Kritik zu „Sunny Dancer“: Ein Sommer zurück im Leben
- Toni Schindele

- vor 3 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Im Rahmen der 76. Berlinale feierte George Jaques’ „Sunny Dancer“ mit „The Last of Us“-Star Bella Ramsey im Februar seine Deutschlandpremiere. Rund ein halbes Jahr später kommt die Coming-of-Age-Tragikomödie nun auch regulär in die deutschen Kinos.

George Jaques’ Wunsch, einen Film über Krebs zu drehen, reicht bis in seine Jugend zurück, als seine Mutter über längere Zeit erkrankt war. Die entscheidende Idee für „Sunny Dancer“ kam jedoch Jahre später im Gespräch mit seiner Cutterin Caitlin Spiller, die selbst als Kind Krebs hatte und von Feriencamps für junge Betroffene erzählte. Bei seiner anschließenden Recherche sprach Jaques mit zahlreichen jungen Menschen, die selbst an Krebs erkrankt waren, und nahm auch an einem mehrtägigen Camp für Betroffene teil. Dabei entstand für ihn zunehmend der Wunsch, ihre Erfahrungen nicht auf Diagnose, Behandlung und Krankheit zu verengen. Aus diesem Ansatz entwickelte sich schließlich „Sunny Dancer“.
Darum geht es:
Mit 17 hat Ivy eine Krebserkrankung überstanden und vor allem eines satt: Mitleid. Umso weniger begeistert ist sie, als ihre Eltern sie ausgerechnet in ein Sommercamp für krebskranke Jugendliche schicken. Zwischen festen Regeln, schrägen Camp-Aktivitäten und einer Gruppe Gleichaltriger, die genauso wenig auf ihre Krankheit reduziert werden wollen wie sie selbst, beginnt Ivy jedoch langsam aufzutauen. Neue Freundschaften, ein erster Kuss und ein Sommer voller kleiner Freiheiten lassen sie für eine Weile vergessen, weshalb sie überhaupt hier ist. Doch wie einfach ist es, ins Leben zurückzufinden, wenn die Vergangenheit immer mit im Gepäck bleibt?
Die Rezension:
Manchmal besteht ein großer Sieg schlicht darin, wieder über Kleinigkeiten streiten zu dürfen. Darüber, wer neben wem im Bus sitzt. Wer beim Schwimmen kneift. Wer wen gut findet. Wer zu viel trinkt, einen dummen Spruch macht oder sich beim Flirten derart unbeholfen anstellt, dass man am liebsten im Boden versinken würde. Für die Jugendlichen in George Jaques’ „Sunny Dancer“ ist genau diese Banalität ein Luxus. Sie alle haben eine Krebserkrankung vorerst hinter sich. Nun sollen sie in einem Sommercamp lernen, wieder ins Leben zurückzufinden. Was zunächst verdächtig nach einer jener Geschichten klingt, die ihre Figuren möglichst effizient in wandelnde Lebensweisheiten verwandeln, entwickelt sich dabei erstaunlich schnell zu etwas viel Schönerem: einem Film, der sie einfach jung sein lässt.

„Sunny Dancer“ setzt dort ein, wo andere Geschichten aufhören würden: nach der Krankheit, aber noch lange nicht zurück im normalen Leben. Unsere Protagonistin Ivy ist körperlich wieder da, emotional aber noch längst nicht zurück, und dann landet sie ausgerechnet in einem Camp, dessen Leiter Patrick mit der Energie eines Mannes auftritt, der augenscheinlich selbst einem Waldbrand noch etwas Positives abgewinnen würde. Dass der Film daraus jedoch keine simple Front zwischen zynischer Jugend und peinlich gut gelaunten Erwachsenen baut, gehört zu seinen großen Stärken. Denn Patrick ist ebenso wenig die Karikatur, als der er anfangs erscheint, wie Ivy das mürrische Mädchen bleibt, das nur lernen muss, wieder Spaß zu haben.
Jaques interessiert sich vielmehr dafür, welche Schutzmechanismen sich Menschen zulegen, wenn ihnen das Leben einmal mit voller Wucht gezeigt hat, wie wenig selbstverständlich es ist. Das könnte schnell in jene bedeutungsschwere Sentimentalität kippen, die Filme über junge schwerkranke Menschen so gerne befällt. Jaques hält dieser Schwere lange etwas entgegen, vor allem mit seinem trockenen britischen Humor, der „Sunny Dancer“ über weite Strecken tatsächlich die Leichtigkeit eines Sommerfilms verleiht. Dazu passt die schottische Landschaft, die sich weit vor den Jugendlichen öffnet und ihnen damit genau jenen Raum zurückzugeben scheint, den Krankenhauszimmer und besorgte Eltern zuvor immer enger werden ließen.

