Linus Moog im Interview zu „Free At Heart“: „Wir müssen dafür kämpfen, dass es auch weiterhin queere Stoffe gibt“

Aktualisiert: vor 1 Minute
„Ich war total in dieses Drehbuch verliebt und wurde richtig hineingezogen. Es war bis dahin eines der schönsten Drehbücher, die ich lesen durfte“, erzählt Linus Moog im Interview zu „Free At Heart“.

Als Linus Moog „Free At Heart“ drehte, steckte er noch mitten im Abitur. Drei Jahre und eine lange Reise über internationale Festivals später kommt der Film nun ins Kino. Für den inzwischen 21-Jährigen, der seither weitere Rollen übernommen hat, ist es die erste Kinohauptrolle; Regisseur Max Hegewald gibt mit dem Film sein Spielfilmdebüt. Linus Moog spielt darin den 16-jährigen Sebastian, der sich auf einen Sommer mit seiner Freundin freut – bis der 15-jährige Kolja Teil seiner Familie wird und alles aus dem Gleichgewicht bringt. Zwischen den beiden entwickelt sich schnell eine Nähe, die weit über Freundschaft hinausgeht und sie in einen immer intensiveren Gefühlsstrudel zieht. Als jedoch ein lange verborgenes Familiengeheimnis ans Licht kommt, verändert sich alles. Kurz vor dem Kinostart nahm sich Linus Moog Zeit, um über die Rolle, ihre Entstehung und darüber zu sprechen, was ihn als Schauspieler darüber hinaus antreibt.
Der Film Journalist: Du hast einmal gesagt, dass dich besonders Figuren reizen, die weit von dir selbst entfernt sind. Ist Sebastian auch eine solche Figur?
Linus Moog: Ich sehe es erst einmal als großes Privileg und bin sehr dankbar dafür, dass ich in so viele verschiedene Welten eintauchen darf. Ich nehme daraus auch für mich als Mensch total viel mit. Dadurch, dass ich so viele unterschiedliche Einflüsse wahrnehme, in verschiedene Gruppen hineinschaue und vielleicht auch dort den Blick hinwende, wo man ihn sonst eher abwendet, bekomme ich einen ganz anderen Blick auf die Welt und meine Mitmenschen. Sebastian ist auf den ersten Blick tatsächlich ein Stück weit von mir entfernt. Ich bin nicht auf dem Dorf, sondern in der Stadt und auch eher in einem progressiven als in einem konservativen

Umfeld aufgewachsen. Außerdem habe ich keine Geschwister. Was uns aber verbindet und wodurch ich einen guten Zugang zu ihm gefunden habe, ist unsere Offenheit. Ich finde spannend, dass Sebastian offen bleibt, ohne genau zu wissen, was diese Offenheit mit ihm machen wird. Und ich glaube, wir haben beide ein gesundes Maß an Naivität, mit der wir an Dinge herangehen. Das kann uns natürlich auch an einen guten Punkt bringen, weil wir dadurch die Welt viel offener sehen. Das hat uns im ersten Moment verbunden.
Der Film Journalist: „Free At Heart“ berührt ein Thema, das sehr unterschiedliche und teilweise starke Reaktionen hervorrufen kann. Erinnerst du dich noch daran, wie es für dich war, als du das Drehbuch zum ersten Mal gelesen hast?
Linus Moog: Ich kann mich sogar noch ziemlich gut daran erinnern. Ich war total in dieses Drehbuch verliebt und wurde richtig hineingezogen. Es war bis dahin eines der schönsten Drehbücher, die ich lesen durfte. Die Geschichte hat mich sofort abgeholt und ich habe direkt einen Bezug zu ihr gefunden. Vor allem fand ich sie auch abseits des großen Tabus sehr interessant. Natürlich ist das der Aspekt, über den gesprochen wird, aber die Geschichte ist für mich viel mehr als das. Sie stellt am Ende große Fragen: Inwieweit kann man Liebe hassen? Warum verbietet man Liebe? Warum will man sie verbieten? Das möchte ich sowohl als Schauspieler als auch als Mensch und aus dieser Figur heraus verstehen. Gerade in den aktuellen Zeiten finde ich diese Fragen umso interessanter, weil wir sie uns zunehmend alle stellen müssen. Interessanterweise trägt der Film all diese Fragen bereits in sich, obwohl zunächst ein ganz anderer Bogen darübersteht.
Der Film Journalist: Regisseur Max Hegewald beschreibt Kolja als eine Art zweite Hälfte Sebastians – als jemanden, der Dinge auslebt, die Sebastian selbst noch nicht zulässt. Wie hast du diese Beziehung verstanden, und wie habt ihr das nötige Vertrauen für die intimen Szenen aufgebaut?
Linus Moog: Ich finde es sehr spannend, wie Max die beiden Figuren angelegt hat, weil sie auf den ersten Blick durchaus sehr verschieden sind. Der eine kommt aus der großen Stadt, hat viel

