Amine Adjina im Interview zu „Couscous und Geheimnisse“: „Kochen bedeutet immer auch, eine Geschichte zu erzählen“
- Toni Schindele

- vor 23 Stunden
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„Für mich ist eine gute Komödie immer ein Film, den man auch als Drama erzählen könnte“, erzählt Amine Adjina. Sein Film „Couscous und Geheimnisse“ verbindet genau diesen Gedanken mit einer Geschichte über Familie, Herkunft und die Angst davor, unterschiedliche Lebenswelten miteinander zu konfrontieren.

Mehdi hat ein Problem: In seinem Leben gibt es zwei Welten, die er viel zu lange voneinander getrennt hat. Im Bistro arbeitet er als talentierter Koch, liebt die französische Küche und plant mit seiner Partnerin Léa die gemeinsame Zukunft. Zu Hause bei seiner algerischen Mutter Fatima spielt er dagegen weiterhin den Sohn, den sie zu kennen glaubt. Léa kommt in dieser Version seines Lebens nicht vor. Als Léa schließlich darauf besteht, Fatima kennenzulernen, gerät Mehdis Doppelleben ins Wanken. Amine Adjina entwickelt in „Couscous und Geheimnisse“ daraus eine Culture-Clash-Komödie über Familie, Herkunft, kleine Notlügen und den Mut, die eigene Wahrheit auszusprechen. Kurz vor dem deutschen Kinostart hat sich der französische Filmemacher Zeit für ein Interview genommen.
Der Film Journalist: Viele Filmemacher wählen für ihr Debüt eine Geschichte, die ihnen besonders nahesteht. Wie war das bei Ihnen?
Amine Adjina: Es ist mein erster Langspielfilm, aber ich habe vorher schon viel geschrieben, unter anderem fürs Theater, und auch als Schauspieler gearbeitet. Wichtig war mir immer, Geschichten zu erzählen, die mit etwas Persönlichem verbunden sind. Der eigentliche Ausgangspunkt des Films liegt tatsächlich auch in einer sehr intimen Erfahrung. Es gab eine Situation, die mich über Jahre begleitet hat. Ich wusste, dass darin eine Filmszene steckt, eine Situation, aus der sich eine Fiktion entwickeln lässt. Es ging daher nicht darum, einfach die eigene Erfahrung eins zu eins zu übernehmen, sondern daraus eine erfundene Geschichte zu entwickeln. Der Film entstand aus diesem inneren Punkt heraus: aus der Frage, was passiert, wenn man zwei Welten, zwei familiäre oder kulturelle Räume, miteinander konfrontiert. Daraus wurde nach und nach die Geschichte von Mehdi.
Der Film Journalist: Ihr Protagonist Mehdi bewegt sich ständig zwischen verschiedenen Welten und versucht, diese voneinander getrennt zu halten. Sollte Ihr Film daher auch ein Plädoyer für Begegnung werden – also dafür, Ängste zu überwinden und sich nicht in die eigene Gruppe oder Identität zurückzuziehen?
Amine Adjina: Ja, vollkommen. Wir leben in einer Zeit, in der Orte der Begegnung seltener werden. Menschen bleiben stärker in ihren eigenen Gruppen, und Begegnung wird dadurch schwieriger. Gleichzeitig sieht man in Europa Bewegungen, die auf Abschottung setzen und vorschlagen, sich wieder stärker zu verschließen. Ich halte das für gefährlich. Der andere, die

