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Kritik zu „A Quiet House“: Spielberg in zweiter Generation

Autorenbild: Toni Schindele
Toni Schindele
vor 9 Minuten
5 Min. Lesezeit

Erst im Juni kam mit „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ der inzwischen 35. Langspielfilm von Steven Spielberg in die Kinos. Jetzt folgt mit „A Quiet House“ der erste abendfüllende Film seiner Tochter Destry Allyn.


Bildnachweis: Plaion Pictures
Bildnachweis: Plaion Pictures

Dass auf dem Plakat von „A Quiet House“ der Name Spielberg prangt, lässt die Erwartungen beinahe zwangsläufig steigen. Doch die Fußstapfen, in die Destry Allyn Spielberg mit ihrem Regiedebüt tritt, sind derart gewaltig, dass ein direkter Vergleich mit ihrem Vater fast zwangsläufig unfair ausfallen muss. Zumal dabei schnell aus dem Blick gerät, dass auch Steven Spielberg seine Karriere nicht mit Großproduktionen wie „Schindlers Liste“, „Jurassic Park“ oder „Der weiße Hai“ begann. Bereits mit 17 Jahren drehte er mit „Firelight“ seinen ersten abendfüllenden Film – ein Science-Fiction-Projekt über UFOs, dessen Budget sich gerade einmal auf rund 500 bis 600 Dollar belief. Einen Teil davon verdiente Spielberg eigenen Angaben zufolge mit Nebenjobs, einen weiteren steuerte sein Vater bei.


Später folgte der Kurzfilm „Amblin’“, dessen Titel schließlich zum Namen seiner Produktionsfirma werden sollte. Und selbst „Duel“, den Spielberg mit 24 Jahren inszenierte, war zunächst alles andere als ein prestigeträchtiger Kinofilm: Der Film entstand mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln und unter enormem Zeitdruck fürs Fernsehen. Erst sein überraschend großer Erfolg brachte ihn schließlich auch auf internationale Kinoleinwände. Dass Destry Allyn Spielberg ihr berühmter Nachname den Einstieg in die Branche erleichtert haben dürfte, lässt sich zwar kaum bestreiten, „A Quiet House“ ist deshalb jedoch noch lange kein vom Vater protegiertes Prestigeprojekt. Vielmehr handelt es sich um einen kleinen Independentfilm ohne dessen direkte Beteiligung, mit begrenztem Budget und gerade einmal 18 Drehtagen.


Bildnachweis: © Plaion Pictures
Bildnachweis: © Plaion Pictures

Wenn sich zwischen Vater und Tochter also überhaupt eine Parallele ziehen lässt, dann weniger in ihren Filmen als in der Art, wie ihre Laufbahnen hinter der Kamera begonnen haben: mit vergleichsweise kleinen Produktionen, weit entfernt von jener monumentalen Größenordnung, die man heute beinahe reflexartig mit dem Namen Spielberg verbindet. So musste „A Quiet House“ auch einen langen Weg zurücklegen, ehe er seinen Weg in die deutschen Kinos fand. Mehr als zwei Jahre nach seiner Weltpremiere beim Sitges Film Festival am 10. Oktober 2024 und der anschließenden US-Veröffentlichung auf Tubi schafft es der Film nun doch noch hierzulande auf die große Leinwand. Bleibt nur die Frage: Ist dieses Regiedebüt tatsächlich einen Kinobesuch wert?


Darum geht es:


Eine Virus-Epidemie hat die USA ins Chaos gestürzt. Während infizierte Erwachsene zu einer tödlichen Gefahr werden können, gelten ausgerechnet Kinder und Jugendliche als mögliche Überträger und werden vielerorts verfolgt. Auch die 16-jährige Mary versucht, das Land zu verlassen, und schließt sich auf ihrer Flucht einer Gruppe Gleichaltriger an. Als einer von ihnen verletzt wird und ihr Fahrzeug auf einer abgelegenen Straße liegen bleibt, suchen sie Zuflucht in einem einsamen Haus. Dort empfängt sie Clara, eine kultivierte Frau, die ihnen Essen, Unterkunft und medizinische Hilfe anbietet. In einer Welt voller Misstrauen wirkt ihre Gastfreundschaft beinahe zu gut, um wahr zu sein. Die Jugendlichen beschließen deshalb, Claras Auto zu stehlen und weiterzufahren. Doch Clara ist ihnen längst einen Schritt voraus.


Die Rezension:


Eines wird früh klar: Da Destry Allyn Spielberg mit „A Quiet House“ gar nicht erst versucht, den Stil ihres berühmten Vaters zu imitieren, sollte ihr Langfilmdebüt weniger an diesem Vergleich als vielmehr als eigenständige Low-Budget-Indieproduktion gemessen werden. Als solche setzt der Film zunächst mit einer postapokalyptischen Prämisse ein, hält sich bei dieser Ausgangslage jedoch nicht lange auf. Nachdem eine Pandemie vor allem junge Menschen unter Generalverdacht gestellt und die gesellschaftliche Ausgrenzung verschärft hat, zieht sich die Handlung schon bald fast vollständig in ein abgelegenes Landhaus zurück. Mit diesem Ortswechsel verändert sich auch die Ausrichtung des Films: Das dystopische Szenario tritt zunehmend hinter Psychothriller und Kammerspiel zurück. Gerade darin liegt allerdings ein dramaturgisches Problem. Die Bedrohung der Außenwelt dringt kaum in die Dynamik des Hauses ein; statt sich gegenseitig zu verstärken, löst der eine Film den anderen nach und nach ab.


