André M. Hennicke im Interview zu „Harter Brocken – Die Erpressung”: „Mich interessieren Figuren mit möglichst vielen inneren Konflikten“
- Toni Schindele

- 25. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
„Es macht schon einen Unterschied, ob man sieht, dass es echt ist und so vor Ort wirklich gedreht wurde“, erzählt André M. Hennicke über seinen spektakulären Stunt im neuen „Harter Brocken“-Ableger.

André M. Hennicke zählt seit den 1980er-Jahren zu den prägenden Gesichtern des deutschen Films und Fernsehens. Nach seinem Durchbruch im DEFA-Spielfilm „Die Schauspielerin“ aus dem Jahr 1988 wirkte er in über 170 Kino- und Fernsehproduktionen mit – darunter zahlreiche Krimireihen, internationale Kinofilme und vielfach ausgezeichnete Fernsehproduktionen. Für seine Hauptrolle in Christian Petzolds „Toter Mann“ erhielt er 2002 den Deutschen Fernsehpreis. Nun ist Hennicke erstmals in der ARD-Kriminalfilmreihe „Harter Brocken“ zu sehen. Im neuen Ableger übernimmt er die Rolle des erfahrenen LKA-Ermittlers Oliver Mienle, der in einem komplexen Fall mit politischer Brisanz auf Dorfpolizist Frank Koops trifft. Kurz vor der Ausstrahlung des Films im Ersten zu Weihnachten hat sich André Hennicke Zeit für ein ausführliches Interview genommen.
Der Film Journalist: Herr Hennicke, Sie stoßen als LKA-Ermittler Oliver Mienle erstmals zur „Harter Brocken“-Reihe hinzu – kannten Sie das Format bereits zuvor und was hat Sie beim Lesen des Drehbuchs zum neuen Ableger „Die Erpressung“ vielleicht besonders angesprochen?
André Hennicke: Mich hat vor allem die Originalität gereizt. Die Hauptfigur ist hier kein klassischer, glatter Kommissar, sondern jemand, der ein bisschen tollpatschig wirkt, aber sehr nahbar, wie eben einer aus dem Ort. Genau das fand ich spannend, weil viele Krimis da sehr klischeehaft sind. Ich mag originelle und unterhaltsame Konzepte. Krimis sind ja nicht das Leben, das wir oder die Zuschauer führen, sondern ein Blick in eine andere Welt. Das interessiert

mich genauso wie jeden anderen, ich führe ja auch ein ganz normales Leben. Und dann hat man hier diese zusätzliche Spannung: Ich spiele einen Polizisten, der selbst kriminell ist. Dazu kommt der historische Kontext. Viele Zuschauer aus der ehemaligen DDR wissen heute erst, was im Hintergrund alles lief. Nach außen war das Leben normal, politisch wurde es erst an bestimmten Punkten spürbar. Diese verborgenen Ebenen mitzuerzählen, macht den Stoff noch interessanter. Am Ende war für mich aber entscheidend: Es ist gute Unterhaltung, gut geschrieben und mit lebendigen Dialogen. Mich interessieren Figuren mit möglichst vielen inneren Konflikten – darum geht es ja letztlich immer. Und auch die Zusammenarbeit mit Regisseur Hanno Olderdissen hat mich gereizt.
Der Film Journalist: Sie sind im Erzgebirgskreis des Freistaats Sachsen geboren – wie gefällt Ihnen der Harz als Handlungsort?
André Hennicke: Ich war ehrlich gesagt ziemlich erschrocken. Diese Gegend im Harz sah aus wie eine Mondlandschaft, fast so, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Der Borkenkäfer hat riesige Flächen zerstört, und für die Menschen dort bricht gerade das ganze Leben zusammen. Es ist ein Touristenort, viele leben von Ferienwohnungen, viele haben dort ihren Alterssitz – und plötzlich ist alles nichts mehr wert. Die Leute fühlen sich im Stich gelassen, kämpfen um Perspektiven, um ihre Zukunft. Und wir drehen dort einen Krimi und erzählen eine heile Welt, während die Realität gerade brutal ist. Das hat mich sehr mitgenommen. Gleichzeitig zeigt es aber auch, warum solche regionalen Krimis funktionieren: Es geht nicht um die Landschaft an sich, sondern um die Menschen, die Kultur, das Lebensgefühl eines Ortes. Dass sich die Zuschauer darin wiedererkennen können. Am Ende ist es natürlich Fiktion und Unterhaltung – für anderthalb Stunden. Aber diese Diskrepanz zwischen Film und Wirklichkeit war dort besonders eindrücklich.
Der Film Journalist: Sollten Krimis denn die Realität abbilden oder in erster Linie spannende Ermittlungsarbeit bieten?
André Hennicke: Ein TV-Krimi ist erst mal ein dramaturgisches Konzept: Es gibt eine Tat, es gibt Schuld, und die Leute wollen am Ende Gerechtigkeit. Dafür gibt es Ermittler, Verdächtige, falsche

