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Emilia Schüle im Interview zu „Ku'damm 77“: „Eigentlich bräuchte es ein Spin-off, in dem Eva bei der RAF einsteigt“

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 27. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Dez. 2025

„Ich finde, ‚Ku'damm‘ erinnert einen daran, dass es sich lohnt, für persönliche Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen“, erzählt Emilia Schüle, die seit der ersten Staffel zur Besetzung der Serie gehört.


Emilia Schüle in ihrer Rolle als Eva Fassbender steht im Türrahmen und trägt eine Sonnenbrille, die sie leicht nach unten zieht, um in den Raum zu schauen.
Bildnachweis: © ZDF und Conny Klein

Seit „Ku'damm 56“ 2016 im ZDF startete, hat sich die Serie als deutsches TV-Event etabliert. In mehrjährigen Abständen führte die Familiensaga mit den Fortsetzungen „Ku'damm 59“ und „Ku'damm 63“ durch die Nachkriegsjahrzehnte und verband das Leben der Familie Schöllack konsequent mit den gesellschaftlichen Umbrüchen ihrer Zeit. Mit „Ku'damm 77“ setzt das Format diesen chronologischen Ansatz fort – und wagt dabei den bislang größten Zeitsprung. Vierzehn Jahre später ist West-Berlin ein spürbar anderer Ort: politisch aufgeladen, sozial unruhiger, persönlicher Druck und Erwartungen sind größer geworden. Die Schöllacks leben inzwischen in drei Generationen wieder unter einem Dach, über der Tanzschule am Kurfürstendamm, die erneut zum Zentrum familiärer Konflikte wird. 1977 steht das Traditionsunternehmen Galant unter erheblichem Druck. Caterina Schöllack ringt um den Erhalt ihres Lebenswerks, während ihre Töchter und Enkelinnen zwischen Anpassung, Aufbruch und neuen Rollenbildern ihren eigenen Weg suchen.


Im Zentrum vieler Spannungen steht jedoch Eva, die jüngste Schöllack. In „Ku'damm 77“ ist Eva zunächst im sogenannten Ausland, ein beschönigender Ausdruck für ihre Haft, die ihr Leben und ihre Position innerhalb der Familie neu definiert hat. Verkörpert wird Eva von Emilia Schüle, einer der profiliertesten deutschen Schauspielerinnen ihrer Generation. Schüle, die früh durch Kino- und Fernsehrollen bekannt wurde und sich über Jahre hinweg zwischen anspruchsvollem Autorenkino und großen TV-Produktionen etabliert hat, verkörpert die Figur seit der ersten Staffel. Bevor „Ku'damm 77“ startet – im ZDF-Streaming ab 27. Dezember 2025, im linearen Fernsehen vom 12. bis 14. Januar 2026 –, hat sich Emilia Schüle Zeit für ein Interview genommen, um über die neuen Folgen und die Entwicklung ihrer Figur zu sprechen.


Der Film Journalist: Annette Hess, Drehbuchautorin und Schöpferin der „Ku'damm“-Serie, hat die ersten drei Staffeln als abgeschlossene Trilogie beschrieben und für „Ku'damm 77“ bewusst einen neuen Ton angekündigt. Wie haben Sie diesen neuen Ansatz erlebt?


Emilia Schüle: Dieser neue Ansatz hat mich auf jeden Fall total gereizt, weil natürlich viel Zeit

Schauspielerin Emilia Schüle als Eva Fassbender sitzt in einem Sessel im Wohnzimmer der Familie Schöllack. Sie hält einen Ordner auf dem Schoß und blickt konzentriert nach vorne.
Bildnachweis: © ZDF und Conny Klein

vergangen ist seit der letzten Staffel. Und zumindest bei mir ist in dieser Zeit viel passiert. Ich habe mich also auch gefragt: Was ist jetzt eigentlich daran reizvoll, weiterzumachen? Auch was visuelle Erzählweisen angeht, hat sich mit Formaten wie „Jerks“ oder auch aus Deutschland „Die Discounter“ viel entwickelt. Deswegen fand ich diesen Ansatz so spannend, das Ganze dokumentarischer aufzuziehen. Das ist einfach etwas anderes, ein Ausbruch aus der klassischen Erzählform, wie man sie kennt. Wir haben ja nun mal in den 50ern mit vor allem ruhigen Kamerabildern begonnen und und das dann wirklich komplett aufzubrechen, fand ich sehr, sehr reizvoll.


Der Film Journalist: Wir befinden uns nun im Jahr 1977. Gibt es etwas an den 1970er-Jahren, das Ihnen besonders gefallen hat – oder etwas, bei dem Sie froh sind, dass wir es heute so nicht mehr haben?


