Brezel Göring im Interview zu „Für immer 16“: „Das Fehlerhafte ist Teil der Schönheit“
- Toni Schindele

- vor 43 Minuten
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„Françoise hat immer schon gesagt: Wenn ich den Roman fertig habe, dann wird der verfilmt“, erinnert sich Brezel Göring – heute ist aus dem unvollendeten Stoff sein erster Langspielfilm „Für immer 16“ geworden.

Mit „Für immer 16“ wechselt Brezel Göring erstmals vom Musik- ins Langfilmformat und bringt dabei viel von jener Eigenwilligkeit mit, die schon seine Musik geprägt hat. Bekannt wurde er als Teil des Duos Stereo Total, das er gemeinsam mit Françoise Cactus prägte. Nach ihrem Tod 2021 machte Göring aus einem unvollendeten Roman seiner langjährigen Partnerin und Mitmusikerin das Drehbuch zu „Für immer 16“. Entstanden ist ein 74-minütiger Super-8-Film mit Musik von Stereo Total. Zum Kinostart nahm sich Brezel Göring Zeit für ein Interview über Cactus’ Vorlage, seine Do-it-yourself-Haltung und die neu entdeckte Lust am Filmemachen.
Der Film Journalist: Sie beschreiben die Geschichte hinter „Für immer 16“ als eine Art Science-Fiction der Individualpsychologie. Was hat Sie an diesem Stoff gereizt?
Brezel Göring: Die Geschichte stammt eigentlich von Françoise Cactus, meiner langjährigen Freundin und Mitmusikerin, die nebenher auch geschrieben hat. Es gab dieses Buch, das niemals fertig geworden ist. Sie hat sich 15 Jahre lang daran gemüht, und als sie gestorben ist, habe ich die ganzen Fragmente zusammengesetzt, veröffentlicht und später ein Drehbuch daraus gemacht. Und gewissermaßen macht sie darin Science-Fiction, weil sie sich vorstellt, wie sie in der Zukunft ihre Kumpels von früher wiedertrifft. Es ist ein bisschen wie eine Zeitmaschine: Obwohl Zeit vergangen ist, sind es dieselben Konflikte. Das fand ich schon damals

eine sehr lustige Idee. Deshalb habe ich gesagt: Das ist Science-Fiction – nur nicht mit Robotern, sondern mit dem, was im Kopf der einzelnen Person passiert. Oder mit der vollkommenen Abwesenheit irgendeiner charakterlichen Entwicklung. Super 8 funktioniert für mich übrigens ähnlich wie eine Zeitmaschine. Selbst wenn ich heute draußen Autos filme, die vollkommen gegenwärtig aussehen, gucke ich mir das später an und denke: Das sieht aber alt aus. Das geht mit kaum einem anderen Medium so einfach.
Der Film Journalist: Warum wurde ausgerechnet dieser Stoff dann Ihr erster Langspielfilm?
Brezel Göring: Françoise hat immer schon gesagt: Wenn ich den Roman fertig habe, dann wird der verfilmt. Ich war dann vor anderthalb Jahren in Palermo und dachte: Ich mache so viel Musik, bringe so viel raus – vielleicht muss ich mal etwas anderes machen. Dann habe ich überlegt, was ich sonst noch kann und ein Film schien mir am aussichtsreichsten. Ich hatte verschiedene Ideen, bis mir einfiel: Mann, ich habe diesen Roman da liegen. Ich bin der Erbe, ich muss niemanden fragen, die ganze Musik habe ich auch. Wo andere erst einen Stoff suchen müssen, war mir das alles schon präsentiert. Beim Umschreiben habe ich dann gemerkt, dass ich natürlich Dialoge daraus machen muss. Im Buch erwidert Françoises Alter Ego im Streit fast nie etwas, sondern denkt sich ihren Teil. Für einen Film brauchte ich richtigen Streit.
Der Film Journalist: Sie kannten Françoise Cactus und ihre Vorstellungen sehr genau. Wie frei konnten Sie trotzdem mit ihrer Vorlage umgehen?
Brezel Göring: Na ja, ich bin total grob. Ich habe sehr radikal Sachen herausgestrichen, die Geschichte stark reduziert, Figuren vollkommen verändert und eine Rolle viel größer gemacht, obwohl vorher eher ein Gleichgewicht da war. Françoise wäre sehr meinungsstark gewesen und wenn sie noch da gewesen wäre, wäre das wahrscheinlich ganz anders ausgegangen. Ich fühle mich ihr gegenüber verpflichtet, mich gut um ihre Sachen zu kümmern. Aber ich fühle mich nicht in dem Sinne verpflichtet, ihren Geschmack umzusetzen.
Der Film Journalist: Sie haben einmal sinngemäß gesagt, dass Sie beim Filmemachen Regeln missachten, die Sie gar nicht kennen. War diese Unbefangenheit für „Für immer 16“ also Ihr Vorteil?
Brezel Göring: Ich komme aus einer Musikwelt mit diesem Punk- und Do-it-yourself-Gedanken.

