Kritik zu „DJ Ahmet“: Wenn der Traktor zum DJ-Pult wird
- Toni Schindele

- vor 22 Minuten
- 4 Min. Lesezeit
Auch abseits der großen Filmmärkte entstehen Filme, die sich Schritt für Schritt ein Publikum erarbeiten und international Aufmerksamkeit gewinnen. Einer davon ist auch „DJ Ahmet“, der seinen Weg nicht über große Namen, sondern über Resonanz beim Publikum gefunden hat.

Nordmazedonien gehört nicht zu den großen Filmnationen – schon allein deshalb, weil das Land mit rund 1,8 Millionen Einwohnern eine entsprechend kleine Filmindustrie hat. Umso mehr fallen einzelne Erfolge ins Gewicht: Filme wie „Before the Rain“, der international vielfach ausgezeichnet und für den Oscar nominiert wurde, oder „God Exists, Her Name Is Petrunya“, der auf der Berlinale lief, haben immer wieder Aufmerksamkeit erzeugt. Den bislang größten Meilenstein markierte jedoch „Honeyland“, der 2020 als erster Film überhaupt gleichzeitig für den Oscar als bester Dokumentar- und bester internationaler Film nominiert war – und damit Filmgeschichte schrieb.
Dennoch ist es eine absolute Seltenheit, im deutschen Kinoprogramm auf einen Film aus Nordmazedonien zu stoßen. Georgi M. Unkovski, der zuvor vor allem Kurzfilme drehte, gelingt das nun direkt mit seinem Spielfilmdebüt: Seit seiner Premiere beim Sundance Film Festival im vergangenen Jahr war „DJ Ahmet“ auf zahlreichen internationalen Festivals vertreten und wurde dort mehrfach ausgezeichnet. Mit diesem gewachsenen Festivalerfolg im Rücken hat sich nun auch der Berliner Arthouse-Verleih Neue Visionen des Films angenommen und bringt ihn in die deutschen Kinos.
Darum geht es:
Zwischen den grünen Hügeln Mazedoniens und strengen Traditionen entdeckt der 15-jährige Schafhirte Ahmet in wummernden Beats eine Welt, die größer ist als sein Dorf. Als die selbstbewusste Aya aus Deutschland auftaucht und mit neuer Musik, Mut und Freiheit frischen Wind bringt, entsteht zwischen heimlichen Raves auf dem Acker und heimlichen Momenten eine zarte Verbindung. Doch während seine Gefühle für Aya wachsen, rücken alte Regeln und eine bereits geplante Zukunft immer näher und Ahmet steht vor der Frage, ob er den Mut findet, gegen alles aufzubegehren oder ob manche Wege doch schon längst festgelegt sind?
Die Rezension:
Viele dürften dieses Gefühl kennen, wenn das, was von einem erwartet wird, nicht mehr zu dem passt, was man selbst will. In „DJ Ahmet“ zeigt sich genau das im Alltag eines Jugendlichen, der zwischen familiären Erwartungen und dem Wunsch nach einem eigenen Leben seinen Platz sucht. Im Kern ist die Geschichte vertraut, wirklich überraschend ist wenig, vieles lässt sich schon früh erahnen, besonders wird der Film aber durch das Umfeld, in dem das Ganze spielt: ein kleines, abgeschiedenes Dorf in Nordmazedonien, geprägt von Tradition, Religion und festen Vorstellungen davon, wie man zu leben hat. Protagonist Ahmet findet hier einen Zufluchtsort in der Musik. Die elektronischen Beats, die Ahmet über Kopfhörer hört oder später auf dem kreativ umfunktionierten DJ-Traktor abspielt, stehen im direkten Gegensatz zu seinem Alltag. Für kurze Momente entsteht so eine Art Alternativwelt, in der er sein kann, wer er eigentlich sein möchte.

