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Die „Selling Sex“-Macherinnen im Interview: „Female Gaze ist für mich vor allem eine Haltung“

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • vor 17 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

„Alles, was in der Serie vorkommt, ist auf die eine oder andere Weise passiert“, erzählt Marie C. König über die neue ARD-Serie „Selling Sex“, in der sie gemeinsam mit Miriam Dehne von einer jungen Studentin erzählt, die in die Welt der Sexarbeit gerät.


„Selling Sex“: Drei Frauen posieren vor einem neonfarbenen Hintergrund in Blau-, Pink- und Lilatönen.
Bildnachweis: © ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions GmbH/Senator Film Produktion/Michel Vertongen/Xavier Fernandez

Feste Vorstellungen über Sexarbeit gibt es viele. „Selling Sex“ unter der Regie von Miriam Dehne und Marie C. König bleibt deshalb nicht bei einem Blick von außen – dafür kennen beide die Welt, von der sie erzählen, zu gut.Marie C. König arbeitete mit Unterbrechungen fast zehn Jahre als Escort, in verschiedenen Agenturen sowie als Anbieterin und Käuferin von Sex. Miriam Dehne arbeitete einst als Telefonistin und Wirtschafterin in einem Berliner Bordell, drehte später für Erotikformate und beschäftigte sich in mehreren Film- und Theaterarbeiten mit Sexarbeit und weiblicher Selbstbestimmung. In „Selling Sex“ fließen diese Erfahrungen in die Geschichte der 26-jährigen Nelly ein, die zwischen Studium, Praktikum und Nebenjob feststeckt.


Als eine ehemalige Kollegin ihr eine Escort-Agentur empfiehlt, öffnet sich plötzlich eine neue Welt aus Geld, Selbstvermarktung und neuen Möglichkeiten. Was Nelly dort erlebt, macht sie schließlich sogar zum Thema ihrer Masterarbeit. Dabei muss sie herausfinden, wo für sie selbst die Grenzen dieses neuen Lebens liegen. Vor dem Serienstart nahmen sich Miriam Dehne und Marie C. König Zeit für ein Interview über einen Female Gaze ohne Prüderie, Erfahrungen aus der Realität, Intimität am Set und darüber, welcher Vorwurf zur Sexarbeit sie schon immer stört.


Der Film Journalist: Sexarbeit wird in Film und Fernsehen immer wieder sehr unterschiedlich dargestellt. Welchen Blick wollten Sie mit „Selling Sex“ darauf werfen?


Miriam Dehne: Uns war wichtig zu überlegen, was Female Gaze für uns eigentlich bedeutet. Ich

„Selling Sex“: Eine junge Frau steht in einem dunklen Hotelflur und trägt ein weißes Korsett mit rosafarbenem Rock.
Bildnachweis: © ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen

finde zum Beispiel nicht, dass damit Prüderie oder Freudlosigkeit einhergehen muss – nach dem Motto: Es darf bloß nicht zu sexy sein. Female Gaze ist für mich vor allem eine Haltung. Natürlich haben wir uns bei jeder Szene gefragt: Was wollen wir damit erzählen? Wie geht es der Hauptfigur gerade? Geht es überhaupt um sie oder um etwas anderes? Beim Junggesellenabschied in Folge drei spielen wir zum Beispiel ganz bewusst mit dem Male Gaze, weil die Frauen dort zunächst da sind, um die Männer zu unterhalten. Dieser Blick wird dann zunehmend bedrohlich. Es ging uns also nicht darum, bestimmte Bilder grundsätzlich zu verbieten, sondern immer zu schauen, welcher Blick in der jeweiligen Situation sinnvoll ist.


Marie C. König: Deshalb haben wir auch diese Überhöhung gewählt, dieses Hyperrealistische, den Glamour. Es sollte durchaus sexy sein und Spaß machen dürfen. Wir wollten das Thema nicht künstlich trocken erzählen, nur um auf keinen Fall einen Male Gaze zu erzeugen. Mich stört dabei vor allem auch, dass es bei Sex schnell heißt: Du verkaufst deinen Körper. Aber wir vermarkten bei ganz vielen Berufen unseren Körper oder unseren Kopf.


Miriam Dehne: Ein Soldat stellt im Extremfall sogar sein Leben zur Verfügung.


Marie C. König: Warum soll es also grundsätzlich nicht akzeptiert werden können, wenn eine Frau sagt: Ich möchte das machen und damit Geld verdienen? Damit meine ich ausdrücklich nicht Menschenhandel oder Zwang. Das sind vollkommen andere Dinge. Aber es gibt eben auch Frauen, die sich selbstbestimmt dafür entscheiden. Ich war selbst auch schon auf der anderen Seite und habe Sex gekauft. Auch deshalb finde ich diese Vorstellung merkwürdig, Sexkauf sei grundsätzlich etwas, das nur Männer betrifft. Frauen verdienen heute auch mehr Geld, haben weniger Zeit, sind genauso gestresste Geschäftsleute – natürlich verändert sich auch dort etwas.


