Zum Tod von Patrick Stewart: Wie aus einem Jungen aus Yorkshire Captain Picard wurde

Patrick Stewart ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Als Captain Picard und Professor Xavier wurde er weltberühmt. Dabei hätte sein Leben auch ganz anders verlaufen können. Bevor er Hollywood eroberte, musste er eine Entscheidung treffen, die alles veränderte.

Als Patrick Stewart 1987 das Kommando über die USS Enterprise übernahm, lagen bereits fast drei Jahrzehnte Schauspielarbeit hinter ihm. Er hatte Shakespeare gespielt, mit bedeutenden Theaterregisseuren zusammengearbeitet und sich als Charakterdarsteller im britischen Fernsehen etabliert. Doch erst als besonnener Raumschiffkapitän wurde er mit 47 Jahren international bekannt. Später festigte er mit seiner Darstellung von Professor Charles Xavier seinen Platz in der Popkultur, ohne dem Theater den Rücken zu kehren. Seine Karriere auf der Bühne und vor der Kamera erstreckte sich über mehr als sechs Jahrzehnte, bis er am 28. Oktober 2026 nach einer Erkrankung an Alzheimer und Lewy-Körper-Demenz in seinem Haus in Los Angeles starb, wie seine Sprecherin mitteilte.
Begonnen hatte sein Lebensweg weit entfernt von Hollywood. Patrick Stewart wurde am 13. Juli 1940 in Mirfield in der englischen Grafschaft Yorkshire als jüngster von drei Söhnen geboren. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Kindheit war zudem von der Gewalt seines Vaters gegen die Mutter geprägt, die Stewart wiederholt miterlebte. Jahrzehnte später sprach er öffentlich über diese Erfahrungen und beschäftigte sich mit den Kriegstraumata seines Vaters, in denen er einen möglichen Erklärungsansatz für dessen Verhalten sah, ohne die Gewalt damit zu entschuldigen. Eine andere Perspektive eröffnete ihm sein Englischlehrer Cecil Dormand, der Stewarts schauspielerisches Talent erkannte und ihn mit William Shakespeare vertraut machte. Bereits als Zwölfjähriger stand Stewart bei Schulaufführungen auf der Bühne. Das Theater bot ihm zugleich eine zeitweilige Zuflucht vor dem schwierigen Familienalltag. Zunächst begann er jedoch mit 15 Jahren als Nachwuchsreporter bei einer Lokalzeitung zu arbeiten.
Als ihn sein Vorgesetzter vor die Wahl zwischen dem Journalismus und seinen Theaterverpflichtungen stellte, entschied er sich für die Schauspielerei. Ein Stipendium ermöglichte ihm 1957 die Ausbildung an der renommierten Bristol Old Vic Theatre School im südwestenglischen Bristol, die zu den angesehensten Schauspielschulen Großbritanniens zählt und zahlreiche international erfolgreiche Bühnen- und Filmschauspieler hervorgebracht hat. 1959 begann Stewart bereits seine professionelle Theaterlaufbahn. Nach Engagements an verschiedenen britischen Bühnen schloss er sich 1966 der Royal Shakespeare Company an, wo er sich als angesehener Bühnenschauspieler etablierte. Er verkörperte unter anderem Macbeth und Claudius und wirkte 1970 in Peter Brooks international beachteter Inszenierung von „Ein Sommernachtstraum“ mit. 1979 erhielt er seinen ersten Laurence Olivier Award, eine der renommiertesten Auszeichnungen im britischen Theater, die jährlich für herausragende Leistungen auf den Londoner Bühnen verliehen wird.
Parallel dazu übernahm Stewart Rollen in Film und Fernsehen. In der BBC-Serie „I, Claudius“ spielte er 1976 den Sejanus, später war er in „Excalibur“ zu sehen und verkörperte 1984 in David Lynchs „Dune – Der Wüstenplanet“ den Waffenmeister Gurney Halleck. In den neueren „Dune“-Verfilmungen von Denis Villeneuve wird diese Rolle von Josh Brolin übernommen, der als

treuer Vertrauter und Waffenmeister des Hauses Atreides an der Seite von Paul Atreides kämpft. Doch während die Figur des Gurney Halleck heute einem breiten Kinopublikum vertraut sein dürfte, stand Stewart damals noch vor seinem großen internationalen Durchbruch. Auf britischen Bühnen hatte er längst Anerkennung gefunden, international blieb er jedoch weitgehend unbekannt. Das änderte sich mit der Serie „Star Trek: The Next Generation“, die 1987 im US-amerikanischen Fernsehen startete.
Stewart wurde als Captain Jean-Luc Picard besetzt und trat damit in die Nachfolge von William Shatners Captain James T. Kirk. Sein langjähriger Freund Ian McKellen, den Stewart bei der Royal Shakespeare Company kennengelernt hatte, riet ihm zunächst davon ab, für eine ungewisse Fernsehkarriere seine vielversprechende Theaterarbeit aufs Spiel zu setzen. Tatsächlich wurde die Rolle des Jean-Luc Picard jedoch zum Ausgangspunkt seines internationalen Durchbruchs. Im Gegensatz zu seinem impulsiver angelegten Vorgänger Kirk war Picard als besonnener, diplomatisch orientierter Captain konzipiert, dessen Auftreten Stewart durch seine Theatererfahrung, präzise Sprache und zurückhaltende Körpersprache prägte. Zwischen 1987 und 1994 entstanden sieben Staffeln von „Star Trek: The Next Generation“. Anschließend spielte Stewart Picard in vier Kinofilmen.
„Jemand hat mir mal gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen. Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen.“
— Jean-Luc Picard in „Star Trek: Treffen der Generationen“
Zur Jahrtausendwende erreichte er mit einer weiteren Rolle ein jüngeres Publikum. In Bryan Singers „X-Men“ verkörperte er 2000 erstmals Professor Charles Xavier, den telepathisch begabten Gründer einer Schule für Mutanten. Wie Picard setzte auch Xavier auf Verständigung, musste dabei jedoch immer wieder zwischen seinen Überzeugungen und widerstreitenden Interessen abwägen. Nachdem Stewart mit den „X-Men“-Filmen zur frühen Renaissance des Superheldenkinos beigetragen hatte, zeigte er Xavier 2017 in James Mangolds „Logan – The Wolverine“ von einer anderen Seite: als schwer erkrankten alten Mann, der seine einstige Souveränität verloren hatte und zunehmend auf Hilfe angewiesen war.
Auch zu Jean-Luc Picard kehrte er im Alter noch einmal zurück. In der von 2020 bis 2023 ausgestrahlten Serie „Star Trek: Picard“ verkörperte er den inzwischen gealterten ehemaligen Sternenflottenoffizier, der sich mit seiner Vergangenheit, persönlichen Verlusten und den Folgen

