Kathy Etoa im Interview zu „23 000 Leben“: „Ich glaube, ich habe noch nie einen Film gedreht, der mich emotional so sehr mitgenommen hat wie dieser“
- Toni Schindele
- vor 15 Stunden
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„Als schwarze Frau mit eigener Migrationsgeschichte habe ich diese Rolle als große Verantwortung empfunden“, erzählt Kathy Etoa. Im neuen Netflix-Thriller „23 000 Leben“ spielt sie eine Geflüchtete, deren Rettung aus dem Mittelmeer später Teil eines jahrelangen Gerichtsverfahrens wird.

Kaum ein Thema wird in Europa so kontrovers diskutiert wie Flucht und Migration. Jedes Jahr wagen Tausende Menschen die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer. Zugleich geraten die Organisationen, die Schiffbrüchige aus Seenot retten, immer wieder ins Zentrum politischer Auseinandersetzungen. Nach Angaben der Organisation „Jugend Rettet“ brachte die Crew des Rettungsschiffs Iuventa zwischen 2016 und 2017 mehr als 23.000 Menschen in Sicherheit. Was als Initiative junger Ehrenamtlicher begann, wurde innerhalb weniger Monate zu einer der bekanntesten zivilen Seenotrettungsmissionen Europas. Doch der Einsatz endete abrupt: Italienische Behörden beschlagnahmten das Schiff und warfen Mitgliedern der Crew vor, mit Schleusern zusammengearbeitet zu haben. Es folgte ein jahrelanges Gerichtsverfahren.
Bereits 2018 hatte ein Dokumentarfilm die Geschichte von „Jugend Rettet“ aufgearbeitet. Nun hat sich auch Netflix des Stoffes angenommen: Regisseur Markus Goller erzählt die Ereignisse in seinem Spielfilm „23 000 Leben“ nach. Neben Louis Hofmann, Mala Emde, Katharina Stark und Frederick Lau gehört auch Kathy Etoa zum Ensemble. Sie verkörpert Rose – eine Geflüchtete, die von einer realen Person inspiriert ist und die im späteren Gerichtsverfahren zu einer wichtigen Zeugin wird. Kurz vor dem Start des Films bei Netflix hat sich Kathy Etoa Zeit für ein Interview genommen.
Der Film Journalist: Sea-Watch, Sea-Eye, RESQSHIP oder SOS Humanity – seit 2015 haben sich mehrere zivile Seenotrettungsorganisationen gegründet, darunter auch „Jugend Rettet“. Kanntest du die Organisation schon, bevor du für den Film angefragt wurdest? Und was hat dich daran gereizt, Teil eines Films zu werden, der ihre Geschichte erzählt?
Kathy Etoa: Tatsächlich kannte ich „Jugend Rettet“ vorher nicht. Ich bin Schweizerin und erst

Anfang 2021 nach Berlin gezogen. Als ich die Anfrage für das Casting bekam, habe ich deshalb selbst recherchiert und mich intensiv mit der Organisation beschäftigt. Mich hat vor allem gereizt, dass der Film ein Thema behandelt, das bis heute aktuell ist, über das aber oft sehr unterschiedlich gesprochen wird. Gerade in öffentlichen Debatten und Kommentarspalten begegnet einem viel Härte und manchmal auch Entmenschlichung. Dabei vergisst man schnell, dass hinter Schlagzeilen wie „1.000 Tote im Mittelmeer“ keine abstrakte Zahl steht, sondern Menschen mit Familien, Hoffnungen und Geschichten. Genau diese Perspektive fand ich wichtig. Deshalb freue ich mich, dass diese Geschichte erzählt wird und durch Netflix ein großes Publikum erreichen kann.
Der Film Journalist: Deine Figur erzählt zwar eine Geschichte aus der Vergangenheit, doch Flucht über das Mittelmeer ist bis heute Realität. War das für dich eine besondere Verantwortung bei der Vorbereitung auf diese Rolle?
Kathy Etoa:Â Auf jeden Fall. Als schwarze Frau mit eigener Migrationsgeschichte habe ich diese

Rolle als große Verantwortung empfunden. Ich wollte ihr und ihrer Geschichte unbedingt gerecht werden. Besonders intensiv wurde das dadurch, dass meine Figur von einer realen Person inspiriert ist, die ich sogar kennenlernen durfte. Natürlich wurden einzelne Details für den Film verändert, aber im Kern erzählt Rose ihre Geschichte. Zu sehen, wie stark diese Frau heute ist, hat mich sehr beeindruckt und zusätzlich motiviert. Es ist immer wichtig, einer Rolle gerecht zu werden, aber in diesem Fall hatte das für mich noch einmal eine ganz besondere Bedeutung.
Der Film Journalist: Deiner Rolle begegnen wir in „23 000 Leben“ in einer dramatischen Szene auf dem Mittelmeer. Wurde tatsächlich im Meer gedreht oder hauptsächlich in einem speziellen Wasserbecken?
Kathy Etoa: Es wurde tatsächlich beides gemacht. Einige Szenen entstanden auf dem Meer, andere in einem der großen Wasserbecken auf Malta. Dort wurden die Schlauchboote aufgebaut

und wir haben mit vielen Kompars*innen gedreht. Was diese Dreharbeiten so besonders gemacht hat, war, dass viele von ihnen selbst Fluchterfahrungen hatten und über das Mittelmeer nach Europa gekommen waren. Ich erinnere mich noch gut daran, wie eine Frau während des Drehs sagte: „I'm a bit scared.“ Da habe ich gemerkt, dass bestimmte Situationen Erinnerungen zurückbringen können. In solchen Momenten habe ich versucht, ihr Sicherheit zu geben und sie daran zu erinnern, dass sie gerade an einem sicheren Ort ist. Insgesamt war dieser Dreh unglaublich intensiv. Ich glaube, ich habe noch nie einen Film gedreht, der mich emotional so sehr mitgenommen hat wie dieser.
Der Film Journalist: Der Film erscheint in einer Zeit, in der Migration europaweit wieder besonders kontrovers diskutiert wird. Welche Bedeutung hat dieser Veröffentlichungszeitpunkt für dich?
Kathy Etoa: Die Frage ist eigentlich, ob es überhaupt einen falschen Zeitpunkt für einen solchen Film gibt. Das Thema ist nach wie vor aktuell. Ob der Film vor einem Jahr oder erst in einem Jahr erschienen wäre, hätte daran nichts geändert. Gerade weil Flucht und Migration immer wieder sehr kontrovers diskutiert werden, finde ich es wichtig, sich daran zu erinnern, dass hinter politischen Debatten immer Menschen stehen. Für mich ist genau diese menschliche Perspektive entscheidend.
Der Film Journalist: Was wünschst du dir denn, dass man aus „23 000 Leben“ mitnehmen wird?
Kathy Etoa: Ich hoffe vor allem, dass der Film Gespräche auslöst. Dass Menschen anfangen, über das Thema zu sprechen und die Menschen hinter den Schlagzeilen sehen. Ich wünsche mir, dass der Film dafür sensibilisiert, dass es hier um Menschenrechte und Menschlichkeit geht. Dass Zuschauerinnen und Zuschauer verstehen, warum Menschen fliehen und dass Flucht niemals eine leichtfertige Entscheidung ist. Wenn der Film diese Fragen anstößt und Menschen dazu bringt, genauer hinzuschauen, dann hat er bereits sehr viel erreicht.

