Kritik zu „Dolly“: Eine blutige Liebeserklärung an den Horror der Siebzigerjahre
- Toni Schindele

- vor 13 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Mit „Dolly“ erfüllte sich Regisseur Rod Blackhurst einen lang gehegten Traum. Inspiriert von jenen Horrorfilmen, die ihn einst selbst zum Filmemachen brachten, wollte er genau jene Art kompromisslosen Genrefilm erschaffen.

Rod Blackhurst verbindet mit Horrorfilmen eine sehr persönliche Leidenschaft. Der Filmemacher wuchs, wie er selbst einmal erzählte, ohne eigenen Fernseher in den Bergen auf und verbrachte seine Ferien damit, in abgelegenen Ferienhäusern eine VHS-Kassette nach der anderen regelrecht aufzusaugen. Es waren jene oft rohen, blutigen und bewusst überdrehten Genrefilme, die nach eigener Aussage seine Begeisterung für das Filmemachen entfachten. Mit „Dolly“ wollte er nun genau jene Art von Horrorfilm erschaffen, die ihn einst selbst geprägt hat.
Nach „The Outbreak“ und „Blood for Dust“ ist „Dolly“ bereits Blackhursts dritter Langspielfilm. Während seine bisherigen Regiearbeiten in Deutschland jedoch weitgehend unter dem Radar blieben und lediglich auf DVD und Blu-ray erschienen, schafft es der Filmemacher nun erstmals auch hierzulande auf die große Leinwand. Bevor sich Tiberius Film die deutschen Auswertungsrechte sicherte, wurde Blackhursts Horrorfilm bereits auf renommierten Genrefestivals wie dem in Spanien stattfindenden Sitges Film Festival und dem im texanischen Austin beheimateten Fantastic Fest gezeigt.
Darum geht es:
Eigentlich soll die Wanderung durch die Berge von North Carolina für Macy und ihren Freund Chase der Beginn eines neuen Lebensabschnitts werden. Doch als sie tief im Wald auf Dolly treffen, verwandelt sich der geplante Heiratsantrag in einen Albtraum. Gefangen in einem abgelegenen Haus wird Macy zum Spielzeug einer brutalen Entführerin, die sie wie ein Kleinkind behandelt und jeden Widerstand grausam bestraft.
Die Rezension:
Es gibt wohl kaum einen Ort, an dem die eigene Fantasie so schnell mit einem durchgeht wie im Wald. Zwischen dicht stehenden Bäumen, verwinkelten Pfaden und ungewohnten Geräuschen reicht oft schon ein kurzer Moment der Unsicherheit, damit sich die Frage einschleicht: Was, wenn dort draußen noch jemand ist? Genau von dieser Vorstellung leben seit jeher unzählige Horrorfilme und auch „Dolly“ macht sie sich zunutze. Der Film verwandelt die eigentlich friedliche Naturkulisse in einen Ort der Isolation, an dem aus einem harmlosen Ausflug ein Albtraum wird. Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte dabei beinahe wie ein Sammelsurium klassischer Slasher-Zutaten. Ein junges Paar gerät fernab der Zivilisation in die Fänge einer maskierten Killerfigur, die aus einem abgelegenen Haus heraus ihren Terror entfaltet.

Schon früh macht der Film dabei keinen Hehl daraus, welche Vorbilder ihn geprägt haben. Die DNA von Filmen wie „The Texas Chain Saw Massacre“ oder „High Tension“ steckt in nahezu jeder Einstellung. „Dolly“ versucht dabei gar nicht erst, seine Einflüsse zu verstecken. Der Film präsentiert sie offen und ohne Scheu. „Dolly“ möchte sehr offenkundig keine Revolution des Slasherfilms sein. Vielmehr versteht sich der Film als Liebeserklärung an die Zeit seine Leitbilder. Das funktioniert vor allem deshalb erstaunlich gut, weil Blackhurst die Ästhetik seiner Vorbilder mit großer Konsequenz einfängt. Gedreht auf analogem Super-16-Material besitzt der Film eine körnige, raue Bildsprache, die ihn optisch wirken lässt, als sei er direkt aus den Siebzigerjahren in die Gegenwart transportiert worden.
Das Bild ist abgenutzt, die Farben wirken stumpf und jede Einstellung trägt eine gewisse Unsauberkeit in sich, die perfekt zur Atmosphäre passt. Die Kamera bleibt nah an ihren Figuren, hält das Tempo hoch und erzeugt ein permanentes Gefühl von Unruhe. „Dolly“ sieht nicht nur aus wie ein Grindhouse-Film – er fühlt sich auch so an und das kommt insbesondere auch seinen blutigen Schauwerten zugute. Wenn hier Menschen verletzt werden, dann schmerzhaft, blutig und oftmals mit praktischen Effekten umgesetzt. Der Film überschreitet dabei zwar nicht die Extreme moderner Gore-Exzesse, setzt seine Gewaltszenen aber gezielt ein, um möglichst unangenehme Reaktionen hervorzurufen.
Hauptdarstellerin Fabianne Therese am Set von „Dolly“:

Allerdings offenbaren sich auch die Grenzen des Konzepts. Trotz seiner Kapitelstruktur erzählt „Dolly“ letztlich eine sehr einfach gestrickte Geschichte. Über weite Strecken folgt der Film einem wiederkehrenden Muster aus Flucht, Gefangennahme, Gegenwehr und erneuter Flucht. Die Handlung bewegt sich dadurch häufig im Kreis. Während der Auftakt effektiv Spannung erzeugt und das Finale einige intensive Momente bereithält, verliert der Film besonders im Mittelteil spürbar an Dynamik. Manche Szenen wirken länger als nötig und die geringe Zahl an Figuren schränkt die dramaturgischen Möglichkeiten zusätzlich ein. Gerade weil sich der Film nahezu ausschließlich auf zwei Figuren konzentriert, entsteht früh das Gefühl, dass bestimmte Entwicklungen kaum anders verlaufen können, als sie es letztlich auch tun.
Zur Vorhersehbarkeit kommen aber auch einige jener klassischen Horrorfilm-Entscheidungen hinzu, die einen regelmäßig mit den Augen rollen lassen. Figuren trennen sich in offensichtlichen Gefahrensituationen, treffen fragwürdige Entscheidungen oder ignorieren naheliegende Möglichkeiten. Freunde komplexer Erzählstrukturen und minutiös durchdachter Logik dürften hier eher also eher weniger auf ihre Kosten kommen. Wer dagegen eine kompromisslose Liebeserklärung an den unperfekten Independent-Horror der Siebzigerjahre sehen möchte, findet genau das. Denn Rod Blackhurst gelingt es durchaus, die Atmosphäre einer längst vergangenen Horror-Ära erstaunlich authentisch wiederzubeleben.

Interessanterweise liegt die eigentliche Stärke von „Dolly“ aber gar nicht in seinem Gore-Gehalt. Die nachhaltigsten Momente entstehen vielmehr dort, wo der Film den reinen Slasher verlässt und sich den psychologischen Abgründen zuwendet. Denn hinter der Porzellan-Maske verbirgt sich nicht einfach nur ein weiterer maskierter Mörder, sondern eine verstörende Idee. Die titelgebende Dolly nimmt ihrer Gefangenen Macy nicht nur die Freiheit, sondern versucht, ihr ihre gesamte erwachsene Identität zu entreißen. Aus einer selbstbestimmten Frau soll ein hilfloses Kind werden. Der Horror entsteht dadurch nicht allein aus körperlicher Gewalt, sondern aus dem Verlust von Autonomie. Gerade hier berührt „Dolly“ ein Thema, das viele instinktiv verstören dürfte.
Die Symbolik erinnert oberflächlich an ABDL-Konzepte – also Rollenspiele, bei denen Erwachsene zeitweise in kindliche Rollen schlüpfen. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass solche Praktiken innerhalb der realen Szene auf Freiwilligkeit und gegenseitigem Einverständnis beruhen. „Dolly“ interessiert sich nicht für diese Realität. Der Film nutzt dieselben Bilder vielmehr als Werkzeug für seinen Horror. Die Infantilisierung und die erzwungene Fürsorge dienen nicht als Ausdruck eines Kinks, sondern als Symbol für totale Kontrolle. Dadurch entsteht ein Unbehagen, das weit über den eigentlichen Splatter hinausgeht. Der Film greift damit die beklemmende Frage auf: Was geschieht, wenn einem Menschen nicht nur die Freiheit, sondern auch die eigene Identität genommen wird?

Macy wird nicht einfach eingesperrt; sie soll ihre Selbstständigkeit verlieren, ihre Persönlichkeit aufgeben und in einen Zustand völliger Abhängigkeit zurückgedrängt werden. Wie verstörend und entwürdigend diese Erfahrung ist, macht Fabianne Therese in der Rolle der Macy eindringlich spürbar. Angst, Verzweiflung und Trotz spiegeln sich immer wieder in ihrer Mimik wider und gerade weil Therese die emotionale Belastung so glaubhaft vermittelt, funktioniert die zentrale Prämisse überhaupt erst. Als Antagonistin hinter der porzellanenen Maske wirkt Dolly dagegen zugleich monströs und kindlich, lächerlich und furchteinflößend – eine ungewöhnliche Mischung, die der Figur zumindest das Potenzial verleiht, bei Genrefans in Erinnerung zu bleiben. Sie erscheint wie ein übergroßes Kind, dessen Bedürfnis nach Nähe jederzeit in brutale Gewalt umschlagen kann.
Fazit:
„Dolly“ erfindet den Slasherfilm nicht neu, fängt aber den Geist seiner großen Vorbilder mit bemerkenswerter Konsequenz ein. Zwischen körniger Grindhouse-Ästhetik und einer unerwartet verstörenden Grundidee entsteht ein Genrefilm, der sich erzählerisch zwar immer wieder in seinen eigenen Mustern verfängt, dafür aber deutlich länger nachwirkt, als es seine zunächst vertraute Prämisse vermuten lässt.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 11. Juni 2026 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Dolly“:
Genre: Horror
Laufzeit: 83 Minuten
Altersfreigabe: FSK 18
Regie: Rod Blackhurst
Drehbuch: Rod Blackhurst und Brandon Weavil
Besetzung: Fabianne Therese, Seann William Scott, Max Lindsey und viele mehr ...
Trailer zu „Dolly“:





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