Kritik zu „Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter“: Ein Roadtrip Richtung Lebensende
- Toni Schindele

- 1. Jan. 2026
- 6 Min. Lesezeit
Wie erzählt man einen Film über Sterbehilfe, ohne in schwere Betroffenheit oder moralische Grundsatzdebatten abzurutschen? Enya Baroux versucht genau diesen Balanceakt und schickt in „Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter“ eine dysfunktionale Familie auf einen Roadtrip, bei dem langsam klar wird, dass diese Reise womöglich die letzte gemeinsame sein könnte.

Mit Anfang 30 erfüllte sich Regisseurin Enya Baroux nun einen Traum, den sie bereits seit ihrem 18. Lebensjahr verfolgte: ihr Spielfilmdebüt. Denn der Ausgangspunkt für „Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter“ ist eine sehr persönliche Geschichte. Nach dem Tod ihrer Großmutter, zu der sie ein enges Verhältnis hatte, entstand früh der Wunsch, einen Film über diese Erfahrung zu drehen – auch wenn sie lange zögerte, diese Geschichte tatsächlich zu erzählen. Zu präsent blieb ein Satz aus ihrer Filmhochschulzeit: „Glaubt nicht, dass euer Leben das Publikum interessiert. Denkt größer!“
Erst Jahre später fand Baroux einen erzählerischen Zugang, um aus ihren eigenen Erinnerungen einen Film über Abschied, Familie und Selbstbestimmung zu entwickeln. Unter dem Originaltitel „On ira“, was übersetzt so viel wie „Wir gehen“ bedeutet, startete der Film am 12. März 2025 in Frankreich in den Kinos. Hierzulande mussten wir dagegen nochmals fast zehn Monate länger warten, ehe die Tragikomödie nun auch in Deutschland auf die große Leinwand kommt. Doch hat sich das lange Warten gelohnt?
Darum geht es:
Mit ihrem klapprigen alten Wohnmobil bricht die 80-jährige Marie gemeinsam mit ihrem chaotischen Sohn Bruno, ihrer Enkelin Anna und Pflegekraft Rudy zu einer scheinbar harmlosen Reise in die Schweiz auf. Offiziell geht es um ein angebliches Erbe – doch hinter der Notlüge verbirgt sich ein anderer Plan: Die unheilbar an Krebs erkrankte Marie möchte selbstbestimmt Abschied vom Leben nehmen, bevor ihre Krankheit ihr jede Freiheit nimmt. Doch je näher die Familie ihrem Ziel kommt, desto schwerer wiegt das Geheimnis, das Marie mit sich trägt – wird sie den Mut finden, die Wahrheit zu sagen?
Die Rezension:
Die Sterbehilfe ist ein Thema, das im Kino selten neutral verhandelt wird, weil bereits die Entscheidung, wie nah eine Inszenierung an juristischem oder medizinischem Realismus erzählt, eine Haltung ausdrückt: Man kann den Vorgang dokumentarisch nachzeichnen, die Angehörigen in Tränen ersticken lassen, die moralische Frage nach Schuld und Verantwortung als dialoggetriebenes Kammerspiel ausbuchstabieren – oder man kann den Blick auf die Zeit verschieben, die zwischen Entschluss und Abschied noch als Leben übrig bleibt. „Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter“, das Langfilmdebüt von Enya Baroux, wählt genau diesen Ansatz und macht aus dem selbstbestimmten Sterben weder eine ideologische Debatte noch ein pädagogisches Fallbeispiel, sondern rahmt es als Roadmovie-Abenteuer aus einer aussichtslosen Krankheit hinein in eine letzte Reise, die auf ereignisreiche Weise das Leben zelebriert und zugleich zu der Aussage führt, dass es vielleicht am besten wäre, zu gehen, wenn es sprichwörtlich noch am schönsten ist.

