Clara Vogt im Interview zu „Eine Nacht in Bangkok“: „Ich dachte nur: Wahnsinn!“

„Sie ist sehr widersprüchlich und genau das fand ich menschlich und interessant“, erzählt Clara Vogt über ihre Rolle in „Eine Nacht in Bangkok“. In Rainer Kaufmanns Drama spielt sie Lilith, deren Verhaftung ihre getrennten Eltern wieder zusammenbringt.

Was wissen wir eigentlich noch voneinander, wenn eine Familie längst getrennte Wege geht? In „Eine Nacht in Bangkok“ treffen Désirée Nosbusch und Matthias Brandt als seit zehn Jahren getrennte Eltern wieder aufeinander, nachdem ihre gemeinsame Tochter Lilith in Untersuchungshaft geraten ist. Gespielt wird sie von Clara Vogt, die derzeit an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig studiert und zuvor unter anderem in „Meine Tochter, Kreta und ich“ und „Flunkyball“ zu sehen war. „Eine Nacht in Bangkok“ wurde beim Filmfest München mit dem Bernd Burgemeister Fernsehpreis als „Bester Fernsehfilm“ ausgezeichnet. Die lineare Ausstrahlung folgt am Mittwoch, 23. September, um 20.15 Uhr im Ersten; zeitgleich startet der Film in der ARD Mediathek.
Der Film Journalist: Im Film erfahren wir irgendwann, dass Lilith eigentlich geplant hatte, sich nach Kanada abzusetzen und dort noch einmal neu anzufangen. Deshalb zum Einstieg: Wenn du dir ein Land aussuchen könntest, in dem du noch einmal von vorne anfängst – welches wäre das?
Clara Vogt: Das erste Land, das mir in den Kopf kommt, ist gar nicht so weit weg: Frankreich. Ich

habe dort Familie, wovon ich allerdings erst sehr spät in meinem Leben erfahren habe. Gleichzeitig ziehen mich die Sprache und vor allem die Bretagne schon seit meiner Kindheit total an. Ich habe immer noch das Gefühl, dass ich dort eigentlich einmal eine Zeit lang leben müsste. Ich glaube, dort liegt viel Familiengeschichte von mir, die ich noch gar nicht richtig kenne. Und man ist ja auch in unterschiedlichen Sprachen ein bisschen unterschiedlich. Wenn man Englisch oder Französisch spricht, drückt man sich anders aus und wirkt vielleicht auch als Mensch anders. Gerade beim Französischen interessiert mich das sehr. Ich merke auch, wenn ich Französisch lerne und mit meiner Familie spreche, dass ich anfange, mich irgendwie anders auszudrücken. Ich finde es spannend, das zu entdecken. Deshalb ist Frankreich für mich so ein Sehnsuchtsort.
Der Film Journalist: Durch Lilith treffen ihre getrennten Eltern erstmals wieder aufeinander. Dabei begegnen sie einer Tochter, die ihnen zunehmend zum Rätsel wird. Was hat dich an Lilith als Figur gereizt, und wie würdest du sie selbst beschreiben?
Clara Vogt: Mich hat genau dieses große Fragezeichen gereizt. Lilith wirkt sehr ambivalent und auf eine Art auch mysteriös. Man möchte sie verstehen, kann es aber nicht immer. Sie ist sehr widersprüchlich und genau das fand ich menschlich und interessant. Ich würde sie als einen sehr suchenden, liebevollen Menschen beschreiben, der viel erlebt hat und bei dem all diese Erfahrungen sehr viel ausgelöst haben. Sie versucht, ihren eigenen Weg zu finden, geht dabei vielleicht ein paar Umwege und gerät auch in Schwierigkeiten. Aber auch das ist Teil dieser Suche und ihres Versuchs, sich selbst zu finden.
Der Film Journalist: Lilith ist nur in wenigen Szenen zu sehen und trotzdem die ganze Zeit irgendwie präsent. Wie war es für dich, so eine Figur zu spielen, die man nur schwer greifen kann und bei der man bis zum Schluss nicht genau weiß, was in ihr vorgeht?
Clara Vogt: Ich habe mich dafür tatsächlich stark damit beschäftigt, was gar nicht im Drehbuch steht: Was ist vorher passiert? Welche Ängste, Wünsche, Sehnsüchte und welche Wut arbeiten in

