Aljoscha Stadelmann im großen „Harter Brocken“-Interview: „Koops ist jemand, der zwar die Ordnung vertritt, aber kein Prinzipienreiter ist“
- Toni Schindele

- 22. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit
„Das ist ein Prozess, der oft viel komplizierter ist, als er auf dem Papier aussieht”, erzählt Schauspieler Aljoscha Stadelmann über die Arbeit an der ARD-Kriminalfilmreihe „Harter Brocken“, in der er seit Jahren die Hauptrolle spielt.

Seit inzwischen fast zehn Jahren gehört die ARD-Kriminalfilmreihe „Harter Brocken“ fest zum deutschen Fernsehkrimi. Angesiedelt im Harz, genauer in der kleinen Bergstadt St. Andreasberg, erzählt die Reihe seit 2015 von einer scheinbar abgeschiedenen Welt, in der Ruhe, Landschaft und Gemeinschaft immer wieder mit unerwarteter Gewalt und moralischen Konflikten kollidieren. Im Zentrum steht Dorfpolizist Frank Koops, verkörpert von Aljoscha Stadelmann, der die Figur seit dem Auftaktfilm verkörpert. Nach einer langen und prägenden Theaterlaufbahn an Häusern wie dem Schauspiel Frankfurt, dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg oder dem Berliner Ensemble ist er seit Jahrzehnten regelmäßig in Fernsehproduktionen präsent – von „Tatort“ über „Nachtschicht“ bis zu internationalen Kinoprojekten wie „Carlos – Der Schakal“ von Olivier Assayas. In „Harter Brocken“ hat er jedoch eine seltene Kontinuität gefunden: eine Figur, die er über Jahre hinweg immer wieder verkörpert. Kurz vor der Ausstrahlung des neuen „Harter Brocken“-Ablegers „Die Erpressung“ hat sich Aljoscha Stadelmann Zeit für ein großes Interview genommen.
Der Film Journalist: Du hast im Laufe deiner Karriere in vielen deutschen Kriminalfilmreihen mitgespielt, bist bei „Harter Brocken“ aber von Anfang an als Hauptdarsteller dabei. Was unterscheidet diese Reihe für dich von anderen – was macht das Krimi-Format des Harzes für dich aus?
Aljoscha Stadelmann: Ich glaube, das Besondere ist vor allem die Figur von Frank Koops. Das ist im Grunde kein klassischer Krimi, wo es darum geht, irgendwas aufzulösen, sondern eher Geschichten darüber, wie Dinge funktionieren und wie man damit umgeht. Koops ist jemand, der zwar die Ordnung vertritt, aber kein Prinzipienreiter ist – kein Bürokrat, kein Moralapostel. Seine Entscheidungen entstehen immer aus der konkreten Situation heraus, aus Menschlichkeit, nicht aus Dogmen. Das macht ihn vielen Menschen nah, auch in den komischen oder widersprüchlichen Momenten, wo man vielleicht nicht sofort genauso handeln würde, aber zumindest doch auch mit demselben Gedanken spielt. Er hat Prinzipien, aber er ist nicht autoritätshörig, nicht spießig – und gleichzeitig auch kein demonstrativ unkonventioneller Typ. Genau diese Mischung – Menschlichkeit, Zurückhaltung, kein eindeutiges Genre, keine Schablonen – macht für mich den Kern der Reihe aus. Und das ist auch die Frage, an der wir immer wieder arbeiten: Warum erzählt man diese Geschichte genau mit dieser Figur – und nicht mit irgendeiner anderen?
Es geht hier gar nicht so sehr darum, immer wieder zu denken: Das hätte ich jetzt nicht erwartet, sondern darum, warum diese Geschichte überhaupt mit dieser Figur erzählt wird.

