Sandra Wollner im Interview zu „Everytime“: „Ich möchte Szenen schaffen, die sich so echt anfühlen, als wären sie tatsächlich Teil dieser Welt“
- Toni Schindele

- vor 11 Minuten
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„Warum mich diese Perspektive immer wieder anzieht, kann ich inzwischen selbst nicht mehr genau erklären. Aber ich kehre stets zu ihr zurück“, sagt Sandra Wollner über den kindlichen Blick, der ihre Filme wiederholt prägt und auch in ihrem dritten Langfilm „Everytime“ eine zentrale Rolle spielt.

Sandra Wollners Filme beschäftigen sich immer wieder damit, wie Bilder, Erinnerungen und Projektionen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit formen. Die 1983 in der Steiermark geborene Regisseurin studierte Dokumentarfilmregie an der Filmakademie Baden-Württemberg und machte bereits mit ihrem Langfilmdebüt „Das unmögliche Bild“ sowie dem Berlinale-prämierten „The Trouble with Being Born“ international auf sich aufmerksam. In ihrem dritten Langfilm „Everytime“ bringt Sandra Wollner drei Menschen zusammen, die der Tod von Jessie auf schmerzhafte Weise miteinander verbindet: ihre Mutter Ella, die jüngere Schwester Melli und den Jugendlichen Lux, dem viele eine Mitschuld an Jessies Tod geben.
Auf einer gemeinsamen Reise nach Teneriffa beginnen sich Trauer und Erinnerung, innere und äußere Wirklichkeit zunehmend zu überlagern. Nach seiner Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, wo „Everytime“ den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard gewann, startet der Film nun regulär in den deutschen Kinos.
Der Film Journalist: Sie meinten einmal, selbst nicht an ein Jenseits zu glauben, zugleich aber daran, dass die Bilder von Menschen, die wir lieben, bei uns bleiben und das bleiben sie in Ihrem neuen Film ja nun wortwörtlich. War diese Vorstellung der Ursprung des Films?
Sandra Wollner: Ich habe auch einmal gesagt, dass ich neidisch bin auf jene, die daran glauben, auf ihre ausgeprägte Vorstellungskraft. Seitdem ich Mutter geworden bin, kann ich noch besser verstehen, woher dieser Wunsch, diese Hoffnung, kommt. Meine persönliche Annäherung an ein „Jenseits“ führt also vielleicht über den inneren menschlichen Kosmos der Erinnerung und Vorstellung. Wir bewegen uns ja immer zugleich körperlich und geistig durch die Welt und betrachten sie durch unseren eigenen Filter. Innere und äußere Wirklichkeit überlagern sich sozusagen, meist unbemerkt. Ich habe mich gefragt, wie denn Geister heute aussehen könnten. Waren Geister vielleicht immer Phänomene an eben diesen Grenzbereichen, an der Schnittstelle zu innen und außen? Sind es vielleicht einfach Erinnerungen, die ein Eigenleben entwickelt haben?

Der Film Journalist: Kinder und der Tod begegnen sich in Ihren Filmen immer wieder. Was interessiert Sie am kindlichen Blick auf Verlust?
Sandra Wollner: Ich glaube nicht, dass Kinder einen Tod grundsätzlich anders oder weniger intensiv empfinden als Erwachsene. Mich interessierte an dem überlebenden Mädchen, dass sie