ihr? Was verdrängt sie? Was kommt vielleicht gar nicht richtig an die Oberfläche? Damit setzt man sich auseinander, muss es am Ende aber auch wieder loslassen, denn man kann nicht alles gleichzeitig spielen. Ich habe mich außerdem sehr genau gefragt: Wie ist ihr Verhältnis zur Mutter? Wie ist ihr Verhältnis zum Vater? Was verändert sich, wenn beide im Raum sind? Und wie ist eigentlich das Verhältnis zu ihr selbst? Ist sie wertschätzend sich selbst gegenüber?
Ich habe mir sehr viele solcher Fragen gestellt. Von der Produktion habe ich außerdem relativ früh einen Basketball bekommen. Davon sieht man im Film gar nicht so viel, aber ich habe versucht, mich der Rolle auch körperlich anzunähern. Ich hatte vorher wirklich noch nie Basketball gespielt und habe dann sehr viel trainiert und mir das auf einem Platz in Neukölln beibringen lassen. Ich bin jeden Tag rausgegangen und habe gespielt. Dabei habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, eine Rolle auch in den Körper zu lassen. Man kann sich im Kopf noch so viele Gedanken machen – irgendwann braucht man ein Gespür für die Figur.
Der Film Journalist: Du hast das Verhältnis zu Liliths Eltern schon angesprochen. Mit Désirée Nosbusch und Matthias Brandt ist der Film dort sehr prominent besetzt. Wie war es, mit den beiden zu spielen? Und wie würdest du Liliths Verhältnis zu ihren Eltern beschreiben?
Clara Vogt: Ich weiß noch, dass ich das Casting gemacht habe und überhaupt nicht wusste, wer mitspielt. Dann bekam ich das Angebot, das Drehbuch und die Besetzung zugeschickt und bin erst einmal hintenübergefallen. Ich dachte nur: Wahnsinn! Ich kannte Désirée aus „Bad Banks“ und habe die Serie sogar zweimal geschaut, weil ich sie so toll fand. Und bei Matthias habe ich besonders gerne die Christian-Petzold-Filme mit ihm gesehen. Diese Filme und auch die Serie gehören zu den Dingen, durch die überhaupt mein Interesse am Film entstanden ist. Deshalb war ich unglaublich dankbar und überrascht, plötzlich mit den beiden spielen und so viel lernen zu dürfen. Beide sind mir sehr warm und herzlich begegnet und haben einen Raum geschaffen, in dem man sich wirklich auf Augenhöhe begegnen und voneinander lernen kann.
Natürlich konnte vor allem ich unglaublich viel von ihnen lernen – von ihrer Fokussierung, aber

auch von ihrer Lockerheit, ihrer Erfahrung und ihrer Tiefe. Dafür bin ich unfassbar dankbar. Was Lilith angeht, würde ich sagen, dass ihr Verhältnis zu den Eltern verschiedene Phasen durchlaufen hat. Ich glaube nicht, dass sie als Problemkind aufgewachsen ist. Zunächst hatte sie wahrscheinlich ein vermeintlich gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Es gab gewisse Erwartungen, aber Lilith war kein besonders widerspenstiges Kind oder eine sehr rebellische Jugendliche. Vielleicht war sie eher leise, gewissenhaft und fröhlich. Dann wird sie erwachsen und versucht, ihren eigenen Weg zu gehen. Gleichzeitig haben sich ihre Eltern getrennt. Natürlich macht das etwas mit einem Kind, wenn man sich plötzlich zerrissen fühlt und weder hier noch dort richtig zu Hause.
Im Film wird zum Beispiel erzählt, dass sie ihren Vater gar nicht zu sich in die Wohnung einlädt, sondern lieber selbst zu ihm fährt. Darin steckt schon eine Distanz: Ich lebe mein eigenes Leben, ich möchte mich selbst finden und ich will nicht unbedingt, dass du in dieses Leben eintrittst. Wahrscheinlich ist das auch eine Form von Schutz. Sie möchte selbst entscheiden können, wann sie zu ihm geht und wann sie den Kontakt sucht. Gleichzeitig entsteht das natürlich aus Sorge, Angst und eigentlich auch aus einem Bedürfnis heraus: gesehen und wahrgenommen zu werden und von beiden Eltern Vertrauen geschenkt zu bekommen. Denn ich glaube, dass mit Vertrauen auch Kommunikation entsteht. Und genau diese Kommunikation ist hier die große Schwierigkeit.

Der Film Journalist: Der Film endet in gewisser Weise offen und lässt unterschiedliche Vorstellungen davon zu, wie es mit Lilith weitergehen könnte. Wenn wir zehn Jahre in die Zukunft springen würden: Wie würdest du dir wünschen, dass wir Lilith dann wiederbegegnen?
Clara Vogt: Ich würde mir wünschen, dass Lilith Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein gewinnt. Dass sie immer noch auf der Suche ist, aber freudig auf der Suche. Und dass sie Gefallen an Kommunikation findet und Nähe und Zuneigung an sich heranlassen kann. Ich wünsche mir, dass sie sich traut, ihren eigenen Weg zu gehen und für sich einzustehen, aber nicht mehr nur im Geheimen, sondern in einer offenen Kommunikation. Und dass sie auch mit ihren Eltern in einem guten und engen Austausch steht.
Der Film Journalist: Zum Abschluss: Warum sollte man diesen Film nicht verpassen?
Clara Vogt: Ich glaube, man sollte ihn nicht verpassen, weil er einen überraschen kann. Es ist nicht so leicht, ihn in eine Schublade zu stecken, und man darf auf die Zwischentöne achten. Er behandelt ein Thema, das gesellschaftlich gerade sehr aktuell und groß ist, schafft es aber gleichzeitig, Tiefe mit einer gewissen Leichtigkeit zu erzählen. Der Film bringt einen auch zum Schmunzeln, ohne aus dem Blick zu verlieren, dass manche Dinge tragisch und schwierig sind. Wenn man Lust hat, sich auf diese Suche nach den leisen Zwischentönen einzulassen, kann der Film einem, glaube ich, sehr viel Freude machen. Ich wünsche mir, dass ihn sich sehr viele Menschen anschauen.





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