KI-Vorwürfe gegen „Stranger Things“: ChatGPT im Writers’ Room?
- Toni Schindele

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Ein kurzer Moment hat genügt, um eine bereits abgeklungene Debatte neu zu entfachen. Seit der Veröffentlichung von „Ein letztes Abenteuer: Making Stranger Things 5“ wird erneut spekuliert, ob bei der finalen Staffel von „Stranger Things“ Künstliche Intelligenz am Drehbuch beteiligt war. Doch was lässt sich tatsächlich belegen – und was gehört ins Reich der Fan-Theorien?

Kaum eine Serie der vergangenen Jahre stand unter einem vergleichbaren Erwartungsdruck wie „Stranger Things“ und das Serienfinale spaltete das Publikum auch deutlich. In sozialen Netzwerken entstand unmittelbar nach der achten und letzten Episode die hartnäckige Fan-Theorie, dass das Ende nicht real sei, sondern Teil einer Illusion des Antagonisten Vecna. Unter dem Schlagwort „ConformityGate“ wurde spekuliert, das Netflix am 7. Januar 2026 überraschend eine geheime neunte Episode plane. Als diese ausblieb und der Streamingdienst öffentlich bestätigte, dass alle Folgen veröffentlicht seien, ebbte die Theorie ab – um wenig später durch einen neuen Vorwurf ersetzt zu werden. Mit „Ein letztes Abenteuer: Making Stranger Things 5“ veröffentlichte Netflix am 12. Januar eine umfassende Rückschau auf die finale Staffel. Der Film unter der Regie von Martina Radwan gewährt Einblicke in den Entstehungsprozess, zeigt Abschiedsmomente von Cast und Crew und blickt auf die jahrelange Arbeit an der Serie zurück.
Doch es ist ein nur wenige Sekunden langer Ausschnitt, der in kürzester Zeit eine Eigendynamik

entwickelte: Die Duffer-Brüder sind bei der Arbeit an ihren Laptops zu sehen, in der Tab-Leiste mehrere unscharfe Symbole, die von Teilen des Publikums als ChatGPT-Icons interpretiert wurden. Auf Plattformen wie Instagram, TikTok, Reddit und X verbreitete sich der Screenshot rasant – begleitet von dem Vorwurf, das Drehbuch der finalen Staffel sei mithilfe von KI entstanden. In Foren und Kommentarspalten wurde wiederholt argumentiert, die fünfte Staffel wirke im Vergleich zu den komplexen Erzählstrukturen früherer Staffeln ungewöhnlich konventionell. Ein Reddit-Nutzer formulierte es so: „Ich habe heute über die letzte Staffel als Ganzes nachgedacht und denke, dass sie KI benutzt haben, um einen Teil der Staffel zu schreiben. Nach vier Staffeln mit der kompliziertesten Handlung war das Endergebnis plötzlich voller Tropen und Klischees.“ Besonders der Epilog habe sich angefühlt wie „ein Film, den ich schon eine Million Mal gesehen habe“.
Der Nutzer verwies zudem auf aus seiner Sicht ungeklärte erzählerische Punkte, reduzierte Rollen einzelner Figuren und Aussagen der Duffer-Brüder, bestimmte Details seien „off-screen passiert“, als mögliche Indizien dafür, dass Teile der Staffel nicht klassisch geschrieben worden seien. Ähnlich zugespitzt fielen zahlreiche Reaktionen unter einem viralen Instagram-Reel aus, das den Screenshot aus der Dokumentation zeigte. Kommentare wie „Bro, die ganze Staffel klang wie ChatGPT“, „Sie haben wirklich drei Jahre lang nichts gemacht und dann mit KI ein Drehbuch rausgeschissen“ oder „Alle Dialogzeilen von Robin waren KI-Humor, da bin ich mir sicher“ verdichten den Vorwurf zur gefühlten Gewissheit. Der entscheidende Punkt ist aber: Aus den kursierenden Screenshots lässt sich der Vorwurf nicht verifizieren. Die Tab-Leiste ist stark unscharf, Favicons und Schriftzüge sind zu klein und zu verwaschen, um sie eindeutig einer konkreten Website oder Anwendung zuzuordnen. Allein aus dieser Szene lässt sich weder ableiten, dass ChatGPT geöffnet war, noch wofür ein solches Tool genutzt worden sein könnte.
Unabhängig von diesem konkreten Screenshot lässt sich jedoch der Kontext betrachten, in dem

