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Im Westen etwas Neues: „Meeting the Buddha“ auf den Spuren einer Bindung zwischen Lehrer und Schüler

Autorenbild: Toni Schindele
Toni Schindele
vor 1 Tag
8 Min. Lesezeit

Eine Flucht aus Tibet, zwei junge Dänen und eine Lehre auf dem Weg nach Europa: „Meeting the Buddha“ öffnet Türen zur buddhistischen Welt. Wie nah der Film ihr kommt, zeigt sich erst beim zweiten Blick.


Bildnachweis: © The Beautiful Truth
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Am 13. März 1959 setzt sich vom Kloster Tsurphu in Zentraltibet eine Karawane in Bewegung. Die Yaks sind bereits vorausgeschickt worden, beladen mit Reliquien, religiösen Schriften, Statuen und anderen Kostbarkeiten. Kurz darauf verlässt auch Rangjung Rigpe Dorje, der 16. Karmapa, das Kloster. Tsurphu ist seit Jahrhunderten der traditionelle Sitz der Karmapas, einer Linie hoher Würdenträger der Karma-Kagyü-Schule, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht. Rund 160 Menschen brechen mit dem Karmapa auf. Ihr Weg führt über Lhodrak in Richtung Bhutan. Während sie Tsurphu hinter sich lassen, spitzt sich die Lage in Tibet zu. Seit dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Chamdo 1950 sind die Spannungen gewachsen; nun brechen sie offen hervor. Drei Tage zuvor hat in Lhasa der Aufstand gegen die chinesische Herrschaft begonnen. Vier Tage nach dem Aufbruch des Karmapa wird auch der Dalai Lama die Hauptstadt verlassen.


Über Bhutan gelangt Rangjung Rigpe Dorje nach Sikkim, das damals noch ein eigenständiges Königreich unter indischem Protektorat war. In Rumtek findet er die Überreste eines früheren Klosters; an dieser Stelle entsteht in den folgenden Jahren sein neuer Sitz im Exil. Gut zehn Jahre später steht Hannah Nydahl mit gefalteten Händen vor dem 16. Karmapa, Ole unmittelbar

Bildnachweis: © The Beautiful Truth
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neben ihr. Der tibetische Würdenträger sitzt erhöht hinter einem mit roten und goldenen Stoffen geschmückten Tisch. Für die beiden jungen Dänen ist diese Welt noch vergleichsweise neu. Ole ist Ende zwanzig, Hannah Anfang zwanzig; wenige Jahre zuvor waren sie noch Teil der westlichen Protest- und Hippiekultur. Nun verbringen sie lange Zeit in Asien und orientieren ihr Leben zunehmend an einer buddhistischen Tradition, die ihnen 1969 in Rumtek in Gestalt des 16. Karmapa begegnet ist. An diese Begegnung knüpft Márta György-Kesslers Dokumentarfilm „Meeting the Buddha“ an. Er erzählt von der Exilgeschichte des Karmapa und zugleich vom Weg der beiden Dänen, die später selbst als buddhistische Lehrer wirkten.


Mehr als zwei Jahrzehnte nach dieser ersten Begegnung hört Manfred Kessler im Jahr 1991 Ole Nydahl erstmals bei einem Vortrag. Bei der Kinotour von „Meeting the Buddha“ nimmt sich Kessler Zeit für ein Gespräch über den Film und blickt dabei auch auf diese erste Begegnung zurück. Buddhismus sei damals keineswegs das feststehende Ziel seiner Suche gewesen, erzählt er. Er habe sich vielmehr als „spirituell suchend“ verstanden und jahrelang nach einem Lehrer Ausschau gehalten, bei dem er den Eindruck bekomme, dass dessen Vermittlung über eine schlüssige Theorie hinausgehe. Bei Nydahl habe er diesen Eindruck bereits während des ersten Vortrags gewonnen: „Ich habe da etwas erlebt und nicht nur verstanden.“ Es sei gewesen, „als hätte man bisher nur Wolken gesehen und auf einmal scheint von einem anderen Menschen die Sonne herüber“.