Entscheidend ist dabei, dass Baroux die Grundfrage – „Darf ich Zeitpunkt und Umstände meines Endes selbst bestimmen?“ – gar nicht als Prämisse nutzt, sondern als bereits getroffene, nicht weiter verhandelbare Entscheidung der Protagonistin behandelt. Stattdessen steht vielmehr im Fokus, wie Marie es ihren Angehörigen beibringt, dass sie sich für den Freitod entschieden hat. Die Idee zu „Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter“ speist sich dabei aus einer sehr persönlichen Erfahrung von Enya Baroux. Der Tod ihrer Großmutter, zu der sie ein enges Verhältnis hatte, ließ früh den Wunsch entstehen, diese Beziehung filmisch zu verarbeiten – jedoch als bewussten Gegenentwurf zu den eigenen Erinnerungen an deren Sterben, das Baroux als ernüchternd und entwürdigend erlebte: Eine starke, selbstständige Frau wurde am Lebensende zunehmend abhängig, fremdbestimmt und ihrer Autonomie beraubt. Inhaltlich versteht Baroux den Film daher als bewusste Antithese zu gesellschaftlichen Tabus im Umgang mit Tod und Sterben.
Ihr Interesse an Sterbehilfe wurzelt dabei jedoch nicht nur in persönlichen Gesprächen mit ihrer Großmutter, sondern auch in einer Kritik an einem System, das Autonomie am Lebensende häufig verdrängt. Während in Deutschland das Recht auf selbstbestimmtes Sterben seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2020 zwar grundsätzlich anerkannt ist, die praktische Assistenz jedoch rechtlich und medizinisch eng begrenzt bleibt, bildet die Schweiz in der öffentlichen Wahrnehmung – und damit auch im Erzählkino – jenen Ort, an dem der Wunsch nach einem selbst gewählten Ende überhaupt erst konkrete Gestalt annehmen kann. Der Weg dorthin ist folgerichtig die Prämisse von „Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter“. Dafür hangelt sich das von Baroux gemeinsam mit Martin Darondeau und Philippe Barrière eher konventionell angelegte Drehbuch weitgehend vorhersehbar an den klassischen Stationen des Roadmovie-Genres entlang, gegossen in eine versöhnliche Perspektive, die klar auf die Figur der Großmutter ausgerichtet ist – ein Handlungsbogen, der Orientierung gibt, aber kaum überraschende Momente zulässt.

Streit, Versöhnung, erneuter Rückfall und wieder Annäherung – in seinen Reiseetappen zum wortwörtlichen Endziel arbeitet der Film mit recht beliebigen dramaturgischen Haltepunkten des Genres; besonders ist dagegen der leichtfüßige Zugang zum Thema. Einen Stoff, der den krankheitsbedingten Freitod berührt, als Komödie zu erzählen, ist ein heikler Balanceakt, und den Dialogzeilen ist stets anzumerken, dass der Film dabei nicht abrutschen will. Ob man diesen Zugang als angemessen empfindet, hängt daher nicht zuletzt von der eigenen Erwartungshaltung ab. Komik entsteht hier dort, wo die Reisegruppe an alltäglichen Hindernissen scheitert, Pläne kippen und menschliche Unzulänglichkeiten die große Idee einer letzten Fahrt sabotieren. Besonders eine auf den ersten Blick beiläufig wirkende Anekdote über eine Ratte namens Lennon erweist sich dabei als pointierter Höhepunkt.
Getragen wird der Film aber vor allem von seinem spielfreudigen Ensemble und speist einen großen Teil seiner Dynamik aus der bewusst dysfunktional angelegten Reisegemeinschaft: ein Sohn, der als unreif, unzuverlässig und chronisch klammernd gezeichnet wird; eine Enkelin, die sich in der Umbruchphase zwischen Kindheit und Selbstbehauptung befindet und ein belastetes Verhältnis zum Vater mit sich trägt; und mit Rudy ein karrieretechnisch gescheiterter Altenpfleger, der als Außenstehender die implodierende Familiendynamik beobachtet. Auch wenn er zunächst nur der Fahrer ist, erweist sich Pierre Lottin als Rudy als insgeheimes Herzstück des Films. Mit direkter, bisweilen flapsiger Art verkörpert er einen widerwilligen Mitstreiter, der allmählich seiner Rolle gewahr wird und schließlich allen Familienmitgliedern helfen kann, sodass er Schritt für Schritt zu einem unverzichtbaren Teil der Gemeinschaft wird. So, wie er zwischen den Angehörigen vermittelt, ist es vor allem das Zusammenspiel der Generationen, das jene Dynamik entfaltet, die den Film trägt.