Netflix und die Branche insgesamt mit Generativer KI umgehen. Seit 2025 hat Netflix im eigenen Partner Help Center öffentlich einsehbare Richtlinien zum Einsatz von GenAI veröffentlicht. Darin beschreibt der Konzern entsprechende Tools als potenziell „wertvolle kreative Hilfe“, knüpft ihre Nutzung aber an klare Bedingungen: Transparenz gegenüber dem zuständigen Netflix-Kontakt, strikte Vorgaben zu Datenschutz und Vertraulichkeit sowie die Anforderung, dass eingesetzte Tools keine Produktionsdaten speichern oder zum Training weiterverwenden dürfen. Besonders sensibel sind laut den Richtlinien unveröffentlichte Materialien wie Drehbücher, die Abbildung realer Personen und fremdes geistiges Eigentum. In solchen Fällen ist eine schriftliche Freigabe vorgesehen. Zudem betont Netflix ausdrücklich, dass GenAI nicht dazu dienen soll, durch Gewerkschaften geschützte Arbeit ohne Zustimmung zu ersetzen. Denn dazu wurden nach den Hollywood-Streiks 2023 auch in den Tarifverträgen klare Leitplanken gesetzt.
Für Drehbuchautoren regelt das WGA-Abkommen unter anderem, dass KI nicht als Autor gelten darf, KI-generiertes Material nicht als literarisches Ausgangsmaterial zählt und Schreibende nicht zur Nutzung von KI gezwungen werden dürfen. Werden KI-Inhalte bereitgestellt, gelten Transparenzpflichten. Das Ergebnis ist ein Rahmen, in dem KI im Writers’ Room allenfalls als optionales Werkzeug existieren kann – nicht als stiller Ersatz menschlicher Autorenschaft. Dass KI in Hollywood inzwischen genutzt wird, ist unstrittig, allerdings bislang selektiv und oft in technischen Bereichen. Netflix hat selbst öffentlich gemacht, dass Generative KI bereits für visuelle Effekte in finalem Material eingesetzt wurde, unter anderem bei „Eternauta“. Diese Anwendungen betreffen jedoch VFX und Produktion und nicht das Schreiben von Drehbüchern. Für die fünfte Staffel von „Stranger Things“ kommt ein weiterer, oft übersehener Faktor hinzu. Berichte aus der Dokumentation und aus Branchenmedien zeichnen das Bild einer extrem angespannten Produktionsphase. Demnach starteten die Dreharbeiten zur fünften Staffel, ohne dass für die letzte Episode ein fertiges Drehbuch vorlag.
Selbst zentrale Szenen der finalen Episode wurden bereits gedreht, während das Skript noch nicht final abgeschlossen war. Auch in der Dokumentation konnte man sehen, wie Matt Duffer die Situation am Set zu relativieren versuchte: Das Ende sei inhaltlich geplant, müsse aber erst

noch zu Papier gebracht werden – bei knapp werdender Zeit. Wie ungewöhnlich die Umstände waren, macht eine Szene mit Produktionsassistentin Montana Maniscalco deutlich, die offen einräumt, dass Episode acht gedreht werde, obwohl ihr Ausgang noch nicht vollständig feststehe. Duffer selbst geht noch weiter und gesteht, das Drehbuch der finalen Folge zu diesem Zeitpunkt nicht einmal komplett gelesen zu haben. In einem Interview innerhalb der Dokumentation spricht er schließlich von den schwierigsten Schreibbedingungen seiner bisherigen Karriere und bestätigt, dass sowohl Netflix als auch das Produktionsteam massiven Druck aufgebaut hätten, das Finale endlich abzuschließen.
Eine solche Produktionssituation kann erzählerische Vereinfachungen, Unschärfen und Kompromisse begünstigen – ohne dass dafür zwangsläufig KI im Spiel sein muss. Für eine begrenzte Nutzung als Hilfsmittel spricht allerdings, dass GenAI branchenweit zunehmend in Workflows integriert wird, häufig ohne große Öffentlichkeit, und dass Netflix den Einsatz solcher Tools grundsätzlich normalisiert. Die Tab-Situation, sofern sie korrekt interpretiert wird, würde eher zu paralleler Recherche passen als zu automatisiertem Dialogschreiben. Am plausibelsten ist nach aktuellem, überprüfbarem Stand ein Mittelweg: Sollte tatsächlich ein KI-Tool geöffnet gewesen sein, wäre eine punktuelle, unterstützende Nutzung wahrscheinlicher als ein substanzieller Einsatz zur Autorenschaft. Für die Behauptung, die fünfte Staffel von „Stranger Things“ sei mit ChatGPT geschrieben worden, fehlt allerdings bislang jeder belastbare Beleg.





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