„Die Odyssee“ übertrifft alle Prognosen: Was der 264-Millionen-Start bedeutet
- Toni Schindele
- vor 20 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Christopher Nolan schickt Odysseus nicht nur auf eine gewaltige Irrfahrt, sondern auch an die Spitze der weltweiten Kinocharts. Der Rekordstart zeigt, wie weit die Zugkraft des Regisseurs inzwischen reicht.

Die Prognosen liefen „Die Odyssee“ an diesem Wochenende nur noch hinterher. Insgesamt kam Christopher Nolans Epos an seinem Startwochenende weltweit auf 264,1 Millionen US-Dollar: 124,5 Millionen steuerten Nordamerika bei, 139,6 Millionen die übrigen Märkte. Damit stammt sogar etwas mehr als jeder zweite US-Dollar von außerhalb Nordamerikas. Noch wenige Tage zuvor hätte bereits ein deutlich kleineres Ergebnis als Erfolg gegolten. Zunächst bewegten sich die Erwartungen für Nordamerika zwischen 85 und 100 Millionen US-Dollar, nach den überraschend starken Voraufführungen kletterten sie auf rund 117 Millionen. Doch selbst diese nachgebesserte Hochrechnung setzte der Film mühelos außer Kraft. Weltweit stand vor dem Wochenende ein Auftakt um die 200 Millionen US-Dollar im Raum – nun liegt „Die Odyssee“ rund 64 Millionen darüber.
Für Nolan bedeutet das einen neuen persönlichen Bestwert. In absoluten Dollarbeträgen ist „Die Odyssee“ der größte weltweite Kinostart seiner Karriere und übertrifft damit „The Dark Knight Rises“, der 2012 auf rund 249 Millionen US-Dollar gekommen war. Inflationsbereinigt liegen die beiden letzten Teile seiner Batman-Trilogie allerdings weiterhin vorn. Auch die hohe US-Altersfreigabe bremste den Film kaum. In Nordamerika ist es der bislang größte Start einer Universal-Produktion mit einem R-Rating. Auf den internationalen Märkten gelang nach Angaben von Deadline der zweitgrößte Auftakt eines entsprechend eingestuften US-Films – nur der Marvel-Blockbuster „Deadpool & Wolverine“ begann dort stärker. Dass aber ein knapp dreistündiges Antikenepos mit dieser Freigabe solche Zahlen erreicht, macht den Start auch jenseits der reinen Nolan-Rangliste ungewöhnlich.
Der Erfolg beschränkt sich auch nicht auf die USA und Kanada. Großbritannien führt die internationalen Märkte mit 17,4 Millionen US-Dollar an, gefolgt von Frankreich mit 13,7 Millionen, Italien mit 11,5 Millionen und Australien mit 9,3 Millionen US-Dollar. Deutschland steuerte umgerechnet rund 8,1 Millionen US-Dollar bei und ist damit derzeit der fünftgrößte Markt außerhalb Nordamerikas – noch vor Indien, Mexiko und Spanien. Nach den bisherigen deutschen Schätzungen wurden am Startwochenende rund 485.000 Tickets verkauft. Damit zeichnet sich nach Besucherzahlen einer der größten deutschen Kinostarts des bisherigen Jahres ab. Einen persönlichen Besucherrekord stellt Nolan hierzulande allerdings nicht auf: „Oppenheimer“ war 2023 mit rund 504.000 Kinogästen leicht stärker angelaufen, „Inception“ sowie „The Dark Knight“ und „The Dark Knight Rises“ lagen ebenfalls darüber.
Beim Umsatz liegt „Die Odyssee“ dennoch deutlich vor „Oppenheimer“. Box Office Mojo führt

