Lucas Gregorowicz im Interview zur 2. Staffel von „Oderbruch“: „Es ist kein klassischer Fantasy-Vampirismus“
- Toni Schindele

- vor 12 Minuten
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„Ich glaube, viele Schauspieler träumen davon, einmal einen Western zu drehen – und das war für mich bisher das Nächste daran“ erzählt Lucas Gregorowicz über die Dreharbeiten auf Gran Canaria zur zweiten Staffel von „Oderbruch“.

Fast 13 Millionen Abrufe in der ARD Mediathek haben „Oderbruch“ von einem Geheimtipp zu einer der erfolgreichsten deutschen Serien der letzten Jahre gemacht. Die zweite Staffel setzt diese Geschichte nun fort: Was als düsteres Mystery-Experiment in einer menschenleeren Grenzregion begann, entwickelt sich in der zweiten Staffel zu einer europäischen Jagd zwischen Mythos, Schuld und Überleben. Kurz vor dem Start der neuen Staffel hat sich Lucas Gregorowicz, der erneut als Stanisław Zajak zu sehen ist, Zeit für ein Interview zu den neuen Folgen genommen.
Der Film Journalist: Die erste Staffel von „Oderbruch“ war ein großer Erfolg und gleichzeitig klar auf die Mediathek ausgerichtet. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen zuletzt verstärkt Serien realisiert, die man früher eher bei Streamern erwartet hätte?
Lucas Gregorowicz: Also ich finde die Entwicklung eigentlich ganz gut. In diese Bresche – oder in diese Lücke –, die entstanden ist, weil sich Sky und auch andere Streamer ein Stück weit vom deutschen Markt zurückgezogen haben, wäre es natürlich toll, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen hineingeht, die Chance ergreift und auch solchen Formaten eine Möglichkeit gibt.
Der Film Journalist: „Oderbruch“ stammt aus dem Hause Serial Entertainment und ihrem kreativen Trio aus Christian Alvart, Arend Remmers und Adolfo Kolmerer. Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit ihnen vorstellen?
Lucas Gregorowicz: Die drei sind totale Film-Nerds. Richtige Cineasten – aber im besten Sinne. Sie sind nicht prätentiös, sondern lieben das wirklich. Sie kennen sich unglaublich gut aus und lieben ganz unterschiedliche Genres. Mit ihnen zu sprechen ist von einer solchen Leidenschaft, einer solchen Passion für Kino und für gutes Fernsehen geprägt, dass es fast wie Lernen ist. Adolfo und Christian sind wandelnde Enzyklopädien, und Arendt kennt sich zudem hervorragend mit Soundtracks aus – die hören sogar Soundtracks auf Vinyl. Und das ist natürlich toll, wenn man weiß, dass man es mit Profis zu tun hat, die das, was sie tun, wirklich lieben und sich hervorragend auskennen.

Der Film Journalist: Nach dem großen Twist in der ersten Staffel ist „Oderbruch“ nun ganz klar eine Vampirserie. Was hat dich an dieser besonderen Interpretation des Vampirmythos gereizt?
Lucas Gregorowicz: Bei „Oderbruch“ ist das Vampirische etwas anderes. Es ist kein klassischer Fantasy-Vampirismus, sondern es geht eher um Familien, um Erbkrankheiten und um Traumata, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Das spielt sich sehr stark auf einer psychologischen Ebene ab. Der Vampirismus steht hier als Metapher für einen Fluch, dem man nicht entkommen kann, wenn man Teil einer bestimmten Herkunft ist. Das vereint uns alle thematisch. Das Besondere an „Oderbruch“ ist eben dieser ganz subtile Vampirismus, der für so vieles steht – und nicht einfach nur für Fledermäuse und Superkräfte. Das ist sehr klug gemacht, sehr klug geschrieben und ausgedacht – und auch sehr klug inszeniert von Adolfo und Christian.
Der Film Journalist: Du bist in „Oderbruch“ wieder als Stanisław Zajak mit von der Partie. Wer ist er für dich – und in welcher Verfassung begegnen wir ihm in der zweiten Staffel?
Lucas Gregorowicz: Stanisław ist für mich zu einer ganz besonderen Figur geworden, das habe ich so gar nicht erwartet. Als man mich gefragt hat, ob ich die Rolle spielen möchte, dachte ich zuerst: Ich kann nicht schon wieder einen polnischen Kommissar an der Grenze spielen. Das hatte ich in „Polizeiruf 110“ bereits oft genug gemacht. Aber dann kam das Ganze völlig unerwartet daher. Stanisław ist für mich eine Figur, die etwas aus der Zeit gefallen ist. Man kann ihn nicht richtig einordnen, fast wie bei „Men in Black“ – man weiß nicht genau, woher diese Typen eigentlich kommen. Er trägt ein Enigma mit sich herum. Einerseits ist er ein besessener Jäger, andererseits selbst gejagt. Nicht unbedingt von seiner Vergangenheit, sondern von den Ereignissen, von etwas, das ihn antreibt.

Er ist kein klassischer Van Helsing, sondern jemand, der selbst auf der Flucht ist. Das wollten wir in der zweiten Staffel auch im neuen Setting spiegeln: weg vom kalten, tristen Oderbruch hin zu einem sonnigeren, grelleren, leidenschaftlicheren Ort, an dem Emotionen stärker an der Oberfläche liegen. Ich kann schon so viel sagen: Stanisław ringt um eine Form von Erlösung. Und ich hoffe sehr, dass es eine dritte und vierte Staffel geben wird – denn am Ende der zweiten ist noch längst nicht alles erzählt.
Der Film Journalist: Gedreht wurde die zweite Staffel größtenteils auf Gran Canaria. Wie hast du dieses neue Setting erlebt?
Lucas Gregorowicz: Ich glaube, viele Schauspieler träumen davon, einmal einen Western zu drehen – und das war für mich bisher das Nächste daran. Diese Weiten, die Wüsten, dieses lateinamerikanische Flair, das Gran Canaria mitbringt, hatten etwas von einem Western-Setting.

Das ist natürlich ein starker Kontrast zur blutgetränkten Oderbruch-Landschaft, die historisch so aufgeladen ist und diese Kargheit, diese Kälte ausstrahlt. Jetzt ist alles das Gegenteil: visuell, emotional, atmosphärisch. Das verändert die Figuren, das verändert die Geschichten. Die Mischung aus dunklem, mystischem Vampirismus und diesem sonnendurchglühten Western-Setting empfinde ich als sehr romantisch und zugleich explosiv.
Der Film Journalist: Da die zweite Staffel nun da ist zum Abschluss – was erwartet uns in den neuen Folgen und warum lohnt es sich, wieder einzuschalten?
Lucas Gregorowicz: Wer die erste Staffel mochte, wird, glaube ich, nicht enttäuscht sein. Dem Genre bleibt man treu, gleichzeitig sorgt das neue Setting und das, was mit Maggie passiert, für viele Überraschungen. Auch kommen neue Figuren hinzu, die wirklich großartig sind. Es ist, glaube ich, eine ganz konsequente Weitererzählung der ersten Staffel, die aber genauso überraschend ist, wahnsinnig spannend und am Ende macht sie, finde ich, hoffentlich wieder Lust auf noch mehr. Denn da werden wieder ein paar Keime gesetzt, ein paar Körner gepflanzt, mit denen ich zumindest vor dem Lesen auch nicht gerechnet habe – über die ich mich beim Lesen schon sehr gefreut habe.





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