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Rewatch-Kritik zu „Titanic“: Der beste Film von James Cameron?

Aufwendig restauriert ist James Camerons „Titanic“ zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum für kurze Zeit ins Kino zurückgekehrt. Da ich den Kassenschlager um die Jungfernfahrt des als unsinkbar geltenden Luxus-Dampfers bisher nur im Heimkino gesehen habe, konnte ich nun auch auf der großen Leinwand die berühmte Liebesgeschichte um Rose und Jack erleben. Somit will ich nun in der Rewatch-Rezension der Frage nachgehen, wie gut der Film wirklich ist und ob „Titanic“ vielleicht sogar der beste Eintrag in Camerons Filmografie ist.


© Walt Disney Company


Da es sich um eine Rewatch-Rezension handelt, kann es zu Spoilern kommen: Elf Oscars und der dritterfolgreichste Film aller Zeiten – für viele ist „Titanic“ ein Meisterwerk, dabei ging man vor dem Kinostart im Dezember 1997 davon aus, dass der Blockbuster ein Flop werden würde. Die Produktion war äußert schwerfällig und das Budget blähte sich immer weiter auf. Mit rund 200 Millionen US-Dollar war es einer der teuersten Filmproduktionen bis dato und nach der Kinostart-Verschiebung vom Juli in den Dezember erwarteten einige Filmjournalisten eine Katastrophe an den Kinokassen.

Doch es kam bekanntlich anders und James Camerons filmische Nacherzählung über das tragische Schiffsunglück der RMS Titanic ist einer der größten kommerziellen Erfolge der Filmgeschichte. Fünfzehn Wochen lang hielt sich der Streifen auf dem ersten Rang in den Charts der Kinokassen und flog erst im Sommer des darauffolgenden Jahres aus den Top 10 wieder heraus. Insgesamt konnte „Titanic“ über 2,2 Milliarden US-Dollar einspielen und ist damit der dritterfolgreichste Film aller Zeiten. Neben enthusiastischen Zuschauer-Reaktionen waren auch die Rezensionen überwiegend positiv.

Auch bei Filmpreisen wurde der Film vielfach ausgezeichnet. Neben zwei Grammy-Awards und unter anderem vier Golden Globes gewann der Streifen elf Oscars, unter anderem als bester Film, für die beste Filmmusik von James Horner und beispielsweise für die beste Regie von James Cameron. Ist „Titanic“ also sowohl Kassenschlager als auch filmisches Meisterwerk?

Darum geht es:


Auf der Suche nach einem verschollenen Diamantcollier, welches das Herz des Ozeans genannt wird, gelingt es Schatzsucher Brock Lovett und seinem Team, einen Safe aus der untergegangenen Titanic zu bergen. Über achtzig Jahre nach der tragischen Eisbergkollision meldet sich eine 100-jährige Frau bei den Schatzsuchern, da sie damals selbst an Bord des Luxus-Dampfers war. Brock kann sein Glück nicht fassen, als er herausfindet, dass es Rose Calvert ist, die 1912 das Diamantcollier besaß.


© Walt Disney Company


Zurück im Nordatlantik, wo Rose vor vielen Jahren ein schier unglaubliches Abenteuer erlebte, beginnt die alte Frau ihre Geschichte der Titanic zu erzählen – von menschlichem Größenwahn, blindem Vertrauen in die Technik und einer unsterblichen Liebe über die Schranken der gesellschaftlichen Klassen hinaus. Eine epische Geschichte, die an einem Eisberg enden wird …


Die Rezension:


Ob Camerons „Titanic“ ein Katasprophenfilm, eine Romanze oder doch eine Abrechnung mit menschlichem Größenwahn ist, beantworten viele recht unterschiedlich. Je nach Perspektive kann der Film eine andere Wirkung auf den Zuschauer haben, was sicher auch die Faszination in allen Gesellschaftsschichten erst möglich machte. Denn die Geschichte des dreistündigen Epos' erzählt keineswegs stringent von einem Handlungsstrang, im Grunde erzählt „Titanic“ drei in sich verwobene Geschichten.


Über 1500 Menschen sollen beim Untergang des sagenumwobenen Luxus-Dampfers ums Leben gekommen sein. Das tragische Schiffsunglück ist der Schlüsselpunkt, der alle Fäden der epochalen Geschichte zusammenführt. Der erste Handlungsstrang eröffnet im Jahr 1996 – in gewisser Weise die Gegenwarts-Perspektive – auch wenn es inzwischen relativ klingen mag. Der Schatzsucher Brock Lovett und seine technischen Möglichkeiten sind wie ein Synonym des menschlichen Größenwahns, der in der Titanic sprichwörtlich zerschellte.


