top of page

Leis Bagdach und Safinaz Sattar im großen Doppel-Interview zu „Im Rosengarten“: „Kultur ist Austausch – immer“

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 10. Dez. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Regisseur Leis Bagdach nennt „Im Rosengarten“ einen Film, der es „heute schwer hat“ und „vom Aussterben bedroht“ ist. Im großen Doppel-Interview mit Hauptdarstellerin Safinaz Sattar erzählt er, warum er trotzdem genau jetzt wichtig ist.


Rechts ein Porträt von Regisseur Leis Bagdach, der für „Im Rosengarten“ verantwortlich zeichnet, im Freien vor unscharfem Grün aufgenommen; links ist Schauspielerin Safinaz Sattar in der Rolle Latifa zu sehen.
Bildnachwesis: (l) © Neufilm (r) Bildnachweis: © Neufilm 2024

Ein Musiker am Scheideweg, ein Familiengeheimnis, eine unerwartete Begegnung: In „Im Rosengarten“ schickt Regisseur und Drehbuchautor Leis Bagdach den erfolgreichen Berliner Rapper Yakoub auf eine Reise, die seine Bühnenwelt abrupt mit einer Vergangenheit konfrontiert, der er bislang ausgewichen ist. Kurz vor dem Höhepunkt seiner Karriere erreicht den von Kostja Ullmann gespielten Musiker die Nachricht, dass sein Vater – seit über dreißig Jahren aus seinem Leben verschwunden – in Deutschland ins Krankenhaus eingeliefert wurde. An seiner Seite: Latifa, Yakoubs fünfzehnjährige Halbschwester, die kein Deutsch spricht, während er selbst kaum Verbindung zur arabischen Sprache oder Herkunft hat. Was als Pflichtbesuch beginnt, führt die beiden inmitten eines Wintereinbruchs quer durch Deutschland – und zwingt sie dazu, einander trotz sprachlicher und kultureller Distanz nicht aus den Augen zu verlieren.


Für Leis Bagdach bedeutet der Film zugleich sein Debüt hinter der Kamera. Der in Köln geborene Filmemacher, der seit vielen Jahren für Film und Fernsehen schreibt, verbindet in „Im Rosengarten“ seine eigene biografische Perspektive mit einer fiktionalen Erzählung. An Yakoubs Seite verkörpert Safinaz Sattar die junge Latifa, die er ungeplant in sein Leben aufnehmen muss und deren Ankunft eine Reise durch winterliche Städte, Dörfer und Erinnerungen auslöst. Kurz vor dem Kinostart am 11. Dezember haben sich Leis Bagdach und Safinaz Sattar Zeit für ein ausführliches Doppel-Interview genommen – über die Entstehung des Films, die Figuren und die Fragen, die „Im Rosengarten“ aufwirft.


Der Film Journalist: Ich habe gelesen, dass die ersten Ideen zu diesem Film auf Notizen zurückgehen, die du bereits über 20 Jahre gemacht hast. Was war denn diese initiale Idee?


Leis Bagdach: Weil mein Vater aus Syrien und meine Mutter aus Deutschland kommt, war ich

Szene aus „Im Rosengarten“: Yakoub und Latifa stehen nebeneinander in einem festlich dekorierten Raum und blicken konzentriert nach vorn.
Bildnachweis: © Neufilm 2024

immer zwischen diesen Kulturen – mal mehr, mal weniger – hin- und hergerissen. Wovon ich immer geträumt habe, was aber als Kind und später ebenso quasi unmöglich war, war, dass sich diese Welten einmal verbinden. Ich habe mir immer gewünscht, dass mal meine syrischen Cousins oder Cousinen nach Deutschland kommen, was leider unmöglich war, die hätten niemals ein Visum bekommen. Ich wollte ihnen so gern mal meine Welt zeigen! Das war der Grundstein dieser Geschichte. Dann kam der Syrien-Krieg. Ich hatte schon vor dem Krieg angefangen zu schreiben und danach nochmal alles umgeschmissen – die Figuren, den Ton. Dadurch wurde es reichhaltiger, denn es kam ja noch etwas Großes hinzu: der starke Verlustschmerz, den ich hatte, weil ich Syrien nicht mehr bereisen konnte. Gleichzeitig waren plötzlich viele Syrerinnen und Syrer in Deutschland – und auch das Thema Rassismus wurde wieder sichtbarer! Vielleicht ist deshalb der Film eine Art Anti-Heimat-Film geworden.