gesehen, das raue Leben kennengelernt und es überhaupt nicht einfach. Der andere lebt in dieser heilen, alten und konservativen Welt und ist dort zunächst eigentlich ganz glücklich und zufrieden. Trotzdem gibt es zwischen ihnen eine magische Anziehungskraft. Da ist etwas, das man vielleicht zunächst nicht versteht. Ich habe beide als Suchende verstanden, die selbst nicht genau wissen, wonach sie suchen. Aber in dieser Suche finden sie sich und sind damit zunächst beide total überfordert, weil keiner von ihnen damit gerechnet hat. Die Liebe zwischen ihnen ist dann aber so wahr und echt, dass selbst der Umstand, dass sie leibliche Brüder sind, daran nichts ändert und sie dieser Liebe trotz allem, was ihnen entgegensteht, treu bleiben möchten. Obwohl die beiden so verschieden sind, sind sie im Kern dann doch irgendwie sehr ähnlich. Das finde ich total schön.
Der Film Journalist: Max Hegewald meinte auch, dass du und Aurel Klug euch den Figuren in vielen Proben, Improvisationen und Gesprächen angenähert habt. Wie hat dir diese Zeit geholfen, Sebastian zu finden und ist dabei auch etwas entstanden, das so noch nicht im Drehbuch stand?
Linus Moog: Dafür war ich unfassbar dankbar, und mir war von Anfang an wichtig, dass wir uns diese Zeit nehmen. In erster Instanz haben wir sehr viel miteinander gesprochen und uns auch persönlich gut kennengelernt. Schon nach dem ersten Zoom-Call hatten wir eine sehr persönliche Ebene und ich habe mich sofort wohlgefühlt. Vertrauen stand für mich an oberster Stelle – in der Zusammenarbeit mit der Regie, vor allem aber auch mit meinem Kollegen. Wir mussten uns komplett fallen lassen können, weil wir uns gemeinsam als Team diesem großen und herausfordernden Projekt gestellt haben. Aurel und ich kannten uns lustigerweise schon von früher. Wir haben gemeinsam Theater in Bonn gespielt, allerdings nie in derselben Besetzung. Die Stücke waren doppelt besetzt und wir haben in drei verschiedenen Stücken jeweils exakt die gleiche Rolle gespielt, aber nie zusammen. Wir haben also miteinander geprobt und waren früher sogar einmal zusammen im Skiurlaub.

Nach langer Zeit haben wir uns dann bei diesem Casting wiedergesehen. Max wollte uns direkt in dieser Konstellation zusammen sehen. In den Proben sind dann einige spannende Dinge entstanden. Besonders hängen geblieben ist mir die erste Szene, in der Kolja in Sebastians Zimmer kommt. Das ist der erste Moment, in dem er in seinen Safe Space eindringt. Meine größte Herausforderung bei diesem Film waren generell gar nicht die großen Emotionen, über die immer gesprochen wird, sondern diese ganz leisen Zwischentöne und das Ungesprochene. Darin passiert unglaublich viel. Max hat diese Szene stark über die Bewegungen im Raum inszeniert: wie sich die beiden Figuren einander annähern, sich abtasten und langsam eine Spannung zwischen ihnen entsteht. Das haben wir in den Proben sehr genau erarbeitet und so ist es schließlich auch in den Film eingeflossen.
Der Film Journalist: Neben der Schauspielerei hast du schon früh Comics gezeichnet und sogar eine eigene Comic-Reihe entwickelt. Inzwischen bist du außerdem als DJ aktiv. Sind das für dich völlig getrennte Formen, dich kreativ auszuleben, oder gibt es etwas aus Musik und Zeichnen, das du auch in die Schauspielerei mitnimmst?
Linus Moog: Ich glaube schon, dass das alles miteinander verbunden ist. Es entsteht bei mir