Was Kessler zunächst für eine Gabe des Lehrers gehalten habe, verstand er später als Erfahrung dessen, was nach buddhistischer Vorstellung bereits im eigenen Geist angelegt ist. Der Diamantweg versteht sich als westlich geprägte Form der Karma-Kagyü-Tradition des tibetischen Vajrayana-Buddhismus, in der der Lehrer für den Schüler weit mehr als nur Vermittler der Lehre ist: Er kann zum unmittelbaren Bezugspunkt spiritueller Erfahrung werden. Darauf verweist auch der Filmtitel. „Der Film soll zeigen, dass man dem Buddha permanent begegnen kann“, beschreibt Kessler dessen Grundidee. Für Hannah und Ole Nydahl sei der 16. Karmapa dieser Buddha gewesen; über ihre Begegnung mit ihm hätten beide immer wieder gesagt: „Wir haben den Buddha erlebt.“ Später habe Ole Nydahl für viele seiner eigenen Schüler eine vergleichbare Rolle eingenommen.


Zurück nach Rumtek, diesmal ins Jahr 1981. Ole Nydahl sitzt mit freiem Oberkörper im Gras, die

Bildnachweis: © The Beautiful Truth
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Beine übereinandergeschlagen, ein großer Anhänger auf der Brust. Neben ihm hat Hannah Nydahl Platz genommen, die Hände ruhen im Schoß. Zwölf Jahre sind vergangen, seit die beiden hier dem 16. Karmapa begegneten. Damals waren sie junge Reisende aus Europa. Inzwischen kehren sie immer wieder nach Asien zurück, meditieren und lernen bei tibetischen Lehrern. Zugleich verbringen sie einen wachsenden Teil ihres Lebens damit, diese Form des Buddhismus nach Europa zu tragen. Seit den frühen 1970er-Jahren halten Ole und Hannah Nydahl dort Vorträge und gründen Zentren. Auch der 16. Karmapa selbst kommt ab 1974 mehrfach nach Europa. So wächst aus einzelnen Reisen nach und nach ein Netzwerk, das die Karma-Kagyü-Tradition weit über ihre bisherigen geografischen Zentren hinausträgt. Später beginnt auch Kessler, Nydahl auf Reisen zu begleiten.


Ole Nydahl sei damals fast ständig unterwegs gewesen, erinnert er sich. Ein paar Tage hier, dann wieder in der nächsten Stadt, immer weiter. Die Einladung an seine Schüler sei denkbar unkompliziert gewesen: „Reist doch mit, seid dabei.“ Kessler nimmt Urlaub, bezahlt seine Reisen selbst und schließt sich an. 2000 wird er Teil von Nydahls Sekretärsteam und bleibt es elf Jahre. Aus der ersten Begegnung 1991 ist eine enge persönliche Beziehung geworden. Über Ole und Hannah sagt Kessler rückblickend: „Ein bisschen habe ich mich wie ihr Sohn gefühlt und sie haben sich für mich ein bisschen wie Papa und Mama angefühlt.“ Für den Film erzählte er ausführlich von diesen Jahren, half organisatorisch und beim Fundraising. Auch Regisseurin Márta György-Kessler ist selbst Teil dieser Geschichte. Seit Anfang der 1990er-Jahre ist sie mit dem Diamantweg verbunden, reiste mit Ole und Hannah Nydahl und widmete Hannah bereits einen früheren Dokumentarfilm.


Viele der Menschen, die nun in „Meeting the Buddha“ zu Wort kommen, erzählen daher nicht aus historischer Distanz. Sie sprechen über Teile ihres eigenen Lebens. Für den Film ist diese Nähe zunächst ein großer Vorteil. Kontakte, private Erinnerungen und über Jahrzehnte gesammeltes Material öffnen Türen, die einer außenstehenden Produktion kaum in derselben Form offenstünden. Zugleich birgt sie eine Herausforderung, wie Kessler einräumt: „Wenn man selbst Buddhist ist, ist man Insider.“ Was innerhalb einer Gemeinschaft selbstverständlich erscheint, könne für jemanden von außen völlig unverständlich sein. Um diesen Blick von innen zu erweitern, arbeiteten an dem Film auch Menschen mit, die nicht aus diesem buddhistischen Umfeld stammen. Mit einer Fülle von Stimmen und Bildern versucht „Meeting the Buddha“, seine Welt auch Außenstehenden zugänglich zu machen. Wo historisches Material fehlt, greifen Animationen ein.