Bildnachweis: © Plaion Pictures
Bildnachweis: © Plaion Pictures

Besonders im Mittelteil macht sich diese Trennung bemerkbar. Dass von der mysteriösen Clara eine Gefahr ausgeht, steht früh außer Frage, sodass ein Teil der späteren Entwicklung bereits vorweggenommen wird. Die Spannung speist sich deshalb weniger aus der Frage, ob Clara zu trauen ist, als daraus, wann und in welcher Form ihr Kontrollbedürfnis eskaliert. Um daraus wirklichen psychologischen Druck zu entwickeln, hätte es allerdings eine stärker ausgearbeitete Gruppendynamik gebraucht. Abseits von Mary bleiben die Jugendlichen vergleichsweise blass. Freundschaften, Loyalitäten und Konflikte werden zwar angedeutet, gewinnen aber selten genug Eigengewicht, damit Claras Eingriffe tatsächlich Konsequenzen entfalten können. Misstrauen, Angst und die schleichende Unterordnung unter ihre Regeln besitzen damit zwar das Potenzial für eine zunehmend beklemmende Dynamik, werden vom Film aber nur bedingt ausgeschöpft. Am stärksten ist „A Quiet House“, wenn Clara und Mary unmittelbar aufeinandertreffen.


„Downton Abbey“-Star Michelle Dockery verleiht Clara eine schwer greifbare Mischung aus Täuschung, Kontrollzwang und der Sehnsucht nach einer verlorenen Normalität. Gerade in kleinen Veränderungen von Blick, Haltung und Tonfall lässt sie aufscheinen, wie fragil die vermeintliche Souveränität ihrer Figur tatsächlich ist. Darin liegt eine der größten Stärken des Films. Umso bedauerlicher ist, dass der psychologische Konflikt zwischen Clara und Mary hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Vieles, was sich über Manipulation, Abhängigkeit und wachsendes Misstrauen aus den Beziehungen heraus entwickeln könnte, wird eher erklärt oder behauptet, als tatsächlich erfahrbar gemacht. Marys Weg von anfänglicher Unsicherheit zu größerer Entschlossenheit bleibt dennoch nachvollziehbar und gibt dem Film einen funktionierenden emotionalen Anker. Gerade weil die übrigen Beziehungen weniger Konturen gewinnen, erscheinen einzelne Entscheidungen jedoch nicht immer als Konsequenz einer zunehmend angespannten Gruppensituation, sondern bisweilen eher als notwendige Schritte auf dem Weg zum nächsten Wendepunkt.


Bildnachweis: © Plaion Pictures
Bildnachweis: © Plaion Pictures

Giancarlo Esposito wiederum deutet als Sheriff Fitz schon in wenigen Szenen eine gemeinsame Vorgeschichte mit Clara an, die ihrem Verhältnis zusätzliche Spannung verleiht. Doch auch hier begnügt sich der Film weitgehend mit Andeutungen, anstatt diese Verbindung weiter auszuspielen. Ähnlich verfährt das Drehbuch mit seinem gesellschaftlichen Unterbau. Inszenatorisch beweist Spielberg ein feines Gespür für den begrenzten Schauplatz: Türen, enge Flure und verschlossene Zimmer verwandeln das Landhaus im Zusammenspiel mit Kamera und Dunkelheit zunehmend vom Schutzraum in ein Gefängnis. Gerade in dieser wirkungsvollen Nutzung räumlicher Enge zeigt sich der Film deutlich souveräner als in der dramaturgischen Verknüpfung seiner Themen. Zum Ende hin gewinnt der Film spürbar an Tempo, Härte und Spannung, verlagert dadurch jedoch einen Großteil seiner Wirkung auf das Finale. Mehrere Entwicklungen werden nun in kurzer Folge nachgeholt, obwohl gerade die Beziehungen, Abhängigkeiten und Machtverschiebungen innerhalb des Hauses zuvor mehr Raum gebraucht hätten, um ihre volle Wirkung zu entfalten.


Fazit:


Destry Allyn Spielbergs „A Quiet House“ findet vor allem in Michelle Dockerys schwer greifbarer Clara und der zunehmend beklemmenden Enge des Landhauses seine stärksten Momente. Weil Endzeithorror, Psychothriller und Gruppendynamik jedoch nur lose ineinandergreifen und viele Konflikte eher angedeutet als konsequent entwickelt werden, bleibt das Regiedebüt trotz eines gelungenen Finales deutlich hinter den Möglichkeiten seiner Prämisse zurück.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 22. Oktober 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „A Quiet House“:

Genre: Thriller, Horror

Laufzeit: 94 Minuten

Altersfreigabe: FSK 16


Regie: Destry Allyn Spielberg

Drehbuch: Paul Bertino

Besetzung: Michelle Dockery, Vernon Davis, Zoe Margaret Colletti und viele mehr ...


Trailer zu „A Quiet House“:


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