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Kritik zu „Morgen war Krieg“: Was, wenn aus der Wehrpflichtdebatte Ernst wird?

Autorenbild: Toni Schindele
Toni Schindele
vor 25 Minuten
4 Min. Lesezeit

Wehrpflicht, Rechtsruck und Kriegsangst sind in Nicolas Ehrets „Morgen war Krieg“ keine abstrakten Schlagworte mehr, sondern bestimmen den Alltag eines jungen Mannes, der nicht kämpfen will und dennoch erlebt, wie der Krieg immer näher an sein eigenes Leben rückt.


Bildnachweis: © Epik Filmproduktion GmbH 2026, PROGRESS Filmverleih
Bildnachweis: © Epik Filmproduktion GmbH 2026, PROGRESS Filmverleih

Was vor wenigen Jahren noch wie ein fernes Szenario wirkte, ist wieder Teil des politischen Alltags: Seit Anfang 2026 werden 18-Jährige in Deutschland erneut von der Bundeswehr erfasst, für junge Männer kehrt 2027 die verpflichtende Musterung zurück. Der Wehrdienst selbst bleibt bislang freiwillig, doch die Frage, wie weit Deutschland auf dem Weg zurück zu verpflichtenden Strukturen gehen wird, ist längst wieder Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Wie unmittelbar diese Debatte für die betroffene Generation geworden ist, zeigen die wiederkehrenden bundesweiten Schulstreiks gegen die Wehrpflicht. Dabei geht es nicht allein um die Sorge, gegen den eigenen Willen zum Wehrdienst verpflichtet zu werden. Dahinter steht auch eine grundsätzlichere Kriegsangst: die Vorstellung, im Ernstfall tatsächlich kämpfen und auf andere Menschen schießen zu müssen. Nicolas Ehrets „Morgen war Krieg“ greift genau diese Gegenwart auf und denkt sie einige beunruhigende Schritte weiter.


Darum geht es:


Deutschland rückt politisch nach rechts, der nächste Krieg scheint nur noch eine Frage der Zeit. Jonas will nicht Teil davon werden und verschwindet mit seiner Schwester aufs Land – ausgerechnet zu seinem Vater Stuber, zu dem seit Jahren Funkstille herrscht. Doch hinter Feldern und Dorfstraßen wartet kein Rückzugsort: Ein Grenzzaun durchzieht die Gegend, eine Bürgerwehr formiert sich und auch Wibke bringt die politischen Spannungen direkt in Stubers eigene vier Wände. Während zwischen Vater und Sohn alte Verletzungen wieder aufbrechen, wird aus dem Versuch, sich herauszuhalten, immer mehr ein Balanceakt zwischen Haltung, Angst und Selbstschutz. Aber wie weit kann Jonas vor einem Krieg davonlaufen, der längst begonnen hat, seinen Alltag zu verändern?


Die Rezension:


Nicolas Ehrets „Morgen war Krieg“ nimmt vertraute Entwicklungen der Gegenwart zum Ausgangspunkt und spinnt sie zu einer dystopischen Zukunft weiter. Dafür braucht der Film kein bis ins Detail entworfenes politisches System: Schon wenige Veränderungen reichen, um den Alltag zunehmend bedrohlich erscheinen zu lassen. Kontrastarme Blau- und Grautöne halten die Bedrohung ständig präsent, während sich Kriegsangst, Militarisierung und rechter Machtgewinn immer enger um den Alltag des Protagonisten legen. Ehret macht das am Schicksal eines jungen Mannes sichtbar, verbindet das politische Szenario jedoch recht ungelenk mit einem Familiendrama. Denn mit Jonas’ Flucht verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend auf die Beziehung zu seinem Vater.


Bildnachweis: © Epik Filmproduktion GmbH 2026, PROGRESS Filmverleih
Bildnachweis: © Epik Filmproduktion GmbH 2026, PROGRESS Filmverleih

Wehrpflicht, autoritärer Umbau und gesellschaftliche Verunsicherung bleiben auch fernab der Stadt durch Bürgerwehr, Grenzzaun und Wibke präsent, bilden mit fortschreitender Laufzeit jedoch zunehmend den politischen Rahmen für Jonas’ und Stubers jahrelange Entfremdung, deren Ursachen jedoch recht vage bleiben. Mit Stubers eigenem Vater zieht der Film den familiären Konflikt noch eine Generation weiter und verbindet alte Ressentiments mit der neuen politischen Härte. Für die spätere Annäherung zwischen Jonas und Stuber schafft der Film damit allerdings nur ein recht schmales emotionales Fundament. Ähnlich wenig greifbar bleibt das Verhältnis zur kleinen Schwester beziehungsweise Stubers Enkelin, sodass den familiären Spannungen insgesamt jene Verankerung fehlt, die sie enger mit der politischen Ausnahmesituation verbinden könnte. Sie könnten dadurch nahezu ebenso in einem anderen Gegenwartsdrama stattfinden.


