Nach Krisensitzung: Tricia Tuttle bleibt vorerst Berlinale-Leiterin
- Toni Schindele

- 26. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Nach intensiven Beratungen gibt es vorerst keine personelle Konsequenz an der Spitze der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Die Intendantin Tricia Tuttle bleibt zunächst im Amt. Das teilte ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nach einer Sitzung des zuständigen Aufsichtsrats mit.

Nur wenige Tage nach dem Ende der diesjährigen Internationale Filmfestspiele Berlin standen Organisation, Ausrichtung und Leitung des Festivals unerwartet im Zentrum öffentlicher Debatten. Auslöser war eine Rede des Regisseurs Abdallah Alkhatib bei der Preisverleihung, die zu einer kurzfristig einberufenen Sondersitzung führte. Nach Angaben der Bundesregierung wurde dabei jedoch keine Entscheidung über die Abberufung der Festivalleiterin getroffen. Stattdessen sollen die Gespräche über die künftige Ausrichtung der Berlinale in den kommenden Tagen fortgesetzt werden. Medienberichte über eine unmittelbar bevorstehende Ablösung der Festivalchefin bestätigten sich damit nicht. Tuttle steht seit April 2024 an der Spitze der Berlinale und verantwortete 2026 erstmals vollständig eine von ihr kuratierte Ausgabe. Zuvor war sie unter anderem künstlerische Leiterin des London Film Festivals und leitete die Spielfilmregie-Abteilung der britischen National Film and Television School.
Ihre Berufung nach Berlin folgte auf die Amtszeit von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. Auslöser der aktuellen Debatte war eine Rede des Regisseurs Abdallah Alkhatib während der Preisverleihung seines Films „Chronicles from the Siege“ bei der Berlinale. In seiner Dankesrede

warf Alkhatib der Bundesregierung vor, im Nahostkonflikt „Partner eines Völkermords“ zu sein. Die Äußerungen lösten unmittelbar widersprüchliche Reaktionen aus und führten dazu, dass einzelne politische Vertreter den Saal verließen. In den Tagen nach dem Festival wurde in mehreren Medien darüber berichtet, dass die Rede und der Umgang damit Konsequenzen für die Festivalleitung haben könnten. Parallel dazu meldeten sich zahlreiche Stimmen aus der Filmbranche zu Wort. Die Deutsche Filmakademie veröffentlichte ein vielfach unterzeichnetes Statement, in dem sie vor politischer Einflussnahme auf die Leitung eines internationalen Filmfestivals warnte und die Bedeutung von Kunst- und Meinungsfreiheit betonte.
Darüber hinaus äußerten sich einzelne Filmschaffende öffentlich zur Situation, darunter İlker Çatak, dessen Film „Gelbe Briefe“ bei der diesjährigen Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Çatak erklärte, er sehe die Unabhängigkeit des Festivals gefährdet, sollte es zu einer Abberufung der Intendantin kommen. Das Festival wäre aus seiner Sicht dann nur noch ein verlängerter Arm der Bundesregierung; unter diesen Voraussetzungen würde er nach eigener Einschätzung keinen Film mehr bei der Berlinale einreichen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte daraufhin als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH eine Sondersitzung einberufen. Weimer erklärte nach der Preisverleihung, Jury-Arbeiten und Preisvergaben seien für „politische Destruktion“ missbraucht worden. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sagte, die Preisverleihung sei genutzt worden, „um pauschale Schuldzuweisungen und ihre Doppelmoral zu verbreiten, demokratische Institutionen zu diffamieren und moralische Tribunale zu inszenieren“.
Zugleich lobte er jedoch auch die Festivalleitung und erklärte, Tuttle und Jurypräsident Wim Wenders hätten alles dafür getan, der Berlinale „einen würdigen Rahmen zu geben“. Außerdem meldete sich auch das Team der Berlinale selbst mit einer gemeinsamen Erklärung zu Wort. Darin heißt es, man blicke auf ein „erfolgreiches Festival 2026 zurück, das gemeinschaftlich umgesetzt wurde. [...] „Wir stehen voll und ganz hinter Tricia Tuttle als unserer Intendantin“, erklärte das Team. In der Zusammenarbeit habe man erlebt, „mit wie viel Klarheit, Rückgrat und künstlerischem Gespür sie die Berlinale leitet“, zudem vermittle sie Wertschätzung und Offenheit im Arbeitsalltag. Nach zwei herausfordernden Jahren sei man stolz auf das gemeinsam Erreichte; zugleich verband das Team die Erklärung mit der Hoffnung, dass sie verdeutliche, „wie sehr uns allen die Zukunft der Berlinale und des Kinos am Herzen liegt“.





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