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Kritik zu „Rose“: Zwischen Freiheit und Fassade

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 29. Apr.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 24 Stunden

Eine Frau zieht im 17. Jahrhundert als Mann durch eine Welt, die ihr sonst keine Freiheit zugestehen würde: Mit „Rose“ erzählt Markus Schleinzer von einem Leben zwischen Tarnung, gesellschaftlicher Enge und der ständigen Gefahr, dass ein einziges Geheimnis alles zerstören könnte.


Sandra Hüller als Rose im Historiendrama „Rose“ von Markus Schleinzer in einer kontrastreichen Schwarz-Weiß-Nahaufnahme mit dunklem Hut und ernstem Blick.
Bildnachweis: © Schubert, Row Pictures und Walker + Worm Film, Foto: Gerald Kerkletz

Spätestens seit 2023 kommt man an Sandra Hüller international kaum noch vorbei. Zwar sorgte sie bereits 2016 mit „Toni Erdmann“ weltweit für Aufmerksamkeit, doch mit gleich zwei gefeierten Filmen gleichzeitig katapultierte sie sich vor rund drei Jahren endgültig in die erste Reihe des internationalen Kinos: „Anatomie eines Falls“ gewann die Goldene Palme in Cannes, „The Zone of Interest“ wurde ebenfalls zum Sensationserfolg und Hüller stand plötzlich überall im Mittelpunkt. Inzwischen hat längst auch Hollywood angebissen. Aktuell ist sie im großen Science-Fiction-Blockbuster „Der Astronaut - Project Hail Mary“ an der Seite von Ryan Gosling zu sehen. Parallel dazu wurde sie vor rund zwei Monaten auf der Berlinale 2026 erneut mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet – diesmal für ihre Rolle in Markus Schleinzers Historiendrama „Rose“. Nun startet dieser Film auch regulär in den deutschen Kinos.


Darum geht es:


Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges taucht in einem abgelegenen Dorf ein rätselhafter Fremder auf, der Anspruch auf einen verfallenen Gutshof erhebt. Mit harter Arbeit, stillem Ehrgeiz und einem geheimnisvollen Dokument gewinnt er langsam das Vertrauen der misstrauischen Dorfbewohner. Doch hinter der Identität des angeblichen Soldaten verbirgt sich ein gefährliches Geheimnis: In Wahrheit ist der Fremde eine Frau namens Rose, die sich nach den Schrecken des Krieges ein Leben in Freiheit erschaffen wollte. Als eine arrangierte Ehe, Gerüchte und schließlich eine folgenschwere Entdeckung die Fassade ins Wanken bringen, verwandelt sich Roses Traum von Selbstbestimmung zunehmend in einen erbarmungslosen Kampf gegen gesellschaftliche Zwänge und ein Urteil, das längst gefällt scheint – bleibt am Ende überhaupt noch Hoffnung auf Freiheit?


Die Rezension:


Die Vergangenheit ist im Kino selten nur Vergangenheit. Historienfilme erzählen zwar von anderen Jahrhunderten, sprechen aber fast immer über die Gegenwart – über die Ängste, Sehnsüchte und gesellschaftlichen Konflikte der Zeit, in der sie entstehen. Gerade deshalb faszinieren solche Filme bis heute: weil sie nicht nur zeigen, wie Menschen früher lebten, sondern auch, welche Fragen uns heute noch beschäftigen. Wer durfte frei sein? Wer durfte über das eigene Leben bestimmen? Und was passiert mit Menschen, die nicht in die Ordnung ihrer Zeit passen? Markus Schleinzer erzählt in seinem neuesten Film von einer Frau im 17. Jahrhundert, handelt aber letztlich von einer zeitlosen Sehnsucht: dem Wunsch, das eigene Leben selbst definieren zu dürfen.


ndra Hüller richtet im Historiendrama „Rose“ eine Pistole im düsteren Wald auf eine unbekannte Person.
Bildnachweis: © Schubert, Row Pictures und Walker + Worm Film, Foto: Gerald Kerkletz

Schon in seinen vorherigen Filmen interessierte sich Markus Schleinzer für Figuren, die sich verstecken, Rollen spielen oder von außen falsch gelesen werden. In „Rose“ verdichtet sich dieses Motiv nun vielleicht am konsequentesten. Dabei erzählt Schleinzer jedoch keine klassische Rebellionsgeschichte und auch kein ermutigendes Historienmärchen. Seine Hauptfigur kämpft nicht für eine politische Bewegung oder gesellschaftliche Revolution. Rose handelt aus einem zutiefst persönlichen Wunsch heraus: Sie will leben dürfen, wie sie es für richtig hält. Gerade darin liegt die Kraft des Films. Denn aus diesem individuellen Wunsch nach Freiheit entsteht beinahe automatisch ein politischer Konflikt mit einer Gesellschaft, die solche Selbstbestimmung nicht vorsieht.


Mit kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern und weitgehend statischen Einstellungen erzählt Schleinzer seinen Film bewusst ohne jenen Museumseffekt, den er vermeiden wollte. Die distanzierte Bildsprache wirkt dabei gerade deshalb intensiv, weil sie die Situationen nüchtern beobachtet, statt moralisch zu dramatisieren. Besonders spannend ist dabei, wie sorgfältig der Film historische Realität und universelle Allegorie miteinander verbindet. Schleinzer und sein Co-Autor Alexander Brom orientieren sich zwar an realen Gerichtsakten und historischen Fällen von Frauen, die über Jahrhunderte hinweg als Männer lebten, verweigern aber bewusst eine eindeutige biografische Vorlage. Dadurch wird Rose auch zu einer Art Sammelfigur verschiedenster Schicksale.


