Bieterschlacht um Warner Bros. eskaliert: Paramount zieht vor Gericht und mobilisiert Aktionäre
- Toni Schindele

- 12. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Was Anfang Dezember noch wie ein bereits entschiedener Mega-Deal wirkte, ist binnen weniger Wochen zu einer aggressiven Bieterschlacht zwischen zwei Mediengiganten eskaliert. Übernimmt jetzt vielleicht doch nicht Netflix, sondern stattdessen Paramount?

Am 5. Dezember 2025 schien die Sache entschieden. Netflix und Warner Bros. Discovery bestätigten offiziell eine Übernahmevereinbarung von historischer Dimension: Netflix will die gesamte Studio- und Streaming-Sparte des Traditionskonzerns übernehmen. Zum Paket zählen nahezu alle Kernmarken der modernen Hollywood-Industrie – von Warner Bros. Pictures und Warner Bros. Television über HBO und HBO Max bis hin zu DC Studios, Warner Games und einer der umfangreichsten Film- und Serienbibliotheken der Welt. Finanziell bewegte sich der Deal sofort in der Liga der größten Medienübernahmen aller Zeiten. Der sogenannte Enterprise Value wurde mit 82,7 Milliarden US-Dollar angegeben, umgerechnet rund 76 bis 77 Milliarden Euro. Der reine Eigenkapitalwert belief sich auf 72 Milliarden US-Dollar, also etwa 66 bis 67 Milliarden Euro. Besonderheit dieses Deals war unter anderem, dass Netflix zwar fast alles von Warner Bros. Discovery übernimmt, aber nicht seine klassischen linearen Fernsehsender – darunter CNN, Discovery, TBS und weitere Kabelnetzwerke.
Diese sollten ausgegliedert und in ein neues Unternehmen mit dem Namen „Discovery Global“ überführt werden. Dieses sollte später separat an die Börse gehen. Netflix würde anschließend den fokussierten Kern aus Studios, Streaming und geistigem Eigentum übernehmen. Die Logik dahinter ist ebenso strategisch wie regulatorisch: Lineares Fernsehen gilt als schrumpfender Markt mit sinkenden Margen, während Studios, Streaming und Markenrechte das Wachstumspotenzial der Branche definieren. Durch die Abspaltung sollten kartellrechtliche Risiken reduziert und der Deal auf jene Geschäftsbereiche konzentriert werden, die für Netflix strategisch entscheidend sind. Ungewöhnlich hoch fielen dabei die vertraglich vereinbarten Absicherungsklauseln aus. Sollte Netflix von der Übernahme zurücktreten, würden Strafzahlungen von rund 5,8 Milliarden US-Dollar fällig – umgerechnet etwa 5,2 bis 5,4 Milliarden Euro. Zöge hingegen Warner Bros. Discovery den Stecker, läge die Vertragsstrafe bei rund 2,8 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 2,5 bis 2,6 Milliarden Euro.
Der Abschluss der Transaktion wurde – vorbehaltlich kartellrechtlicher Genehmigungen in den USA, Europa und weiteren Märkten – für Ende 2026 bis Mitte 2027 in Aussicht gestellt. Doch kaum war die Tinte unter der Vereinbarung trocken, zeigte sich, wie fragil der vermeintlich sichere Deal tatsächlich ist. Denn die Übernahme steht nicht nur unter dem Vorbehalt der Wettbewerbsbehörden, sondern auch unter der Zustimmung der Aktionäre – und genau dort setzte wenige Tage später eine massive Gegenbewegung ein. Am 8. Dezember 2025 startete Paramount Skydance eine offene Offensive und unterbreitete den Anteilseignern von Warner Bros. Discovery ein direktes Barangebot: 30 US-Dollar pro Aktie, vollständig in Cash. Der Schritt war bewusst konfrontativ angelegt. Er umging das Management und das Board von Warner Bros. Discovery und zielte direkt auf die Entscheidungsmacht der Aktionäre. Das Management von Warner Bros. Discovery reagierte prompt und wies das Angebot zurück. In Unterlagen für Investoren argumentierte der Konzern, ein Abweichen vom Netflix-Deal sei finanziell hochriskant.
Neben den vertraglich fixierten Strafzahlungen verwies Warner Bros. Discovery auf zusätzliche Transaktionskosten und ökonomische Nachteile eines Kurswechsels. Diese sogenannten „Switching Costs“ bezifferte das Unternehmen auf insgesamt rund 4,7 Milliarden US-Dollar – umgerechnet etwa 4,3 bis 4,4 Milliarden Euro oder rund 1,79 US-Dollar pro Aktie. Aus Sicht des Boards relativiere sich damit der auf den ersten Blick höhere Barpreis von Paramount erheblich. Anfang Januar berichtete Reuters zudem, dass auch ein nachgebessertes Angebot von Paramount intern einstimmig abgelehnt worden sei. Das Gremium stufte den Ansatz als stark fremdfinanziert und damit als risikobehaftet ein – insbesondere vor dem Hintergrund steigender Zinsen und eines angespannten Kapitalmarkts. Paramount wiederum versuchte, genau diese Zweifel zu entkräften. Eine zentrale Rolle spielte dabei eine persönliche Garantie von Oracle-Mitgründer Larry Ellison. Berichten zufolge soll Ellison für die Eigenkapitalseite der Transaktion mit bis zu 40 Milliarden US-Dollar haften.