Alterität, kann uns immer etwas beibringen. Genau diese Idee steckt auch im Film. Mehdi glaubt zunächst nicht daran, dass eine wirkliche Begegnung möglich ist, oder er hat zumindest Angst davor. Aber wenn er sich darauf einlässt, verändert sich etwas. Der Film erzählt also auch davon, dass man nicht in der Angst bleiben sollte. Man sollte versuchen, sich zu öffnen, statt sich abzuschotten.
Der Film Journalist: In Ihrem Film liegen Leichtigkeit und ernste Fragen eng beieinander. Warum war die Komödie für Sie der richtige Zugang für diese Geschichte?
Amine Adjina: Für mich ist eine gute Komödie immer ein Film, den man auch als Drama erzählen könnte. Diese Dimension ist sehr wichtig. Wenn es keine dramatische Grundlage gibt, verliert auch das Lachen an Bedeutung. Und umgekehrt kann Humor helfen, dramatische Situationen genauer zu erzählen. In Algerien gibt es beispielsweise eine starke Verbindung zwischen ernsten Situationen und Humor. Auch über problematische Dinge wird gelacht. Ich glaube, dass Lachen manchmal ermöglicht, etwas präziser und berührender zu erzählen. Ich wollte deshalb ein Gleichgewicht zwischen Komödie und Emotion halten. Man soll lachen können, aber gleichzeitig soll darunter eine emotionale Ebene spürbar bleiben. Bei Vorführungen habe ich gemerkt, dass die Emotion tatsächlich ankommt. Es entsteht Empathie – und ich glaube, das Lachen hilft dem Publikum, sich dieser Empathie zu öffnen.
Der Film Journalist: Sie haben schon angesprochen, dass es Ihr erster Langspielfilm ist, Sie aber vorher bereits Geschichten geschrieben, am Theater gearbeitet und auch als Schauspieler gespielt haben. Hat Ihnen das Theater etwas gegeben, das Ihnen nun beim Langspielfilm geholfen hat?
Amine Adjina: Die Arbeit am Theater hat mir vor allem im Umgang mit Dialogen und Schauspielern geholfen. Ich schreibe für Schauspieler, also für etwas, das gespielt wird. Das hat

meine Art, Drehbücher zu schreiben, stark geprägt. Dass ich selbst Schauspieler war, hilft mir außerdem bei der Schauspielführung. Ich glaube, ich bin dadurch näher an den Schauspielern. Ich spüre instinktiver, wie ich mit ihnen sprechen muss und wie sie sich im Raum bewegen. Schauspiel hat immer auch mit Raum zu tun: Wie steht ein Körper im Raum? Ist der Raum richtig? Wie kann man damit arbeiten? Für diesen Film war mir wichtig, vorher zu proben. Das macht man im Theater sehr häufig, im Kino aber nicht immer. Ich wollte mit den Schauspielern fast alle Szenen vorher ansehen und erarbeiten, um eine gemeinsame Sprache zu finden. Dadurch konnten sie beim Dreh weiter gehen, freier spielen und stärker in die Figuren eintauchen.
Der Film Journalist: Apropos gemeinsame Sprache: Wie eine eigene Sprache zieht sich auch die Kulinarik durch Ihren Film. Mehdi bewundert die französische Gastronomie, verdrängt aber zugleich einen Teil seiner eigenen kulinarischen Herkunft. Warum eignet sich Küche so gut, um über Identität, Familie und Zugehörigkeit zu erzählen?
Amine Adjina: Ja, für mich ist sie in gewisser Weise das beste Symbol. Essen ist ein kleinster gemeinsamer Nenner: Was essen wir? Was teilen wir? Mit Essen verbinden Menschen Kindheit, Familie, Identität und Geschichte. Kochkunst besteht auch darin, eine Geschichte und eine Sensibilität mit etwas Neuem zu verbinden. Man transformiert etwas, man besucht etwas wieder, man erneuert es. Bei Mehdi fehlt zu Beginn etwas, das er erst wiederfinden muss. Diese Begegnung erneuert am Ende auch seine eigene Küche. Sie wird präziser und origineller. Kochen bedeutet immer auch, eine Geschichte zu erzählen. Die Frage ist: Welche Geschichte erzählen wir, wenn wir kochen?
Der Film Journalist: Sie haben einmal gesagt, dass das Szenenbild des Films für Sie auch eine politische Dimension hat. Können Sie das näher erläutern?
Amine Adjina: Ich habe den Raum wie eine Figur gedacht. Räume sollten ein eigenes Leben haben. Für mich muss ein Raum nicht nur die Geschichte begleiten, sondern auch auf einer unbewussten Ebene wirken. Das zeigt sich auch in der Art, wie wir gefilmt haben. In der Bar von Souila ist die Kamera beweglicher, näher an den Menschen, stärker aus der Hand. Im Bistro von Mehdi dagegen gibt es ruhigere, festere Einstellungen und stilisiertere Bewegungen, etwa mit der Steadicam. Sehr wichtig war mir auch die Wohnung der Mutter. Sie sollte gepflegt, fast barock wirken. In Filmen werden Wohnungen in Arbeitervierteln oder populären Vierteln oft mit Unordnung oder Schmutz verbunden. Das ist aber ein Fehler. Gerade solche Innenräume sind oft Orte, an denen Menschen sehr viel Wert auf Würde legen.
Die Art, wie man sich um sein Zuhause kümmert, hat mit Würde zu tun. Und das ist für mich