Hinter dieser Entscheidung steckt ein kluger Gedanke: Der Film interessiert sich weniger für die historische Rekonstruktion eines einzelnen Falls als für ein größeres gesellschaftliches Muster. Immer wieder zeigt sich dabei derselbe Kern: Für viele Frauen bedeutete die männliche Rolle schlicht Zugang zu Freiheit. Zugang zu Arbeit, Besitz, Bildung oder Sicherheit. Bereits ein Stück Stoff – die Hose – veränderte die gesellschaftliche Wahrnehmung fundamental. Dabei vermeidet Schleinzer jede romantisierende Verklärung seiner Hauptfigur. Rose ist keine makellose Heldin. Sie lügt, manipuliert und verletzt andere Menschen. Markus Schleinzers Film zeigt daher auch sehr deutlich, dass der Wunsch nach Freiheit nicht automatisch mit moralischer Unschuld oder ethischer Eindeutigkeit einhergeht.


Sandra Hüller als Rose im Film „Rose“ umringt von Dorfbewohnern des 17. Jahrhunderts in einer hell ausgeleuchteten Schwarz-Weiß-Szene.
Bildnachweis: © Schubert, Row Pictures und Walker + Worm Film, Foto: Gerald Kerkletz

Gerade diese Ambivalenz macht die Figur so interessant. Rose kämpft gegen gesellschaftliche Zwänge und reproduziert zugleich selbst Machtstrukturen gegenüber Menschen, die von ihr abhängig sind. Dass man trotz aller Sperrigkeit keine Probleme haben wird, sich auf „Rose“ einzulassen, liegt dabei vor allem an Sandra Hüller. Ihre Darstellung gehört zu den größten Stärken des Films. Hüller spielt Rose nicht als Maskerade und auch nicht als bewusst demonstrative Männerperformance. Dominanz und Verletzlichkeit, Strenge und Zärtlichkeit, Kontrolle und permanente Angst – ihre Rose bleibt durch ihre vielseitige Interpretation stets menschlich und greifbar.


Es wäre leicht gewesen, aus dieser Figur entweder ein bloßes Symbol oder eine historische Kuriosität zu machen. Hüller verhindert genau das. Auch die Beziehung zwischen Rose und Suzanna entwickelt der Film mit bemerkenswerter Zurückhaltung. Caro Braun spielt Suzanna zunächst fast verloren und eingeschüchtert, ehe sich ihre Figur langsam verändert. Besonders interessant ist dabei die kurze Verschiebung der Machtverhältnisse, sobald Suzanna Roses Geheimnis erkennt. Für einen Moment scheint plötzlich ein anderes Leben denkbar zu sein – eines jenseits gesellschaftlicher Normen und Zwänge.


Doch der Film verweigert bewusst jede romantische Erlösung. „Rose“ ist kein Film, der seinem Publikum am Ende Hoffnung oder Triumph schenkt. Stattdessen bleibt er konsequent pessimistisch und ernüchternd. Das mag frustrierend wirken, passt aber zur gesamten Haltung des Films. Schleinzer interessiert sich nicht für Wunschbilder, sondern für gesellschaftliche Realität. Seine Figuren dürfen nicht einfach ausbrechen, weil die Welt, in der sie leben, solche Auswege kaum zulässt. Dadurch macht der Film aber sehr eindringlich erfahrbar, wie schwer es ist, in einer restriktiven Welt überhaupt einen Platz für sich zu beanspruchen, ohne dabei selbst schuldig zu werden.


Szene aus „Rose“ mit Sandra Hüller und Caro Braun in einer stillen Schwarz-Weiß-Innenaufnahme vor einem Kamin im 17. Jahrhundert.
Bildnachweis: © Schubert, Row Pictures und Walker + Worm Film, Foto: Gerald Kerkletz

Das verleiht „Rose“ eine unangenehme Ehrlichkeit, die weit über klassische Opfererzählungen hinausgeht. Allerdings kann man dem Film nichtsdestotrotz vorwerfen, historische queere Realitäten zu stark zu vereinfachen. Tatsächlich orientiert sich die Geschichte teilweise an der realen Catharina Linck, die unter männlicher Identität lebte und wegen sogenannter Sodomie hingerichtet wurde. Der Film blendet jedoch bewusst Fragen nach Transidentität oder lesbischem Begehren weitgehend aus und definiert Rose klar als Frau, die nicht als Mann leben möchte, sondern lediglich die männliche Rolle nutzt, um frei zu sein. Genau darin kann man eine verpasste Chance sehen, historische queere Lebensrealitäten sichtbarer zu machen.


Fazit:


Markus Schleinzer verbindet in seinem dritten Film historische Realität mit einer zeitlosen Allegorie über Freiheit, gesellschaftliche Zwänge und die Grenzen persönlicher Selbstbestimmung. Gerade durch seine kühle, eindringliche Inszenierung, die allgegenwärtige Hoffnungslosigkeit und eine herausragende Sandra Hüller bleibt „Rose“ noch lange nach dem Abspann spürbar nachhallend zurück.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 30. April 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Rose“:

Genre: Drama

Laufzeit: 94 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Markus Schleinzer

Drehbuch: Markus Schleinzer und Alexander Brom

Besetzung: Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt und viele mehr ...


Trailer zu „Rose“:


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