Plattenfirma selber machen, Konzerte selber veranstalten, aufnehmen – ich habe fast alles schon einmal selbst gemacht. Ich habe das weniger als Kunstrichtung verstanden denn als Handlungsanweisung oder Selbstermächtigung: Ich kann mir eigentlich alles aneignen. Also kann ich mich auch dazu ermächtigen, Filmregisseur zu werden. Dann dachte ich: Ich will auf jeden Fall auf Super 8 drehen. Es sieht sofort gut aus, aber vor allem befreit es mich von wahnsinnig vielen Problemen. Ich muss mich nicht mit Kameratechnik beschäftigen und mir nicht tausend Fragen stellen. Da ist die Kamera, der Film wird eingelegt und man drückt auf Start. Ich wusste ja nicht wirklich, wie man Filme macht. Ich dachte: Das Einzige, was ich brauche, sind eine gute Geschichte, gute Bilder und Dinge, die interessant aussehen und die Augen anziehen. Alles andere ist ein bisschen egal.
Der Film Journalist: Gleichzeitig passt die Super-8-Ästhetik sehr genau zu dieser Geschichte. War die Entscheidung also mehr als nur ein praktischer Abkürzungsweg?
Brezel Göring: Absolut. In der Musik habe ich gelernt, dass Leuten analoge Aufnahmen manchmal besser gefallen als digitale und verzerrte Gitarren interessanter erscheinen als unverzerrte. Das Fehlerhafte ist Teil der Schönheit. Und Super 8 ist eben extrem fehlerhaft. Das passt auch sehr gut zu Françoises und meinem Denken. Stephan [Holl], der die Kamera gemacht hat, hatte vorher übrigens auch noch nie Kamera gemacht. Aber wir haben manchmal zusammen Filme geguckt und ich dachte: Der hat einfach tolle Augen. Manchmal hat er gesagt, er verstehe die Handlung eines Films gar nicht, er reagiere nur auf die Bilder. Da dachte ich: Ja, genau der ist der Richtige. Mit Stephan und der Super-8-Kamera hatten wir eigentlich schon alles, was wir brauchten.
Der Film Journalist: Ein ungewöhnlicher Film hat es im Kino nicht unbedingt leicht. Wie schwierig war es, mit Rapid Eye Movies einen Verleih zu finden?
Brezel Göring: Das war insofern einfach, weil ich für Rapid Eye Movies in der langen, langen Vergangenheit viele Filmmusiken gemacht habe und mit den Leuten dort auch freundschaftlich verbunden bin. Stephan, der die Kamera gemacht hat, gehört Rapid Eye Movies und ist ein enger