Miriam Dehne: Ich glaube, dass hinter der Ablehnung teilweise auch sehr alte Vorstellungen davon stecken, wie Frauen mit ihrer Sexualität umgehen sollen. Eine Frau, die ihre Sexualität selbstbewusst auslebt und damit vielleicht sogar noch Geld verdient, kann auf manche Menschen offenbar immer noch bedrohlich wirken. Da geht es sehr stark um Machtstrukturen und um die Erwartung, dass sie sich eigentlich dafür schämen müsste.


Der Film Journalist: Im Kern erzählen Sie in „Selling Sex“ die Geschichte von Nelly, zugleich richtet die Serie den Blick aber auch auf viele weitere Frauen und ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Sexarbeit. War diese Breite von Anfang an Teil des Konzepts?


Marie C. König: Ganz am Anfang war „Selling Sex“ tatsächlich als Anthologie gedacht und auch gar nicht rein weiblich. Es sollte sehr breit um verschiedene Facetten von Sexarbeit gehen – auch um das Kaufen von Sex. In der Zusammenarbeit mit der ARD entwickelte sich daraus dann eine horizontal erzählte, charaktergetriebene Geschichte. Wir wollten aber behalten, was uns an der Anthologie gefallen hatte. Deshalb folgen wir zwar einer Hauptfigur, begegnen daneben aber weiterhin ganz unterschiedlichen Perspektiven. Auch Bonnie, Nellys beste Freundin, erlebt zum Beispiel ihre eigene Geschichte mit dem Thema Sexkauf. Viele Dinge sind außerdem an reale Erfahrungen angelehnt.


„Selling Sex“: Vier Frauen stehen gemeinsam in einem Club und tragen auffällige Outfits in Schwarz, Rot und Blau.
Bildnachweis: © ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen

Bei Nelly flossen Erlebnisse von mir ein, Bonnies Geschichte geht wiederum auf Erfahrungen von Hannah Schopf, die auch an der Serie mitgeschrieben hat, zurück. Allerdings erheben wir jetzt auch keinen absolutistischen Anspruch, die komplette Welt der Sexarbeit zu zeigen. Wir erzählen schon ziemlich klar aus einem High-Escort-Bereich. Und selbst innerhalb des Escorts gibt es noch einmal ganz unterschiedliche Bereiche. Wir wollten deshalb auch gar nicht behaupten, sämtliche Sparten der Sexarbeit abzubilden. Das ist ein Ausschnitt.


Der Film Journalist: Gerade aber vor diesem persönlichen Hintergrund: Was hat Sie zur fiktionalen statt zur dokumentarischen Form gezogen?


Miriam Dehne: Ein klassischer dokumentarischer Blick auf Sexarbeit ist häufig sehr trist und traurig. Das ist einfach überhaupt nicht unser Stil und auch nicht unser Geschmack. Gerade bei den Sexszenen stößt eine Dokumentation zusätzlich auch sehr schnell an Grenzen: Wie willst du die zeigen? Am Ende musst du vieles nachstellen oder unkenntlich machen. Mit der Fiktion konnten wir diese Welt so erzählen, wie wir sie wahrnehmen wollten und trotzdem an den tatsächlichen Erfahrungen festhalten.


Marie C. König: Alles, was in der Serie vorkommt, ist auf die eine oder andere Weise passiert. Es gibt eigentlich keine Figur, die wir uns vollkommen ausgedacht haben. Hinter ihnen stehen reale Personen, und jede Geschichte hat mindestens einen wahren Kern. Teilweise sind Dinge fast eins zu eins passiert, anderes haben wir verfremdet. Wir sind also sehr nah an der Realität geblieben. Gleichzeitig erlaubt uns die Fiktion, spielerischer damit umzugehen und um diese Erfahrungen herum eigene Welten entstehen zu lassen.


Der Film Journalist: Neben den vielen unterschiedlichen Perspektiven fällt bei „Selling Sex“ auch sofort der Look ins Auge: glamourös, farbig und stellenweise überhöht. Wie hat sich diese Bildsprache entwickelt?


Miriam Dehne: Für mich war entscheidend, dass die Geschichte von innen heraus erzählt wird

„Selling Sex“: Eine junge Frau spricht in einem Hotelzimmer mit einem Mann im Bademantel, der eine Champagnerflasche hält.
Bildnachweis: © ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen

und sich die Gefühle der Figuren im Bild wiederfinden. Dafür gibt es diesen Begriff des emotionalen oder auch magischen Realismus: Die Umgebung kann widerspiegeln, was gerade in einer Figur passiert. Ich habe lange geschaut: Wie heißt eigentlich das, was ich an beispielsweise der Serie „Euphoria“ so toll finde? Darüber kamen wir auch zu Petra Collins. Ihre Fotografien sind dreamy, sexy und gleichzeitig selbstbestimmt. Dazu kamen Arbeiten von Marilyn Minter – dieses Ungeschminkte, verbunden mit Glanz, Glamour und Dingen, die fast schon glitschig wirken. Das hat uns sehr inspiriert.


Marie C. König: Wir haben viele Bilder und visuelle Ideen gesammelt und dann geschaut, was davon zu unserer Geschichte passt. Natürlich hatten wir ein anderes Budget als die großen US-amerikanischen Vorbilder – aber ich finde, wir haben diesen Look trotzdem ziemlich gut hinbekommen.