Gerade weil es nur einen Film im Jahr gibt und die Abstände so groß sind, merkt man, wie viel Arbeit darin steckt – und die hat oft weniger mit dem eigentlichen Schauspiel zu tun als mit Ton, Rhythmus und Humor. Also damit, wie man Langsamkeit zulässt und trotzdem von außen immer wieder Bewegung reinbringt, wie Dialoge nicht erklären, was man schon gesehen hat, sondern etwas aus der Situation heraus vertiefen. Wenn das nicht gelingt, wird es schnell austauschbar, wie eine Art Schablone. Und genau darum geht es: immer wieder neu zu prüfen, warum man diese Geschichten mit diesem Dorfpolizisten erzählt – und nicht mit irgendeinem anderen. Nur dann bleibt es interessant.
Gerade weil ich im Moment viel in diesem Kosmos arbeite, stellt sich umso mehr die Frage, wie man das erzählt. Denn die Zeit, in der man ständig neue Rollen bekommt, ist vorbei und da will man die Rollen, die man hat, natürlich besonders pflegen. Früher hatte ich mehr den Luxus, stärker darauf zu achten, nicht immer dieselbe Figurenanlage zu bedienen. Heute stellt sich diese Frage viel unmittelbarer: Was nehme ich an, warum nehme ich es an – und wo kann ich mir überhaupt noch erlauben, wählerisch zu sein? Man merkt schon, dass sich das alles verschoben hat. Während Corona wurde extrem viel gedreht, gerade auch für Streaming, und das hatte erstmal den Eindruck von Wachstum. Aber dieser Effekt kam zeitverzögert zurück – und ist dann auch schnell wieder abgeflacht.
Plötzlich stellen sich ganz andere Fragen: Braucht man wirklich so viele Streamingdienste, wo

wird gespart, was wird noch finanziert? In Deutschland kommt dazu, dass sich nie wirklich ein eigener, klar erkennbarer filmischer Stil durchgesetzt hat, wie in anderen Ländern. Stattdessen gibt es oft eine Angleichung – ästhetisch, formal, erzählerisch – mit dem Gedanken, dass sich das besser verkaufen lässt. Diversität wird zwar oft eingefordert, landet dann aber trotzdem wieder bei bestimmten Klischees. Im Theater war – und ist – das anders: Da konnte ich Dinge spielen, die im Film nie zur Debatte gestanden hätten, Rollen jenseits von Zuschreibungen oder Erwartungshaltungen. Diese Freiheit wünscht man sich auch für den Film – nicht für einzelne Personen, sondern grundsätzlich. Mehr Mut, mehr Risiko und vor allem mehr Offenheit im Denken.
Der Film Journalist: Die ersten fünf Filme der Reihe stammen alle aus der Feder von Holger Karsten Schmidt, danach gab es auf Autorenseite mehrere Wechsel. Merkst du dadurch Veränderungen, wie die Geschichten aufgezogen und erzählt werden?
Aljoscha Stadelmann: Was Holger Karsten Schmidt besonders machte, ist, dass bei ihm Figuren entstehen, bevor alles andere kommt. Atmosphäre, Ton, Haltung – das ist oft sehr klar. Bei anderen Autoren merkt man dagegen manchmal, dass sie aus einer ganz anderen Richtung kommen und diese spezifische Dialog- und Figurenlogik nicht automatisch mitbringen. Dann geht viel Arbeit erstmal darauf, überhaupt die richtige Stimmung herzustellen, statt ein Buch weiter zu verfeinern. Das Problem ist weniger fehlendes Talent als die Herangehensweise an den Prozess. Drehbücher werden oft angenommen, bevor wirklich klar formuliert ist, wohin man eigentlich will: Was ist die Prämisse, was ist das Besondere, worum geht es wirklich bei dieser Figur? Wenn diese Klarheit fehlt, versucht man später, das Buch dorthin zu biegen – und verliert dabei oft Genauigkeit und Fokus.
Besonders schwierig wird es, wenn Spannung nicht mehr aus der Hauptfigur entsteht, sondern