Ehret interessiert in „Morgen war Krieg“ offenkundig weniger die konkrete Mechanik eines kommenden Krieges als die Frage, was politische Verrohung mit Menschen, Beziehungen und moralischen Gewissheiten macht. Dafür findet der Film immer wieder eindrückliche Bilder und einzelne starke Situationen. Doch je stärker er seine große gesellschaftliche Prämisse auf eine Familiengeschichte verengt, desto deutlicher wird, dass diese selbst nicht präzise genug ausgearbeitet ist, um all das zu tragen, was sich in ihr spiegeln soll: historische Schuld, familiäre Verletzungen, politische Radikalisierung und die Frage, wie lange sich ein Mensch aus Gewalt heraushalten kann, bevor er selbst Teil von ihr wird. So bleibt auch Protagonist Jonas selbst stellenweise schwer zu greifen.


Dabei liegt gerade in seiner Entwicklung einer der interessantesten Gedanken des Films: Er versucht zunächst, sich der zunehmenden Gewalt zu entziehen und moralisch nicht Teil von ihr zu werden, gerät aber immer tiefer in Situationen, in denen sich diese Haltung kaum noch aufrechterhalten lässt. Aus Verweigerung wird Flucht, aus dem Versuch zu helfen schließlich eigene Schuld. Gerade diese Entwicklung könnte dem Film eine schmerzhafte Ambivalenz geben. Weil aber nur stellenweise deutlich wird, was sich in Jonas verändert, wirkt seine Entwicklung am Ende eher wie etwas, das die Handlung vorgibt, als wie ein Prozess, der sich nach und nach aus seiner Figur ergibt. Dass die Figur dennoch an Kontur gewinnt, liegt daher vor allem an Enno Trebs. In seinem zurückgenommenen Spiel schimmern Unsicherheit, Trotz und innere Überforderung immer wieder durch und lassen Jonas komplexer wirken, als es seine erzählerische Ausarbeitung zunächst vermuten lässt.


Bildnachweis: © Epik Filmproduktion GmbH 2026, PROGRESS Filmverleih
Bildnachweis: © Epik Filmproduktion GmbH 2026, PROGRESS Filmverleih

Ulrich Matthes macht Stubers Distanz zu Jonas vor allem mit seinem beherrschten Ton und der Aufmerksamkeit spürbar, die er ihm nur sparsam schenkt. Offene Vorwürfe braucht es dafür kaum, entscheidender ist, wie wenig beide einander noch anbieten. Erst im Zusammenspiel mit Leonie beginnt diese Verschlossenheit langsam zu bröckeln. Zuneigung wirkt bei Stuber wie etwas, zu dem er selbst erst wieder Zugang finden muss, und ausgerechnet Leonie bringt jene Wärme mit, die zwischen Vater und Sohn lange fehlt. Mit Jonas ist sie selbstverständlich vertraut, Stuber nähert sie sich dagegen erst an – Unterschiede, die Naila Schuberth schon mit kleinen Blicken sichtbar macht. Die Geschwisterbeziehung selbst bleibt allerdings blasser, als Schuberth und Trebs sie wirken lassen.


Fazit:


Nicolas Ehrets „Morgen war Krieg“ entwirft aus vertrauten Entwicklungen eine bedrückend nahe Dystopie, verliert jedoch an Schärfe, sobald das politische Szenario in ein nur skizzenhaft ausgearbeitetes Familiendrama übergeht. Dass der Film dennoch Kontur gewinnt, verdankt er vor allem seinem starken Hauptdarstellertrio Enno Trebs, Ulrich Matthes und Naila Schuberth.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 24. September 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Morgen war Krieg“:

Genre: Drama

Laufzeit: 119 Minuten

Altersfreigabe: FSK 12


Regie: Nicolas Ehret

Drehbuch: Nicolas Ehret

Besetzung: Enno Trebs, Ulrich Matthes, Naila Schuberth und viele mehr ...


Trailer zu „Morgen war Krieg“:


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