Das Signal ist eindeutig: Die Finanzierung soll nicht nur theoretisch darstellbar, sondern faktisch abgesichert sein. Dennoch blieb Warner Bros. Discovery bei seiner Linie und empfahl den Aktionären weiterhin die Netflix-Transaktion. Damit verlagerte Paramount den Konflikt nun auf eine neue Eskalationsstufe. Am 12. Januar 2026 kündigte das Unternehmen an, bei der nächsten Hauptversammlung von Warner Bros. Discovery einen sogenannten „Proxy Fight“ zu initiieren. Ziel ist es, eigene Kandidatinnen und Kandidaten in den Verwaltungsrat zu entsenden und so die Machtverhältnisse im Board zu verändern. Für Aktionäre ist das mehr als ein formaler Vorgang: Es geht nicht nur um den Kaufpreis, sondern um die grundsätzliche strategische Ausrichtung des Unternehmens. Solange der Netflix-Deal nicht vollzogen ist, bleibt er verwundbar – insbesondere dann, wenn sich die Zusammensetzung des Boards verschiebt. Parallel dazu ging Paramount auch juristisch in die Offensive. Ebenfalls am 12. Januar reichte das Unternehmen Klage beim Delaware Chancery Court ein, dem zentralen US-Gericht für Gesellschafts- und Übernahmerecht.
Ziel der Klage ist es, Warner Bros. Discovery zur umfassenden Offenlegung seiner internen Bewertungsgrundlagen zu zwingen. Im Fokus stehen unter anderem die Berechnung des ausgewiesenen Werts pro Aktie, die Bewertung der abgespaltenen Netzwerksparte „Discovery Global“, die Behandlung von Schulden und Debt-Transfers sowie die Grundlage für den Risikoabschlag, den WBD auf das 30-Dollar-Barangebot von Paramount ansetzt. Paramount argumentiert, Aktionäre könnten nur dann eine informierte Entscheidung treffen, wenn beide Deals transparent und vergleichbar dargestellt würden. Juristisch zielt der Vorstoß auf die Treuepflichten des Boards gegenüber den Anteilseignern – ein sensibler Punkt im US-Übernahmerecht. Zusätzlichen Druck baut Paramount über strukturelle Hebel auf. Berichten zufolge strebt das Unternehmen eine Satzungsänderung an, die für die Abspaltung der linearen Netzwerksparte eine explizite Zustimmung der Aktionäre verlangen würde.
Da die Netflix-Transaktion zwingend auf dieser Abspaltung basiert, könnte ein solcher Schritt den Zeitplan verzögern und das Transaktionsrisiko erheblich erhöhen. Je komplexer und unsicherer der Weg zum Abschluss der Übernahme wird, desto stärker verschiebt sich aus Paramounts Sicht die Argumentation zugunsten eines sofortigen Barangebots. In diese ohnehin hoch aufgeladene Gemengelage mischt sich außerdem zunehmend auch die Politik ein. US-Medien berichten, dass sich Präsident Donald Trump öffentlich kritisch zur Übernahme von Warner Bros. durch Netflix geäußert habe. Solche Interventionen sind in Verfahren dieser Größenordnung keineswegs folgenlos. Eine verschärfte politische Tonlage kann strengere kartellrechtliche Prüfungen, zusätzliche Auflagen oder deutlich längere Genehmigungsverfahren nach sich ziehen. Für einen Deal, der ohnehin die Aufmerksamkeit mehrerer internationaler Wettbewerbsbehörden auf sich zieht, verändert das die Risikobewertung fundamental.
Paramount nutzt diese Unsicherheit gezielt und positioniert den Netflix-Deal als regulatorisch angreifbar, während das eigene Angebot als sofortige und sichere Auszahlung dargestellt wird. Stand 12. Januar 2026 ist damit klar: Der ursprünglich als nahezu abgeschlossen geltende Netflix-Deal ist alles andere als in trockenen Tüchern. Warner Bros. Discovery befindet sich zwischen einer unterschriebenen, aber noch nicht vollzogenen Vereinbarung und einem aggressiven Rivalen, der bereit ist, Aktionäre, Gerichte und politische Dynamiken gleichermaßen zu mobilisieren. Ob der Vertrag mit Netflix Bestand haben wird, ob er neu verhandelt wird oder ob Paramount tatsächlich die Kontrolle über das Board erlangt, bleibt offen. Sicher ist nur: Aus einer scheinbar klaren Übernahme ist eine vielschichtige Machtprobe geworden – entschieden wird sie nicht allein über den Kaufpreis, sondern über Governance, Regulierung und die Frage, welcher Deal am Ende tatsächlich durchsetzbar ist.





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