidet. Brennan überzeugt in ihrer Rolle, obwohl Annies Charakter etwas mehr Tiefe und Entwicklung hätte vertragen können. Die Chemie zwischen Cosmo und Brennan ist spürbar und ihre zarte Romanze verleiht dem Film eine warme, herzerwärmende Note.


My Sailor, My Love Filmstill
Bildnachweis: © ARSENAL Filmverleih GmbH

Die Balance zwischen Drama und Romanze wird größtenteils gut gehalten, obwohl es vereinzelt Momente gibt, in denen es etwas zu gewollt rührselig wird. Die Genre-Verflechtung ist jedoch insgesamt elegant umgesetzt und die ruhige, aber eindringliche Inszenierung zieht in den Bann. Der Film konfrontiert uns mit den Themen Leid und Vergebung, Liebe und Hass, und zeigt auf größtenteils subtile Weise, wie sie das Leben unserer Figuren prägen.


Fazit:


In „My Sailor, My Love“ erwartet uns eine emotionale Achterbahnfahrt, die das Publikum auf eine Reise voller Höhen und Tiefen mitnimmt. Trotz gewissen Schwächen in der Charakterentwicklung und einiger zu rührseliger Momente bleibt der Film ein wirklich ansprechendes Werk, das einen lange nach dem Abspann nachdenken lässt. Klaus Härö hat mit diesem Film eine bewegende und vielschichtige Geschichte geschaffen, die es wert ist, gesehen zu werden.


7 von 10 Punkten


>>> STARTTERMIN: Ab dem 8. Februar 2024 im Kino.


Weitere Informationen zu „My Sailor, My Love“:

Genre: Drama, Romanze

Produktionsjahr: 2022

Laufzeit: 103 Minuten

Altersfreigabe: FSK 6


Regie: Klaus Härö

Drehbuch: Jimmy Karlsson & Kirsi Vikman

Besetzung: James Cosmo, Catherine Walker, Brid Brennan und viele mehr ...


Trailer zu „My Sailor, My Love“:


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