© Walt Disney Company


Der zweite Handlungsstrang widmet sich den beiden Protagonisten Jack und Rose sowie natürlich dem Antagonisten Caledon „Cal“ Hockley, dem Verlobten von Rose. Es geht um Liebe und Macht, aber auch um die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Das von Cameron selbst verfasste Drehbuch bringt auf dem Schiff mehr oder weniger ausgeprägt viele Charaktereigenschaften auf den Punkt. Ohne den Zeigefinger zu erheben, zeigen uns die Reisenden anschaulich auf, wo wir Probleme in unserer Gesellschaft haben. Zwischen dem engen Korsett der Reichen und Schönen und dem Leben in der dritten Klasse können wir durch Rose einen interessanten Wandel durch gesellschaftliche Schichten miterleben.


„Natürlich ist es ungerecht. Wir sind Frauen. Unsere Entscheidungen sind niemals leicht zu treffen.“

Für viele steht in „Titanic“ die berührende Liebesgeschichte zwischen Jack und Rose im Vordergrund. Die bewegende Liebesgeschichte fasziniert das Publikum seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1997. Jack ist ein armer Künstler, während Rose eine reiche und privilegierte junge Frau ist, die in eine arrangierte Ehe gezwungen werden soll. Trotz ihrer Unterschiede verlieben sie sich ineinander und finden eine tiefe Verbundenheit, die alle sozialen Unterschiede überwindet. Rose fühlt sich von den Konventionen und Erwartungen ihrer Gesellschaft gefangen, aber Jack inspiriert sie, ihr eigenes Leben zu leben und ihre Träume zu verfolgen. Diese Geschichte zeigt, dass wahre Liebe Konventionen und Unterschiede überwinden kann.


© Walt Disney Company


Dies verleiht der Geschichte eine besondere Tragik und einen emotionalen Tiefgang. Aber auch, da Kate Winslet und Leonardo DiCaprio eine so echte Chemie miteinander haben, wird die Liebesbeziehung für den Zuschauer sehr nahbar, dass sie die Leidenschaft und Intensität ihrer Beziehung auf der Leinwand vermitteln können. Kate Winslet schlüpft in die junge Rose, die ihr zwischen Verletzlichkeit, Mut und unbändigem Freiheitsdrang ein vielschichtiges wie emphatisches Auftreten verleiht. Der verschmitzt aufspielenede Leonardo DiCaprio ist das sympathische Gegenstück des charismatischen Paares. Gemeinsam können sie die Stimmungen und Emotionen auf den Zuschauer übertragen und mit ihrer Performance einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Der zeitlosen Liebesgeschichte wohnt eine erschütternde Wucht inne, die mehr als nur einmal zu Tränen rührt.


Der dritte Handlungsstrang beschäftigt sich mit der Katastrophe selbst - von der epischen Abfahrt aus dem Hafen von Southampton bis zum erbarmungslosen Drama im Nordatlantik. Der Untergang der Titanic war eines der größten maritimen Katastrophen des 20. Jahrhunderts und forderte das Leben vieler Menschen. Die Tatsache, dass so viele Menschen auf einem der größten und modernsten Schiffe ihrer Zeit ihr Leben verloren haben, ist tragisch und faszinierend zugleich.


„Gott selbst könnte dieses Schiff nicht versenken“ – da die Titanic auch mit zwei gefluteten Abteilungen nicht an Schwimmfähigkeit einbüßen musste, bildete sich über die Presse der Mythos der Unsinkbarkeit. Da hat es wahrlich Symbolcharakter, dass das größte Schiff der Welt, eine menschliche Höchstleistung mit modernster Technik an einem Eisberg versagt. Diese Selbsterhebung über die Natur wird in einigen Figuren sehr bildlich ausgearbeitet. Doch fällt die Illusion, dann bricht für viele die Welt zusammen. Ob im stolzen Kapitän des Schiffes oder im ehrgeizigen Schiffsbauer Thomas Andrews, der letztlich in seiner wahrgewordenen Idee vom kalten Wellenmeer in die Tiefen des Nordatalntik gezogen wird.


Bruce Ismay: „Aber dieses Schiff kann nicht sinken!"
Thomas Andrews: „Sie wurde aus Eisen gefertigt, Sir, ich versichere Ihnen, sie kann! Und sie wird. Das ist mathematische Gewissheit.“

In der von der Technik geprägten Einleitung präsentiert eine detailierte Simulation den nachfolgenden Ablauf der Katastrophe. Aber auch wenn sich die Tragik mathematisch exakt rekonstruieren lässt, ist die Brutalität der Begebenheit nicht erahnbar, wenn man sich nicht mitten hinein begibt. Auch wenn die Katastrophe um die Titanic bereits zuvor neun Mal filmisch aufgearbeitet wurde, ist Camerons Ansatz der immersivste. Schon alleine, da alle Szenen, die im Jahr 1912 spielen, insgesamt eine Lauflänge von zwei Stunden und vierzig Minuten haben. Das entspricht genau der Zeitdauer, in der die reale Titanic sank.