mit der Verarbeitung zunächst noch gar nicht begonnen hat – oder vielmehr ihren ganz eigenen Umgang damit findet. Sie schreibt ihrer verstorbenen Schwester weiterhin Nachrichten, obwohl wir von außen denken würden: Darauf kann doch nichts mehr kommen. Vielleicht erwartet sie tatsächlich keine Antwort; dennoch hält sie die Verbindung aufrecht. Am Ende wissen Kinder über den Tod womöglich genauso viel oder wenig wie Erwachsene. Natürlich macht es einen Unterschied, ob jemand abrupt aus dem Leben gerissen wird oder nach einem langen Leben stirbt. Was dieser Übergang aber bedeutet – ob in etwas anderes oder in nichts – bleibt unabhängig vom Alter ungewiss. Der kindliche Blick erlaubt es aber, dieses Nichtwissen besonders unmittelbar darzustellen. Warum mich diese Perspektive immer wieder anzieht, kann ich inzwischen selbst nicht mehr genau erklären. Aber ich kehre stets zu ihr zurück.
Der Film Journalist: Die Kamera beobachtet die Figuren häufig aus der Entfernung und kommt ihnen zugleich sehr nahe. Welche Haltung sollte dieser Bildsprache vermitteln?
Sandra Wollner: Schon beim Schreiben hatte ich Bilder vor Augen, die aus einer sehr großen Entfernung auf die Figuren blicken. Diese langen Brennweiten erzeugen eine merkwürdige Spannung: Man ist weit weg und kommt den Menschen trotzdem fast zu nahe. Der Blick hat etwas Beobachtendes, beinahe Übergriffiges, weil er nicht eingreift, aber sehr genau sieht. Für mich entsprach das der Grundhaltung des Films. Da ist eine Instanz, die auf das Leid der Figuren schaut – nah genug, um alles mitzubekommen, aber zu weit entfernt, um etwas zu verändern. Vielleicht ist es das Universum, vielleicht ein Geist, vielleicht die Existenz selbst. Dieser Blick unterscheidet nicht besonders stark zwischen dem Großen und dem Banalen.
Er nimmt eine trauernde Mutter, eine blinkende Ampel oder ein Computerspiel mit derselben Ernsthaftigkeit wahr. Darin liegt auch die Verbindung zum Spiel. In einem Computerspiel schauen wir von außen auf eine Welt, steuern sie vielleicht sogar, leiden manchmal mit den Figuren und wissen doch, dass wir jederzeit neu anfangen könnten. Im Leben geht das nicht. Gerade dieser Unterschied war für „Everytime“ wichtig – der Wunsch, noch einmal an einen früheren Punkt zurückzukehren, und die brutale Tatsache, dass es keinen Reset gibt.
Der Film Journalist: Die Sonne begleitet mehrere entscheidende Momente des Films. Welche Bedeutung hat sie für Sie?
Sandra Wollner: Das Letzte, was Jessie vor ihrem Tod sieht, ist die Sonne, die da über dem Horizont hängt. Ich stelle mir oft vor, dass sich die Idee eines Jenseits, einer Ewigkeit, aus eben diesem letzten Moment des Bewusstseins ergibt. Als würde der letzte Gedanke oder das letzte Bild, das uns vor dem Nichts ereilt, für immer bleiben. Gleichzeitig scheint die Sonne für die anderen einfach weiter, als wäre nichts geschehen. Die Welt hat nicht den Anstand, stehen zu bleiben.

Der Film Journalist: Viele Szenen wirken dabei beinahe dokumentarisch beobachtet. Da Sie ja ursprünglich Dokumentarfilm studiert haben: Was davon prägt bis heute Ihr fiktionales Erzählen?
Sandra Wollner: Ich glaube schon, dass mich der Dokumentarfilm geprägt hat. Beim Inszenieren versuche ich, Material herzustellen, das sich anfühlt, als hätte es bereits existiert – als hätten wir etwas in der Welt beobachtet und würden dieses gefundene Material nun nur noch ordnen. Im Dokumentarfilm sucht man häufig nach wenigen narrativen Linien, die dabei helfen, eine Geschichte zu erzählen. Gleichzeitig geschieht daneben ständig Leben, das sich dieser Erzählung entzieht.
Im Spielfilm bestimmt dagegen oft der Plot, was wir von den Figuren sehen; ihr Leben jenseits eines konkreten Szenenziels bleibt ausgespart. Aus dem Dokumentarfilm nehme ich deshalb Gespräche mit, in denen auch Dinge vorkommen dürfen, die für die Handlung nicht so offensichtlich eine Funktion haben, ebenso Momente und Versatzstücke, die scheinbar um nichts gehen. Ich möchte Szenen schaffen, die sich so echt anfühlen, als wären sie tatsächlich Teil dieser Welt.





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