Mitch Martín und Olimpia Pont Cháfer im Doppel-Interview zu „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“
- Toni Schindele

- vor 16 Minuten
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„Ich finde, das sollte viel öfter in der Filmindustrie passieren“, sagt Mitch Martín über die langen Proben vor den Dreharbeiten zu Carla Simóns neuem Film „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“, der jetzt auch in deutschen Kinos zu sehen ist.

Viele kennen die spanische Regisseurin Carla Simón spätestens seit ihrem Goldenen Bären bei der Berlinale 2022 für „Alcarràs – Die letzte Ernte“. Mit „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ kommt nun ihr neuer Film heraus, der im Mai 2025 bei den Internationale Filmfestspiele Cannes Premiere feierte und nach seinem spanischen Kinostart im September nun auch in Deutschland in den Kinos anläuft. Der Film bildet den Abschluss einer lose verbundenen Trilogie, die von Simóns eigener Familiengeschichte inspiriert ist und mit „Fridas Sommer“ sowie „Alcarràs – Die letzte Ernte“ begann.
Der Film verbindet Autofiktion, Familiengeschichte und eine Spur kriminalistischer Rekonstruktion: Im Zentrum steht die 18-jährige Marina, die sich auf die Suche nach ihrer eigenen Vergangenheit begibt und dabei mit verdrängten Erinnerungen, familiärem Schweigen und den Folgen der AIDS-Krise konfrontiert wird. Seine Deutschlandpremiere feierte „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ bereits vor dem offiziellen Kinostart in München. Mit dabei waren Hauptdarsteller Mitch Martín und Co-Produzentin Olimpia Pont Cháfer, die sich vor der Filmvorführung Zeit für ein Interview genommen haben.
Der Film Journalist: Einmal zum Einstieg eine Frage an Mitch: Der Originaltitel des Films ist „Romería“, in Deutschland trägt der Film aber den zusätzlichen Untertitel „Das Tagebuch meiner Mutter“. Hast du selbst schon einmal Tagebuch geführt und was verbindest du mit dem Schreiben von Tagebüchern?
Mitch Martín: Also, ich habe tatsächlich glaube ich erst rund einen Monat vor Cannes angefangen, Tagebuch zu schreiben. Ich hatte damals mit einer Therapie begonnen, und die hat mir wirklich geholfen, diesen Schritt zu machen. Ich hatte zwar immer ein Skizzenbuch, um zu malen und Songtexte zu schreiben, aber nie wirklich, um über Dinge zu sprechen, die mir im Alltag passieren. Dabei ist das glaube ich sehr, sehr wichtig – vor allem, weil man, wenn man es Monate später liest, daraus seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Was meine Familie betrifft: Ich habe einige Karten von meiner Großmutter gefunden, die ich nie kennengelernt habe.
Der Film Journalist: Bleiben wir bei der Familie, denn darum geht es ja auch zentral in Carla Simóns neuem Film. Was hat dich denn am meisten an der Geschichte gereizt?
Mitch Martín: Ich fühle mich auf eine gewisse Weise mit der Rock'n'Roll und Punkbewegung in Spanien verbunden, und meine Generation blickt zu der der 80er auf. Die Möglichkeit, eine Figur zu spielen und diesen Teil der spanischen Geschichte darzustellen, war für mich wirklich interessant. Besonders schön fand ich, wie Carla in der Lage war, über diese Zeit zu sprechen, aber aus einer anderen Perspektive. Das hat mich am meisten interessiert.
Der Film Journalist: Olimpia, Sie sind Co-Produzentin des Films: Der Film wurde von Carla Simón geschrieben und inszeniert und ist der letzte Teil ihrer sehr autobiografisch geprägten Trilogie. Was macht sie Ihrer Meinung nach als Filmemacherin und Geschichtenerzählerin besonders?
Olimpia Pont Cháfer: Wir kannten sie bereits, weil wir mit unserem Verleih schon bei „Alcarràs –

Die letzte Ernte“ mit ihr gearbeitet haben. Auch ihren ersten Film, der in Deutschland „Fridas Sommer“ hieß, kannten wir; er hat uns sehr berührt. Deshalb wollten wir ihre weiteren Projekte im Blick behalten. Als sie dann „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ machte, haben wir den Film mitproduziert – auch weil wir bereits eine Beziehung zu ihr hatten. Für uns ist sie jemand, der in der Art, wie sie Geschichten erzählt, einzigartig ist. Tatsächlich ist sie in diesem Film noch einen Schritt weitergegangen – besonders mit den Traumsequenzen, die natürlich wenige realistisch sind.
Der Film Journalist: Ist es ihr bisher experimentellster Film?
Olimpia Pont Cháfer: Tatsächlich hat sie vor diesem Film einen Kurzfilm gemacht, der noch experimenteller war. Aber wenn man diesen Film mit den ersten beiden der Trilogie vergleicht, ist er auf jeden Fall gewagter – in der Art, wie sie filmt und verschiedene Formate mischt. Ich denke, sie schafft es vor allem, über etwas sehr Intimes zu sprechen, das gleichzeitig gesellschaftlich hochrelevant ist – in diesem Fall die AIDS-Pandemie, aber auch die Diktatur und die anschließende Freiheit in Spanien und wie sich die Gesellschaft verändert hat. Und sie war sehr mutig, jenen Menschen eine Stimme zu geben, die auf der Suche nach Freiheit waren und dabei gestorben sind – die Schattenseite dieser Zeit, nicht nur in Spanien, sondern auch in anderen Ländern.
Der Film Journalist: Ich habe gehört, dass ihr drei Monate vor den Dreharbeiten bereits an den Szenen und Figuren proben konntet. Wie war diese Vorbereitung?
Mitch Martín: Es war großartig. Ich glaube, das ist der wichtigste Teil des Films: diese Vorbereitung. Es ist ein Privileg, drei Monate mit dem Team zu proben, die Hintergrundgeschichten der Figuren zu entwickeln und echte Beziehungen zwischen ihnen aufzubauen. Ich finde, das sollte viel öfter in der Filmindustrie passieren. Es war toll – und manchmal auch lustig, weil Llúcia [Garcia] und ich morgens Cousins waren und nachmittags ein