für Nolans neuen Film rund 8,05 Millionen US-Dollar aus Deutschland, während „Oppenheimer“ zum Start auf etwa 6,65 Millionen gekommen war. Die Differenz zeigt, weshalb Besucherzahlen und Einnahmen nicht dasselbe erzählen: Gestiegene Ticketpreise und vor allem die starke Nachfrage nach teureren Großbildformaten erhöhen den Umsatz, ohne dass deshalb zwangsläufig mehr Menschen ins Kino gegangen sind. Für die deutschen IMAX-Kinos brachte Nolans Epos nach Angaben von Universal zugleich einen neuen Startrekord. Schon vor dem Kinostart reagierten einzelne Häuser auf die Nachfrage mit zusätzlichen Vorstellungen am frühen Morgen.
Eine analoge IMAX-70-mm-Kopie, die als bevorzugte Fassung Nolans beworben wird, ist in Deutschland zwar nicht zu sehen, aber auch ohne die analoge 70-mm-Fassung trafen die digitalen IMAX-Vorstellungen hierzulande auf große Nachfrage. Weltweit war das Großbildformat zudem kein bloßer Nebeneffekt, sondern eine tragende Säule des Starts: Fast jeder fünfte US-Dollar des globalen Ergebnisses entfiel auf IMAX. Besonders konzentriert war der Andrang bei den seltenen analogen Kopien. Nur 41 Kinos weltweit können „Die Odyssee“ in IMAX 70 mm zeigen, erzielten damit aber zusammen 6,3 Millionen US-Dollar. Insgesamt steuerte IMAX weltweit 51,8 Millionen US-Dollar bei. Für das Unternehmen bedeutete das Wochenende nach eigenen Angaben einen neuen Rekord.
Der Start zeigt zugleich, wie stark Nolan inzwischen unabhängig von einer bestehenden Filmreihe zieht. „Die Odyssee“ beruht zwar auf einem der bekanntesten Stoffe der Literaturgeschichte und versammelt Schauspieler wie Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Zendaya und Robert Pattinson. Eine moderne Blockbuster-Marke im üblichen Hollywood-Sinn ist Homers Epos dennoch nicht. Nach den in Nordamerika erhobenen Publikumsbefragungen nannte mehr als die Hälfte der Befragten Nolan als wichtigen Grund für den Kinobesuch. Bei einem Film, der keiner fortlaufenden Reihe angehört, liefert sein Name damit einen Teil jener Vertrautheit, die Hollywood sonst aus Fortsetzungen und bekannten Marken gewinnt. Spätestens „Oppenheimer“ bewies, dass Nolan selbst ein dreistündiges historisches Drama ohne klassische Blockbusterhandlung zum weltweiten Kinoereignis machen kann.
Bei „Die Odyssee“ lag die wirtschaftliche Hürde allerdings noch höher: Zur auf 250 Millionen Dollar geschätzten Produktion kommen laut Associated Press weitere 125 Millionen für die weltweite Vermarktung. Ein gewöhnlicher Kassenerfolg hätte bei diesem Aufwand kaum genügt.

Der Film musste über zahlreiche Märkte und hochpreisige Formate hinweg zu einem Großereignis werden. Dass die Einnahmen schon nach dem ersten Wochenende über dem geschätzten Produktionsbudget liegen, bedeutet zwar noch nicht, dass sämtliche Kosten gedeckt sind. Ein Flop ist nach diesem Auftakt jedoch praktisch ausgeschlossen. Selbst bei einem deutlich nachlassenden Interesse wird „Die Odyssee“ in den kommenden Wochen noch mehrere Hundert Millionen US-Dollar einspielen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob sich Universals Wagnis auszahlt, sondern wie groß der Erfolg am Ende wird. „Oppenheimer“ zeigte 2023, wie weit ein Nolan-Film durch starke Mundpropaganda und einen stabilen Langzeitlauf kommen kann: Aus einem weltweiten Auftakt von rund 180 Millionen US-Dollar wurden am Ende etwa 975 Millionen. Ob „Die Odyssee“ ähnlich lange durchhält oder der gewaltige Vorverkauf einen größeren Teil der Nachfrage bereits auf die ersten Tage konzentriert hat, wird sich am kommenden Wochenende erstmals deutlicher zeigen. Für einen längeren Kinolauf sprechen zunächst die Reaktionen des Publikums. In den USA erhielt der Film die CinemaScore-Note A, auch die verifizierten Zuschauerbewertungen fallen stark aus. Dazu hält IMAX Nolan zunächst drei Wochen lang weitgehend die größten Leinwände frei. Mit China, Südkorea und Japan folgen außerdem noch drei bedeutende Kinomärkte.
Entscheidend wird dennoch sein, wie stark die Einnahmen am zweiten Wochenende zurückgehen – zumal mit „Spider-Man: Brand New Day“ Ende Juli bereits der nächste Konkurrent um die lukrativsten Säle antritt. Aus heutiger Sicht steuert „Die Odyssee“ auf ein weltweites Endergebnis zwischen einer und 1,15 Milliarden US-Dollar zu. Bei einem außergewöhnlich stabilen Lauf sind auch bis zu 1,2 Milliarden möglich; rund 1,1 Milliarden erscheinen derzeit am wahrscheinlichsten. Ausgehend von 124,5 Millionen US-Dollar zum nordamerikanischen Start dürften dort insgesamt etwa 410 bis 450 Millionen zusammenkommen. Außerhalb Nordamerikas liegt ein Endergebnis zwischen 620 und 700 Millionen Dollar im Bereich des Möglichen. Die Milliardengrenze ist damit wahrscheinlicher als ihr Verfehlen. Offen bleibt vor allem, ob Nolan auch seine beiden bislang erfolgreichsten Batman-Filme übertrifft und „Die Odyssee“ zum größten Kinoerfolg seiner Karriere wird.

