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Kostümbildnerin Lisy Christl im Interview zu „Konklave“: „Die Roben sind wirklich schwer und genau das wollten wir“

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • 2. März 2025
  • 8 Min. Lesezeit

„Von Anfang an stand fest, dass wir die Kostüme neu anfertigen würden“, sagt Kostümbildnerin Kost Lisy Christl über ihren kreativen Prozess für „Konklave“, das neueste Werk von Edward Berger.


Kostümbildnerin Lisy Christl im Interview zu „Konklave“: „Die Roben sind wirklich schwer und genau das wollten wir“
Bildnachweis: ©AMPAS

Lisy Christl gehört zu den gefragtesten Kostümbildnerinnen der Filmbranche. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine akribische Recherche, ein feines Gespür für historische Authentizität und künstlerische Innovation aus. Schon für Roland Emmerichs „Anonymus“ tauchte sie tief in das Elisabethanische Zeitalter ein und wurde dafür mit einer ersten Oscar-Nominierung gewürdigt. Nun hat sie mit „Konklave“ erneut ein Werk geschaffen, das mit opulenter, aber zugleich subtiler Detailverliebtheit eine eigene filmische Welt formt.


Der neue Film von Edward Berger beleuchtet das Machtvakuum nach dem Tod eines Papstes – und die geheimnisvollen Abläufe hinter den Mauern des Vatikans. Eine Herausforderung für das Kostümbild, das nicht nur historisch korrekt, sondern auch erzählerisch wirkungsvoll sein muss. In diesem Interview spricht Lisy Christl über ihre Inspirationen, den Einfluss von Balenciaga und die Kunst, mit Stoffen und Farben filmische Atmosphären zu erschaffen.


Der Film Journalist: Sie haben nach „Im Westen nichts Neues“ erneut mit Edward Berger gearbeitet. Was zeichnet die Zusammenarbeit mit ihm aus?


Lisy Christl: Edward Berger ist nicht nur ein herausragender Regisseur, sondern auch ein ganz

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Bildnachweis: © Leonine

besonderer Mensch. Er gibt einem unglaublich viel Freiraum. Ralph Fiennes hat neulich gesagt: „Er sitzt einfach da und schaut dir zu.“ Man wird nicht unterbrochen, sondern kann ganz in seiner Arbeit aufgehen – und gibt automatisch sein Bestes. Bei „Konklave“ gab es eine lange Recherchephase, um diese Welt überhaupt zu verstehen. Ich war zufrieden mit den Recherchen, aber ich dachte: Das kann man doch nicht einfach eins zu eins so übernehmen! Es geht nun einmal um die katholische Kirche. Wir steckten sehr in der Frage, ob man das darf, dass wir es beide spüren konnten, ohne darüber zu sprechen. Ich schickte ihm meine Recherchen, er antwortete mit einem kurzen „Vielen Dank“. Das war’s. Aber dieser Funke, dieser Enthusiasmus – der stellte sich weder bei ihm noch bei mir ein, obwohl es ein absolutes Wunschprojekt war.


Dann stieß ich auf die Balenciaga-Winterkollektion 2022. Sie faszinierte mich. Ich wollte ihm die Bilder schicken, hielt aber inne. Stattdessen durchstöberte ich meine Bibliothek, zog alte Balenciaga-Bücher heraus – und entdeckte etwas Entscheidendes: Cristóbal Balenciaga war ein tiefgläubiger Katholik. Er ging, wenn nicht täglich zur Messe, dann zumindest täglich ins Gebet. Als Kind war er Ministrant. Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Man muss manchmal von der Gegenwart weggehen. Wie sah die Kirche vor 1962 aus, bevor all die großen Neuerungen kamen? Von Anfang an stand fest, dass wir die Kostüme neu anfertigen würden – neue Farben, neue Stoffe. Doch dann gingen wir noch weiter, überarbeiteten die Schnitte. Es war ein schrittweiser Prozess, kein Druck, sondern ein natürliches Hineinwachsen in diese Welt. Ich glaube, eine wirklich gute Zusammenarbeit basiert auf genau diesem gegenseitigen Gespür – einer nonverbalen Verständigung.