Ich bin in den 80ern und 90ern in Westdeutschland aufgewachsen. Da gab es in meinem Umfeld einen linken Common Sense: Deutschlandfahne, Nationalhymne, Heimat – alles Dinge, die wir vehement abgelehnt haben. Als dann 2006 dieses sogenannte Sommermärchen war, fingen Leute an, sich Deutschlandfahnen ins Gesicht zu malen. Das war mir extrem fremd und unangenehm. Für mich gibt es keinen gesunden Nationalismus. Nationalismus ist aus meiner Sicht immer toxisch – alle, die nicht zur Nation dazugehören, werden ausgeschlossen. Aber wer bestimmt eigentlich die Kriterien? Ich bin in Deutschland geboren worden, mit denselben Eindrücken aufgewachsen wie mein blonder, blauäugiger Nachbar, und trotzdem wurde ich ständig gefragt: „Wann gehst du mal zurück in die Heimat?“ oder „Was gefällt dir besser, Deutschland oder Syrien?“ Der Begriff „Heimat“ war für mich deshalb immer schon sehr schwierig ...


Safinaz Sattar: Ich hatte so etwas Ähnliches mal. Als ich klein war, waren wir im Heidepark, und da gab es eine Delfinshow. Ein kleiner schwarzer Junge wurde auf die Bühne geholt, und man hat ihn gefragt, wo er herkommt. Er meinte einfach: aus Deutschland. Und der ganze Saal hat gelacht. Ich habe es überhaupt nicht verstanden und tagelang darüber nachgedacht. Ich war so: Warum lachen die? Kommt der etwa nicht aus Deutschland? Er hat doch Deutsch gesprochen. Dieses „Wo kommst du her? – Aus Deutschland. – Nein, eigentlich meine ich …“ Das kennt man total.


Szene aus „Im Rosengarten“: Yakoub sitzt mit seiner Großmutter und Latifa an einem weihnachtlich gedeckten Tisch mit Adventskranz und Geschirr.
Bildnachweis: © Neufilm 2024

Leis Bagdach: Dass jetzt viele sensibilisiert sind und sich manche schon angegriffen fühlen, wenn man Rassismus thematisiert, kann ich als Filmemacher nicht beeinflussen. Bei Testscreenings während des Schnitts fanden manche die Szene in der Dorfkneipe, in der unsere Hauptfiguren Rassismus erleben, zu klischeehaft. Heute, fast zwei Jahre später, glaube ich nicht mehr, dass das jemand behaupten würde – das ist mittlerweile ja wieder Alltag. Verrückterweise ändert sich je nach Nachrichtenlage auch der Blick auf den Film. Wir haben gedreht, bevor der Terroranschlag am 7. Oktober 2023 und der Gaza-Krieg stattfanden. Safinaz trägt im Film einen syrischen Bauernschal, der heute wieder als Palästinensertuch gelesen wird. Das war gar nicht beabsichtigt. Und dann kam vor einigen Wochen diese Stadtbild-Debatte, die unser Bundeskanzler Friedrich Merz angestoßen hat. Auf Instagram haben viele Männer Bilder von sich gepostet, mit der Unterschrift: „Ich bin wohl nicht erwünscht in Deutschland“ – und die sehen in etwa alle so aus wie die männliche Hauptfigur unseres Films, gespielt von Kostja Ullmann. Traurigerweise hat der Film deutlich an Aktualität gewonnen!


Der Film Journalist: Jetzt bist du zwar schon länger in der Filmbranche unterwegs, Leis, aber „Im Rosengarten“ ist dein Langspielfilm-Debüt als Regisseur. War das von Anfang an klar, dass du diesen Film auch inszenieren wirst?


Leis Bagdach: Ich wollte schon immer Filme machen. Relativ schnell wurde mir allerdings klar,

Szene aus „Im Rosengarten“: Latifa steht allein in einem lichten Wald, umgeben von hohen Bäumen, während Sonnenlicht durch die Äste fällt.
Bildnachweis: © Neufilm 2024

dass Filme nicht von nur einer Person gemacht werden, sondern von vielen. Ich habe mich über das Schreiben dem Filmemachen angenähert und deshalb zunächst Drehbücher für andere geschrieben. Aber diesen Film wollte ich unbedingt selbst machen – es ging nicht darum, endlich Regie zu führen, sondern genau diese Geschichte selbst zu verfilmen. Als ich das Projekt meiner Redakteurin gepitcht habe, hat sie sich deshalb auch gar nicht gewundert, dass ich Regie führen will. Es hat nie jemand nachgefragt. Ich hatte vorher ja nicht einmal einen Kurzfilm als Regisseur gedreht, als Drehbuchautor und Produzent wiederum hatte ich schon viele Produktionen eng begleitet – vom Casting bis zur Fertigstellung. Ganz ins kalte Wasser bin ich also nicht gefallen. Die komplette Inszenierung allein zu verantworten, war dann trotzdem Neuland. Es hat mir aber großen Spaß gemacht!


Der Film Journalist: Die weibliche Hauptrolle spielst du, Safinaz. Wie kam es dazu, und was hat dich an dieser Rolle und Geschichte gereizt?


Safinaz Sattar: Es war der klassische Weg: Ich habe das Drehbuch zugeschickt bekommen und dann eine Einladung von Leis, dass wir uns treffen. Ich habe es dann auf dem Weg dorthin gelesen und meinte zu ihm, dass mich vor allem die Bilder angesprochen haben. Ich fand, er hat mega schöne Bilder geschrieben. Und ich fand es vor allem auch sehr cool, dass ein junges arabisches Mädchen im Mittelpunkt steht und ihre Geschichte erzählt wird. Das hatte ich vorher so noch nie gesehen.