aus einem großen Tatendrang und einer großen Leidenschaft. Und ich glaube, meine größte Leidenschaft ist es auch insgeheim, Emotionen zu erwecken, sie zu lenken und über einen ganzen Abend hinweg zu erzählen – die Menschen auf eine Reise mitzunehmen. Das ist etwas, das mich reizt und erfüllt. Beim Auflegen ist es zum Beispiel so: Ich komme nachts in den Club, sauge die Stimmung auf und beobachte die Leute. Das hilft mir auch beim Schauspiel total.
Gleichzeitig habe ich die Herausforderung und das große Glück, diesen Abend gewissermaßen steuern zu können. Es ist wahnsinnig spannend, wenn ich irgendwann den Moment erreiche, in dem ich das Gefühl habe: Jetzt habe ich die Leute. Dann kann ich sie wirklich auf eine Reise mitnehmen. Es wird vielleicht einmal etwas melodischer und danach wieder härter im Sound. Diese Arbeit mit Emotionen überträgt sich für mich auch auf die Schauspielerei. Es sind diese großen Emotionen, die mich reizen und die ich möglichst lange auf diesen beiden Wegen begleiten möchte. Beides möchte ich gerne weiterhin machen und bin gespannt, wohin mich diese Reisen noch führen. Vielleicht kann ich sie irgendwann sogar einmal miteinander verbinden.
Der Film Journalist: Apropos, wohin die Reise führt: In diesem Jahr warst du bereits in „Die Ältern“ auf der großen Leinwand zu sehen, nun steht „Free At Heart“ an. Kannst du schon verraten, wo wir dich darüber hinaus als Nächstes sehen werden?
Linus Moog: Ich habe tatsächlich das große Glück, schon etwas ankündigen zu dürfen: eine weitere Kinorolle im Hauptcast. Der Film kommt im April 2027. Darin darf ich neben Veronica Ferres in „Jukli“ spielen. Es ist ein Kinderkinofilm über die elfjährige Flora, die mit einem Esel nach Frankreich reist. Auf dieser Reise lernt sie sich selbst kennen und erfährt, dass man sich so akzeptieren kann, wie man ist. Gleichzeitig wird aus einer kindlichen Perspektive auch über das Thema Sinti und Roma erzählt. Es ist also wieder ein spannender Film und ich habe dadurch das Glück, erneut an einem Projekt beteiligt zu sein, das gesellschaftliche Themen anspricht, die bislang noch nicht so häufig erzählt wurden. Darüber bin ich sehr glücklich. Wir hatten diesen Sommer einen ganz tollen Dreh und ich bin gespannt, wie der Film seinen Weg in die Welt finden wird.
Der Film Journalist: Zum Abschluss noch einmal zurück zu „Free At Heart“ und dem anstehenden Kinostart: Warum sollte man diesen Film deiner Meinung nach nicht verpassen und was würdest du dir wünschen, dass man nach diesen knapp zwei Stunden aus dem Kino mitnimmt?
Linus Moog: Ich glaube, da gibt es zwei Dinge. Zum einen zeigt „Free At Heart“, dass es in Deutschland noch mutige und herausfordernde Filme gibt, die leider – wie eigentlich immer – viel zu selten gesehen werden. Diese Filme existieren, und wir müssen dafür kämpfen, dass es auch weiterhin queere Stoffe gibt, die solche Themen ansprechen. Dafür ist es wichtig, dass wir ins Kino gehen und diese Filme unterstützen. Ansonsten wird es sie irgendwann nicht mehr geben. Wir hatten das Glück, dass unser Film gefördert wurde, aber ohne solche Unterstützung ist vieles nicht mehr möglich. Zum anderen wünsche ich mir, dass der Film Themen und Gedanken bei den Zuschauenden anstößt.
Dass man andere Menschen nicht mehr so schnell vorverurteilt, sich gegenseitig wieder vernünftig zuhört – wirklich ehrlich, offen und warmherzig – und sein Gegenüber sieht. Vor allem wünsche ich mir, dass man sich anschließend mit diesen Fragen beschäftigt: Warum und wie kann man Liebe hassen? Wie kann man sie verbieten oder unterdrücken wollen? Das interessiert mich auch persönlich, und ich glaube, diese Fragen werden immer wichtiger. Umso spannender finde ich es, dass wir genau jetzt mit einem solchen Film herauskommen. Ich freue mich vor allem auf den Austausch danach. Ich hatte bereits die ersten Screenings und freue mich besonders darauf, mit den Menschen über diesen Film zu sprechen.
„Free at Heart“ startet am 29. Oktober 2026 in den Kinos.





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