aus immer mehr Nebenfiguren. Dann verschenkt man eigentlich genau das, was interessant wäre: zu sehen, wie Koops selbst in bestimmte Situationen gerät und wie er damit umgeht. Die Spannung müsste daraus entstehen, nicht aus zusätzlicher Handlung. Holger kann das sehr gut – diese kurzen, starken Momente, manchmal mit Figuren, die nur einen Satz sagen und sofort wieder verschwinden, aber trotzdem eine ganze Welt öffnen. In der Produktion stößt das dann schnell an Grenzen: Für einen Satz braucht man plötzlich eine starke Schauspielerpersönlichkeit, Zeit, Geld – und dann wird gefragt, ob das nicht auch jemand anderes machen kann. Aber genau dann verliert es seine Wirkung. Das sind alles Dinge, die man im Laufe der Jahre immer wieder erlebt: tolle Ideen, starke Stimmungen – und dann der Kampf, das wirklich über die Figuren zu erzählen und nicht über Konstruktion oder Erklärung. Und das ist ein Prozess, der oft viel komplizierter ist, als er auf dem Papier aussieht.
Der Film Journalist: Der neue „Harter Brocken“-Ableger „Die Erpressung“ verknüpft seine vordergründige Krimihandlung mit Schatten der DDR-Vergangenheit. Welche Relevanz hat dieses Thema deiner Ansicht nach für das heutige Deutschland?
Aljoscha Stadelmann: Ich würde mir wünschen, dass solche Themen mit mehr Normalität erzählt werden – und nicht immer aus einer klischeehaften Haltung heraus. Oft landet man sehr schnell bei festen Bildern oder Ersatzdiskussionen, statt wirklich zu fragen, was bestimmte gesellschaftliche Umbrüche für die Menschen bedeutet haben, die einfach versucht haben, ein einigermaßen gutes Leben zu führen. Viele Leute waren nie politisch aktiv, wollten keine Systeme verteidigen oder bekämpfen. Und trotzdem erleben sie, dass ihr bisheriges Leben plötzlich als falsch oder wertlos markiert wird. Dieses Gefühl – warum ist jetzt alles anders, warum wird auf mich gezeigt, warum bin ich plötzlich außen vor – das lässt sich schwer erzählen, ist aber zentral. Die DDR war ein autoritäres System, das ist unstrittig. Das Misstrauen, die Überwachung – all das war real und problematisch. Genau wie die Rebellion dagegen.
Aber gleichzeitig gab es Menschen, die sich in diesem System eingerichtet hatten, die darin

Sicherheit empfunden haben. Das Nebeneinander auszuhalten, ohne es sofort moralisch zu sortieren, ist extrem schwierig – aber notwendig. In der Aufarbeitung wurde oft sehr einseitig erzählt: Das Schlechte benannt, aber das andere Gefühl – ich bin irgendwie trotzdem klargekommen – kaum zugelassen. Und wenn man das nicht mitdenkt, entsteht keine gesamtgesellschaftliche Verständigung, sondern nur Abgrenzung. Ich glaube, man hätte viel früher öfter sagen müssen: Erzähl mir deine Geschichte – ich höre erst mal nur zu. Mir geht es nicht darum, autoritäre Systeme zu verharmlosen oder neue Mythen zu bauen. Sondern darum, die Ambivalenz ernst zu nehmen. Dass Geschichte nicht nur aus Gut und Böse besteht, sondern aus Menschen, die in bestimmten Umständen gelebt haben. Und dass man genau diese Widersprüche erzählen muss, wenn man wirklich verstehen will, warum Dinge heute so sind, wie sie sind.
Der Film Journalist: Der neue „Harter Brocken“-Film läuft am ersten Weihnachtstag zur Prime-Time – bewusst als Kontrastprogramm. Ist das aus deiner Sicht ein guter Moment für diesen Film?
Aljoscha Stadelmann: Eine spezielle weihnachtliche Botschaft gibt es da eigentlich nicht. Es ist ja auch kein Film über Weihnachten. Aber es gab schon früher beim dritten Film unserer Reihe eine Ausstrahlung an den Feiertagen, und ich finde, das funktioniert durchaus. Es ist ein Film, in dem es auch um Gewalt geht, der ernst ist – aber er ist emotional nicht so schwer, dass man ihn an so einem Tag nicht anschauen könnte. Und er ist weit genug entfernt von klassischem Weihnachtskitsch für Leute, die an den Feiertagen nicht nur Lichterketten, Musik und rote Mützen sehen wollen. Für mich ist das kein idealer, aber auch kein falscher Termin. Es ist okay. Am Ende bin ich einfach froh, dass es einen festen Sendetermin gibt und ich auf die ewige Frage nun eine Antwort habe.





Kommentare