Julia Buchmann im Interview zu „Friedas Fall“: „Es geht auch darum, dieser Frau noch einmal eine Stimme zu geben“
- Toni Schindele

- 20. Apr.
- 6 Min. Lesezeit
„Für mich als Schauspielerin war das eine tolle Aufgabe“, erzählt Julia Buchmann im Interview zum gerade in den Kinos gestarteten Historiendrama „Friedas Fall“, in dem sie die Hauptrolle der 1904 als Kindsmörderin angeklagten Frieda Keller übernimmt.

Hast du schon einmal von Frieda Keller gehört? Der Fall der 1879 in Bischofszell geborenen Schneiderin, die 1904 wegen des Mordes an ihrem Sohn zum Tode verurteilt wurde, zählt zu den eindrücklichsten Justizgeschichten der Schweiz – und ist heute dennoch nur wenigen ein Begriff. Zwar wurde das Urteil nur wenige Tage später in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt, doch die Fragen, die dieser Fall aufwirft, wirken bis in die Gegenwart nach. Mit „Friedas Fall“ ist ihre Geschichte nun erstmals als historisches Filmdrama auf die große Leinwand gebracht worden.
In der Titelrolle ist Julia Buchmann zu sehen, die nach Engagements am Theater Magdeburg sowie ersten Rollen im Fernsehen hier ihre erste Kinohauptrolle übernimmt und dafür bereits für den Schweizer Filmpreis nominiert wurde. Nachdem der Film in der Deutschschweiz bereits vor rund einem Jahr in den Kinos lief, ist „Friedas Fall“ nun auch in Deutschland gestartet. Kurz vor dem Kinostart hat sich sie sich Zeit für ein Interview genommen.
Der Film Journalist: Der Fall um Frieda Keller liegt inzwischen über 120 Jahre zurück. Wann hast du das erste Mal von diesem Fall gehört? Und was hat dich daran gereizt, die Hauptrolle in einem Film zu übernehmen, der ihr Leben und ihren Prozess aufarbeitet?
Julia Buchmann: Ich habe tatsächlich zum ersten Mal von Frieda und ihrer Geschichte gehört, als ich zum Casting eingeladen wurde, also als ich das Drehbuch bekommen habe. Ich bin ja auch Schweizerin, kannte die Geschichte vorher aber nicht. Und ich fand es sehr erstaunlich –

auch jetzt bei den Screenings –, dass vielen Menschen diese Geschichte kein Begriff ist. Viele kennen ähnliche Schicksale oder Geschichten, die vielleicht in Familien weitergegeben werden. Was mich daran besonders gereizt hat, war zum einen diese Figur zu spielen – diese junge Frau, die so viele Amplituden hat und emotional eine große Reise durchläuft. Das ist als Schauspielerin natürlich eine spannende Herausforderung. Und gleichzeitig zu wissen, dass es eine wahre Geschichte ist. Natürlich ist immer ein gewisser fiktionaler Anteil dabei, um das filmisch umzusetzen, aber dieses historische Fundament bleibt. Es geht auch darum, dieser Frau noch einmal eine Stimme zu geben und eine Geschichte zu erzählen, die zwar 120 Jahre zurückliegt, aber trotzdem eine große Aktualität hat. Das fand ich eine sehr reizvolle Aufgabe.
Der Film Journalist: Eine Anschlussfrage, die sich bei einem Historienfilm, der auf realen Begebenheiten fußt, geradezu aufdrängt, ist die Vorbereitung auf diese Rolle. Gerade da man ja relativ viel über Frieda Keller weiß – etwa durch Prozessprotokolle oder eigene Aufzeichnungen aus ihrer Zelle. Konntest du darauf zugreifen und wie hast du dich insgesamt auf die Rolle vorbereitet?
Julia Buchmann: Ich konnte tatsächlich ins Staatsarchiv in St. Gallen gehen. Das war unglaublich