Ein Sprung nach Bodhgaya, ins Jahr 2016: Ole Nydahl tritt zwischen Mönchen in dunkelroten Roben auf Thaye Dorje zu und beugt sich tief vor ihm. Sein Haar ist inzwischen weiß. Mehr als

Bildnachweis: © The Beautiful Truth
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vier Jahrzehnte sind vergangen, seit er als junger Reisender nach Rumtek kam und dem 16. Karmapa begegnete. Aus dem westlichen Reisenden von damals ist längst eine feste Größe innerhalb der buddhistischen Welt geworden. So erinnern sich viele Menschen an ihn, die in „Meeting the Buddha“ zu Wort kommen: als unermüdlichen Reisenden, als direkten, mitunter unkonventionellen Lehrer und als Vermittler zwischen tibetischem Buddhismus und westlicher Lebenswelt. Kesslers Erinnerungen zeichnen ein ähnliches Bild. Er selbst habe sich als Sekretär nachmittags mitunter zwei Stunden hinlegen müssen, um bis in die Nacht durchzuhalten. Nydahl sei dagegen beinahe immer erreichbar gewesen.


Eines Abends ruft Kessler ihn an, weil noch etwas geklärt werden muss. Nydahl spricht mit ihm, als wäre es die selbstverständlichste Uhrzeit der Welt. Erst während des Gesprächs wird Kessler bewusst, dass es in den USA bereits drei Uhr morgens ist. Irgendwann sagt Nydahl lediglich: „Ich muss jetzt wieder schlafen.“ Für Kessler fügt sich diese Erinnerung in das Bild eines Mannes, den er „immer als großen Menschenfreund erlebt“ habe. Auf Nydahls umstrittene Äußerungen angesprochen, bleibt seine Einschätzung deshalb eindeutig: „Die Kritik ging meiner Meinung nach viel zu weit. Sie war sehr einseitig.“ Springen wir zurück ins Jahr 2016, aber nach Kassel. Am 23. März hält Nydahl dort einen Vortrag, in dem er auch auf den Islam zu sprechen kommt: „Ich kann euch sagen: Zu viel Islam und unsere Freiheit ist weg. Die greifen erst die Frauen an, das wisst ihr ja, nicht, Klitoris ab und so weiter und all die anderen Sachen, nicht, die mit den Frauen gemacht wird. Und dann kommen all die anderen Sachen, nicht. Dass sie geschlagen werden, dass zwölfjährige Mädchen mit sechzigjährigen Nachbarn verheiratet werden und all die verschiedenen Sachen da, nicht.“


Im Anschluss öffnet sich die Runde für Fragen aus dem Publikum. Eine davon zielt unmittelbar auf seine Haltung gegenüber Flüchtlingen und Muslimen und darauf, ob seiner Ansicht nach alle Flüchtlinge oder lediglich radikale Muslime abgeschoben werden sollten. Nydahls Antwort ist deutlich. „Ich meine Leute, die lernen, das zu tun, was wir nicht wollen. Die anderen sind vielleicht ein bisschen unglücklich und haben Fehler und so weiter, nicht, aber wer dem Koran folgt, der ist nicht genießbar in einer modernen Gesellschaft. Das ist er nicht! Er ist nur darauf aus, die Sachen auszunützen, unterdrückt die Schwachen, er kriegt keine ordentliche Ausbildung und so weiter, nicht, und alles geht runter. Die sind alle eine Belastung diese Leute.“ Diese Worte gingen aus einem Mitschnitt des Vortrags hervor, den der Deutschlandfunk auswertete. Später erklärt er, seine Kritik habe dem politischen beziehungsweise fundamentalistischen Islam gegolten.


