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Kritik zu „Sacrifice“: Zwischen Idealismus und Größenwahn

Autorenbild: Toni Schindele
Toni Schindele
vor 13 Minuten
5 Min. Lesezeit

Kaum etwas wirkt beruhigender als die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen – gerade in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird. „Sacrifice“ nimmt dieses Bedürfnis nach Klarheit zum Ausgangspunkt einer Geschichte, die immer radikaler fragt, was wir zu opfern bereit sind.


„Sacrifice“: Ein Mann im weißen Smoking macht ein Selfie neben einer blonden Frau, während im Hintergrund ein Vulkan ausbricht.
Bildnachweis: © DCM

Mit „Sacrifice“ drehte Romain Gavras erstmals einen Film auf Englisch. Neu im Geschäft ist der französische Regisseur aber nicht: Mit „Our Day Will Come“, „Die Welt gehört dir“ und zuletzt „Athena“ machte er sich vor allem durch starke Bilder, hohes Tempo und auffällige Inszenierungen einen Namen. Genau dafür wurde er jedoch auch kritisiert. Manche warfen ihm vor, politische und gesellschaftliche Themen eher spektakulär zu zeigen, als sich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen. Bleibt er auch mit „Sacrifice“ seinem provokanten Stil treu?


Darum geht es:


Auf einer glamourösen Wohltätigkeitsgala trifft Hollywoodstar Mike Tyler auf Milliardäre, Künstler und andere Mitglieder der gesellschaftlichen Elite. Doch der Abend kippt, als Joan und ihre radikale Gruppe die Veranstaltung stürmen und Mike gemeinsam mit zwei weiteren Gästen verschleppen. Getrieben von einer mystischen Prophezeiung sind die Aktivisten überzeugt, mit einem Opferritual die Erde retten zu können. Während die Nacht immer weiter außer Kontrolle gerät, stellt sich die Frage: Wie weit kann der Glaube gehen, im Namen eines größeren Ziels das Richtige zu tun?


Die Rezension:


Kann man selbst die Welt verändern? Romain Gavras ist mit dieser Frage aufgewachsen, wobei ihm vor allem sein Vater den Glauben vermittelte, dass Filme die Welt verändern könnten – oder zumindest unseren Blick auf sie. In seinem vierten Spielfilm „Sacrifice“ macht Gavras daraus eine Satire über Menschen, die überzeugt sind, selbst dazu berufen zu sein. Vor dem Hintergrund der Klimakrise treffen wohlhabende Philanthropen, Künstler und Schauspieler auf radikale Aktivisten – gesellschaftlich denkbar weit voneinander entfernt und doch verbunden durch die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Gavras interessiert dabei weniger, wer tatsächlich die Welt retten kann, als das, was sich hinter dem Wunsch verbirgt, sie retten zu wollen. Idealismus trifft auf Eitelkeit, moralische Gewissheit auf Geltungsdrang und politisches Engagement auf das Bedürfnis, selbst eine bedeutende Rolle zu spielen.


1. „Sacrifice“: Eine blonde Frau mit rotem Stirnband zeigt entschlossen nach vorn, während zahlreiche Gäste hinter ihr stehen.
Bildnachweis: © ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic

Dafür findet der Film zunächst ein ebenso schlichtes wie wirkungsvolles Bild: Auf einer luxuriösen Klimaveranstaltung inszeniert eine wohlhabende Elite Verantwortung, ohne ihren Lebensstil infrage zu stellen. Zwischen spektakulärer Architektur, Mode und Entertainment wird Nachhaltigkeit selbst zum Luxus- und Distinktionsmerkmal. Doch „Sacrifice“ belässt es nicht bei dieser Abrechnung. Während die Privilegierten die Krise in Lebensstil und Selbstdarstellung übersetzen, erhebt die radikale Gegenseite ihre Angst zur unumstößlichen Wahrheit. So verschieden ihre Mittel sind, für Zweifel und Selbstkritik bleibt auf beiden Seiten wenig Raum. Darin liegt die Pointe: Eine reale Bedrohung richtig zu erkennen, heißt noch lange nicht, die richtige Antwort auf sie zu haben. Gavras' Film zeigt, wie verführerisch es sein kann, eine komplexe Krise in ein einfaches Narrativ von Schuld, Opfer und Erlösung zu verwandeln.


Wo politische, wirtschaftliche und ökologische Zusammenhänge unübersichtlich bleiben, bietet die Vorstellung eines klaren Schuldigen zumindest Orientierung. Aus Sorge wird so nach und nach Gewissheit, aus Aktivismus ein Glaubensbekenntnis und aus politischem Handeln die Hoffnung auf eine beinahe religiöse Form der Erlösung. Darin treffen sich auch die beiden Ziele der Satire: eine gesellschaftliche Elite, bei der Haltung, Selbstvermarktung und Sichtbarkeit kaum noch zu trennen sind, und ein Fanatismus, der keinen Zweifel mehr zulässt. Beide machen sich die Welt übersichtlicher, indem sie sich selbst eine eindeutige Rolle darin geben. Am präzisesten ist „Sacrifice“, solange er diese Gedanken aus konkreten Situationen entwickelt. Seine Übertreibungen wirken deshalb so treffend, weil sie oft nur einen Schritt von der Gegenwart entfernt sind; weniger überzeugt der Film, sobald er die Satire zugunsten metaphysischer Bedeutung überfrachtet.


