Vom Aufwachsen als Mädchen und der Frage, wie wir miteinander leben: Sigrid Klausmanns letzter Dokumentarfilm „Girls Don’t Cry“ als Plädoyer fürs Zuhören
- Toni Schindele
- vor 23 Stunden
- 7 Min. Lesezeit
In einer Zeit, in der Bilder immer schneller erzeugt, bearbeitet und politisch aufgeladen werden können, setzt Sigrid Klausmann auf etwas scheinbar Einfaches: zuhören. Ihr Dokumentarfilm „Girls Don’t Cry“ folgt sechs Mädchen weltweit und macht aus ihren Geschichten eine Frage an unsere Gegenwart.

„Es war einmal ein Krieg.“ Über trockenem, bräunlichem Land hängen schwere Wolken. Vereinzelt stehen Bäume in der Weite, niedriges Buschwerk zieht sich über den staubigen Boden. Über der Landschaft liegt die Stimme eines Mädchens. „Viele Männer gingen weit fort, um zu kämpfen. Ihre Frauen ließen sie allein zurück.“ Zwischen Hügeln taucht eine Siedlung auf. Runde Hütten mit strohgedeckten Dächern stehen nebeneinander, Zäune aus Ästen und Holz umfassen kleine Bereiche. Dahinter erhebt sich ein kegelförmiger Berg, teilweise von Wolken verdeckt. „Als sie wiederkamen, hatten ihre Frauen mehr Kinder als zuvor.“ Nun ist sie zu sehen: Nancy, ein Mädchen mit kahl geschorenem Kopf, rotem Oberteil und beigem Tuch über den Schultern. „So kamen sie auf die Idee, dass alle Frauen beschnitten werden sollten, um ihre Sexualität zu unterdrücken.“

Genau hier beginnt „Girls Don’t Cry“, der neue Dokumentarfilm von Sigrid Klausmann. Nancy lebt in Tansania und ist eine von sechs Protagonistinnen, denen der Film folgt. Es soll Klausmanns letzter langer Dokumentarfilm sein – nach gut zwei Jahrzehnten dokumentarischen Erzählens über Kinder, Jugendliche und junge Menschen, die sonst selten im Zentrum stehen. Gemeinsam mit ihrem Mann Walter Sittler, der den Film mitproduziert hat, nahm sich Klausmann Zeit für ein

ausführliches Gespräch. „Ich liebe Filme, ich liebe auch Spielfilme – aber davon müsste es tatsächlich mehr geben“, erzählt Sigrid Klausmann. Gemeint sind Dokumentarfilme, die jungen Menschen nicht nur Rollen zuschreiben, sondern ihnen Zeit lassen, selbst über sich zu sprechen. Auf einem der Festivals, die „Girls Don’t Cry“ zeigten, begegnete Klausmann einer jungen Frau, etwa 18 Jahre alt. „Sie sagte: ‚Ich habe noch nie so einen Film gesehen. Ich finde, es sollte mehr davon geben.‘ Das hat mich sehr berührt“, erzählt Klausmann.
Es traf etwas, das Klausmann seit Jahren beschäftigt, denn ihre Passion für diese Art Film ist keinesfalls der leichteste Weg: „Dokumentarfilme für Kinder sind schon schwierig zu machen, aber für Jugendliche noch einmal mehr“, berichtet Klausmann. Gleichwohl ist auch ihr Weg zum Dokumentarfilm weniger klassisch als folgerichtig. Bevor sie Dokumentarfilmerin wurde, arbeitete Sigrid Klausmann als Sport- und Gymnastiklehrerin, später als Lehrerin für Modern Dance und Choreografin. Sie entwickelte Musicals und Tanztheaterstücke mit Jugendlichen und beobachtete, wie junge Menschen sich über Körper und Bewegung ausdrücken, oft bevor sie für ihre Gefühle klare Worte finden. „Meine Arbeit mit den jungen Menschen über ein ganzes Berufsleben hinweg hat mich zum Dokumentarfilm geführt“, sagt Klausmann, „weil ich mich immer mit echten Geschichten beschäftigt habe.“ Seit den 2000er-Jahren entstanden daraus Filme wie „Fliegen wirst du noch!“, „Lisette und ihre Kinder“ oder das internationale Film- und Bildungsprojekt „199 Kleine Held*innen“, zu dem auch der Kinofilm „Nicht ohne uns!“ gehört.
Ihr Ehemann Walter Sittler kennt das Erzählen dagegen von der anderen Seite. Seit den 1990er-Jahren gehört er zu den prägenden Gesichtern des deutschen Fernsehens, wurde mit Serien wie „girl friends“, „Nikola“ und später „Der Kommissar und das Meer“ einem breiten Publikum bekannt. In den Dokumentarfilmen von Sigrid Klausmann bleibt er hinter der Kamera: als Produzent, Gesprächspartner und Mitstreiter. „Neben der Unterhaltung, dem Fiktionalen, ist es wichtig, ab und an den Blick in die Realität zu lenken“, findet Walter Sittler. „Wir sind ja inzwischen von allen möglichen AI-generierten Dingen umgeben und ich habe manchmal das Gefühl, das könnte ein bisschen die Übermacht gewinnen. Da tut es einfach gut, den Menschen auch mal zuzuhören – Nachbarn beispielsweise, die erzählen, was ihr Leben ausmacht.“
„Wir haben ja nicht nach irgendwelchen Castings gesucht“, berichtet Sittler, „sondern das sind einfach Mädchen und junge Frauen von nebenan.“ Genau darin liege für ihn die Kraft des Films:

„Sie sagen, was für sie in der Welt passiert. Und das öffnet den Blick für uns alle.“ Die Idee zum Film entstand für Klausmann bereits 2018, inspiriert durch einen Text der Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad. Zunächst dachte sie an jüngere Protagonistinnen, näher an der Altersgruppe der „199 kleinen Held*innen“. Ein Antrag beim Programm „Der besondere Kinderfilm“ wurde jedoch nicht gefördert und auch ein Senderkontakt führte nicht zum gewünschten Ergebnis. Also dachte Klausmann den Film neu. „Ich habe zuvor oft eher ausgeglichen zwischen Mädchen und Jungen gearbeitet, aber ich bin nun mal selbst Mutter von Töchtern, wir haben eine Enkeltochter, und auf meinen vielen Reisen habe ich immer wieder erlebt, wie sehr es einen Unterschied macht, ob man als Mädchen oder als Junge geboren wird“, erzählt sie. „Ich habe mir deshalb gesagt: Das möchte ich noch einmal machen, bevor ich aufhöre.“
Nicht jedes Problem, das „Girls Don’t Cry“ berührt, ist ausschließlich ein Mädchenproblem. Armut, fehlende Schulen, lange Wege oder fragile Infrastruktur treffen auch Jungen. Doch der Unterschied zeigt sich dort, wo knappe Ressourcen durch Geschlechternormen sortiert werden: Wenn Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren weltweit 160 Millionen Stunden mehr Haus- und Sorgearbeit leisten als Jungen, wenn in einkommensschwachen Ländern neun von zehn Mädchen und junge Frauen zwischen 15 und 24 Jahren offline sind, während ihre männlichen Altersgenossen dort doppelt so häufig Internetzugang haben, wenn fast 18 Prozent der Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen während ihrer letzten Menstruation Schule, Arbeit oder soziale Aktivitäten verpassten – und wenn frühe Ehe, Schwangerschaft oder Gewalt nicht nur abstrakte Risiken bleiben, sondern Bildungswege abbrechen lassen, Körper kontrollieren und Zukunftsentscheidungen vorverlegen, wird klar, wie strukturell die Ungleichheit ist.
Der Film führt dafür an sechs Orte und in sechs sehr unterschiedliche Lebensrealitäten. Nancy

lebt in Tansania in einem Schutzhaus, nachdem sie vor der drohenden Genitalverstümmelung geflohen ist – einer Praxis, die dort zwar verboten, in manchen Gemeinschaften jedoch weiter tief verankert ist. Ihre Entscheidung hat sie nicht nur von ihrer Familie getrennt, sondern auch den Ruf ihrer Angehörigen im Dorf beschädigt. Im Nordirak entkam die jesidische Jugendliche Sheelan dem Völkermord durch den IS und fand in Tübingen eine neue Heimat. Während der Dreharbeiten kehrt ihre älteste Schwester nach acht Jahren Gefangenschaft beim IS zur Familie zurück. Nina lebt nach ihrer Abschiebung aus Deutschland in einer Roma-Siedlung im serbischen Novi Sad und versucht, sich trotz verlorener Bildungswege und gesellschaftlicher Ausgrenzung ein unabhängiges Leben aufzubauen. In Südkorea trainiert Sinai täglich in der BMX-Pipe für internationale Wettbewerbe, während um sie herum Schönheitsoperationen für viele junge Frauen als beinahe selbstverständlicher Teil gesellschaftlicher Anpassung gelten.
Paige in England ist mit 16 Mutter eines kleinen Sohnes. Selenna in Chile wurde im Körper eines Jungen geboren und kämpft heute als Aktivistin für die Rechte von Transgender-Personen. Klausmann und ihre Co-Regisseurin Lina Luzyte erzählen diese sechs Lebenswege nicht als Sammlung von Problemen. Sie interessieren sich für das, was die Mädchen trotz aller Unterschiede verbindet: der Wunsch, ernst genommen zu werden; die Suche nach einem eigenen Platz; der Versuch, über den eigenen Körper, die eigene Zukunft und das eigene Leben selbst zu bestimmen. „Diese sechs Mädchen stehen stellvertretend für viele andere – für Millionen von Mädchen weltweit, und viele junge Frauen sagen nach den Vorführungen: ‚Das ist ein Film über uns‘ – auch wenn sie nicht direkt von den einzelnen Themen betroffen sind.“ Besonders deutlich werde das bei Selenna, der Protagonistin aus Chile, deren Geschichte von Transidentität, Selbstbehauptung und Aktivismus erzählt. „Es gibt Zuschauerinnen, die sich bedanken und sagen: Das hat mir Kraft gegeben“, berichtet Klausmann.
„Als ich den Stoff entwickelt habe, stand am Anfang die Frage: Was sind eigentlich die Themen

