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Kritik zu „Die Odyssee“: Christopher Nolans Magnum Opus

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • vor 3 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Christopher Nolan wagt sich an einen der ältesten und berühmtesten Stoffe der Weltliteratur – mit gewaltigem Budget, prominenter Besetzung und entsprechend hohen Erwartungen. Was ist aus diesem monumentalen Unterfangen geworden?


Bildnachweis: © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.
Bildnachweis: © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Christopher Nolan war für seinen neuen Film in einer Position nahezu grenzenloser künstlerischer Freiheit. Mit „Oppenheimer“ hatte er 2024 den vorläufigen Gipfel seiner Karriere erreicht: Der Film gewann den Oscar als bester Film, Nolan selbst erstmals die Auszeichnung für die beste Regie und spielte bei einem Budget von rund 100 Millionen US-Dollar beinahe eine Milliarde US-Dollar wieder ein. Dieser Erfolg dürfte Nolan den Spielraum verschafft haben, nun mit einem Budget von rund 250 Millionen US-Dollar eines der größten Epen der Literaturgeschichte zu verfilmen.


Homers „Odyssee“ hat über fast drei Jahrtausende Literatur, Theater und Film geprägt – ein Stoff, dessen Bilder längst zum kulturellen Gedächtnis gehören. Entsprechend groß waren die Erwartungen. Umso heftiger fiel der Gegenwind aus, den bereits der erste Trailer entfachte. Moderne amerikanische Akzente, betont gegenwärtige Dialoge und historische Freiheiten irritierten viele; zugleich wurde die Debatte von einem aggressiven Kulturkampf um die Besetzung überlagert, der sich besonders an Lupita Nyong’o und Elliot Page entzündete und vielfach offen rassistische und transfeindliche Züge annahm.


Darum geht es:


Nach dem Ende des Trojanischen Krieges sehnt sich König Odysseus nur noch nach seiner Heimat Ithaka, seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos. Doch die Götter verwehren ihm die Rückkehr und treiben ihn auf eine jahrelange Irrfahrt durch eine Welt voller Ungeheuer und tödlicher Versuchungen. Während Odysseus um sein Leben und den Weg nach Hause kämpft, bricht Telemachos auf, um nach dem verschollenen Vater zu suchen – doch kann eine Familie wieder zueinanderfinden, die Krieg, Zeit und Schicksal auseinandergerissen haben?


Die Rezension:


Fast drei Stunden Laufzeit, ein Ensemble voller Weltstars, tobende Meere, brennende Städte, Götter und Monster: Größer lässt sich eines der ältesten Werke der Weltliteratur kaum ankündigen. Doch Christopher Nolan inszeniert weder eine strahlende Heldensage noch ein nostalgisches Historienepos, das die Antike zur Bühne für Ruhm, Pathos und männliche Größe macht. Seine „Odyssee“ führt durch eine Welt, in der Mythos und Trauma, Abenteuer und Albtraum kaum noch voneinander zu trennen sind. Im Zentrum steht dabei eine denkbar einfache Sehnsucht: Odysseus will nach Hause. Nolan interessiert jedoch weniger, ob sein Held den richtigen Kurs findet, als vielmehr, wie er sich in den zwanzig Jahren seiner Abwesenheit verändert hat und was überhaupt noch auf ihn wartet.


Bildnachweis: © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.
Bildnachweis: © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Schon die erste Texttafel des Films verkündet: „Eine Zeit großer Magie“ und zieht die Geschichte damit aus dem Reich historischer Rekonstruktion. Nolan will keine Bronzezeit ausgraben, abstauben und möglichst korrekt wieder zusammensetzen. Seine Antike entsteht aus Legenden, kulturellen Erinnerungen und Bildern, die sich über Jahrtausende übereinandergeschoben haben. Rüstungen, Bauten und Landschaften gehören deshalb keiner eindeutig bestimmbaren Epoche an; manchmal fügt sich das verblüffend organisch, manchmal lässt Agamemnons schwarze Montur eher an Gotham als an Mykene denken. Doch gerade diese Unschärfe gehört zum Konzept. Nolans Welt liegt dort, wo aus Geschichte Erzählung und aus Erzählung Mythos wird. Das Übernatürliche ist in dieser Welt allgegenwärtig, wird aber nie wie eine Parade berühmter Sagenfiguren vorgeführt.


