Zwischen Rekordwochenende und Investitionsdruck: Wie steht es um Deutschlands Kinos?

Nach Jahren der Krise läuft es in den deutschen Kinos wieder besser: mehr Publikum, erfolgreiche heimische Filme und ein Rekord beim Kinofest. Doch wie viel davon trägt über ein starkes Filmjahr hinaus?

Noch zwanzig Minuten bis zur Vorstellung. Genug Zeit für einen Blick durchs Foyer: Den einen Filmtitel hat man schon gehört, beim nächsten bleibt man an einem bekannten Gesicht hängen. Vielleicht ist da schon der Film für den nächsten Kinobesuch dabei. An den Kinokassen ist 2026 wieder deutlich mehr los: Allein von Januar bis Juni wurden insgesamt 47,5 Millionen Tickets verkauft, knapp 17 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2025 und so viele wie in keiner ersten Jahreshälfte seit der Pandemie. Schon vor einem Jahr hoffte Kim Ludolf Koch, Geschäftsführer der Cineplex-Gruppe, in seiner Einschätzung zur Lage der Kinos auf einen besonders guten Kinojahrgang. Nun stand er erneut Rede und Antwort und sieht sich bestätigt: „In der Tat ist es sehr erfreulich, dass die optimistischen Prognosen vom Jahresanfang bislang gehalten haben.“
Michael Jackson, Ryan Gosling im Weltall und ein Streit um einen Vereinsgrill: Das Kinojahr 2026

hat viele Zugpferde. Vierzehn Filme kamen im ersten Halbjahr auf mehr als eine Million Besuche, sechs mehr als im Vorjahreszeitraum. Für Koch liegt genau darin der Unterschied zu den vergangenen Jahren: „Es sind schlicht mehr wichtige große Produktionen, die dann auch noch halbwegs gut auf das Jahr verteilt sind.“ Ein bekannter Name allein garantiere allerdings noch keinen vollen Saal. „Toy Story 5“ und „Minions & Monster“ blieben hinter den Erwartungen zurück, „Spider-Man: Brand New Day“ und „Die Odyssee“ liefen dagegen noch besser als erhofft. Zugleich betont Koch: „Auch die kleineren Titel und deutschen Filme waren gut dabei.“
Unter den vierzehn Millionenerfolgen des ersten Halbjahres waren fünf heimische Produktionen:

die Tennisvereinskomödie „Extrawurst“, die Fantasy-Fortsetzung „Woodwalkers 2“, die Meyerhoff-Verfilmung „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ und die Kinder- und Jugendfilme „Checker Tobi 3 – Die heimliche Herrscherin der Erde“ und „Die drei ??? – Toteninsel“. Insgesamt verkauften deutsche Filme 12,2 Millionen Tickets, 61 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025. Beim Kinofest am 12. und 13. September kam zum vielfältigen Angebot noch ein besonderer Anreiz: Jedes Ticket in den teilnehmenden Häusern kostete fünf Euro, weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Eintrittspreises im ersten Halbjahr. Am Ende standen 2,08 Millionen Kinobesuche. Rekord. Der Preis allein erklärt das Wochenende allerdings nicht. „Der Erfolg hat bekanntlich immer viele Väter“, meint Koch mit Blick auf die Rekordzahlen.
Geholfen habe etwa das wechselhafte Wetter, durch das das Kino „nicht zu sehr im Wettbewerb

mit Outdooraktivitäten stand“. Dazu kam ein starkes Programm: „Spider-Man: Brand New Day“ und „Die Odyssee“ machten zusammen rund ein Drittel aller Besuche aus. Neu war diesmal vor allem die Werbung. Nach vier Jahren Aufbauarbeit durch den Kinoverband HDF übernahm StudioCanal 2026 die Federführung. Das Motiv mit den unterschiedlichen Händen um einen Popcornbecher sei „nicht nur gelungen und gut wiedererkennbar“, sondern habe auch „eine starke Reichweite und Visibilität“ erzielt. Besonders gut schnitten nach Kochs Beobachtung jene Kinos ab, „die mit einem vielfältigen Angebot und eigenem Marketing besonders aktiv waren“. Der günstige Preis senkt die Hürde fürs Kino, doch was bringt Menschen überhaupt dazu, dafür das Haus zu verlassen?
Das hat die Filmförderungsanstalt (FFA) untersuchen lassen und im September auf der Filmkunstmesse vorgestellt. Ihre 77 Interviews in Deutschland und Frankreich sind nicht repräsentativ, zeigen aber, was heute alles in die Entscheidung für einen Kinobesuch hineinspielt. Früher sei der Kinobesuch oft schon deshalb naheliegend gewesen, weil dort der Film lief, den man sehen wollte. Heute reicht das nicht mehr. Zwischen Streamingdiensten, sozialen Medien und ständig verfügbaren Videos muss ein Film zunächst Aufmerksamkeit gewinnen und anschließend noch das Gefühl auslösen, dass sich für ihn gerade die große Leinwand lohnt. Die FFA nennt das „kinowürdig“. Dieses Versprechen muss ein Kino jedes Mal aufs Neue einlösen. Das Bild soll scharf und kontrastreich sein, der Ton Wucht entfalten, der Sessel bequem und das Programm attraktiv bleiben.
Für das Publikum wird all das schnell selbstverständlich; für die Betreiber steht dahinter eine Rechnung. Trotz erfolgreicher Filme und Hausrekorde ist von wirtschaftlicher Normalität deshalb noch keine Rede. „Die letzten Jahre haben wirklich alle Reserven aufgezehrt“, beschreibt

Koch die Lage. Seit Dezember 2025 laufe das Geschäft zwar wieder relativ gut, „aber bis der wirtschaftliche Grundwasserspiegel wieder auf Normalniveau ist, muss es noch eine Weile gute Filme regnen“. Im ersten Halbjahr lagen die Besuche noch elf Prozent unter dem Niveau des gleichen Zeitraums 2019, die Umsätze aber bereits neun Prozent darüber. Mehr Geld an der Kinokasse bedeutet allerdings nicht automatisch mehr Gewinn: Davon müssen Verleiher, Personal, Energie und Gebäude bezahlt werden und ebenso die nächste Modernisierung.
Denn gleichzeitig wächst laut Koch der „immer stärker werdende Investitionsdruck auf die Kinos“, die ihr Angebot technisch und beim Komfort auf hohem Niveau halten müssen. Zudem können die Häuser ausgerechnet das, worauf ihr Geschäft am stärksten angewiesen ist, kaum selbst beeinflussen: neue Filme, die Menschen sehen wollen. Zu den Entwicklungen, die die Branche weiter im Blick behalten müsse, zählt Koch Zusammenschlüsse großer Studios und den Wettbewerb mit Streaminganbietern. Dass 2026 voraussichtlich gut endet, sei zunächst „Ausdruck eines filmkonjunkturell starken Jahres“. Ein guter Jahrgang macht aber noch keinen dauerhaft starken Markt. Für 2027 hält er dennoch ein ähnlich starkes Filmangebot für möglich. Das wäre die Aussicht, die Kinos jetzt brauchen: dass auf einen Film, der die Säle füllt, schon der nächste folgt. Vielleicht hängt sein Plakat längst draußen im Foyer, dort, wo zwanzig Minuten vor der Vorstellung der Blick daran hängen bleibt.





Kommentare