Angeführt wird das Ensemble von Hélène Vincent. Ihre Darstellung balanciert überzeugend zwischen Verletzlichkeit und dem Wunsch nach Selbstbestimmung, ohne die Gefühle der Angehörigen auszublenden. Als regelrechte Entdeckung erweist sich zudem Juliette Gasquet: Sie spielt Anna als pubertierendes Mädchen, das ausgerechnet während des Roadtrips erstmals seine Menstruation erlebt. Zwischen naiver Kindlichkeit und aufkeimender Selbstbehauptung bildet sie – die ihr Leben noch vor sich hat – einen spannenden Gegenpol zur Großmutter, die ihrem Freitod entgegenfährt. Weniger ausgewogen gerät dagegen die Figur des Bruno. David Ayala neigt immer wieder zur Überzeichnung und strapaziert die ohnehin sehr eindeutig angelegte Rolle eines nie erwachsen gewordenen Mannes unnötig. Manche Figurenkonstellationen bedienen damit bekannte Typologien der Familienkomödie, die zwar schnell verständlich sind und hohe Zugänglichkeit erzeugen, zeitweise jedoch wie Konstruktionen wirken, die weniger aus innerer Notwendigkeit als aus dem Bedürfnis nach dem nächsten Gag entstehen.
Visuelle Zielsetzung sei für Enya Baroux gewesen, eine möglichst ehrliche und unaufdringliche Ästhetik zu schaffen, die weder künstlich auf Effekt ausgerichtet ist noch durch überzeichnete Kostüme oder visuelle Zuspitzungen eine falsche Leichtigkeit suggeriert. Die häufig eingesetzte Handkamera schafft entsprechend Nähe zu den Figuren, ohne dokumentarisch zu wirken; Farben und Licht bleiben durchweg natürlich. Abgerundet wird die leichtfüßige Erzählweise vom eingängigen musikalischen Leitmotiv „Voyage, Voyage“ von Desireless, das die Reise bis in den Abspann begleitet und nicht schwermütig aus dem Film entlässt. Der Tod selbst ist dabei jedoch nicht – wie man vermuten könnte – der dramatische Höhepunkt, sondern ein bereits akzeptierter Horizont. Baroux wählt keinen quasi-dokumentarischen Zugriff auf den Ablauf der Sterbehilfe, sondern entzieht den entscheidenden Moment der direkten Darstellung.

Indem der Film diesen Moment ausspart, bleibt am Ende der Schwerpunkt auf dem Davor und Danach – auf dem, was bleibt, und dem Wert gemeinsam verbrachter Zeit. Rückblickend erklärte Baroux, dass es während der Entwicklungsphase lange zwei unterschiedliche Endvarianten gab, darunter eine, die den Ablauf der Sterbehilfe sehr detailliert zeigte. In Gesprächen mit ihren beiden Ko-Autoren und den Produzenten stellte sich jedoch die Frage, ob ein solches Maß an Genauigkeit dem sensiblen Thema in dieser Geschichte tatsächlich gerecht würde. Für sie selbst stand schließlich fest, dass dies nicht dem eigentlichen Anliegen des Films entspreche. Erst nach Abschluss der Dreharbeiten fiel die endgültige Entscheidung zugunsten einer zurückhaltenderen Lösung, die den Tod der Figur nicht zeigt. Offen bleibt damit, wann Marie stirbt – ein Umstand, der aus Sicht der Regisseurin nebensächlich ist, da ihre Entscheidung und die Endlichkeit ihres Lebens bereits klar sind.
Fazit:
„Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter“ macht aus dem Thema Sterbehilfe keine Grundsatzdebatte, sondern ein warmherziges und leichtfüßiges Roadmovie-Abenteuer. Trotz mancher konventioneller Genre-Muster überzeugt Enya Baroux’ Langfilmdebüt vor allem durch sein spielfreudiges Ensemble, den sensiblen Umgang mit Selbstbestimmung und den Fokus auf das Leben vor dem Ende. So bleibt weniger der Tod selbst im Gedächtnis als der Wert der Momente, die davor noch miteinander geteilt werden können.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 1. Januar 2026 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter“:
Genre: Tragikomödie
Laufzeit: 97 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Enya Baroux
Drehbuch: Enya Baroux und Martin Darondeau
Besetzung: Hélène Vincent, Pierre Lottin, Juliette Gasquet und viele mehr ...
Trailer zu „Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter“:





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