Emilia Schüle: Modisch betrachtet war das ehrlich gesagt nicht mein Ding. Die Lidschatten, die Dauerwellen und die Mode insgesamt – da bräuchte ich kein großes Comeback. Spielerisch und visuell hat es uns aber total Spaß gemacht, in diese Zeit einzutauchen. Und Eva nimmt natürlich alles mit an Lidschatten und Dauerwellen, was geht. Musikalisch ist es auf jeden Fall eine spannende Zeit gewesen, und ich glaube, das wird beim Schauen Freude machen.


Der Film Journalist: Sie haben vor der letzten Staffel einmal gesagt, dass es wenig an Eva gab, mit dem Sie sich persönlich verbinden konnten. Hat sich dieses Verhältnis in der vierten Staffel verändert?


Emilia Schüle: Tatsächlich war es diese Staffel auf eine gewisse Art viel einfacher, mit Eva zu connecten. Ihr Hauptbedürfnis ist diesmal ein ganz kindliches: von ihrer Mutter angenommen zu werden, so wie sie ist, und einfach geliebt zu werden. Das war in den anderen Staffeln wahrscheinlich auch schon so, hat sich aber in anderer Form gezeigt. Bis dahin hat Eva versucht, ihrer Mutter zu gefallen und den patriarchalen Anforderungen ihrer Zeit zu entsprechen. Sie hat sich auf ein Vernunftsleben mit einem deutlich älteren Mann eingelassen, ihren Beruf verfolgt und ihn schließlich wieder aufgegeben. All das hat sie getan, weil es von ihr erwartet wurde und weil es scheinbar keinen anderen Weg gab.


Diese fehlende Akzeptanz – und am Ende auch die fehlende Liebe ihrer Mutter – hat zu den

Emilia Schüle als Eva Fassbender sitzt im Besucherraum einer Frauenvollzugsanstalt am Tisch ihrer Interviewerin gegenüber. Auf dem Tisch liegen eine Zigarette und ein Mikrofon, im Hintergrund steht eine Beamtin.
Bildnachweis: © ZDF und Conny Klein

Schieflagen geführt und zu den radikalen Entscheidungen für persönliche Freiheit und Unabhängigkeit, die Eva getroffen hat. Entscheidungen, die sie letztlich immer weiter von der Gesellschaft und von der Liebe ihrer Mutter entfernt haben. Jetzt liegt sie vor diesem Scherbenhaufen und muss in dieser Staffel von vorne anfangen. Sie ist eine wirklich gebrochene Figur – und genau das machte es reizvoll, diese neue Eva zu kreieren.


Der Film Journalist: Gibt es bereits Ideen, die Geschichte der Schöllacks nach „Ku'damm 77“ fortzusetzen? Und auch wenn Sie dazu noch nichts Konkretes sagen können: Wo würden Sie Eva gedanklich in den 1980er-Jahren verorten?


Emilia Schüle: Es gibt noch nichts Handfestes, worüber man sprechen könnte. Aber es ist schon so, dass wir Frauen alle Lust hätten, weiterzumachen. Es gibt auch Ideen, wie es eventuell weitergehen könnte; konkrete Pläne gibt es allerdings nicht. Aber ich glaube ganz fest an Evas Reise und kann mir gut vorstellen, dass sie in den 80ern irgendwo untergetaucht ist, im Untergrund aktiv ist oder sich vielleicht auch vor Gericht verantworten muss. Ich habe immer schon gesagt, dass ich es total schade finde, dass Eva keine RAF-Terroristin geworden ist, weil das nach allem, was ihr widerfahren ist, eigentlich ein logischer Weg gewesen wäre. Eigentlich bräuchte es ein Spin-off, in dem Eva bei der RAF einsteigt.


Der Film Journalist: Zum Abschluss – warum sollte man „Ku'damm 77“ Ihrer Meinung nach nicht verpassen?


Emilia Schüle: Ich glaube, man hat diese Familie Schöllack über die Jahre einfach lieben gelernt.

Emilia Schüle als Eva Fassbender sitzt mit weiteren Figuren im Schneideraum und schaut gemeinsam einen Film. Während Caterina Schöllack ernst bleibt, lächeln die anderen.
Bildnachweis: © ZDF und Conny Klein

Die Serie nimmt einen mit auf eine Reise durch das Deutschland der 50er-, 60er- und 70er-Jahre und zeigt auf schmerzhafte, aber auch schöne Weise, wie sich unsere Gesellschaft und unsere Geschichte entwickelt haben. Ich finde, „Ku'damm“ erinnert einen daran, dass es sich lohnt, für persönliche Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen – und wie schwer das teilweise ist. Auch transgenerationale Traumata spielen dabei eine große Rolle. Die große Stärke der Serie ist für mich, all diese schweren Themen in ein berührendes, schönes und gleichzeitig unterhaltsames Format zu packen, das einen auf eine Reise mitnimmt, die letztlich einfach das Leben in all seine Facetten und Widersprüchlichkeiten widerspiegelt.

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