früherer Entscheidungen auseinandersetzen musste. Die dritte Staffel führte zahlreiche Mitglieder der ursprünglichen Besatzung wieder zusammen und gab ihrer gemeinsamen Geschichte einen weiteren Abschluss. Doch so prägend „Star Trek“ und „X-Men“ für sein öffentliches Bild wurden, so vielseitig war Stewarts übriges Schaffen. In „Moby Dick“ spielte er 1998 den von Rache getriebenen Kapitän Ahab, ein Jahr später verkörperte er Ebenezer Scrooge in „A Christmas Carol“. Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte hatte er zuvor bereits als Ein-Mann-Theaterstück aufgeführt und dabei sämtliche Figuren selbst übernommen.
In Jeremy Saulniers Thriller „Green Room“ von 2015 brach Stewart mit seinem vertrauten Rollenbild und spielte den Anführer einer gewalttätigen Neonazi-Gruppe. Seine komödiantische Seite zeigte er dagegen als exzentrischer Fernsehmoderator in „Blunt Talk“ und als Sprecher des CIA-Direktors Avery Bullock in der Animationsserie „American Dad!“. Auch auf der Theaterbühne übernahm Stewart weiterhin anspruchsvolle Rollen. Für „Macbeth“ erhielt er 2008 eine Tony-Award-Nominierung, für seine Darstellung des Claudius in „Hamlet“ wurde er 2009 mit einem weiteren Laurence Olivier Award ausgezeichnet. Gemeinsam mit Ian McKellen stand er zudem in Samuel Becketts „Warten auf Godot“ und Harold Pinters „No Man’s Land“ auf der Bühne. 2010 wurde Stewart von Königin Elisabeth II. für seine Verdienste um die Schauspielkunst zum Ritter geschlagen.
Neben seiner künstlerischen Arbeit engagierte sich Stewart über viele Jahre gegen häusliche Gewalt und unterstützte die britische Hilfsorganisation Refuge. Im Rahmen von Combat Stress setzte er sich zudem für Kriegsveteranen mit psychischen Erkrankungen ein. Beide Anliegen waren eng mit seiner Familiengeschichte verbunden, mit der er sich auch in seiner 2023 erschienenen Autobiografie „Making It So“ auseinandersetzte. Der Titel, entlehnt aus einem der bekanntesten Aussprüche Jean-Luc Picards, stand über einem persönlichen Rückblick auf seine Herkunft und seine Laufbahn als Schauspieler. Nach Stewarts Tod meldeten sich zahlreiche Weggefährten zu Wort, darunter Hugh Jackman, mit dem er über viele Jahre für die „X-Men“-Filme vor der Kamera gestanden hatte. Er schrieb auf Instagram: „Wir haben heute einen der ganz Großen der Theater- und Filmwelt verloren.“
Stewart sei für ihn zugleich ein wunderbarer Freund gewesen, von dem er viel gelernt habe. „Ich

habe so viel von ihm gelernt. Ich werde dich für den Rest meines Lebens vermissen, Patrick Stewart“, schrieb Jackman. Auch William Shatner, der als Captain James T. Kirk selbst „Star Trek“-Geschichte geschrieben hatte, erinnerte auf Facebook an seinen Kollegen. Stewart habe in all seinen Rollen Intelligenz, Würde und Menschlichkeit vermittelt. „Captain Picard stand für das Beste in uns – und das galt ebenso für den Mann, der ihn verkörperte“, schrieb Shatner. Besonders persönlich fiel die Würdigung seines langjährigen Freundes Ian McKellen aus. Auf Instagram erinnerte er an Stewarts tiefe Verbundenheit mit Yorkshire und dessen offene, unverblümte Art. „Patrick trug sein Herz auf der Zunge“, schrieb McKellen. Das habe Stewart zu einem Menschen gemacht, auf den man sich verlassen konnte, den man bewunderte und den man – wie in meinem Fall – liebte.“ Stewarts letzter Film steht noch bevor: Im Dezember wird er im Marvel-Blockbuster „Avengers: Doomsday“ zu sehen sein.





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