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Dietrich Brüggemann im Interview zu „Home Entertainment“: „Kino ist mehr als nur Konsum“

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • vor 18 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

„Ein großes Filmteam ermöglicht zwar vieles, bringt aber auch Trägheit mit sich“, findet Filmemacher Dietrich Brüggemann, der seinen neuen Film „Home Entertainment“ in nur elf Tagen und ohne Filmeförderung umgesetzt hat.


Schwarz-weißes Porträt von „Home Entertainment“-Regisseur Dietrich Brüggemann, der mit leicht geneigtem Kopf direkt in die Kamera blickt. Im unscharfen Hintergrund sind Bäume zu erkennen.
Bildnachweis: © Nadine Dubois

Es beginnt mit einer scheinbar banalen Situation: Man sitzt abends auf dem Sofa, möchte eigentlich nur einen Film schauen und verliert sich stattdessen zwischen Streamingdiensten, endlosen Auswahlmöglichkeiten, technischen Problemen und der Frage, worauf man überhaupt noch Lust hat. Ein alltäglicher Moment, den wohl fast jeder kennt und der trotzdem selten bewusst wahrgenommen wird. Jetzt hat Dietrich Brüggemann genau aus diesem Gefühl in „Home Entertainment“ einen Film gemacht. Seine Weltpremiere feierte die Komödie bereits vor rund einem Jahr in der Sektion „Neues Deutsches Kino“ auf dem Filmfest München. Nun startet „Home Entertainment“ auch regulär auf der großen Leinwand.


Der Film Journalist: Wie ist denn die Idee entstanden, einen Film übers Filmeschauen zu machen, ohne das Filmeschauen selbst zu zeigen?


Dietrich Brüggemann: Die Idee entstand eigentlich ganz einfach daraus, dass man diese Situation selbst immer wieder erlebt: Man sitzt zu Hause und möchte einen Film schauen. Erstens spielt die Technik oft nicht so mit, wie sie eigentlich sollte und wie es immer beworben wird, und zweitens hat dieses Überangebot eine ganz merkwürdige Wirkung. Plötzlich erscheint kein einziger Film mehr wirklich attraktiv angesichts der Masse dessen, was man alles tun könnte. Genau das wollte ich in den Film packen: Viele Szenen sollen sich so anfühlen, dass man sich sofort wiedererkennt und merkt, dass hier etwas humorvoll und zugespitzt auf den Punkt gebracht wird, das man selbst genauso erlebt.


Der Film Journalist: Deswegen die Frage, wie Sie insgesamt unseren heutigen Filmkonsum wahrnehmen – vom Home Entertainment bis hin zur aktuellen Situation des Kinos?


Dietrich Brüggemann: Ich finde, es ist zu früh, die Hoffnung aufzugeben. Wobei natürlich schon

Ein junges Paar sitzt in „Home Entertainment“ auf einem Sofa. Während die Frau auf ihr Smartphone blickt, lehnt der Mann erschöpft daneben und schaut nachdenklich zur Seite.
Bildnachweis: © Zorro Medien

allein die Tatsache, dass man so etwas sagen muss, zeigt, dass das Kino in einer prekären Situation ist. Aber das Kino wurde bereits durch die Einführung des Fernsehens massiv bedroht und erschüttert, später durch Internet, Streaming und mobile Geräte noch viel stärker und trotzdem glaube ich, dass das Kino seinen Zauber und seine Magie nicht verlieren wird. Denn das Kino ist mehr als nur Konsum. Der Film handelt ja genau davon, dass inzwischen fast alles nur noch Konsum ist. Essen bestellen, Filme schauen, Bücher lesen, Beziehungen, Sex – alles wird zu einem Konsumakt. Und in dem Moment, in dem dieser Konsum in digitale Geräte wandert, verändert sich etwas daran auf eine merkwürdige Weise.