Ob diese nachträgliche Eingrenzung mit seinen damaligen Aussagen vereinbar ist, wird schließlich vor österreichischen Gerichten verhandelt. Die Gerichte kommen zu dem Ergebnis, dass sich Nydahls Äußerungen nicht nur auf radikale Gruppen bezogen, sondern in erheblichem Maß Muslime und den Islam allgemein erfassten und deshalb entsprechend kritisch zusammengefasst werden durften. Im selben Vortrag spricht Nydahl auch über deutsche Politik. Er empfiehlt seinem Publikum die AfD und bezeichnet sie als den einzigen politischen Weg, den er sehe. Die Partei hatte sich damals bereits deutlich nach rechts entwickelt und profilierte sich besonders mit migrations- und islamkritischen Positionen; dennoch ist die AfD des Jahres 2016 nicht in jeder Hinsicht mit der heutigen Partei gleichzusetzen.


Die öffentliche Wahlempfehlung sorgte auch innerhalb buddhistischer Organisationen für Auseinandersetzungen. 2019 leitete die Deutsche Buddhistische Union ein Ausschlussverfahren gegen den Diamantweg ein. Noch bevor darüber abschließend entschieden wurde, trat der Verband aus der Union aus. Auch die bayerische Staatsregierung beschäftigte sich mit Nydahls Aussagen. Sie bewertet einzelne Äußerungen als stark islamkritisch und polarisierend, sieht jedoch keine ausreichenden Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen. Nydahl und der Diamantweg werden deshalb nicht vom Verfassungsschutz beobachtet. Doch nicht nur Nydahl erscheint im Film ausschließlich in positivem Licht. Ein ähnliches Problem zeigt sich bei der Darstellung der Karmapa-Nachfolge.


Im Jahr 2000 sitzt in Düsseldorf ein junger tibetischer Lehrer Ole Nydahl gegenüber. Es ist Trinley Thaye Dorje, der 17. Karmapa, gerade bei seinem ersten Besuch in Europa. Innerhalb der

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Geschichte, die „Meeting the Buddha“ erzählt, scheint sich die Linie damit beinahe selbstverständlich fortzusetzen. Der 16. Karmapa ist 1981 gestorben; Thaye Dorje steht nun für die nächste Generation. Ganz so geradlinig verlief die Nachfolge allerdings nicht. Nach Rangjung Rigpe Dorjes Tod wurden innerhalb der Karma-Kagyü-Tradition zwei Männer als 17. Karmapa anerkannt. Ogyen Trinley Dorje erhielt unter anderem die Unterstützung des Dalai Lama. Shamar Rinpoche erkannte dagegen Thaye Dorje an; auch Ole Nydahl und der Diamantweg stellten sich hinter ihn. Bis heute gibt es deshalb keinen 17. Karmapa, der von allen Seiten anerkannt wird. In „Meeting the Buddha“ ist von diesem Konflikt um die Anerkennung kaum etwas zu spüren.


Für Regisseurin Márta György-Kessler ist das Thema allerdings nicht neu: Bereits in ihrem früheren Dokumentarfilm „Hannah – Ein buddhistischer Weg zur Freiheit“ nahm der Streit um die Nachfolge des 16. Karmapa Raum ein. Für „Meeting the Buddha“ entschied sie sich deshalb, ihn nicht noch einmal aufzugreifen, wie Manfred Kessler erläutert. 1959 brachen rund 160 Menschen mit dem 16. Karmapa aus Tibet auf. Bei der Nachfolge führt die Geschichte nicht mehr in eine einzige Richtung. „Meeting the Buddha“ folgt nur einer davon. Im Kern des Films steht für Kessler eine Lehrer-Schüler-Beziehung, die sich von einer Generation zur nächsten fortsetze: „Im Vajrayana-Buddhismus beziehungsweise Diamantweg-Buddhismus ist es letztlich das Ziel, den eigenen Lehrer als Buddha erleben zu können. Es heißt: Wenn man den Lehrer als Buddha sehen kann, bekommt man den Segen eines Buddhas.“ Wer sich dafür interessiere, „sollte diesen Film nicht verpassen“. „Meeting the Buddha“ läuft jetzt im Kino.

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