politisch. Auch die Bar ist politisch, weil sie ein Ort für Menschen ist, die vielleicht anderswo keinen Platz haben. Trotzdem soll sie Wärme ausstrahlen. Man soll das Gefühl haben, dass man gerne unter diesen Menschen wäre. Dazu kam die genaue Beziehung zwischen Kostümen und Dekor. Farben, Räume und Kleidung mussten zusammenwirken. In der Bar gibt es beispielsweise Blautöne, die auch eine indirekte Anspielung auf Fassbinder enthalten. Obwohl der Film in Lyon gedreht wurde, sollte er einen mediterranen Charakter bekommen.
Der Film Journalist: Die Dreharbeiten zu diesem Film liegen inzwischen knapp zwei Jahre zurück, der französische Kinostart liegt etwa ein halbes Jahr zurück. Arbeiten Sie bereits an einem neuen Film?
Amine Adjina: Ja, also ich möchte eine Trilogie machen. Dieser Film ist der erste Teil davon. Es soll aber keine direkte Fortsetzung im klassischen Sinn werden. Es geht eher darum, mit derselben Figur und demselben Themenfeld weiterzuarbeiten. Die Figur Mehdi wird bleiben, und es wird weiterhin um Fragen der Identität gehen – besonders um diese doppelte Identität zwischen Frankreich und Algerien.
Der Film Journalist: Bevor es aber dazu kommt, können wir nun erst einmal „Couscous und Geheimnisse“ auch in Deutschland auf der großen Leinwand sehen: Warum sollte man ins Kino gehen? Und noch wichtiger: Was würden Sie sich wünschen, dass das Publikum aus dem Film mitnimmt?
Amine Adjina: Ich glaube, es ist ein großzügiger Film, der viele Menschen ansprechen kann. Er spricht verschiedene Generationen aus unterschiedlichen Blickwinkeln an. Manche nehmen die Frage der Erinnerung mit, andere die Geschichte des Paares, wieder andere den Bezug zur Küche oder die Fragen von Identität und Begegnung. Der Film hat viele Eingangspunkte. Je nachdem, welche eigene Geschichte man mitbringt, wird man von etwas anderem berührt. Das habe ich bei vielen Vorführungen gemerkt, in Frankreich und auch im Ausland. Ich glaube, man geht aus dem Film mit dem Gedanken heraus, dass man immer versuchen sollte, den Dialog zu suchen. Die zentrale Linie des Films ist für mich: die Angst zu überwinden, um einen ersten Dialog zu beginnen. Dadurch wächst man. Ich war außerdem schon oft in Deutschland und habe dort Freunde. Ich weiß, dass die Fragen, die der Film aufwirft, auch dort sehr präsent sind. Und nicht zuletzt ist es ein Film, in dem man viel lachen kann. Das ist auch wichtig.





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