„Sacrifice“: Gäste einer eleganten Veranstaltung stehen in Abendkleidung in einer monumentalen weißen Marmorhalle.
Bildnachweis: © ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic

Der schnelle, bissige Klamauk weicht Ritualen, Mythen und langen Gesprächen über Erkenntnis und persönliche Wahrheit. Das wäre als Zuspitzung durchaus schlüssig, doch nach seinem starken Anfang verliert „Sacrifice“ zunehmend den Fokus und damit auch aus den Augen, welche seiner vielen Fragen eigentlich im Mittelpunkt steht. Doch wo das Drehbuch seine vielen Themen nicht immer klar zusammenbringt, versucht die Inszenierung, das mit starken Bildern und einem eindrucksvollen Sound auszugleichen. Elektronische Klänge, Orchester und Naturgeräusche sorgen für eine feierliche, aber zugleich bedrohliche Stimmung. Dadurch bekommt auch die in weiten Bildern eingefangene Landschaft viel Gewicht und wirkt stellenweise fast wichtiger als die Figuren. Gleichzeitig wirken einige Szenen dadurch größer und bedeutender, als sie inhaltlich eigentlich sind. Besonders deutlich wird das Verhältnis zwischen großer Inszenierung und vergleichsweise einfachen Figurenmotiven bei Mike Tyler.


Chris Evans spielt ihn als ehemaligen Star, der noch immer daran gewöhnt ist, im Mittelpunkt zu stehen, zugleich aber zunehmend spürt, dass diese Bedeutung nicht mehr selbstverständlich ist. Mike beobachtet ständig, wie andere auf ihn reagieren, sucht Bestätigung und zieht selbst ernste Situationen in den eigenen Gravitationskreis, weil hinter seiner oft komischen Eitelkeit und Angst vor dem Älterwerden eine tiefere Verunsicherung liegt: Er hat sich so lange darüber definiert, wichtig zu sein, dass mit diesem Status auch sein Selbstbild ins Wanken gerät – weshalb Überheblichkeit und Orientierungslosigkeit bei ihm eng zusammenliegen und ihn zum menschlichen Kern des Films machen. Umso geschickter spielt der Film mit Chris Evans’ vertrautem Heldenimage. Auch Evans ist dem Publikum vor allem als Held bekannt, sodass Mikes Festhalten an seiner eigenen Bedeutung zugleich auf das Starimage seines Darstellers zurückfällt.


„Sacrifice“: Ein Mann im weißen Smoking steht vor einer Gruppe von Fotografen und blickt nachdenklich nach vorn.
Bildnachweis: © ICONOCLAST, Mid March Media, Film4, Heretic

Joan bildet dazu fast das Gegenbild. Wo Mike zweifelt und nach Bestätigung sucht, tritt sie mit einer beinahe unerschütterlichen Gewissheit auf, die Anya Taylor-Joy kühl und kontrolliert spielt. Gerade deshalb funktioniert das Zusammenspiel der beiden so gut: Mikes Bedürfnis nach Bedeutung trifft auf Joans absolute Überzeugung. Das Drehbuch räumt Mike allerdings deutlich mehr Widersprüche ein, während Joan stärker auf die Idee reduziert bleibt, die sie verkörpert. Bei den Nebenfiguren fällt das Problem noch stärker auf. „Sacrifice“ ist prominent besetzt, macht aber wenig aus seinem Ensemble. Vincent Cassel bleibt als Milliardär ein grobes Klischee und John Malkovich dient später hauptsächlich dazu, Hintergrundinformationen nachzuliefern. Eine kleine Ausnahme ist Charli xcx: Ihr kurzer Auftritt als „Mother Nature“ ist weniger eine echte Nebenrolle als eine bewusst gesetzte Pointe – und trifft den Celebrity-Kult, das zur Schau gestellte Engagement und das selbstgefällige Spektakel des Films ziemlich genau.


Fazit:


„Sacrifice“ beginnt als scharfe Satire auf Selbstinszenierung, moralische Gewissheit und den Wunsch, die Welt zu retten, verliert mit zunehmender Überhöhung aber an Fokus und Präzision. Audiovisuell eindrucksvoll inszeniert und von einem starken Chris Evans getragen, bleibt Romain Gavras’ neuer Film dennoch eine bissige, wenn auch nicht durchgehend treffsichere Abrechnung mit Eitelkeit, Fanatismus und dem Bedürfnis, auf der richtigen Seite zu stehen.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 15. Oktober 2026 im Kino.


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Weitere Informationen zu „Sacrifice“:

Genre: Komödie, Thriller, Action

Laufzeit: 101 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Romain Gavras

Drehbuch: Romain Gavras und Will Arbery

Besetzung: Chris Evans, Anya Taylor-Joy, John Malkovich und viele mehr ...


Trailer zu „Sacrifice“:


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