junger Frauen heute weltweit?“, sagt Klausmann. „Und da gibt es natürlich sehr viele. Dann beginnt die Recherche: In welchen Ländern lassen sich diese Geschichten erzählen? Wo finde ich einen Zugang zu diesen Themen?“ Gerade bei Jugendlichen ist diese Suche besonders sensibel. Wer mit 15, 16 oder 17 Jahren vor einer Kamera über Familie, Körper oder Identität spricht, wisse bereits sehr genau, was es bedeutet, die eigene Geschichte öffentlich zu erzählen, meint Klausmann. „Teenager sind viel abhängiger davon, wie ihr Umfeld reagiert. Bei den jüngeren Kindern war es oft so, dass sie zwar gerne beim Film dabei waren, aber Schwierigkeiten hatten, ihre Gedanken oder Gefühle in Worte zu fassen. Da musste man manchmal helfen, Fragen anders stellen, sie dabei unterstützen, ihre Antworten zu strukturieren. Bei den Jugendlichen ist das anders. Sie haben einen viel stärkeren eigenen Kopf. Sie denken darüber nach: Was passiert, wenn ich das jetzt sage?“
Manche Mädchen erzählen schnell, andere brauchen mehr Zeit. „Wenn ich den Mädchen etwas aufdränge oder sie spüren, dass ich etwas von ihnen will, was sie nicht geben möchten, dann ziehen sie sich sofort zurück“, erzählt Klausmann. „Dann habe ich keine Chance mehr. Und während der Dreharbeiten ist das jeden Tag ein Prozess. Man muss immer wieder Vertrauen aufbauen, immer wieder neu schauen: Was ist heute möglich? Wo müssen wir vielleicht einen Schritt zurückgehen?“ Gerade an Sheelan wird aber auch deutlich, wie schwer sich manche Wirklichkeiten überhaupt vor eine Kamera bringen lassen. Für den Film ein in Deutschland lebendes jezidisches Mädchen zu finden, das bereit war, öffentlich über sich, seine Geschichte und seine Gegenwart zu sprechen, erwies sich als schwierig. „Die Familien sind schwer traumatisiert. Sheelan war schließlich die Einzige, die diesen Schritt mit mir ging“, berichtet Klausmann.
Ihre Geschichte führt den Film unmittelbar in die deutsche Gegenwart. Denn sie erzählt nicht nur

von Flucht, Ankommen und einem neuen Alltag, sondern auch von einem Land, das Schutz verspricht und zugleich neu darüber streitet, wer dazugehört. Während Deutschland die Verbrechen des IS an den Jesiden als Völkermord anerkannt hat, ist der Begriff Remigration in der politischen Debatte lauter geworden. „Ich würde mir daher wünschen, dass dieser Film auch dazu beiträgt, dass man diese Kategorien – wertvoll, unwertvoll, erwünscht, nicht erwünscht – einmal beiseite lässt“, erzählt Sittler. „Und dass man sich stattdessen fragt: Wer sind diese Menschen eigentlich?“
Sittlers Antwort darauf: „Menschen sind immer gewandert, haben sich vermischt, haben voneinander gelernt. Wenn wir nur in unserer eigenen Welt bleiben, dann verengen wir uns. Und das sieht man ja auch im Alltag: Alle gehen gerne zum Italiener, zum Türken, zum Chinesen – aber leben sollen die Menschen dann bitte nicht hier? Das ergibt keinen Sinn. Die Qualität einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Daran entscheidet sich, ob wir eine gute Gesellschaft sind. Nicht daran, ob wir zum Mond fliegen oder die beste KI entwickeln. Das ist alles zweitrangig. Entscheidend ist der Umgang miteinander.“ Für Klausmann liegt deshalb darin auch eine Aufgabe des Kinos. Filme, sagt sie, könnten Gespräche öffnen, die im Alltag oft nicht entstehen. Sie habe erlebt, dass Eltern und Kinder gemeinsam ins Kino gehen, den Film sehen und anschließend über etwas sprechen, das zunächst weit weg wirkt und dann näher rückt. „Und genau das brauchen wir: gemeinsame Erfahrungen.“
„Ich glaube, jeder sollte sich fragen: Was ist mein Beitrag, den ich leisten kann?“, meint Klausmann. „Irgendwann versteht man ja auch, dass man die Welt nicht allein verändern kann.

Aber manchmal reicht schon ein kleiner Impuls. Man liest ein Buch oder sieht einen Film, und da ist ein Satz, der hängen bleibt und etwas auslöst. Der verändert vielleicht nicht die Welt, aber er verändert etwas in einem selbst. Und so hat jeder die Möglichkeit, auf seine Weise etwas beizutragen. Die einen engagieren sich in der Nachbarschaft, andere gehen mit Kindern ins Kino oder ins Theater, die sich das sonst nicht leisten könnten“, so Sigrid Klausmann. Ihr Film „Girls Don’t Cry“ läuft jetzt im Kino.