Nolan macht aus Göttern und Monstern keine Attraktionen eines mythologischen Freizeitparks, sondern Erscheinungen, deren Bedeutung sich nie ganz festlegen lässt. Athene kann Göttin und Gewissen sein, Kalypso Zuflucht und Verdrängung, Poseidons Zorn göttliche Rache oder das Echo eines Krieges, der in seinem Urheber weiterwütet. Nolan entscheidet sich nicht zwischen diesen Lesarten. Gerade in der Schwebe zwischen äußerer Bedrohung und innerem Abgrund gewinnt seine Mythologie ihre Kraft. Auch die Erzählung selbst verweigert den geraden Kurs. Nolan reiht Odysseus’ Abenteuer nicht ordentlich wie Perlen auf eine Schnur, sondern setzt sie aus Berichten, Erinnerungen und Albträumen zusammen. Vergangenes kehrt nicht als abgeschlossene Rückblende zurück, sondern drängt in die Gegenwart und verändert mit jedem Auftauchen seine Bedeutung.


Bildnachweis: © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.
Bildnachweis: © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Odysseus ist dabei nicht nur Held seiner Geschichte, sondern auch ihr Erzähler, Bearbeiter und womöglich unzuverlässigster Zeuge. In Homers „Odyssee“ findet Nolan einen Stoff, der wie für ihn geschrieben scheint. Erinnerung formte schon in „Memento“ Identität, „Tenet“ machte die Zeit zum Schlachtfeld, „Oppenheimer“ Geschichte zur Frage der Perspektive. Homers Epos vereint all das, ohne deshalb immer mühelos auf die Leinwand zu finden. Besonders der dialogreiche Auftakt muss so viele Namen, Beziehungen und Zeitebenen gleichzeitig in Bewegung setzen, dass der Film zunächst merklich rudert. Manche Verbindung wird eher vorausgesetzt als erzählt, manche Unklarheit wirkt weniger raffiniert als schlicht überladen. Wer kurz den Faden verliert, findet sich deshalb schneller auf Irrfahrt, als Nolan lieb sein dürfte.


Am schärfsten bricht Nolan den Heldenmythos dort auf, wo Odysseus’ Klugheit ihren berühmtesten Triumph feiert. Das Trojanische Pferd erscheint nicht als Denkmal genialer Strategie, sondern als Ursprung einer Schuld, die sich nicht mehr abschütteln lässt. Der Verstand, mit dem Odysseus Mauern überwindet, ist von jener Rücksichtslosigkeit kaum zu trennen, die Menschen zu Figuren auf seinem Spielbrett macht. Nolan erzählt die Irrfahrt deshalb nicht bloß als Strafe zorniger Götter. Sie wird zur Flucht eines Mannes, der überall weiterkämpfen kann, solange er nicht stehen bleiben und sich selbst begegnen muss. Bei Nolan werden die mythischen Prüfungen daher auch nicht zum farbenprächtigen Abenteuer, sondern zu körperlich spürbaren Albträumen.


Bildnachweis: © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.
Bildnachweis: © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Die Irrfahrt wird zum Kreislauf aus Ankunft, Selbstüberschätzung, Verlust und Flucht, in dem Odysseus’ Genialität immer schwerer von Hybris zu unterscheiden ist. Nicht jede Episode erhält jedoch den Raum, den ihre Bilder und Figuren versprechen. Manche Begegnung lodert kurz auf und ist schon wieder vorbei, bevor sie mehr als einen intensiven Eindruck hinterlassen kann. Zusammengehalten wird diese wuchtige, bisweilen übervolle Reise von Matt Damon. Er spielt Odysseus nicht als unerschütterlichen König, sondern als Mann, dessen Autorität unter jedem Verlust weiter absplittert. Damon macht spürbar, was das Drehbuch gelegentlich nur ausspricht: Ithaka ist kein Preis, der dem Helden nach bestandenen Prüfungen ausgehändigt wird. Um heimzukehren, muss Odysseus erst begreifen, dass gerade jene Größe, auf der sein Ruhm beruht, Teil seines Verhängnisses ist.


Damit die Heimkehr mehr ist als der Zieleinlauf des Helden, müssen auch die Menschen Gewicht erhalten, die auf Ithaka weitergelebt haben. Anne Hathaway macht Penelope zum emotionalen Anker des Films. Ihr Warten ist keine romantische Erstarrung, sondern täglicher politischer Widerstand: Mit kontrollierter Würde hält sie eine Ordnung zusammen, die von außen belagert und von innen ausgehöhlt wird. Tom Hollands Telemachos trägt dagegen die Unruhe eines Sohnes, der mit dem Ruhm eines Vaters aufgewachsen ist, den er kaum kennt. Robert Pattinsons Antinoos verkörpert die Fäulnis, die sich während Odysseus’ Abwesenheit in Ithaka festgesetzt hat. Er spielt ihn nicht als souveränen Machtmenschen, sondern als nervösen Opportunisten, dessen Charme jederzeit in gekränkte Eitelkeit und Gewalt kippen kann.