Während die Erwachsenen Kontrolle bewahren und Gefühle unterdrücken, öffnet die Musik für die Jugendlichen eine andere Welt, die sie auch miteinander verbindet, etwa in der Beziehung zwischen Ahmet und Aya, die beide von einem anderen Leben träumen. Zeitlupen und bewegte Kamerafahrten geben diesen Szenen etwas Losgelöstes, als würde die Zeit für einen Moment stehen bleiben. Diese stilistischen Ausbrüche heben sich vom restlichen Film ab und machen sichtbar, wie sich Ahmet in diesen Momenten fühlt. Gleichzeitig bleiben diese Szenen dosiert eingesetzt und verlieren dadurch nicht ihre Wirkung. Der Balkan wurde im Kino lange Zeit oft in eher düsteren, entsättigten Bildern gezeigt – geprägt von rauen Schauplätzen und einer schweren Atmosphäre. Über die Jahre hat sich vor allem im westlichen Kino daher ein bestimmtes Sinnbild der Region entwickelt, dass hier jedoch bewusst unterlaufen wird. Statt Hinterwälder-Klischee setzt Kameramann Naum Doksevski daher auf warme und helle Bilder.
Die Landschaft wird in einladenden Farben gezeigt, die das Dorfleben lebendig wirken lassen, ohne seine Härte zu verbergen. So nutzt Unkovski sein Spielfilmdebüt auch durchaus dafür, um mit Fingerspitzengefühl etwas Gesellschaftskritik zu üben, indem er im selbst verfassten Drehbuch die reaktionären Weltbilder der Dorfbevölkerung aufs Korn nimmt. Dabei gelingt es „DJ Ahmet“, seine Themen nicht schwer oder belehrend wirken zu lassen. Immer wieder lockert der Film seine ernsteren Momente mit Humor auf. Ein wiederkehrender Running Gag entsteht etwa durch den digitalisierten Gebetsruf, bei dem technische Probleme dazu führen, dass unbeabsichtigte Kommentare über die Lautsprecher des Dorfes gesendet werden. Solche Szenen lockern den Film auf, ohne seine Themen zu verwässern. Statt es zu einer simplen Gegenüberstellung von alt und neu werden zu lassen, geht es hier eher um eine Welt im Umbruch, in der beide Seiten ihren Platz suchen.

Regisseur Georgi M. Unkovski setzt in „DJ Ahmet“ überwiegend auf Laiendarsteller, und genau daraus bezieht der Film einen großen Teil seiner Glaubwürdigkeit. Vor allem Arif Jakup in der titelgebenden Hauptrolle überzeugt mit einer zurückgenommenen, fast beiläufig wirkenden Präsenz. Besonders eindrücklich sind die Szenen zwischen Ahmet und seinem jüngeren Bruder Naim. Ohne Worte entsteht zwischen den beiden eine enge Verbindung, die zu den stärksten Elementen des Films gehört. Gerade weil Naim sich kaum verbal ausdrücken kann, gewinnen seine Szenen eine besondere Intensität. Fast vollständig wortlos entfaltet der junge Agush Agushev als Naim eine große emotionale Bandbreite – von kindlicher Leichtigkeit bis zu stiller Traurigkeit. Dora Akan Zlatanova gelingt es unterdessen, Aya nicht nur als klassischen Love-Interest zu spielen, sondern als eigenständige Figur, in der sich der Wunsch nach Aufbruch und die Realität ihrer Umgebung gleichzeitig spiegeln. Gerade im Zusammenspiel der drei entsteht eine charmante Dynamik.
Fazit:
Zwischen Tradition und Umbruch erzählt Georgi M. Unkovski in seinem selbst geschriebenen und inszenierten Spielfilmdebüt von einer Jugend im Umbruch, in der Musik zum Ausweg wird. Getragen von natürlichen Darstellungen und warmer Bildsprache ist „DJ Ahmet“ ein charmanter Film über die Suche nach dem eigenen Platz, der vertraute Coming-of-Age-Elemente mit einem originellen Blick nach Nordmazedonien verbindet und zwischen sympathischem Humor und dosierter Gesellschaftskritik ein zugängliches Feelgood-Drama ergibt.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 19. März 2026 im Kino.
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Weitere Informationen zu „DJ Ahmet“:
Genre: Drama, Komödie
Laufzeit: 99 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Georgi M. Unkovski
Drehbuch: Georgi M. Unkovski
Besetzung: Arif Jakup, Agush Agushev, Dora Akan Zlatanova und viele mehr ...
Trailer zu „DJ Ahmet“:





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