Natürlich ist auch das Kino Konsum. Es ist ein Wirtschaftsbetrieb, man kauft eine Eintrittskarte. Aber das gemeinsame Versammeln in einem Kinosaal hat noch eine zweite Ebene. Es ist auch eine Art kultureller Akt. Ähnlich wie beim Theater, das ja ebenfalls nicht nur eine reine Kommerzveranstaltung ist. Oder wie ein Gottesdienst – wobei ich das Kino jetzt nicht pathetisch mit Religion gleichsetzen möchte. Aber es gibt diese kultische Komponente: Menschen versammeln sich als Publikum und setzen sich gemeinsam einem Erlebnis aus. Diese Faszination wird hoffentlich nicht sterben.


Der Film Journalist: Interessant fand ich, dass Sie den Film von Anfang an ohne Filmförderung realisieren wollten. Warum denn das?


Dietrich Brüggemann: Wir haben in Deutschland – und eigentlich in fast jedem europäischen Land – einen riesigen Apparat aus Sendern, Förderinstitutionen und Gremien, in dem sehr viel Geld für Filme verteilt wird. Das zieht natürlich auch sehr viele Menschen an, die an dieses Geld möchten. Mehr Menschen, als das System eigentlich dauerhaft versorgen kann. Dadurch entsteht ein aufgeblähter Apparat, der selbst enorme Summen verschlingt und eine ganze Klasse an Funktionären am Leben erhält. Allein die Betriebskosten der deutschen Filmförderinstitutionen liegen bei rund 85 Millionen Euro pro Jahr – nur für Gehälter und Verwaltung. Und natürlich hat das eine subtile Wirkung auf Inhalte. Denn diese Menschen entscheiden letztlich über Existenzen. Als Filmemacher ist man dem Wohlwollen solcher Institutionen, aber auch dem jeweiligen Zeitgeist und einem gewissen kulturellen Gruppendenken ausgeliefert.


Man befindet sich ständig in einer Bittstellerposition. Selbst jetzt denke ich schon daran, dass möglicherweise irgendwo Leute sitzen und sagen: „Ach so, bisher hat er unser Geld gern genommen, aber jetzt ist er sich zu fein dafür?“ Natürlich habe ich weiterhin Projekte mit Produzenten, teilweise auch kommerziellere Stoffe. Solche Filme macht man dann weiterhin über etablierte Wege. Aber für dieses konkrete Projekt war es enorm wichtig, den Film zu machen, ohne irgendjemanden um Erlaubnis fragen zu müssen. Für die Arbeitsweise, den Geist des Projekts und die Freiheit aller Beteiligten war das entscheidend. Diese Unabhängigkeit ist eine ungeheure Freiheit und auf eine gewisse Weise auch empowering.


Der Film Journalist: Sie haben den Film in nur elf Tagen gedreht, was für einen Langspielfilm extrem wenig Zeit ist. Wie liefen diese Dreharbeiten ab?


Dietrich Brüggemann: Die Dreharbeiten waren maximal reduziert, weil es praktisch gar kein Team gab. Es gab nur den Kameramann Alexander Sass, mit dem ich immer arbeite, und mich. Er hat das Licht gesetzt und die Technik organisiert. Ich selbst habe den Ton geangelt, Sets eingerichtet und teilweise sogar gekocht – wobei wir natürlich auch Essen bestellt haben. Das ist

eine enorme Freiheit. Ein großes Filmteam ermöglicht zwar vieles, bringt aber auch Trägheit mit sich. Man kann nicht einfach spontan reagieren oder schnell etwas verändern. Unser Film spielt zwar ohnehin nur an einem Ort, aber trotzdem war diese kleine, flexible Arbeitsweise unglaublich befreiend. Man konzentriert sich wirklich nur auf das absolut Notwendige. Gleichzeitig war es spannend zu sehen, dass man mit minimalem Team trotzdem einen Film drehen kann, der am Ende wie ein Kinofilm aussieht. Die Technik hat riesige Sprünge gemacht.


