Kritik zu „Gentle Monster“: Die verstörende Ungewissheit hinter vertrauten Bildern

Nachdem „Gentle Monster“ im Mai im Hauptwettbewerb der 79. Filmfestspiele von Cannes uraufgeführt wurde und Anfang Juli beim Filmfest München erstmals hierzulande zu sehen war, kommt Marie Kreutzers fünfter Spielfilm nun auch regulär in die deutschen Kinos.

Mit „Corsage“ holte Marie Kreutzer Kaiserin Elisabeth 2022 aus dem verklärten Sisi-Bild heraus und feierte damit ihren bislang größten Erfolg, nachdem ihre Laufbahn mit „Die Vaterlosen“ begonnen hatte und sie „Der Boden unter den Füßen“ bereits in den Wettbewerb der Berlinale geführt hatte. Während „Corsage“ international seine Kreise zog, war Kreutzers nächster Film allerdings längst im Entstehen. Der erste Funke für „Gentle Monster“ sprang bereits 2020 über: Kreutzer las in der Zeit eine Reportage über umfangreiche Ermittlungen im Bereich sexualisierter Gewalt gegen Kinder.
Aus der Reportage wurden Recherchen, aus Gesprächen mit Polizei, Justiz und Psychologie nach und nach ein Filmprojekt. Dann holte die Realität die Arbeit an dem Film auf beklemmende Weise ein: Anfang 2023 wurde bekannt, dass ausgerechnet Florian Teichtmeister, der in „Corsage“ als Kaiser Franz Joseph Elisabeths Ehemann gespielt hatte, wegen des Besitzes von Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs angeklagt worden war. Kreutzer zweifelte daraufhin kurz daran, „Gentle Monster“ unter diesen Umständen überhaupt noch drehen zu können, und entschied sich schließlich gerade deshalb dafür. Jetzt kommt eben jener daraus nun entstandene Film in die Kinos.
Darum geht es:
Nach Philips Burn-out zieht Konzertpianistin Lucy mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn aufs Land vor München und wagt damit einen Neuanfang, für den vor allem sie beruflich und finanziell zurücksteckt. Dann steht plötzlich die Polizei vor der Tür, beschlagnahmt Philips Geräte und zieht damit einen Verdacht in die Familie, der alles Vertraute ins Wanken bringt. Während Lucy versucht, ihren Sohn zu schützen und herauszufinden, wem sie noch glauben kann, beginnt auch ihr Blick auf die gemeinsame Vergangenheit zu kippen. Was bleibt von einem gemeinsamen Leben, wenn ausgerechnet der Mensch an deiner Seite plötzlich alles infrage stellt, woran du geglaubt hast?
Die Rezension:
Ein Handyvideo, eben noch eine harmlose Erinnerung: ein Blick, eine Hand auf der Schulter, ein kurzer Moment von Nähe. Dann kommt ein Verdacht hinzu und dieselben Bilder wirken plötzlich anders. Mit genau diesem Gefühl eröffnet Marie Kreutzer ihr Psychodrama „Gentle Monster“ und zieht uns hinein in eine Geschichte, die sich weniger dafür interessiert, einen Täter zweifelsfrei zu überführen, als dafür, was ein solcher Verdacht mit einer Beziehung macht: Denn wie lebt man mit einem Menschen weiter, wenn vertraute Momente ihre Eindeutigkeit verlieren? Aufmerksamkeit kann plötzlich sowohl Ausdruck von Fürsorge sein als auch in Fixierung kippen; selbst ein intimer Moment kann im Rückblick wie Beobachtung erscheinen. Welche Deutung stimmt, gibt der Film seinem Publikum nicht vor und überträgt Lucys Unsicherheit damit direkt auf uns – was den unter schweren Tatverdacht geratenen Philip nur noch unangenehmer macht.

Laurence Rupp spielt Philip nicht als Mann, dem das Böse schon ins Gesicht geschrieben steht, sondern als jemanden, dem man solche Taten zunächst vielleicht gar nicht zutrauen würde. Genau darin liegt aber die Stärke der Figur: Täter entsprechen eben keineswegs immer dem Bild des Fremden oder der offensichtlichen Bedrohung, das man sich von ihnen gern macht, sondern stammen in einem beträchtlichen Teil der Fälle aus dem direkten Umfeld. Entsprechend bleibt jede seiner Reaktionen doppeldeutig: Seine Verzweiflung kann Überforderung oder Inszenierung sein, seine Scham Reue oder Selbstschutz – das titelgebende „Gentle Monster“ bekommt so kein eindeutig erkennbares Gesicht. Umso konsequenter bleibt der Film bei Lucy.
Als Musikerin untersucht Lucy bekannte Liebeslieder männlicher Popstars und stellt der Vorstellung des emotional schweigsamen Mannes eine Popgeschichte gegenüber, in der Männer seit Jahrzehnten sehr genau besingen, was sie von Frauen, Liebe und Beziehungen erwarten, zumindest wenn man zwischen den Zeilen zuhört. Privat gerät sie zugleich an einen Punkt, an dem solche Worte kaum noch Sicherheit bieten. Charles & Eddies „Would I Lie to You?“ eröffnet den Film deshalb beinahe programmatisch: Ein Mann versichert einer Frau immer wieder seine Ehrlichkeit und verlangt Vertrauen in seine eigenen Beteuerungen. Doch genau darin liegt Lucys Problem: Menschen können erklären, versprechen, sich rechtfertigen und entschuldigen und trotzdem bleibt offen, ob ihre Worte tatsächlich der Wahrheit entsprechen.