Spuren und irgendwann den Moment, wo sich alles zuspitzt – mit einem Showdown. Und das macht einfach Spaß. In meinem Fall war das sogar ganz konkret körperlich: auf einer echten Dampflok, auf den Gleisen, in Echtzeit. Ich bin über 60, aber genau solche Herausforderungen liebe ich. Man kann Krimis natürlich mit gesellschaftlichen Themen verbinden, das funktioniert auch. Aber man sollte das Genre nicht überfrachten. Dafür gibt es Dokumentationen, Reportagen, politische Formate – da wird genug diskutiert. Der Krimi ist Unterhaltung. Die Leute schalten ein, um für anderthalb Stunden abzuschalten, nicht um noch mehr Probleme serviert zu bekommen. Wenn ein Krimi etwas von der Kultur eines Ortes erzählt, von den Menschen, die dort leben, dann reicht das oft schon. Es geht darum, eine eigene Welt zu schaffen, in die man eintaucht. Und wenn die Zuschauer am Ende sagen: spannend, gut erzählt, die Geschichte ist aufgegangen – dann hat der Film genau das erreicht, was er soll.
Der Film Journalist: Sie haben den Showdown angesprochen – also haben Sie die Szene, in der Sie im Gleisbett rennend auf einen Zug aufspringen, tatsächlich selbst und ohne Tricks gedreht?
André Hennicke: Ich habe mir die Szene am Abend vorher angeschaut, aber im Buch stand das alles viel knapper. Am Drehtag selbst wurde mir dann erst klar, was genau passieren sollte: Der Zug fährt, ich verstecke mich im Gebüsch, renne los, gehe aufs Gleisbett und springe auf den Zug auf. Wir konnten keinen Stuntman einsetzen, also musste ich das selbst machen. Ich habe die Strecke einmal ohne Zug getestet, einfach um zu sehen, ob meine Schuhe auf dem Gleisbett überhaupt halten. Und dann hieß es: drehen. Klar war ich aufgeregt. Wenn ich es nicht schaffe, müssen wir alles von vorne machen. Aber genau diesen Druck mag ich. Am Ende hat es funktioniert – und es macht schon einen Unterschied, ob man sieht, dass es echt ist und so vor Ort wirklich gedreht wurde.
Der Film Journalist: Der neue „Harter Brocken“-Krimi läuft am 1. Weihnachtstag zur Prime-Time in der ARD. Warum sollte man gerade an diesem Abend einschalten?
André Hennicke: Ich sage immer: Die Leute sollen einschalten, weil sie einen guten Krimi bekommen. Krimis funktionieren einfach, auch – oder gerade – an Weihnachten. Und ich finde, das Weihnachtsprogramm darf ruhig ein bisschen vielfältiger sein. Auf vielen Sendern läuft dann doch immer wieder dasselbe: Weihnachtslieder, der Weihnachtsmann, das große Familienidyll. Aber es gibt auch viele Menschen, die Weihnachten allein verbringen – gerade in den Großstädten. Studien zeigen das ja auch. Und für die ist es nicht schön, ständig daran erinnert zu werden, dass sie keine Familie oder keine große Runde um sich haben. Natürlich kennen wir alle Weihnachten aus der Kindheit als etwas Wunderschönes: Lichter, Gerüche, Musik, Geschenke – das Fest des Jahres.
Dieses Gefühl tragen auch Menschen in sich, die heute allein sind, Alleinerziehende zum Beispiel. Ich kenne das aus meinem Umfeld. Außerdem gibt es auch viele, die zu Weihnachten wenig zu feiern haben. Eine Freundin von mir arbeitet hier in Berlin beim Seifenbüchse-Verein, der sich um Obdachlose und benachteiligte Jugendliche kümmert. Diese Menschen – und auch die, die sich für sie aufopfern – wollen vielleicht gerade im Fernsehen keine Besinnlichkeit. Und genau deshalb ist es gut, wenn es an Weihnachten auch Formate gibt, die nichts mit Kerzen und Tannengrün zu tun haben. Dann kann man sagen: Jetzt mache ich mir meinen Krimi an, lasse mich unterhalten und schalte für anderthalb Stunden einfach ab. Deshalb glaube ich, dass so ein Format auch zu Weihnachten sehr gut funktioniert.





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