Eine Frau in lilafarbenem Hoodie steht in einer Szene aus „Home Entertainment“ lächelnd vor einem Fernseher, auf dem eine Streaming-Oberfläche zu sehen ist.
Bildnachweis: © Zorro Medien

Ich konnte mit einer Consumer-Fotokamera drehen, die auf der großen Leinwand problemlos funktioniert. Natürlich gab es in der Postproduktion professionelle Unterstützung – fürs Grading, den Tonschnitt und die Mischung. Aber insgesamt waren es wirklich nur sehr wenige Leute. Ich möchte trotzdem gar nicht zu sehr mit den Produktionskosten hausieren gehen, weil dadurch schnell der falsche Eindruck entsteht, Filme ließen sich immer so machen. Das geht natürlich nicht dauerhaft. Aber selbst wenn wir uns alle regulär bezahlt hätten, wären wir vermutlich bei maximal 100.000 Euro gelandet. Und das ist für einen Spielfilm immer noch extrem wenig.


Der Film Journalist: Und zum Abschluss – warum sollte man „Home Entertainment“ unbedingt auf der großen Leinwand sehen und nicht im Home Entertainment?


Dietrich Brüggemann: Die Premiere auf dem Filmfest München war überwältigend. Die Leute waren komplett hin und weg. Besonders schön war, dass darunter auch Menschen waren, die sonst überhaupt nichts mit Filmfestivals oder der Filmbranche zu tun haben. In der Branche nennen wir solche Leute manchmal scherzhaft Zivilisten, und die saßen da und haben sich kaputtgelacht. Ich glaube, darin liegt die Kraft des Films: Er zeigt eine Alltagssituation, durch die wir uns normalerweise einfach irgendwie hindurchwurschteln. Situationen, die man kennt, die einen manchmal wahnsinnig machen, die man aber nie wirklich von außen betrachtet. Man steckt immer mittendrin, in diesem Tunnelblick.


Wenn ein Film einem plötzlich erlaubt, diese Situation von außen zu sehen und sich selbst dabei

Ein Mann betrachtet in einer Szene aus „Home Entertainment“ eine DVD- oder Spielehülle, während ihm eine Frau gegenübersitzt. Die Szene spielt in einem warm beleuchteten Wohnzimmer.
Bildnachweis: © Zorro Medien

zuzuschauen, wie man diesen kläglichen kleinen Blödsinn veranstaltet, entsteht etwas sehr Komisches, aber auch etwas Erkenntnisreiches. Daher geht es letztlich um ein ganz banales Alltagsversprechen: „Schau einen Film und hab einen schönen Abend.“ Und dieses kleine Glück wird einem ständig wieder weggezogen, wie ein Keks, den man einem Kind immer wieder vor die Nase hält und dann doch nicht gibt. Der interessante Punkt ist: Das ist nicht bloß individuelles Versagen. Es ist ein System, das als Ganzes nicht richtig funktioniert. Man erkennt sich selbst als kleines Rädchen darin wieder. Und daraus entstehen gleichzeitig Schrecken und Gelächter.


Ich glaube, es gibt im Kino eine lange Tradition von Filmen, die genau das tun: das eigene Leben im Hier und Jetzt in all seiner Kläglichkeit und Absurdität zeigen. Loriot hat letztlich nichts anderes gemacht. Und ich glaube, dafür wird es immer ein Publikum geben, und ich hoffe, „Home Entertainment“ wird auch genug Menschen finden, die sich mit diesem Film gut unterhalten können. Und wenn man ihn dann auch auf einer großen Leinwand sieht, wird man vielleicht auch erkennen, was das Kino kann, was zu Hause so nicht reproduzierbar ist. Also „Home Entertainment“ ist jetzt zwar weder eine Abrechnung mit dem Filmeschauen zu Hause noch eine Hommage ans Kino, und doch wird man beides im Film wiederfinden und grundsätzlich gilt: Geht ins Kino!

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