Paar, weil wir beide Rollen gespielt haben. Manchmal war es auch anstrengend, weil wir den ganzen Tag zusammen waren, aber es war absolut notwendig, um den Film so machen zu können, wie wir ihn gemacht haben. Wir haben die Figuren aufgebaut, zum Beispiel Szenen gespielt, wie sie sich als Paar kennengelernt haben – Dinge, die man im Film gar nicht sieht, die aber die Beziehung geformt haben. Ich glaube, etwa drei Wochen vor Drehbeginn haben wir dann auch an den echten Locations geprobt und die Traumsequenz vorbereitet. Es war sehr hilfreich für die Dreharbeiten, genau zu wissen, wie und wo alles stattfinden wird.
Olimpia Pont Cháfer: Für Carla Simón war es auch beim Casting wichtig, echte Verbindungen zwischen den Menschen zu finden. Zum Beispiel ähnliche Musikgeschmäcker oder dass jemand auch selbst Mutter ist, wenn sie eine Mutter spielt. Das ist ihr wichtig.
Der Film Journalist: Apropos Casting: Ich habe gelesen, dass Carla Simón mit Menschen arbeiten wollte, die eine echte Verbindung zu Galicien haben – nicht nur wegen der Sprache, sondern weil sie sich besser daran erinnern, was in den 1980ern passiert ist. War das schwierig?
Olimpia Pont Cháfer: Es gab durchaus einige professionelle Schauspieler aus Galicien, die diese Zeit sogar selbst erlebt haben oder Menschen kannten, die an der Epidemie gestorben sind. Daher konnte man genug Menschen für den Film finden. Man muss wissen: In Galicien war es besonders schlimm, weil viele Drogen über die Küste ins Land kamen. Es war zwar ein Problem in ganz Spanien, aber dort besonders heftig.
Der Film Journalist: Mitch, du hast vorhin schon erwähnt, Texte für eigene Songs zu schreiben. Du hast deine Karriere mit der Musik begonnen und bist jetzt einer der Hauptdarsteller. Welche Rolle spielt Musik in deinem Leben?
Mitch Martín: Eine riesige. Ich habe Musik auch nie als Karriere gesehen. Ich mache das, seit ich fünfzehn bin, habe mit Freunden Gitarre gelernt und mit derselben Band gespielt. Es ist für mich eher eine Lebensweise. Ich mache Rock'n'Roll und Punk, und das gehört für mich nicht zur modernen Welt, und ich bin froh darüber. Musik ist extrem wichtig für mich. Wenn ich eine Rolle vorbereite, vor allem für die 80er, höre ich direkt Bands wie Siniestro Total und beschäftige mich mit der Szene von Vigo bis Madrid.
Der Film Journalist: Zum Abschluss noch eine Frage an euch beide: Der Film kommt jetzt auch in Deutschland in die Kinos. Warum sollte man „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ unbedingt auf der großen Leinwand sehen, und was wünscht ihr euch, was das Publikum nach dem Abspann aus dem Film mitnimmt?
Olimpia Pont Cháfer: Ich denke, auch wenn der Film eine konkrete Zeit in Spanien behandelt, geht es um Erinnerung – und wir alle haben Erinnerungen, familiäre oder historische. Jeder kann auf unterschiedliche Weise eine Verbindung zu diesem Film herstellen. Zum Beispiel kennt

jeder jemanden mit einer Form von Abhängigkeit. Es muss nicht Heroin sein. Es geht auch viel um Familie, und wir alle haben Familien. Der Film beleuchtet einen wichtigen Moment der Gesellschaft, aber gleichzeitig kann man ihn mit der eigenen Geschichte verbinden und vielleicht auch Hoffnung darin finden.
Mitch Martín: Ich würde noch hinzufügen: Der Film zeigt auch das Schweigen innerhalb von Familien – oft verursacht durch Angst vor Verurteilung. Egal, ob wegen einer Sucht, dem Aussehen oder Lebensentscheidungen. Das passiert auch heute noch. Es ist wichtig, solche Filme zu sehen, weil sie zeigen, dass sich manche Dinge trotz gesellschaftlichen Fortschritts nicht verändert haben. Menschen urteilen weiterhin, und das kann Situationen noch verschlimmern, wenn man isoliert wird.
Olimpia Pont Cháfer: Das stimmt. Und es zeigt auch, wie wichtig historische Erinnerung ist, um eine bessere Gegenwart und Zukunft zu gestalten.





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