Leis Bagdach: Ich habe mir tatsächlich nur zwei Schauspielerinnen für die Rolle angeschaut. Als ich Safinaz im Café getroffen habe, wusste ich sofort, dass sie die Richtige ist. Sie hat mich unglaublich an eine Cousine erinnert – nicht optisch, eher vom Gefühl her. Ich habe mich sofort verwandt gefühlt. Wir haben dann eigentlich kein Casting gemacht, sondern nur Probeaufnahmen. Es gab keinen klassischen Casting-Prozess. Das bereue ich kein bisschen. Es ist voll aufgegangen.


Der Film Journalist: Aber da du es angesprochen hast, Safinaz, dass hier ein junges arabisches Mädchen im Mittelpunkt steht: Wie siehst du die Darstellung muslimischer oder arabischer Menschen im deutschen Film?


Safinaz Sattar: Ich weiß es ehrlicherweise nicht so genau, aber ich bekomme von Kolleginnen und Kollegen mit, dass es besser wird. Trotzdem sieht man im Verhältnis zu der Anzahl muslimischer oder arabischer Menschen, die in Deutschland leben, immer noch viel zu wenig. Das ist traurig, weil man dadurch unsichtbar bleibt. Repräsentation ist auch im Film wichtig. Wenn du immer Filme schaust und niemand sieht aus wie du, fehlt ein Ankerpunkt. Der Film ist ja dafür da, dass man etwas wiedererkennt.


Leis Bagdach: Schön wäre deshalb aber auch, wenn man als nicht-weiße oder muslimisch gelesene Person einfach normal auftaucht, ohne dass das wieder als einziges Thema dargestellt wird. Nur weil man nicht weiß ist, hat man ja nicht ausschließlich diese Themen. Vieles ist gut gemeint, aber schlecht ausgeführt – dieser sogenannte freundliche Rassismus. Aber es ist zugegeben auch ein Dilemma: Wenn die Figur Mohammed heißt, sagt man, warum immer Mohammed? Wenn die Figur Michael heißt, sagt man wiederum, das sei Whitewashing. Es ist ein verkrampftes Verhältnis, und das spiegelt sich im Film. Deshalb wollte ich auch für die männliche Hauptrolle jemanden mit arabischem oder muslimischem Hintergrund, der aber gleichzeitig einfach Deutscher ist.


Bei meiner Suche hatte ich dann Ausschnitte aus „3 Türken & ein Baby“ gesehen – Kostja

Szene aus „Im Rosengarten“: Yakoub steht im Türrahmen eines alten, nostalgischen Hausflurs und blickt ernst in den Raum.
Bildnachweis: © Neufilm 2024

Ullmann spielt dort einen Türken. Ich dachte: Hä? Aber irgendwie passte es total. Dann habe ich gegoogelt und erfahren, dass er eine indische Mutter hat. Wir haben uns getroffen, und er wollte die Rolle unbedingt spielen, weil er das Drehbuch mochte. Und wie bei Safinaz haben wir eigentlich nur eine Szene zusammen gemacht. Meine Casterin Ulrike Müller, die großartige Arthouse-Filme besetzt, war auch sofort überzeugt. Und wenn ich die Frage höre: Darf jemand ohne muslimische Wurzeln jemanden mit muslimischen Wurzeln spielen, dann sage ich: natürlich, unbedingt sogar. Kultur ist Austausch – immer. Kultur ist Vermischung.


Der Film Journalist: Am 11. Dezember startet „Im Rosengarten“ in den Kinos. Deshalb als Abschlussfrage: Warum sollte man für den Film ins Kino gehen?


Leis Bagdach: Ich glaube, der Film erzählt etwas Besonderes, weil er verschiedene Perspektiven auf dieses Land vereint. Es gibt viele Filme über migrantische Themen, aber selten zeigen darin Menschen mit Migrationsgeschichte ihre – wenn vielleicht auch kontroverse – Liebe zu diesem Land, ganz ohne Deutschtümelei. Für mich geht es in dem Film in erster Linie aber gar nicht um Migration und Rassismus, sondern eher um die sehr universelle Frage, wo man eigentlich hingehört. So oder so: Der Film lässt sich nur schwer in eine Schublade stecken – und solche Filme haben es heute schwer, sind vom Aussterben bedroht, fürchte ich. Also an alle da draußen: Falls ihr nochmal so einen Film sehen wollt, bevor die vielleicht komplett verschwinden, geht ins Kino und schaut euch „Im Rosengarten“ an!

Kommentare


Abonniere jetzt den Newsletter

und sei immer aktuell informiert!

Danke für's Einreichen!

© 2023 by Make Some Noise.

Proudly created with Wix.com

bottom of page