Freund. Nachdem ich beschlossen hatte, den Film zu machen, habe ich ihn als Erstes gefragt, ob er ihn produzieren würde. Er sagte dann auch, er kümmere sich um die Finanzierung. Ich meinte noch: Ich brauche gar kein Geld. Ich plane keine teuren Sachen, notfalls kann ich mir von meiner Tante Geld borgen. Heute merke ich erst, was für ein riesiger Vorteil es war, dass Stephan sich darum gekümmert hat. Dass es einen Verleih und Vertrieb gibt und wir überhaupt auf Festivals kommen, habe ich im Grunde ihm zu verdanken. Wir haben dann eine Förderung für experimentelles Filmen bekommen, was für mich natürlich sehr schön war, weil sie mir keine großen Grenzen auferlegt hat. Egal, was ich gemacht hätte, es wäre wahrscheinlich irgendwie als experimentell durchgegangen. Dadurch konnten wir unter anderem ein schönes Colorgrading machen und den Ton nachträglich bearbeiten.
Der Film Journalist: Mit Lilith Stangenberg haben Sie bereits musikalisch zusammengearbeitet. War sie deshalb von Anfang an Ihre Wunschbesetzung für die Hauptrolle?
Brezel Göring: Ich kenne gar nicht so viele Schauspielerinnen. Lilith kannte ich als Mitmusikerin sehr gut. Wir sind viel zusammen aufgetreten, deshalb wusste ich, wie sie mit Stress, Problemen und Schwierigkeiten umgeht. Das hat mir große Sicherheit gegeben. Ich dachte eigentlich immer: Wenn ich etwas filme, dann mache ich das mit Lilith. Sie ist Profi, hat viel Erfahrung, ist lustig – sie muss manchmal einfach nur dastehen und das ist schon cool. Dazu kam natürlich das Vertrauen, dass sie sagt: Okay, ich verdiene jetzt damit kein Geld, aber ich mache trotzdem mit.
Der Film Journalist: Ein klassisches Casting gab es also gar nicht?
Brezel Göring: Nein, ich habe eigentlich immer nach Kumpels und Freundinnen gesucht. Bei einer der Darstellerinnen war es zum Beispiel so, dass sie öfter mit zum Essen kam und ich irgendwann gemerkt habe: Die hat eine ungewöhnliche Ausstrahlung. Eine Woche vor Drehbeginn habe ich sie gefragt, ob sie mitspielen möchte. Sie war damals noch 17, also musste ich erst einmal mit ihrer Mutter reden. Dann ging das aber alles und sie ist mitgekommen. So ungefähr lief das Casting.
Der Film Journalist: Die drei Hauptfiguren stehen in gewisser Weise für drei unterschiedliche Formen des Scheiterns: Eine kommerzialisiert sich, eine verbittert an der eigenen Erfolglosigkeit und eine gibt die Kunst auf. Was reizt Sie an diesen drei Wegen?
Brezel Göring: Françoise hat über diese Menschen geschrieben, aber das sind auch enge Freunde von mir, und ich beobachte diese Entwicklungen selbst. Eigentlich sind alle drei Figuren auch ich. Bei mir gibt es kommerzielle Aspekte, ich verzweifle daran, dass ich in bestimmten Nischen scheitere und dieses resignierte Aufgeben passiert bei mir ebenfalls immer wieder bei unterschiedlichen Sachen. Auf allen drei Ebenen finde ich mich selbst wieder.
Der Film Journalist: Auch die Musik von Stereo Total spielt eine große Rolle. Wie haben Sie entschieden, welche Stücke in den Film kommen?
Brezel Göring: Ich hatte wahnsinnig viel von unserer Musik vergessen, weil die Menge irgendwann einfach so überwältigend groß war. Unser Booker, Agent und Manager hatte zum Glück eine Festplatte, auf der alle Lieder waren. Dann habe ich einfach geguckt: Was haben wir denn da eigentlich gemacht? Dabei habe ich ganz schöne Stücke wiederentdeckt, die damals auf den Platten vollkommen untergegangen sind, aber im Film haben plötzlich viele dieser Lieder atmosphärisch einen Sinn ergeben.
Der Film Journalist: Gibt es eigentlich schon Ideen für einen nächsten Film?
Brezel Göring: Ich habe die ganze Zeit neue Ideen. Ich hatte schon überlegt, falls das mit Palermo nicht klappt, wo ich dieselbe Geschichte in Berlin drehen könnte. Die Orte hatte ich also schon, die Geschichte auch, Schauspielerinnen eigentlich ebenfalls. Ich könnte theoretisch gleich weitermachen. Einen Teil der Musik habe ich sogar schon aufgenommen, diesmal vielleicht mit neuer Musik und einem guten Titellied. Stephan hat mir außerdem gerade von einer Kurzgeschichte erzählt, über eine Hollywood-Diva, die Geldsorgen hat und deshalb in einem schlechten Film mitspielen möchte.
Ihre Fans bringen sie um, weil sie verhindern wollen, dass sie ihren Ruf ruiniert. Da dachte ich sofort: Ich könnte morgen anfangen, so etwas zu drehen. Beim Film habe ich entdeckt, dass es so viele Ebenen gibt, auf denen man noch etwas hineinpacken kann. Musik ist dagegen manchmal fast eindimensional. Beim Film gibt es viel mehr Dimensionen, viel mehr ist möglich und die Leute ertragen auch viel mehr. Deshalb bin ich inzwischen richtig süchtig danach, so etwas noch einmal zu machen.

Der Film Journalist: Jetzt kommt „Für immer 16“ zunächst einmal ins Kino. Was würden Sie sich wünschen, mit welchem Gefühl die Menschen danach wieder hinausgehen?
Brezel Göring: Wenn man sich den Geschmack daran bewahrt hat, sich überraschen zu lassen, dann sollte man auf jeden Fall in diesen Film reingehen. Ich wünsche mir, dass das Publikum sich auf eine intelligente Art und Weise amüsiert und gleichzeitig darüber reflektieren kann. Das Publikum ist ja nicht doof. Aber ich wünsche mir auch, dass die Leute rausgehen und sagen: Das kann ich auch. Dass der Film Menschen vielleicht ein bisschen Mut macht und sie dazu bringt, sich selbst zu ermächtigen – das würde ich mir wünschen. Es ist kein politischer Film, aber implizit meine ich das schon politisch. Ich hoffe, dass mein Film eher etwas Verbindendes für die Menschen hat – obwohl es um Mord und Totschlag geht.





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