Dass Lucy Französisch, Philip Deutsch und beide miteinander Englisch sprechen, verlängert diesen Gedanken und macht zusätzlich eine Beziehung sichtbar, in der selbst dieselben Sätze nicht mehr dasselbe bedeuten. Léa Seydoux trägt diese Unsicherheit vor allem über kleine Verschiebungen: Statt auf einen großen Zusammenbruch zuzusteuern, hält Lucy Hoffnung und Ekel, Loyalität und Angst, den Wunsch nach Gewissheit und das Bedürfnis, manches lieber nicht zu wissen, gleichzeitig aus. Gerade dieses Schwanken macht sie zu einer mehrdimensionalen, lebensechten Protagonistin, die keineswegs als moralisch eindeutige Instanz über Philip gestellt wird. Zwar schützt Lucy sofort ihr Kind, doch ihr Zögern, sich ganz von einem Mann zu lösen, der Missbrauchsdarstellungen von Kindern besessen hat, macht auch ihre eigene Verdrängung zum Teil der Geschichte.
Judith Kaufmanns Kamera bleibt dicht bei Gesichtern und Figuren und gibt Seydouxs kleinsten Regungen den nötigen Raum, während Ulrike Koflers Schnitt diese Schwebe bewahrt, statt den Film vorschnell in eine eindeutige Richtung zu drängen. Äußerlich geschieht deshalb oft wenig, während sich Lucys Blick auf ihre Welt immer weiter verengt. Gerade diese Zurückhaltung verhindert, dass „Gentle Monster“ seinen heiklen Stoff voyeuristisch oder sensationsheischend ausschlachtet: Kreutzer zeigt weder das mutmaßliche Material noch macht sie das Kind selbst zum Objekt eines verdächtigen Blicks. Die Bedrohung entsteht hier fokussiert aus der Möglichkeit, dass vertraute Bilder rückwirkend etwas anderes bedeuten könnten. Sie verweigert den klassischen Enthüllungsbogen und damit auch die beruhigende Aussicht auf eine Wahrheit, die am Ende alle Widersprüche auflöst.

Das passt zu einem Film über verlorene Gewissheit und zu Kreutzers eigener Vorstellung eines dezidiert nicht zornigen, sondern naturalistischen Films, der sich möglichst nah an unserer Wirklichkeit bewegen soll. Kreutzer versteht „Gentle Monster“ ausdrücklich als Film, der Fragen stellt, ohne für sie eine abschließende Antwort liefern zu wollen. So konsequent dieser Ansatz zunächst wirkt, lässt er Lucy dadurch aber über lange Strecken im selben Kreislauf aus Beobachten, Prüfen und Neubewerten verharren. Anfangs macht gerade dieses Suchen ihre Lage beklemmend, später wiederholen sich ihre Zweifel zunehmend, ohne dass sich ihre Situation wirklich verschiebt.
Um dieses Verharren aufzubrechen, führt Kreutzer mit Ermittlerin Elsa Kühn eine zweite Perspektive ein, die keine Lösung liefern, Lucys Geschichte aber zumindest aus einem anderen Blickwinkel spiegeln soll: Beruflich verlangt Elsa von den Partnerinnen pädophiler Täter, verstörende Wahrheiten über Männer in ihrem Umfeld anzuerkennen; privat muss sie selbst mit den Grenzüberschreitungen ihres demenzkranken Vaters gegenüber seiner ausländischen Pflegekraft umgehen. Als Gegenüberstellung zu Lucy funktioniert das, als gesellschaftliche Analyse deutlich weniger. Sexismus, rassistische Abwertung, sexuelle Belästigung und Philips Aktivitäten mit Missbrauchsmaterial von Minderjährigen werden auf einer gemeinsamen Achse von Macht und Gewalt angeordnet, ohne dass der Film ihre Unterschiede überhaupt antastet.

Jella Haase bewahrt die vergleichsweise grob gezeichnete Elsa aber davor, zur bloßen Thesenfigur zu werden: Hinter ihrer kontrollierten, trockenen Fassade lässt sie jene Überforderung aufscheinen, die Elsa beruflich bei anderen so klar erkennt. Eine ganz eigene Kontur bekommt Elsa schließlich durch ihren Musikgeschmack, den Haase selbst im Austausch mit Kreutzer entwickelte. Dem beinahe flehenden „Would I Lie to You?“ aus Lucys Geschichte steht bei Elsa deshalb kompromissloser, feministisch rebellischer Rap gegenüber. So bringt der Soundtrack die unterschiedlichen Haltungen der beiden Frauen präziser auf den Punkt als ihr zweiter Handlungsstrang selbst.
Fazit:
Marie Kreutzers „Gentle Monster“ ist ein beklemmendes Psychodrama darüber, wie ein Verdacht Vertrauen und gemeinsame Erinnerungen rückwirkend verändert. Getragen von Léa Seydoux, Laurence Rupp und Jella Haase nähert sich der Film seinem auf der großen Leinwand selten so verhandelten Thema mit feinem Gespür, verliert jedoch an Präzision, sobald er seine Prämisse zunehmend umkreist und unterschiedliche Formen von Macht und Gewalt zu sehr gegenüberstellt.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 17. September 2026 im Kino.
Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!
Weitere Informationen zu „Gentle Monster“:
Genre: Drama
Laufzeit: 115 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16
Regie: Marie Kreutzer
Drehbuch: Marie Kreutzer
Besetzung: Léa Seydoux, Laurence Rupp, Jella Haase und viele mehr ...
Trailer zu „Gentle Monster“:





Kommentare