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Kritik zu „Das Ding mit Federn“: Eine Krähe zieht ein

Autorenbild: Toni Schindele
Toni Schindele
9. Okt.
5 Min. Lesezeit

Literatur über Trauer gibt es reichlich, Filme darüber ebenso. Eine riesige Krähe, die sich im Haus einer verwitweten Familie einnistet, sieht man dagegen eher selten. Dylan Southerns „Das Ding mit Federn“ bringt beides zusammen.


Bildnachweis: PLAION Pictures
Bildnachweis: PLAION Pictures

Mit „Das Ding mit Federn“ wagt sich Dylan Southern an einen Stoff, der sich einer klassischen Verfilmung beinahe entzieht. Max Porters 2015 erschienener Debütroman „Grief Is The Thing With Feathers“, auf Deutsch als „Trauer ist das Ding mit Federn“ veröffentlicht und ein Jahr später mit dem Dylan Thomas Prize ausgezeichnet, verbindet Prosa, Lyrik, Dialogfragmente und literarische Verweise zu einer ebenso eigenwilligen wie sperrigen Erzählung über einen Vater und seine beiden Söhne nach dem Tod der Mutter. Southern, der bislang vor allem im Dokumentarfilm gearbeitet hat, versucht dieses eigenwillige Werk nun in eine eigene filmische Sprache zu übersetzen.


Darum geht es:


Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau versucht ein Vater, den Alltag für seine beiden Söhne irgendwie zusammenzuhalten. Während er sich in seinem Londoner Haus in die düsteren Zeichnungen seiner Graphic Novel flüchtet, scheint sich zwischen Schatten, Türen und dunklen Ecken eine gewaltige Krähe einzunisten. Je tiefer der Vater in Trauer und Schlaflosigkeit versinkt und sich in seiner Arbeit verliert, desto bedrohlicher drängt die Krähe in den Alltag der Familie. Doch was lauert tatsächlich in den dunklen Winkeln des Hauses und was existiert nur in seinem Kopf?


Die Rezension:


Ein Geruch, ein Lied, ein vertrauter Ort – manchmal braucht es nicht viel. Plötzlich ist die Trauer wieder da, obwohl der Moment davor noch ganz gewöhnlich war. Sie hält sich an keinen Zeitplan, kennt keine sauberen Etappen und kann an einem gewöhnlichen Morgen plötzlich den ganzen Raum einnehmen. Wie also erzählt man von ihr? Dylan Southern entscheidet sich für eine denkbar konkrete Antwort: Er gibt der Trauer Federn, einen Schnabel und eine ziemlich schlechte Laune. Die Krähe, die in den Alltag eines verwitweten Vaters und seiner beiden Söhne eindringt, ist dabei weniger geheimnisvolle Kreatur als sichtbar gewordener Ausnahmezustand. Anders als die vielstimmigere Romanvorlage bündelt Southern das Geschehen stärker in der Wahrnehmung des Vaters: Was dort zwischen ihm, den Kindern und dem Vogel verteilt ist, wird hier zum dunklen Echo dessen, was in ihm ohnehin tobt.


Bildnachweis: PLAION Pictures
Bildnachweis: PLAION Pictures

Die Krähe provoziert, verspottet und bedrängt ihn – manchmal scheint sie kaum mehr zu sein als Wut, Verzweiflung und Kontrollverlust mit Schnabel. Gerade weil so früh klar wird, wofür sie steht, verliert sie allerdings etwas von ihrem Schrecken. Spannender ist sie, wenn sie sich nicht ganz auf die Trauer des Vaters reduzieren lässt, sondern ihm wie ein eigenes, störrisches Wesen gegenübertritt: als Störenfried, Spötter und unangenehm genaue Beobachterin. Gerade diese Unsicherheit darüber, wie weit der Vogel noch äußere Erscheinung und wie weit schon Teil der Wahrnehmung des Vaters ist, überträgt Southern auf die Form des Films. Was als Familiendrama beginnt, bewegt sich so immer wieder an den Rand des Horrors. Ben Fordesmans Kamera rückt den Figuren dicht auf den Leib, während das fast quadratische 4:3-Bild ihr Zuhause zu einem Raum verengt, dessen Wände näher zu stehen scheinen, als sie sollten.


Tiefe Schatten verschlucken Konturen, Türrahmen zerteilen Gesichter und Körper, und manchmal genügt eine Feder oder die Andeutung eines Schnabels, damit sich nicht mehr sagen lässt, was tatsächlich im Raum ist und was nur in der Wahrnehmung des Vaters existiert. Darin liegt eine der größten Stärken des Films. Konsequenterweise setzt Southern diese Verunsicherung auch in seinen Schwarz-Weiß-Kontrasten fort: in Tinte und Papier, in Dunkelheit und grellem Licht und in der schwarzen Gestalt der Krähe, die sich immer wieder in die Bilder schiebt. Überhaupt ist die Krähe am wirkungsvollsten, solange man sie nicht vollständig zu fassen bekommt. Im Zusammenspiel von Nicola Hicks’ Entwurf, Conor O’Sullivans Kreaturen- und Maskenarbeit und Eric Lampaerts ruckartigen Bewegungen bekommt die Krähe eine seltsam entrückte Präsenz. Mal ist sie nur Schatten, mal ein Federbüschel oder eine flüchtige Bewegung im Hintergrund – stets irgendwo zwischen Tier, Halluzination und Märchenwesen.