Der Film Journalist: Gerade bei einer Serie mit vielen intimen Szenen könnte man vermuten, dass es beim Casting Berührungsängste gab. Haben Sie das erlebt?


Marie C. König: Teils, teils. Interessanterweise war es teilweise schwieriger, Männer zu casten. Da gab es schon Berührungsängste, aber manchmal spielte offenbar auch eine Rolle, dass die Männer eben nicht die Hauptfiguren waren. Das fand ich spannend: Gefühlt haben Frauen jahrzehntelang solche Nebenrollen gespielt, und jetzt dreht es sich ein bisschen um. Bei den Frauen kann ich mich dagegen nicht daran erinnern, dass jemand eine Casting-Anfrage abgelehnt hätte, weil die Serie zu nackt oder explizit wäre.


Miriam Dehne: Es gab aber durchaus Berührungsängste mit dem Thema allgemein. Eine Casterin sagte mir beispielsweise, dass sie das Projekt nicht besetzen möchte, weil sie Töchter hat und sich auf diese Weise nicht mit dem Thema auseinandersetzen will. Auch bei der Suche nach einer PR-Agentur haben wir eine Absage bekommen, weil jemand aufgrund eigener negativer Erfahrungen mit dem Thema nicht daran arbeiten wollte. Man merkt also schon, dass Sexarbeit bei manchen Menschen sofort etwas auslöst.


Der Film Journalist: Diese Sensibilität für das Thema spielte dann sicher auch bei den Dreharbeiten eine Rolle. Wie sind Sie mit den intimen Szenen und den Grenzen der Schauspielerinnen und Schauspieler umgegangen?


Miriam Dehne: Also zunächst wurde genau besprochen, was für sie möglich ist und was nicht. Diese Grenzen wurden dann festgehalten und dafür hatten wir auch eine Intimacy-Koordinatorin. Beim Drehen haben wir aber auch gemerkt, dass man als Schauspielerin oder Schauspieler manchmal selbst unterschätzt, wie intensiv eine erotische Szene werden kann. Vorher denkt man vielleicht: Ja klar, das mache ich. Und am Set fühlt es sich dann doch noch einmal anders an. Genau deshalb war die Intimacy-Koordination so wichtig.


„Selling Sex“: Eine junge Frau sitzt einem Mann bei einem Abendessen an einem gedeckten Tisch gegenüber.
Bildnachweis: © ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen

Der Film Journalist: Jetzt startet „Selling Sex“ in der ARD Mediathek: Was würden Sie sich wünschen, was nach den sechs Episoden von der Serie hängen bleibt?


Marie C. König: Für mich wäre wichtig, gerade auch Menschen zu erreichen, die Sexarbeit stigmatisieren. Es geht überhaupt nicht darum zu sagen: Guck mal, das ist alles easy. Ich wünsche mir eher, dass man eine andere Erfahrung zulassen und vielleicht mehr Toleranz für Menschen entwickeln kann, die diesen Beruf ausüben. Dazu gehört für mich auch die wirtschaftliche Seite. Mit dieser Industrie werden Milliarden verdient und trotzdem werden Frauen, die selbst daran verdienen, schnell in eine Ecke gestellt. Ich würde mir wünschen, dass akzeptiert wird, dass Frauen selbstbestimmt Teil dieser Wirtschaft sein können.


Miriam Dehne: Für mich kommt noch diese „Girlhood“ dazu, also der Zusammenhalt zwischen Frauen. Das ist ein Überbau der Serie und damit schließen wir letztlich auch. Dabei ist erst einmal egal, in welcher Branche jemand arbeitet oder wie unterschiedlich diese Frauen sind. Nur weil man eine Frau ist, hält man nicht automatisch mit anderen Frauen zusammen. Männer bilden solche Netzwerke oder „Gangs“ oft viel selbstverständlicher, auch im Berufsleben. Bei Frauen gibt es dagegen noch häufig dieses Narrativ: Es kann nur eine geben, nur für eine Frau ist Platz. Uns gefällt der Gedanke, das aufzubrechen und zu sagen: Wir können alle einen Platz haben. Es muss nicht eine herausstechen, während die anderen hinten bleiben. Deshalb passt für mich dieser Satz sehr gut: „Bildet Banden.“


Marie C. König: Und das verbindet sich bei Nelly auch mit der wirtschaftlichen Frage. Sie überlegt am Ende: Was kann ich mit dem, was ich im Studium, im Praktikum und in der Sexarbeit gelernt habe, anfangen? Wie kann ich damit Geld verdienen und gleichzeitig etwas schaffen, das auch anderen etwas bringt? Sie mag Luxus und möchte darauf gar nicht verzichten. Aber eben nicht um jeden Preis. Die Frage ist vielmehr: Kann ich mein Geld sinnvoll verdienen, Spaß daran haben und gleichzeitig einen Mehrwert schaffen?


„Selling Sex“ ist seit dem 28. August 2026 in der ARD Mediathek abrufbar.



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