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Kritik zu „Spider-Man: Brand New Day“: Melancholie statt Multiversum

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • vor 4 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Kaum ein anderer Superheld ist für Marvel derzeit so wichtig wie Spider-Man. Nach dem Milliardenhit „Spider-Man: No Way Home“ soll Tom Hollands vierter Solofilm nun beweisen, dass Peter Parker auch ohne Multiversumspektakel noch immer ein Kinoereignis wird.


Bildnachweis: ©2025 CTMG. All Rights Reserved. MARVEL and all related character names: © & ™ 2025
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Für Marvel steht mit „Spider-Man: Brand New Day“ weit mehr auf dem Spiel als der nächste sichere Kassenerfolg. Sein Vorgänger „Spider-Man: No Way Home“ spielte weltweit rund 1,92 Milliarden US-Dollar ein und gehört damit zu den erfolgreichsten Filmen der Kinogeschichte. Vor allem aber bewies er, dass Peter Parker auch nach mehr als zwei Jahrzehnten auf der Leinwand noch immer jene emotionale Bindung erzeugt, die dem Marvel Cinematic Universe zuletzt zunehmend fehlte. Nach einer von kreativer Orientierungslosigkeit und durchwachsenen Publikumsreaktionen geprägten Phase nach „Avengers: Endgame“ soll ausgerechnet Spider-Man das Franchise wieder auf Kurs bringen. Dafür übernahm „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“-Regisseur Destin Daniel Cretton das Netz von Jon Watts, der die ersten drei Filme inszenierte. Wie ist dieser Neuanfang gelungen?


Darum geht es:


Vier Jahre nachdem die Welt Peter Parker vergessen hat, beschützt er New York unerkannt als Spider-Man. Ohne Freunde, ohne die Avengers und noch immer gezeichnet vom Tod seiner Tante kämpft er sich allein durch ein Leben, in dem die Maske längst mehr Raum einnimmt als der Mensch dahinter. Als rätselhafte Angriffe das Department of Damage Control erschüttern, Peter plötzlich neue Kräfte entwickelt und ein unsichtbarer Gegner jeden seiner Schritte vorauszuahnen scheint, gerät sein ohnehin brüchiges Leben endgültig aus dem Gleichgewicht. Denn diesmal genügt es womöglich nicht, sich durch die Häuserschluchten zu schwingen und ein paar Netze zu spinnen.


Die Rezension:


„Spider-Man: No Way Home“ hinterließ Peter Parker an einem Punkt, von dem aus sich die Reihe kaum noch größer, wohl aber schmerzhafter erzählen ließ. Seine Welt war gerettet, sein Platz darin ausgelöscht. Fünf Jahre später versucht „Spider-Man: Brand New Day“ deshalb gar nicht erst, das Multiversum mit dem nächsten kosmischen Knall zu übertönen. Destin Daniel Cretton holt den Netzschwinger zurück auf die Straßen New Yorks und schickt Peter zugleich dorthin, wo ihm keine Maske Schutz bietet: zu sich selbst. Dieser Peter Parker hat aufgehört, ein eigenes Leben zu führen. Familie, Freunde, Wärme – all das ist aus seinem Alltag verschwunden. Selbst seine heruntergekommene Wohnung gleicht weniger einem Zuhause als einer Einsatzzentrale, vollgestopft mit Werkzeugen, Bildschirmen und selbst gebauter Technik. Wo Erinnerungsstücke stehen könnten, warten Ersatzteile.


Bildnachweis: ©2025 CTMG. All Rights Reserved. MARVEL and all related character names: © & ™ 2025
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Wo ein junger Mann wohnen sollte, arbeitet Spider-Man. Die Maske verbirgt Peter nicht mehr; sie hat ihn beinahe aufgefressen. Tom Holland darf dabei endlich wieder mehr zeigen, als nur schnelle Sprüche zu liefern und spektakulär durch New York zu schwingen. Natürlich ist er noch immer der charmante und unterhaltsame Titelheld. Doch dieser Peter Parker ist nicht mehr der unbeschwerte Teenager von früher. Er wirkt vorsichtiger, angespannter und trägt eine Bitterkeit mit sich, die Holland in flüchtigen Blicken, einem kaum merklichen Zögern und jenen Augenblicken, in denen Peter die Kontrolle entgleitet, sehr fein aufblitzen lässt. Am deutlichsten schmerzt das in Peters Begegnungen mit MJ und Ned. Während die beiden längst in einem Leben angekommen sind, zu dem er einmal selbstverständlich gehörte, bleibt Peter nur die Rolle des Fremden.


