Nur eine Regisseurin im Wettbewerb: Italiens Filmbranche kritisiert die Filmfestspiele von Venedig
- Toni Schindele

- 28. Juli
- 2 Min. Lesezeit
Bei den Filmfestspielen von Venedig konkurrieren in diesem Jahr 20 Filme um den Goldenen Löwen – doch nur einer davon stammt von einer Regisseurin. Mehrere italienische Branchenverbände kritisieren nun nicht nur das deutliche Ungleichgewicht, sondern auch die Begründung der Festivalleitung.

Wenn die 83. Filmfestspiele von Venedig am 2. September beginnen, wird May el-Toukhy die einzige Regisseurin im Wettbewerb sein. Die dänisch-ägyptische Filmemacherin tritt mit „Woman Unknown“ gegen die Filme von 19 männlichen Kollegen an. Auch unter den italienischen Produktionen in den wichtigsten Reihen des Festivals zeigt sich ein klares Gefälle: Sieben Regisseure vertreten das Land im Wettbewerb und außer Konkurrenz, während mit Alina Marazzi und Anna Foglietta zwei italienische Regisseurinnen in der ebenfalls zur offiziellen Auswahl gehörenden Sektion Orizzonti vertreten sind. Gegen diese Verteilung wenden sich nun sechs Verbände aus der italienischen Filmbranche, wie La Repubblica berichtet.
Der gemeinsame Protest wird von der Autorenvereinigung 100autori, dem Regieverband ANAC, der Associazione Italiana Registi Air3, dem Dokumentarfilmverband Doc/it, dem European Women’s Audiovisual Network sowie Women in Film Television & Media Italia getragen. In ihrem Schreiben bezeichnen sie die italienische Auswahl in den zentralen Festivalreihen als ausschließlich männlich geprägt. Ihre Kritik richtet sich jedoch nicht allein gegen die Zahlen, sondern gegen die Maßstäbe, mit denen diese gerechtfertigt werden. Festivaldirektor Alberto Barbera hatte das Ungleichgewicht bereits bei der Vorstellung des Programms angesprochen. Das Festival sei selbst von dem Ergebnis überrascht worden und habe bis zuletzt nach weiteren geeigneten Filmen von Regisseurinnen gesucht.
Letztlich habe jedoch nur „Woman Unknown“ die Anforderungen für den Hauptwettbewerb erfüllt. Die Auswahl richte sich nicht nach dem Geschlecht der Filmschaffenden, sondern allein nach der Qualität ihrer Arbeiten, erklärte Barbera. Zugleich verwies er auf einen Rückgang bei den eingereichten Filmen: Rund 24 Prozent der zur Auswahl vorgelegten fiktionalen Langfilme seien von Frauen inszeniert worden, im Vorjahr habe ihr Anteil noch bei knapp 30 Prozent gelegen. Diese Entwicklung bezeichnete Barbera selbst als beunruhigend. Die Filmfestspiele stünden allerdings am Ende einer langen Produktionskette und entschieden weder darüber, welche Filme finanziert würden, noch darüber, welche Budgets Regisseurinnen erhielten.
Zudem seien Frauen in anderen Festivalbereichen stärker vertreten und führten in diesem Jahr die drei wichtigsten Jurys. Gerade dem Verweis auf die Qualität widersprechen die Verbände jedoch entschieden. Qualität entstehe ihrer Auffassung nach nicht losgelöst von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen. Auch ein Festivalprogramm beruhe auf bestimmten Vorstellungen davon, welche Stoffe, Erzählweisen und filmischen Formen als besonders bedeutend gelten. Führe diese Bewertung wiederholt zu einem nahezu ausschließlich männlich besetzten Wettbewerb, müsse deshalb auch der Blick der Auswahlverantwortlichen diskutiert werden.
Die beteiligten Verbände erinnern außerdem an eine Vereinbarung, die Venedig bereits 2018 unterzeichnet hatte. Das unter dem Namen „50/50 by 2020“ bekannte Gleichstellungsprotokoll sollte unter anderem mehr Transparenz über die eingereichten Filme, die Auswahlverfahren und die Zusammensetzung von Entscheidungsgremien schaffen sowie den Frauenanteil innerhalb der Festivalorganisation erhöhen. Eine feste Quote für die ausgewählten Filme war damit allerdings nicht verbunden. Acht Jahre nach der Unterzeichnung verlangen die Verbände aber nun, diesen Zusagen größere praktische Wirkung zu verleihen.





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