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Kenneth Branaghs autobiographische Aufarbeitung seiner Kindheit: Kritik zu „Belfast“

Während die Corona-Pandemie die Filmproduktionen auf Eis legte, nahm sich der heute 61-jährige Kenneth Branagh die Zeit, um zurückzublicken, zurück in seine Kindheit, als er in Belfast aufwuchs und die Unruhen aufkamen. Diese Zeit hat er nun in seinem neuen Film autobiografisch aufgearbeitet und präsentiert die Geschichte im in Schwarz-Weiß gehaltenen Film „Belfast“:


Bildnachweis: Bildnachweis: © 2021 Focus Features, LLC.


Die Geschichte setzt im Sommer 1969 in der nordirischen Hauptstadt Belfast an, in der der neunjährige Buddy wohnt. Er ist ein fröhlicher, aufgeweckter Junge, der mit seiner Familie im Arbeiterviertel der Stadt lebt. Er kennt die Gassen und alle kennen ihn. Er liebt das Kino und ihn begeistern Matchbox-Autos. Er lebt gemeinsam mit seiner Ma, Pop, Granny, seinem größeren Bruder und seinem Pa, wobei dieser nur an den Wochenenden kommen kann. Denn er arbeitet in England, dort bekommt er bessere Arbeit und außerdem mehr Geld. Die Familie zahlt sowieso schon seit über drei Jahren Schulden ab und so ist sein Geld für den Lebensunterhalt sehr wichtig. Doch so sieht er seine Kinder auch nur sehr wenig und die Erziehung der Kinder ist Sache seiner Frau. Zu ihrem Verdruss hat er seinen Gefallen am Wetten gefunden, an Pferdewetten.


Buddys Großeltern kümmern sich liebevoll um ihn, helfen ihm in Mathematik und erzählen ihm vom Leben. Geben ihm clevere Vorschläge und raten ihm, wie er am besten in der Schulklasse neben das Mädchen kommt, das er dann, wenn er mal groß ist, heiraten will.

Bildnachweis: © 2021 Focus Features, LLC.


Sie sind Buddys Familie. Doch auch sonst kennt er die meisten der Gassen des Viertels, es ist wie eine große Familie. Da gibt es noch seine beste Freundin Moira. Mit ihr unternimmt er immer wieder mal etwas, sie ist in einer Bande. Eines Tages stiftet sie ihn an, mit ihr in einem kleinen Lädchen der Straße etwas Süßes mitzunehmen. Doch der Ladenbesitzer ahnte den Diebstahl bereits...


Doch im Großen und Ganzen lebten sie alle miteinander verbunden und friedlich. Doch eines Tages – am 15. August 1969 – wird ihre Eintracht schwer erschüttert. Denn auf der Straße eskaliert die sich gebildete Anspannung zwischen den Protestanten und den Katholiken. Maskiert und mit Fackeln bewaffnet zieht ein Mob voller gewaltbereiter Protestanten durch Buddys Straße und sie ziehen eine feurige Furche der Zerstörung...


Dabei gelingt es dem Film sehr gut, die Bedrohung aufzubauen und zu zeigen, wie der feurige Mob auf Buddy herandrängt. Gerade hier kommt die durchgängig und herausstechend gute Kameraarbeit zum Tragen. Die Stimmung wird dabei erst wie in einer bedrohlichen Schockstarre vor der Eskalation gezeigt, bevor es sich dann zu einem brutalen, schnellen Bild der Gewalt verdichtet.


Bildnachweis: © 2021 Focus Features, LLC.


Die eigentlich so familiären Gassen von Belfast werden danach von Feindseligkeit erfüllt. Die Luft ist gespannt, jederzeit kann es eskalieren. Das Militär rückt an. Die Unruhen in Nordirland sollen erstickt werden. Buddys Vater will seine Familie schützen und ihnen Zukunft bieten, doch geht das in Belfast?


In England will man ihm eine feste Stelle anbieten mit Wohnung - seine Frau will Belfast aber nicht verlassen. Die Stadt ist ihre Heimat, aber noch viel mehr. Doch wie sicher ist ihr Leben in den unruhigen Zeiten?


So sagt seine Frau im Film „ich kenne nichts außer Belfast“ und ihr Mann antwortet darauf: „Ja, genau. Eine ganze Welt wartet da draußen. So bieten wir den Jungs bessere Chancen als wir je hatten. Wir leben in einem Bürgerkrieg. Und ich bin nicht da, um meine Familie zu beschützen.“


Kenneth Branagh wurde am 10. Dezember 1960 in Belfast geboren. Heute ist er 61 Jahre alt und während die Corona-Pandemie die Filmproduktionen auf Eis legte, nahm er sich Zeit, um zurückzublicken, zurück in seine Kindheit, als er neun Jahre alt war und die Unruhen in Belfast aufkamen. Damals zog er mit seiner Familie nach Reading in England und begann dort mit neunzehn Jahren eine Schauspielausbildung.


Bildnachweis: © 2021 Focus Features, LLC.


Ob im Theater oder beim Film - Kenneth Branagh liebt das Schauspiel und das vom Pathos geprägte Shakespeare-Drama zum großen Blockbuster. Doch sein neuer Film „Belfast“ ist der persönlichste. Er ist eine autobiografische Aufarbeitung seiner frühen Kindheit.


So gut wie nur möglich versucht Buddys Familie ihn vor den unsicheren Zeiten zu bewahren, ihn zu schützen. Er sprüht nur so vor Kreativität und Fantasie und er soll sie nicht, seine kindliche Unschuld, verlieren. Sehr schön und mit viel Feingefühl erzählt der Film von einem Jungen in unsicheren Zeiten, der nach Antworten, nach dem richtigen Weg sucht. Dabei geben die erwachsenen Figuren etwas Behütendes, die dem noch so jungen Buddy eine gute Kindheit geben wollen. Doch immer wieder bekommt er mit, was wirklich auf den Straßen vorgeht...

