Kritik zu „Wenn das Licht zerbricht“: Ein traurig schöner Tag in Reykjavik
- Toni Schindele

- 7. Mai 2025
- 3 Min. Lesezeit
Rúnar Rúnarssons neuer Film „Wenn das Licht zerbricht“ lässt uns in eine Welt eintauchen, in der das Unausgesprochene lauter wirkt als jedes Wort – zwischen dem, was war, und dem, was vielleicht noch sein könnte.

Aus den weiten Landschaften Islands, die in vielen seiner Filme eine Rolle spielen, rückt die Kamera Stück für Stück näher an die Menschen heran, die Rúnar Rúnarsson in seinen Werken porträtiert. Der isländische Regisseur, der mit Kurzfilmen wie „Síðasti bærinn“ und „Smáfuglar“ erste internationale Aufmerksamkeit erlangte, führt seine Beobachtungen des menschlichen Miteinanders seit Jahren in seinen Spielfilmen fort. In seinem neuesten und vierten Langspielfilm „Wenn das Licht zerbricht“ steht dieses Mal Trauer im Mittelpunkt.
Darum geht es:
Ein Augenblick – und nichts ist mehr, wie es war. Noch eben träumte Kunststudentin Una mit ihrem Freund Diddi von einer gemeinsamen Zukunft – bis ein Unfall alles verändert. Gemeinsam mit Diddis bestem Freund Gunni und der gemeinsamen Clique zieht Una durch die Straßen Reykjavíks. Während die Freunde einander Halt geben, wird Una von einem Geheimnis eingeholt, das ihre Schuldgefühle verstärkt.
Die Rezension:
Rúnar Rúnarssons „Wenn das Licht zerbricht“ ist ein ebenso intimes wie präzise inszeniertes Kammerspiel, das seine emotionale Wucht weniger aus konventionellen dramaturgischen Spannungsbögen als vielmehr aus einer beeindruckenden atmosphärischen Dichte zieht. In nur 82 Minuten entfaltet sich ein filigranes Stimmungsbild aus Trauer, Trost und dem unaufhörlichen Versuch, das eigene Leben inmitten eines plötzlichen Verlusts wieder zu ordnen – ob im intimen Gespräch, im betrunkenen Trost, in zufälligen Begegnungen oder in der stillen Konfrontation mit dem eigenen Schmerz. Dabei meidet der Film jede vordergründige Dramatik zugunsten einer leisen, fast dokumentarisch anmutenden Perspektive, die sich auf die kleinen, kaum sichtbaren Verschiebungen in den Blicken, Gesten und Stimmungen seiner jungen Figuren konzentriert.

Mit zwei Sonnenuntergängen als atmosphärischem Rahmen greift der isländische Regisseur auf ein Motiv zurück, das gemeinhin Gefahr läuft, ins Kitschige abzurutschen, hier jedoch als schlüssiger dramaturgischer Bogen funktioniert. Zwischen diesen beiden Zäsuren verhandelt der Film die Transformation von Gemeinschaft und Einsamkeit, von kollektiver Erfahrung und individueller Isolation. Dabei gelingt es Rúnarsson, Trauer als einen Prozess zu zeigen, der ebenso universell wie individuell ist. Die Zukunft, die in diesem Film aufscheint, ist nicht frei von Schmerz, aber sie ist auch nicht ohne Hoffnung. Diese leise Zuversicht, die sich vor allem aus den kleinen Momenten des Alltags speist, macht den Film letztlich zu einer visuellen Gedankenreise über das, was bleibt, wenn das Licht zerbricht – und was vielleicht neu entstehen kann.
Rúnarsson verzichtet weitgehend auf erklärende Dialoge und vertraut stattdessen auf eine ausgefeilte Bilddramaturgie. Das warme Orange der untergehenden Sonne kontrastiert mit den kühlen, diesigen Tönen des Morgengrauens – die Bildsprache, kongenial entwickelt von Kamerafrau Sophia Olsson, verleiht diesem Szenario eine erstaunliche Ausdruckskraft. Immer wieder werden Licht, Farben und Reflexionen als erzählerische Elemente eingesetzt, wodurch sich eine visuelle Poetik entfaltet, die den Film trägt. Diese atmosphärische Verdichtung ist zweifellos eine der großen Stärken des Films. Besonders eindrucksvoll ist dabei die konsequente Nähe zur Protagonistin Una.

Die Kamera bleibt an ihrem Gesicht, selbst wenn sie sich von der Welt abwendet. Gleichwohl bleibt der Film emotional eher auf Distanz. Die Figur Una, die den narrativen Kern bildet, bleibt trotz der Kameranähe emotional schwer greifbar, weil der Film ihre Innenwelt nur andeutet, aber nicht wirklich öffnet. An manchen Stellen wirkt die Dramaturgie zudem etwas zu kalkuliert. Jede Szene fügt sich nahtlos in die andere, jede visuelle Metapher scheint strategisch, jede Spiegelung sorgfältig gesetzt. Statt einer Unmittelbarkeit des Schmerzes bleibt oft eine kunstvoll gefilterte Reflexion. Gerade die Frage, wie weit Una bereit ist, ihr Geheimnis preiszugeben, wird zwar angedeutet, aber nie konsequent zugespitzt.
Fazit:
Zwischen zwei Sonnenuntergängen verweben Sophia Olssons Bilder und Rúnar Rúnarssons Inszenierung in nur 82 Minuten die zarten Brüche zwischen Nähe und Isolation, zwischen Schmerz und Hoffnung – ohne große Dramatik, aber mit präzisem Blick.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 8. Mai 2025 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Wenn das Licht zerbricht“:
Genre: Drama
Laufzeit: 82 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Rúnar Rúnarsson
Drehbuch: Rúnar Rúnarsson
Besetzung: Elín Hall, Mikael Kaaber, Katla Njálsdóttir und viele mehr ...
Trailer zu „Wenn das Licht zerbricht“:





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