eindrücklich. Da lagen diese Originalakten – handschriftlich, teilweise schon mit Schreibmaschine. Einer der berührendsten Momente war, als ich eine Akte aufgeschlagen habe und auf dem Deckblatt stand: „Frieda Keller – Mord.“ Punkt. Das wirkte wie ein endgültiges Urteil, das einem direkt entgegenschlägt. Das hat mich sehr bewegt. Ich habe dann stark von diesem Fundament aus gearbeitet, mich intensiv eingelesen und parallel mit dem Drehbuch und weiterer Recherche gearbeitet.
Mich hat interessiert: Wie haben die Menschen damals gelebt? Was waren Alltagsroutinen? Und weil Frieda ja auch diesen Wunsch hatte, Näherin zu sein, habe ich angefangen, Sticken und Nähen zu lernen. Ich hatte einen Kurs bei einer Frau, die mit historischen Materialien arbeitet und mir gezeigt hat, wie das damals gemacht wurde. Das war total spannend. Ich arbeite mich gerne aus verschiedenen Blickwinkeln in eine Rolle ein, damit das alles irgendwann im System ist und man es beim Drehen auch wieder ein Stück weit loslassen kann.
Der Film Journalist: Macht es für dich denn einen Unterschied, ob die Rolle, die du spielst, auf einer realen Person basiert oder fiktiv ist? Also bringt es für dich eine besondere Verantwortung mit sich, einer realen Person gerecht werden zu wollen – oder sagst du eher, dass du in erster Linie der Vision des Drehbuchs und der Regie gerecht werden möchtest, unabhängig davon, wie Frieda Keller tatsächlich gewesen sein könnte?
Julia Buchmann: Ja, das ist eine sehr gute Frage. Ich habe schon gemerkt, dass sich das anders anfühlt. Natürlich versuche ich auch bei einer fiktiven Figur zu verstehen, woher sie kommt und was sie geprägt hat. Aber hier schwingt noch etwas anderes mit, weil diese Frau das alles wirklich erlebt hat. Gleichzeitig hatte ich nie das Gefühl, dass das alles nur weit in der Vergangenheit liegt. Viele Dinge, die Frieda erlebt hat, kenne ich auch aus heutiger Perspektive als Frau in einer Gesellschaft. Deshalb fühlte sich das gar nicht so vergangen an. Ich wollte dieser Frau gerecht werden und ihr eine Stimme geben – eine Stimme, die sie damals hatte, die aber vielleicht nicht gehört wurde. Und gleichzeitig ist es natürlich immer eine Mischung: Ich kann recherchieren, ich kann mich einarbeiten – aber ich weiß nicht, wie Frieda wirklich war. Deshalb fließt auch meine eigene Intuition und Fantasie mit ein. Diese Verbindung fand ich besonders spannend an dem Projekt.
Der Film Journalist: Regisseurin Maria Brändle hat einmal gesagt, sie habe vor allem die Ambivalenz von Frieda Keller interessiert – die Frage, ob jemand Täterin und zugleich Opfer sein kann. Im Film spricht Frieda nun sehr wenig, als würde sie im gesellschaftlichen Korsett wortwörtlich wenig Raum finden, um sich auszudrücken. Was war dir wichtig in der Darstellung, und wie ist es, viel ohne Worte auszudrücken?
Julia Buchmann: Oft sind Worte ja nur die Oberfläche. Natürlich arbeitet man mit Text und kann

über den Subtext viel transportieren, aber eigentlich passiert das meiste darunter. Hier war es eine besondere Herausforderung, die Worte oft nicht zu haben. Frieda ist in vielen Szenen präsent, hat aber vergleichsweise wenig Text. Ich mochte das total und hatte nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Im Gegenteil: Es war sehr schlüssig, auch als Abbild der Zeit. Für mich als Schauspielerin war das eine tolle Aufgabe – über Gesicht, Körper, Blicke und Atmung zu erzählen. Im besten Fall so präzise, dass das Publikum auch ohne Worte versteht, was in ihr vorgeht. Und ich finde, gerade dadurch bekommen die Momente, in denen Frieda spricht, eine umso größere Kraft.
Der Film Journalist: Nun ist Frieda Keller auch deine erste Hauptrolle in einem Kinofilm und eine, die inhaltlich viel Schwere mitbringt. Wie gehst du damit um, nach einem Drehtag wieder Abstand zu gewinnen?
Julia Buchmann: Ich beschreibe das gerne so: Das Schauspiel ist für mich wie ein Handwerkskoffer und aus ihm ziehe ich mir diese Figur über, arbeite mich aus verschiedenen Perspektiven hinein – wie bewegt sie sich, wie spricht sie, wie ist ihr Rhythmus. Das sind meine Werkzeuge. Natürlich sind gerade sehr intensive Szenen auch körperlich spürbar. Man merkt, dass man gearbeitet hat, dass einen das bewegt. Gleichzeitig empfinde ich das auch als große Bereicherung, weil man Dinge fühlen und erleben darf, die nicht unbedingt aus dem eigenen Leben kommen. Aber mir ist die Trennung wichtig und die gelingt mir gut. Nach Drehschluss kann ich das bewusst ablegen. Es ist für mich klar getrennt und ich habe mich da immer gut aufgestellt gefühlt.
Der Film Journalist: Und zum Abschluss – warum sollte man diesen Film unbedingt auf der großen Leinwand sehen und was würdest du dir wünschen, was das Publikum aus dem Film mitnimmt?
Julia Buchmann: Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen ins Kino gehen, sich den Film anschauen und sich eine eigene Meinung bilden und dass sie sich fragen, wie sie selbst gehandelt hätten. Denn auch wenn „Friedas Fall“ vor 120 Jahren spielt, verhandelt der Film trotzdem viele hochaktuelle Themen. Ich wünsche mir auch, dass der Film zum Nachdenken anregt: Es gibt viele Momente, in denen Frieda jemand hätte helfen können – aber niemand hat es getan. Und vielleicht überlegt man danach, wo man selbst zuhören oder jemandem die Hand reichen kann. Wir überlassen dem Publikum bewusst die Deutung. Wir zeigen viel, aber die moralische Einordnung liegt beim Zuschauer. Ich hoffe, dass die Menschen danach ins Gespräch kommen – weil genau das wichtig ist: dass wir nicht aufhören, miteinander zu reden.





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