Wir tauchen ein in die Vergangenheit ins Jahr 1969 und in eine Welt in Schwarz-Weiß. Die Geschichte der Kindheit im alten Belfast wird im Gesamten in den Tönen des schwarz-weißen Bildes erzählt. Dabei ist das Bild aber weder einfach grau, noch ist es nur zur Verdeutlichung der Vergangenheit da. Wir tauchen in die Gassen ein, die uns trotz der Farblosigkeit in die hellen und fröhlichen Straßen von Belfast mitnimmt. Von satten zu matten Bildern gelingt es dem Film, die Bilder nicht einfach „nur“ Schwarz-Weiß zu zeigen, sondern sehr künstlerisch einzufangen. So kann man sich gut in die Zeit und in die Gassen von Belfast hineinfühlen.


Geht die Familie jedoch ins Kino, sind die Bilder der Leinwand farbig. Zum einen, da man so den Zauber des Kinos, welche die Faszination des vor Fantasie sprühenden Jungen auslöste, bildlich machen kann und zum anderen sind die Bilder eine Hommage ans Lichtspielhaus. Außerdem zeigt Kenneth Branagh mit den Filmen, die im Film gesehen werden, mehr persönliches, mehr von seiner Kindheit und die Filme seiner frühen Jahre.


Die Figuren des Films sind dabei sehr echt, aus dem Leben gegriffen, und so können sie die Straßen von „Belfast“ mit Leben füllen. Doch das liegt auch an der hochkarätigen Besetzung des Films. Doch gerade der Jungschauspieler Jude Hill ist es, der alle überstrahlt.


Unbekümmert und echt gelingt es ihm, Buddy vielschichtig mit Leben zu füllen, und er kann durch seine charmante, wissbegierige Art wie aber auch durch kindliche Unschuld bestechen.


Ihm gegenüber steht die 87-jährige Judy Dench, die Buddys Granny verkörpert, der sie viel Kraft und Stärke verlieh. Sie ist aber auch die liebevolle Oma und ihre Chemie mit dem erst 11-jährigen Kinderdarsteller ist beeindruckend.


Caitróna Balfe spielt mit Buddys Mutter die Rolle, die die Verbundenheit zu Belfast darstellt und die irgendwann verzweifelte Frage, ob die Stadt noch der beste Ort für sie und ihre Familie wäre. Sie ist der Anker der Familie, die alles zusammenhalten muss. Heraus kommt eine sehr stark interpretierte Figur, die durch die ganze Verantwortung und die Zeit aber auch an ihre Grenzen kommt. Gerade wenn sie mit ihrem Mann über Schulden, die Zukunft, die Erziehung oder zum Beispiel über einen Diebstahl ihrer Kinder spricht, bekommt sie auch eine ungeheure emotionale Wucht!


Bildnachweis: © 2021 Focus Features, LLC.


Ihr Mann wird gespielt von Jamie Dornan, der zwar nur recht wenig zu sehen ist, aber in seine Momente dann alles hineinlegt und ihnen Nachdruck verleiht.


Ciarán Hinds wurde am 9. Februar 1953 in Belfast als Katholik geboren. Doch für den Film „Belfast“ schlüpfte er in die Rolle des protestantischen Opas von Buddy. Eine wichtige Rolle für die Hauptfigur. Er gibt ihm Stärke, Kraft und eine für den Film wichtige lockere Art. Buddys Pop hat schon viel in seinem Leben erlebt und so fragen ihn sowohl sein Sohn als auch sein Enkel Buddy immer wieder um Rat. Seine Positivität ausstrahlende Darstellung war beeindruckend und brachte ihm für die kommende Verleihung der Oscars sogar eine Nominierung für den besten Nebendarsteller ein. Doch diese Nominierung war lediglich eine von sieben, die der Film bereits ergattern konnte.


Bildnachweis: © 2021 Focus Features, LLC.


Diese Familie bildet das Herzstück des Films und ihre Dynamik in der Zeit und ihre Herausforderungen, Probleme und all das Schöne sind besonders spannend zu beobachten. Durch die tollen schauspielerischen Leistungen kann man sich schnell in das Leben der Familie hineinfühlen. Oft sind es auch die kleinen Dinge, die der Geschichte immer wieder Wucht geben. Es ist kein Film über einen Bürgerkrieg, sondern ein Film über das Leben!

Über das Leben in Belfast, über das Leben eines neunjährigen Jungen, aus dem einmal ein gefeierter Regisseur werden sollte. Über unsichere Zeiten, Hoffnung, die Liebe, Ursprünge und Heimat. Die Liebe zu seiner Heimatstadt war es, die Kenneth Branagh in den Film einfließen lies. So ist der Film eingerahmt mit heutigen und farbigen Aufnahmen der zweitgrößten Stadt der irischen Insel. Sein Film „Belfast“ ist für alle: Für die, die geblieben sind, für die, die gegangen sind und für die, die sich verloren haben.


Fazit:

Kenneth Branagh erschuf mit „Belfast“ seinen persönlichsten Film, der sowohl auf technischer Ebene wie schauspielerischer Ebene glänzen kann und über die 99 Minuten Lauflänge eine liebevoll gestaltete autobiografische Geschichte über einen neunjährigen Jungen in unsicheren Zeiten erzählt.


8 von 10 Punkten


Bildnachweis: © 2021 Focus Features, LLC.

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