© Walt Disney Company


Das ist allerdings kein Zufall, James Cameron ist bei seinen Filmen, insbesondere seinem Lebenswerk „Titanic“ sehr perfektionistisch. Da wurmte es ihn sehr, als der Astrophysiker Neil deGrasse Tyson den Film für die historisch nicht korrekte Anordnung der Sterne am Nachthimmel in der Ünglücksnacht kritisierte. Also ließ Cameron bereits bei der Neuveröffentlichung 2012 anlässlich des 100. Jahrestag des Untergangs die korrekten Sternenkonstellationen digital nachbessern. Auch bei noch so kleinen Details packte Cameron lieber sebst an. So hat er alle Zeichnungen, die Jack im Film anfertigte, selbst gezeichnet. Auch Roses ikonische Nackt-Zeichnung.

Aber auch darüber hinaus gelang Cameron durch technisch clevere Entscheidungen ein einzigartiges Erlebnis für die große Leinwand. Zeigte erst zuletzt sein neuester Film „Avatar – The Way of Water“, welche Magie heute auf der großen Leinwand erweckt werden kann, ist „Titanic“ auch nach fünfundzwanzig Jahren noch visuell höchst beeindruckend. In fotorealistischen Bildern nimmt er die Zuschauer mit auf die Jungfernfahrt der Titanic. Wenn dann die Schornsteine dampfen und sich die dicken Schiffsschrauben drehen, bekommt man ein gutes Gefühl für die Größen des Luxus-Dampfers und fühlt sich gleichermaßen mittendrin.


Besonders ist auch die Farbgebung, die Cameron einsetzte. So sind es die Farben Rot und Blau, die immer wieder an Schlüsselmomenten die Stimmung hervorheben. Sie symbolisieren Wärme und Kälte, Liebe und Hass, Geborgenheit wie Gefahr. „Jack, ich fliege“ – jeder kennt diese Szene, auch wenn er sie nie selbst gesehen hat. Dieser emotionale Höhepunkt der Liebesgeschichte ist in leuchtend orange-rote Töne getaucht, während die Sequenz, als Jack und Rose an die Reling geklammert sind – bevor die Titanic endgültig versinkt – in blaues Licht getaucht.


© Walt Disney Company

Die Musik untermalt die Szenarien so gekonnt, dass es ein leichtes ist, sich in die Szenerie hineinzuversetzen. James Horners Oscar prämierter Soundtrack besticht sowohl mit klassichen wie epischen Klängen und einem unverkennbaren Thema, welches von der Eröffnungsszene bis weit in den Abspann hinein immer wieder eingesetzt wurde. Auch gelang es nur wenigen Produktion so gut, Nuancen in den Stimmungen durch die Musik herauszuarbeiten. Alleine der Soundtrack verdient ein Loblied!


Ebenso wie man sich vor der Kameraarbeit verneigen kann, die nicht nur rein handwerklich perfekt ist - das Team hinter der Kamera versuchte weit mehr, als „nur“ die Szenen einzufangen. Denn durch die sehr gelungene Kameraarbeit werden besondere Nuancen erschaffen, die die Stimmung einer Szene prägen, und durch einige kreative, clevere Entscheidungen bekommt so manche Szene gerade wegen der oftmals unterschätzen Kameraarbeit erst ihre Wucht. So entschied man sich in gewissen Momenten für subjektive Einstellungen. Beispielsweise bei Jacks erstem Besuch in der ersten Klasse. Auch sehr immersiv gelang die Kameraeinstellung, als die Titanic endgültig in den Fluten versinkt, da die Kamera einfach mit den Protagonisten in die Tiefen gerissen wird.


Das Herz einer Frau ist ein tiefer Ozean voller Geheimnisse. Aber jetzt wissen Sie, dass es einen Mann namens Jack Dawson gab, und dass er mich gerettet hat, in jeder Weise, wie ein Mensch nur von einem anderen gerettet werden kann. Ich hab nicht mal ein Bild von ihm. Er existiert nur noch in meiner Erinnerung.

Fazit:


Zwischen Liebe, Tragik und der größten maritimen Katastrophe des 20. Jahrhunderts hat James Cameron ganz großes Kino geschaffen. Sein „Titanic“ ist eine Hommage ans Kino, an die Magie der großen Leinwand und lässt sicher das eine oder andere Cineasten-Herz höherschlagen. Abschließend noch zur Ausgangsfrage: Für mich ist „Titanic“ nicht nur der beste Film von James Cameron, es ist auch einer der größten Meisterwerke der Filmgeschichte.


10 von 10 Punkten


„Titanic“ ist seit dem 9. Februar 2023 für kurze Zeit im Kino zurück.



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