Bildnachweis: PLAION Pictures
Bildnachweis: PLAION Pictures

Sobald der Film sie jedoch zu sehr aus dem Zwielicht zieht, kippt dieses Fremde gelegentlich ins Groteske. Dass die Krähe trotzdem nie ganz zur bloßen Effektmaschine wird, liegt auch an David Thewlis, dessen tiefe, kratzige Stimme ihr eine Persönlichkeit gibt, die das Drehbuch nicht immer herausarbeitet. Am stärksten zeigt sich das in ihrem bissigen Humor. Wenn sie den Vater und dessen kultiviertes Selbstbild aufs Korn nimmt, ist sie plötzlich mehr als eine Verkörperung des Schmerzes: Sie weiß genau, wo die Eitelkeiten ihres Gegenübers liegen. Von dieser wunderbar unverschämten Reibung hätte man gern mehr gesehen. Ohne Benedict Cumberbatch würde der Film vermutlich schnell in sich zusammenfallen. Denn so auffällig die Krähe auch ist, getragen wird die Geschichte vor allem von seinem Spiel. Cumberbatch zeigt einen Mann, der trotz seiner Verzweiflung Vater bleiben muss und gerade daran immer wieder scheitert: an zu wenig Geduld, einem falschen Ton, einem Moment des Rückzugs, obwohl jemand Nähe bräuchte.


Hilflosigkeit schlägt in Gereiztheit um, Fürsorge steht neben Kontrollverlust, ohne dass der Film daraus ein sauber sortiertes Psychogramm macht. Gerade diese Widersprüche lassen die Figur glaubwürdig wirken. Davon profitieren auch Richard und Henry Boxall als Söhne. Ihre Figuren bekommen zwar deutlich weniger Raum, doch in ihren Blicken, ihrem Trotz und ihrem Rückzug liegt eine eigene Angst: Nicht nur die Mutter fehlt – auch der Vater ist plötzlich nicht mehr derselbe. Der Film ist dann besonders berührend, wenn er diese Unsicherheit nicht erklärt, sondern einfach zwischen den Familienmitgliedern stehen lässt. Gleichzeitig zeigt sich hier eine seiner Grenzen. Southern hält die Figuren bewusst allgemein: Vater und Söhne bleiben namenlos, die verstorbene Mutter erhält nur wenige konkrete Konturen, Menschen außerhalb der unmittelbaren Familie tauchen kaum auf.


Bildnachweis: PLAION Pictures
Bildnachweis: PLAION Pictures

Das soll offenbar Raum zur Identifikation schaffen, kann aber gerade deshalb auf Distanz halten. Denn oft sind es die kleinen, eigensinnigen Einzelheiten, die eine Erfahrung universell werden lassen. So findet Southern eindrucksvolle Bilder für Trauer, ohne immer ebenso überraschende Beobachtungen über sie zu finden. Wut, Rückzug, Überforderung, Verdrängung – vieles kennt man aus anderen Geschichten über Verlust. Zugespitzt: Der Vogel ist ungewöhnlicher als manche Erkenntnis, die er mit sich herumträgt. Das wäre kein großes Problem, würde der Film seiner eigenen Mehrdeutigkeit stärker vertrauen. Doch immer wieder scheint er die Wirkung seiner Bilder absichern zu wollen: Der Horror wird deutlicher, die Symbolik lauter, Gefühle werden noch einmal unterstrichen, die längst angekommen sind. Gerade weil die Krähe so einprägsam ist, bräuchte es das oft gar nicht. Ein schwarzer Schatten im Türrahmen kann mehr erzählen als der nächste inszenierte Schrecken.


Fazit:


Dylan Southerns „Das Ding mit Federn“ verbindet Familiendrama und Horror zu einer sinnbildreichen Auseinandersetzung mit Trauer, getragen von Benedict Cumberbatchs mitreißendem Spiel und einer rätselhaft bleibenden Krähe. Auch wenn die Symbolik stellenweise zu deutlich ausfällt, sind es vor allem die eindrucksvollen Bilder im engen 4:3-Format, die über die eher vertrauten Einsichten zum Umgang mit Trauer hinausweisen.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 15. Oktober 2026 im Kino.


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Weitere Informationen zu „Das Ding mit Federn“:

Genre: Drama

Laufzeit: 98 Minuten

Altersfreigabe: FSK 16


Regie: Dylan Southern

Drehbuch: Dylan Southern

Besetzung: Benedict Cumberbatch, David Thewlis, Sam Spruell und viele mehr ...


Trailer zu „Das Ding mit Federn“:


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