Zendaya und Jacob Batalon müssen ihre Figuren dabei nicht künstlich an die Vergangenheit heranführen. MJ spürt eine Vertrautheit, für die ihr jede Erinnerung fehlt, Ned begegnet Spider-Man mit unbefangener Neugier und will unbedingt herausfinden, wer wohl hinter der Maske steckt. Gerade weil Cretton dieser Entfremdung keine bequeme magische Abkürzung gönnt, entfalten die gemeinsamen Szenen eine stille Grausamkeit. Nähe ist möglich – nur nicht mehr dieselbe. Auch Peters Körper beginnt gegen dieses verdrängte Leben zu rebellieren. Seine Sinne geraten aus dem Takt, seine Kräfte verändern sich, und immer häufiger muss Peter darum kämpfen, Herr über sich selbst zu bleiben. Kämpfe kippen plötzlich in rohe Aggression, Geräusche drängen sich wie eine Wand in seine Wahrnehmung – Holland wirft sich mit einer körperlichen Härte in diese Entwicklung, die den niedlichen Teenagerhelden aus „Spider-Man: Homecoming“ endgültig hinter sich lässt.


Regisseur Destin Daniel Cretton und Tom Holland am Set von „Spider-Man: Brand New Day“:

Bildnachweis: ©2025 CTMG. All Rights Reserved. MARVEL and all related character names: © & ™ 2025
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Umso bedauerlicher ist, dass das Drehbuch diesen Konflikt später teilweise an ein technisches Hilfsmittel auslagert. Für einen Zustand, der aus Trauer, Verdrängung und Selbstverlust entstanden ist, findet der Film eine erstaunlich handliche Lösung. Das Gerät mag die Symptome bändigen, doch es verkürzt eine Entwicklung, die eigentlich nach emotionaler Aufarbeitung verlangt. „Spider-Man: Brand New Day“ wagt sich erstaunlich tief in Peters Einsamkeit hinein und greift doch dort nach der Notbremse, wo es wirklich unangenehm werden könnte. Ohnehin interessiert sich der Film stärker für die Symbolik von Peters dürftigem Leben als für dessen praktische Mühen. Wie er ohne erkennbares Einkommen Miete, Lebensmittel und technische Ausrüstung finanziert, bleibt ein blinder Fleck. Existenzminimum dient hier vor allem als Kulisse: ausreichend karg, um Peters Isolation sichtbar zu machen, aber nie so konkret, dass eine unbezahlte Rechnung seinen Helden ausbremsen könnte.


Inszenatorisch besitzt dieser Neuanfang dennoch eine klare Handschrift. Cretton und Kameramann Brett Pawlak entziehen New York einen Großteil seiner früheren Leichtigkeit. Grauer Himmel, Regen und dunkle Innenräume legen sich über die Stadt. Die hellen Schulflure der ersten Filme sind weit entfernt. Dieser Spider-Man bewegt sich durch ein New York, das schwerer geworden ist und manchmal wirkt, als trüge es denselben Kloß im Hals wie sein Held. Sobald die Fäuste fliegen, zahlt sich zudem Crettons Erfahrung mit „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“ aus. Spider-Man wirbelt nicht einfach durch austauschbare CGI-Scharmützel, sondern muss seinen Kampfstil immer wieder neu erfinden. Netze, Gadgets, Wände und Straßenschluchten werden zu Werkzeugen einer Choreografie, die Peters Verfassung gleich miterzählt.


Bildnachweis: ©2025 CTMG. All Rights Reserved. MARVEL and all related character names: © & ™ 2025
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Pawlak hängt sich dabei förmlich an jede Netzfaser. Die Kamera stürzt zwischen Hochhäusern hinab, zwängt sich in die Maske und findet Blickwinkel, die selbst vertrauten Schwingbewegungen wieder Tempo verleihen. Praktische Stunts und direkt am Set erzeugte Effekte geben vielen Auseinandersetzungen jenes Gewicht zurück, das im MCU zuletzt häufiger im digitalen Nebel verloren ging. Ganz verschwindet dieser allerdings nicht. Einzelne Flüge lassen Körper und Umgebung wieder zu glatt und schwerelos wirken; manche Greenscreen-Aufnahme fällt aus der ansonsten greifbaren Bildwelt wie ein loses Puzzleteil.


Michael Giacchino setzt den gereiften Ton musikalisch fort. Sein vertrautes Spider-Man-Thema kehrt zunächst nur in Splittern zurück, als lägen die Melodien früherer Abenteuer noch irgendwo unter den Trümmern von Peters altem Leben. Gedämpfte Streicher und vorsichtige Klavierklänge füllen die Leere, ohne sie ständig mit Pathos zuzukleistern. Besonders in den Momenten mit MJ und Ned tastet sich die Musik an bekannte Motive heran, zieht sich jedoch zurück, bevor daraus wieder Geborgenheit entstehen kann. Erst hoch über den Straßen darf das Orchester aufatmen. Doch selbst wenn die Blechbläser den Helden feiern, bleibt eine melancholische Schwere zurück. Gelegentlich unterstreicht Giacchino Peters Schmerz etwas eifriger, als Hollands Spiel und Crettons Bilder es nötig hätten. Meist hält der Score jedoch geschickt die Balance zwischen mitreißendem Superheldenschwung und dem Klang eines Lebens, in dem entscheidende Töne fehlen.


