Nach fast 50 Jahren bei ABC: Oscar-Verleihung wird ab 2029 auf YouTube übertragen
- Toni Schindele

- 18. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Die Übertragung der Oscar-Verleihung steht vor einem grundlegenden Wechsel. Ab 2029 wird die wichtigste Preisverleihung der Filmbranche nicht mehr im klassischen Network-Fernsehen ausgestrahlt, sondern auf einer digitalen Plattform.

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences hat die exklusiven globalen Übertragungsrechte der Oscar-Verleihung ab 2029 an YouTube vergeben. Der mehrjährige Vertrag beginnt mit der 101. Verleihung der Academy Awards und läuft bis einschließlich 2033. Damit endet eine über fast fünf Jahrzehnte andauernde Fernsehära: Seit 1976 hatte der US-Sender ABC, zuletzt im Verbund mit Hulu und Disney+, die Oscar-Nacht kontinuierlich übertragen. Die bestehenden Vereinbarungen mit Disney laufen noch bis 2028, sodass die 100. Oscar-Verleihung die letzte im bisherigen Network-Umfeld sein wird. Mit dem Rechtewechsel verlagert sich der renommierteste Filmpreis der Welt erstmals vollständig auf eine erst rund 20 Jahre alte Videoplattform. Die Oscar-Zeremonie soll künftig weltweit live und kostenfrei auf YouTube abrufbar sein. Neben der eigentlichen Preisverleihung umfasst die Vereinbarung auch die Übertragung begleitender Formate wie den roten Teppich, Einblicke hinter die Kulissen und ausgewählte Rahmenveranstaltungen.
Ziel ist eine globale Distribution ohne nationale Sendergrenzen, die über klassische Fernsehstrukturen hinausgeht und ein internationales Publikum direkt erreichen kann. Darüber hinaus sichert sich YouTube im Rahmen der Partnerschaft auch die exklusive Auswertung weiterer Academy-Formate, darunter die Bekanntgabe der Nominierungen, die Governors Awards, die Student Academy Awards sowie Interviews, Bildungsangebote und Podcasts. Ergänzend soll die Zusammenarbeit mit Googles Kultur- und Archivinitiativen den digitalen Zugang zu Teilen der Academy-Sammlungen und des Academy Museum ermöglichen. Die inhaltliche und redaktionelle Hoheit über die Formate soll aber bei der Academy verbleiben. Academy-CEO Bill Kramer und Academy-Präsidentin Lynette Howell Taylor ordneten die Entscheidung als strategische Weichenstellung für die Zukunft der Institution ein. In einer gemeinsamen Erklärung betonten sie: „Wir freuen uns sehr, eine facettenreiche globale Partnerschaft mit YouTube einzugehen, die zur künftigen Heimat der Oscars und unseres ganzjährigen Academy-Programms wird.“
Die Academy sei eine international ausgerichtete Organisation, deren Veranstaltungen und Bildungsprogramme zunehmend ein weltweites Publikum erreichten. Durch die Kooperation könne der Zugang zur Arbeit der Academy „für das größtmögliche globale Publikum ausgeweitet werden“, was sowohl den Mitgliedern als auch der internationalen Filmcommunity zugutekomme. Zugleich unterstrichen Kramer und Howell Taylor, dass man trotz neuer Distributionswege am kulturellen Anspruch der Verleihung festhalte und das filmhistorische Vermächtnis der Oscars bewahren wolle. Auch YouTube-CEO Neal Mohan hob in seiner Stellungnahme die kulturelle Dimension der Vereinbarung hervor. Die Oscars seien „eine der zentralen kulturellen Institutionen der Filmwelt“, die künstlerische Exzellenz und erzählerische Leistung würdigten. Ziel der Partnerschaft sei es, dieses Ereignis weltweit zugänglich zu machen und zugleich neue Generationen von Filmschaffenden und Filmfans zu erreichen, ohne den traditionsreichen Charakter der Verleihung aufzugeben.
YouTube verstehe sich dabei nicht nur als technischer Distributionskanal, sondern als globale Plattform für audiovisuelle Kultur. Der Schritt ist auch deshalb bemerkenswert, weil YouTube keine klassische Rundfunkanstalt ist, sondern die größte Video-on-Demand- und Streamingplattform der Welt. Der Dienst, 2005 gegründet und seit 2006 Teil des Google-Konzerns, erreicht monatlich mehrere Milliarden Nutzerinnen und Nutzer und operiert jenseits nationaler Programmschemata, fester Sendezeiten und linearer Fernsehinfrastrukturen. Mit dem Erwerb der Oscar-Rechte übernimmt erstmals eine offene, plattformbasierte Videoumgebung die exklusive globale Ausstrahlung eines der letzten großen Live-Events mit institutionellem Prestige. Damit handelt es sich nicht um einen üblichen Wechsel der Übertragungsrechte zwischen zwei Fernsehsendern, sondern um einen strukturellen Bruch mit der bisherigen Medienlogik der Oscar-Verleihung.





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