Bildnachweis: © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.
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Abseits der Hauptrollen setzt Nolan auf Stars, die ihren Figuren schon mit wenigen Szenen Kontur verleihen. Lupita Nyong’o bringt stille Wut in den Film, Charlize Theron lässt Fürsorge unmerklich in Kontrolle kippen, Zendaya begegnet Odysseus mit kühler Vertrautheit. Doch kaum haben sich diese Figuren im Gedächtnis festgesetzt, zieht die Reise bereits weiter. Das verleiht der Welt die Dichte eines Epos, in dem hinter jeder Biegung eine neue schillernde Gestalt wartet – lässt aber manche Rolle eher aufleuchten als wirklich wachsen. Dabei sprechen Nolans Figuren nicht wie steinerne Gestalten aus einem antiken Epos, sondern wie Menschen von heute: knapp, direkt und ohne feierliches Pathos. Das macht die Figuren unmittelbar zugänglich, nimmt der Welt aber auch etwas von ihrer sprachlichen Fremdheit und Größe Homers' Epos.


Visuell findet „Die Odyssee“ ihre größte Stärke im Zusammenspiel von Größe und Körperlichkeit. Van Hoytema filmt das Monumentale stets aus menschlicher Höhe: Selbst in den weitesten Bildern bleibt spürbar, welche Anstrengung diese Welt den erschöpften Körpern abverlangt. Auch die physische Produktion ist mehr als ein teures Gütesiegel: Der Wind füllt nicht bloß die Segel, er stemmt sich gegen die Männer; das Meer schlägt gegen Holz und Körper, jeder Weg durch Fels, Kälte und Brandung kostet Kraft. Wir blicken nicht aus sicherer Höhe auf ein gewaltiges Epos herab, sondern stecken mitten in seinen Strapazen. Auch Göranssons Musik klingt, als würde die Antike durch die Gegenwart hindurchrufen. Leier, Aulos und raue Stimmen treffen auf drängende moderne Klänge und schaffen etwas zugleich fern Vertrautes und bedrohlich Nahes.


Bildnachweis: © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.
Bildnachweis: © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Besonders Odysseus’ dreitöniges Motiv spannt sich wie eine Bogensehne durch den Film: Es treibt voran und warnt im selben Atemzug. „Die Odyssee“ ist kein makelloser Film. Der Auftakt ist überladen, manche Episode bleibt Fragment, einige Stars verschwinden in symbolischen Funktionen und ausgerechnet in den intimsten Momenten bleibt Nolan bisweilen eher Analytiker als mitfühlender Beobachter. Doch kaum ein anderer Stoff hätte seine Lebensthemen so zwingend zusammenführen können: Zeit und Erinnerung, männliche Besessenheit, subjektive Wahrheit und die Frage, ob ein Mensch nach einer existenziellen Erschütterung überhaupt noch zu sich selbst zurückkehren kann. Nolan erzählt Homers Epos deshalb nicht als Geschichte eines Helden, der seinen Platz wiedererobert, sondern als Albtraum eines Mannes, der seinen eigenen Mythos überwinden muss. Odysseus findet nach Hause, aber nicht zurück. Monster lassen sich bezwingen, Meere überqueren, Götter überlisten. Nur die Zeit gibt nichts zurück.


Fazit:


Christopher Nolan stellt Homers Helden weder auf einen Sockel noch reißt er ihn von ihm herunter: Er zeigt Odysseus als großen, aber fehlbaren Mann, dessen Klugheit und Schuld untrennbar ineinandergreifen. Nicht jede Episode reicht so tief, wie sie könnte, nicht jede Figur ist so ausgereift, wie man es sich wünschen würde und doch ist „Die Odyssee“ wie die Summe Nolans Kinos: Zeit, Erinnerung und Besessenheit ebenso wie erzählerischer Wagemut, monumentale Bilder und körperlich spürbares Spektakel. Von Matt Damon getragen und durch Hoyte van Hoytema und Ludwig Göransson zu voller Wucht gebracht, wirkt „Die Odyssee“ wie Nolans Magnum Opus – und vielleicht wie das Tiefgründigste, was ein Blockbuster dieser Größe leisten kann.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 16. Juli 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Die Odyssee“:

Genre: Historiendrama, Action, Abenteuer

Laufzeit: 173 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

Besetzung: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway und viele mehr ...


Trailer zu „Die Odyssee“:


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