Der Film kann minutenlang beinahe vergessen lassen, warum diese Jugendlichen überhaupt zusammengekommen sind. Nur vergisst er es nie ganz. Die Krankheit bleibt im Hintergrund wie ein Schatten, den niemand ständig anschauen muss, damit man weiß, dass er da ist. Genau dadurch gewinnen die leichten Szenen ihr Gewicht. Jaques muss keinen traurigen Score aufdrehen, wenn die Gruppe miteinander lacht. Besonders klug ist, wie wenig Interesse „Sunny Dancer“ an den üblichen dramaturgischen Sprengsätzen zeigt. Niemand muss plötzlich einen grotesken Verrat begehen, damit im zweiten Akt etwas passiert. Keine Eifersuchtsintrige wird aus dem Boden gestampft. Es gibt auch nicht den einen großen Streit, nach dem alle beleidigt auseinanderlaufen, nur um zwanzig Minuten später geläutert wieder zusammenzufinden.
Diese Jugendlichen reden Unsinn, provozieren einander, kiffen, trinken, flirten, machen schlechte Entscheidungen und manchmal auch einfach gar nichts. Kurz: Sie benehmen sich wie Jugendliche. Gerade Coming-of-Age-Ensembles wirken häufig wie sorgfältig zusammengesetzte Drehbuchgruppen, bei denen jede Figur vor allem eine bestimmte Funktion erfüllen soll. Das ist zwar auch hier nicht völlig anders, und doch sind die Figuren so fein angelegt, dass sich das Gefühl einstellt, man sehe wirklich jungen Menschen dabei zu, wie sie gemeinsam Zeit totschlagen und dabei ganz nebenbei wichtig füreinander werden. Dass diese Gruppe so schnell lebendig wird, verdankt „Sunny Dancer“ dabei vor allem seinem spielfreudigen Ensemble.

Ruby Stokes macht aus Ella weit mehr als die obligatorische vorlaute Mitbewohnerin: Ihre demonstrative Lust am Flirten, Sex und möglichst schlechten Ratschlägen liefert zwar einige der größten Lacher, doch Stokes weiß genau, wann hinter der großen Klappe plötzlich etwas Zarteres hervorscheinen darf. Auch bei den Erwachsenen findet der Film mehr als bloß freundliche Stichwortgeber. Doch all diese Figuren kreisen letztlich um Bella Ramsey als Ivy. Die Schultern ein wenig hochgezogen, der Blick auf Abstand, die Antwort eine Spur zu knapp. Ivy trägt ihre Wut nicht wie ein Schild vor sich her, sondern wie etwas, das längst Teil ihrer Körperhaltung geworden ist. Sehr fein können wir in Ramseys Spiel in „Sunny Dancer“ beobachten, wie diese Abwehr unmerklich nachlässt.
Kein großer Wendepunkt, kein plötzliches Lächeln in Zeitlupe. Man bemerkt irgendwann fast beiläufig, dass Ivy inzwischen näher bei den anderen sitzt. So verwandelt sich auch der Film fast nebenbei. Anfangs klebt „Sunny Dancer“ noch eng an Ivy und ihrer Isolation. Später wird daraus zunehmend ein Ensemblefilm. Die Gruppe bekommt ihren eigenen Rhythmus, ihre Insider, ihre kleinen Rituale. Ganz ohne die vertrauten Mechanismen seines Genres kommt „Sunny Dancer“ allerdings nicht aus. Jaques arrangiert all das sympathisch, erfindet das Coming-of-Age-Kino damit aber nicht neu. Auch bleiben jene körperlichen und psychischen Nachwirkungen einer schweren Erkrankung, die weniger gut in dieses sonnige Konzept passen, häufig sehr am Rand.

Man versteht die Entscheidung. Der Film möchte seinen Figuren schließlich nicht gleich das nächste Leid aufladen. Trotzdem entsteht stellenweise der Eindruck, dass „Sunny Dancer“ seine angenehm unbeschwerte Tonlage lieber schützt, als ihr wirklich gefährlich werden zu lassen. Ausgerechnet im Finale passiert dann das Gegenteil. Wo lange ein Blick, eine Berührung oder ein ausgelassenes gemeinsames Erlebnis genügt haben, scheint Jaques plötzlich sicherstellen zu wollen, dass wirklich niemand den Kinosaal verlässt, ohne noch einmal kräftig am Herzen gepackt worden zu sein. Plötzlich scheint Jaques seiner bis dahin so sicheren Zurückhaltung nicht mehr ganz zu trauen und so wird die emotionale Schraube noch einmal deutlich angezogen. Das ist schade, weil „Sunny Dancer“ solche Nachhilfe eigentlich gar nicht braucht.
Fazit:
„Sunny Dancer“ macht aus einer überstandenen Krankheit keine Lebenslektion, sondern gibt seinen Figuren vor allem eines zurück: die Freiheit, wieder jung, chaotisch und verliebt sein zu dürfen. George Jaques greift dramaturgisch nicht immer gleich sicher zu, findet mit seinem großartigen Ensemble und einer herausragenden Bella Ramsey aber genau jene Mischung aus Leichtigkeit und Schmerz, die lange nachhallt.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 13. August 2026 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Sunny Dancer“:
Genre: Tragikomödie
Laufzeit: 106 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: George Jaques
Drehbuch: George Jaques
Besetzung: Bella Ramsey, Neil Patrick Harris, Ruby Stokes und viele mehr ...
Trailer zu „Sunny Dancer“:





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