Bildnachweis: ©2025 CTMG. All Rights Reserved. MARVEL and all related character names: © & ™ 2025
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Wen Sadie Sink in „Brand New Day“ genau spielt, sollte der Film selbst enthüllen dürfen. Verraten lässt sich jedoch, dass ihre Gegenspielerin weit mehr mit Peter verbindet, als es zunächst scheint. Beide wurden durch einen verheerenden Verlust aus ihrem früheren Leben gerissen. Während Peter versucht, jede persönliche Bindung unter der Maske zu begraben, hat sie ihren Schmerz in eine Macht verwandelt, die sie auf völlig andere Weise einsetzt als es der freundliche Superheld aus der Nachbarschaft. Gerade im Zusammenspiel mit Holland spielt Sink großartig aus, wie nah Bedrohung und Verletzlichkeit beieinanderliegen können.


Auch das Zusammentreffen mit Frank Castle entwickelt mehr Reibung als bloßer Fanservice erwarten lässt. Jon Bernthal bewahrt dessen grummeligen Antiheldencharme und die kompromisslose Weltsicht, die ihn zu Peters denkbar ungeeignetem – und gerade deshalb reizvollem – Gegenüber macht. Frank erkennt in ihm einen jungen Mann, der seinen Verlust genauso beharrlich in eine Mission umdeutet wie er selbst. Aus dem Zusammenprall entsteht beinahe eine Mentorenbeziehung. Ganz unbeschadet übersteht der Punisher den Ausflug ins familienfreundlichere Spider-Man-Revier allerdings nicht. Seine gefährliche Unberechenbarkeit wird deutlich heruntergeregelt, bis von Frank Castle stellenweise vor allem rauer Charme übrig bleibt.


Bildnachweis: ©2025 CTMG. All Rights Reserved. MARVEL and all related character names: © & ™ 2025
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Die Paarung funktioniert, weil Holland und Bernthal großartig gegensätzliche Energien aufeinanderprallen lassen. Dafür muss sich der Punisher jedoch stärker dem Film anpassen, als der Film sich ihm öffnet. Andere Gastfiguren haben es dagegen noch schwerer. Bruce Banner alias Hulk, Scorpion und die Ninjas der Hand liefern Cretton zwar reichlich Material für spektakuläre Auftritte, bleiben erzählerisch aber häufig Besucher im eigenen Film. Darin steckt der zentrale Widerspruch von „Spider-Man: Brand New Day“: Der Film möchte Peter Parker so nahekommen wie kein MCU-Abenteuer zuvor und muss gleichzeitig zahlreiche Figuren einführen, alte Fäden aufnehmen und bereits die nächsten Großereignisse mit Baumaterial versorgen.


Peter Parkers Charakterstudie verlangt Intimität. Der Franchisebetrieb schiebt derweil schon wieder Möbel durchs Bild. Cretton hält Peter trotz dieses Gedränges im Zentrum, doch die Geschichte vertraut ihren Veränderungen selten lange genug. So bewegt sich in den 145 Minuten beinahe alles – nur Peters innerer Zustand dreht sich immer wieder an denselben Ausgangspunkt zurück. Der Film zeigt einen Helden, der dringend einen Schritt nach vorn bräuchte und hält ihn zugleich für weitere Fortsetzungen in Reichweite des Status quo. Trotzdem war Peter Parker im MCU lange nicht mehr so vielschichtig und tiefgründig angelegt. Holland entwickelt ihn in seinem vierten Soloauftritt stärker weiter als in allen vorherigen Filmen zusammen.


Bildnachweis: ©2025 CTMG. All Rights Reserved. MARVEL and all related character names: © & ™ 2025
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Cretton findet eindringliche Bilder für seine Einsamkeit, inszeniert einige der besten Actionszenen der Reihe und bewahrt selbst im zunehmend vollen Schlussdrittel Platz für leise, verletzliche Momente. Bleibt „Spider-Man: Brand New Day“ bei Peter, MJ und Ned, erreicht er eine emotionale Kraft, die Marvel seit „Avengers: Endgame“ nur selten wiedergefunden hat. Als vollständiger Neuanfang trägt der Titel dennoch etwas zu dick auf. Der Film hängt zwischen zwei Hochhäusern: Auf der einen Seite wartet die Vergangenheit, auf der anderen bereits das nächste Kapitel des MCU. Dazwischen schwingt ein Spider-Man, der genau weiß, was er verloren hat, aber noch nicht, wer er ohne diesen Verlust sein könnte. „Brand New Day“ erkennt darin seine stärkste Geschichte. Nur lässt er das Netz zu früh wieder los.


Fazit:


Destin Daniel Crettons „Spider-Man: Brand New Day“ verbindet spektakuläres Popcornkino mit einer intimen, verletzlichen Charakterstudie, in der Tom Holland als freundlicher Superheld aus der Nachbarschaft so eindringlich überzeugt wie nie zuvor. Nur der Franchisebauplan bremst den Neuanfang gelegentlich aus.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 29. Juli 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Spider-Man: Brand New Day“:

Genre: Abenteuer, Action, Science-Fiction, Fantasy

Laufzeit: 145 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Destin Daniel Cretton

Drehbuch: Erik Sommers und Chris McKenna

Besetzung: Tom Holland, Zendaya, Sadie Sink und viele mehr ...


Trailer zu „Spider-Man: Brand New Day“:


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