Der Film Journalist: Du hast die Couture-Show von Balenciaga angesprochen. Was genau daran hat die Arbeit für Konklave beeinflusst?


Lisy Christl: Form und Farbe spielen da eine große Rolle. Der ursprüngliche Balenciaga ist längst

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Bildnachweis: © Leonine

verstorben, heute leitet Demna Gvasalia – ein ukrainischer Designer, der lange in Berlin lebte – das Label äußerst erfolgreich. Er verbindet die Ästhetik Berlins, das Berghain-Flair, mit der visionären Eleganz des spanischen Designers, der stark von der katholisch-christlichen Welt inspiriert war. Eine faszinierende Mischung. Ich ging davon aus, dass jeder sofort versteht, wie diese Ästhetik aussieht. Doch nach einer langen Reise durch verschiedene Länder musste ich feststellen: Die wenigsten wissen es. Immer wieder höre ich großes Staunen, wenn klar wird, dass wir keine Kopie erschaffen haben, sondern eine eigene Interpretation in Anlehnung an diese Einflüsse. Für mich ist diese Zusammenarbeit – um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen – die perfekte Synthese all dessen, was ich bisher gemacht habe. Ein Regisseur, der mit Begeisterung an meinen Welten mitarbeitet, der sich traut, Neues zu wagen. Das macht diese Arbeit zu einer großen Freude.


Der Film Journalist: Die Roben der Kardinäle in „Konklave“ sind ja etwas dunkler und aus schwererer Wolle gefertigt als die tatsächlichen Gewänder, die heute im Vatikan getragen werden. Habt ihr die Roben der Kardinäle neu gefertigt oder gab es dafür einen Fundus?


Lisy Christl: Es hätte durchaus einen Fundus gegeben – die Firma, mit der wir zusammengearbeitet haben, hatte bereits für Paolo Sorrentinos „The Young Pope“ und „The New Pope“ produziert. Es standen viele dieser Kostüme zur Verfügung, doch wir haben uns bewusst dagegen entschieden. Das war eine große Entscheidung, insbesondere für den Regisseur, denn eine komplett neue Anfertigung ist natürlich kostspielig. Aber Edward weiß genau, worauf er setzt. Den Film haben wir in Rom vorbereitet und gedreht, mit einem fast ausschließlich italienischen Team. Unsere lokale Supervisorin war dabei eine Schlüsselperson: Sie stellte das Team vor Ort zusammen, kalkulierte das Budget und führte mich durch das italienische Netzwerk – ein essenzieller Part, da ich fast jedes Jahr in einem neuen Land arbeite. Unsere erste Begegnung war im September 2022 in Florenz. Ganz in der Nähe liegt Prato, eine Stadt, die für ihre Färber, Weber und Drucker bekannt ist – ein Zentrum der Textilkunst. Dort haben wir Stoffproben gesammelt, darunter naturbelassene Materialien mit verschiedenen Gewichten.


Zurück in Berlin arbeitete ich weiter an den Entwürfen. Wir bestellten zunächst Stoff für ein

Kostümbildnerin Lisy Christl im Interview zu „Konklave“: „Die Roben sind wirklich schwer und genau das wollten wir“
Bildnachweis: © Leonine

einzelnes Kostüm, um zu testen, wie sich das Material verhält – wie es fällt, wie schwer es ist. Parallel dazu begann meine langjährige Textilkünstlerin Marie Heitzinger, mit der ich seit fast 30 Jahren zusammenarbeite, die ersten Farbproben zu färben. Sie beherrscht ihr Handwerk bis ins Detail: färben, sticken, stricken, altern – sie kann einfach alles. Edward und ich wählten schließlich aus diesen Proben die endgültigen Farben aus. Die Stoffe wurden dann in großem Maßstab industriell eingefärbt, und wir führten einen Kameratest durch, um die Wirkung vor unterschiedlichen Hintergründen zu überprüfen. Uns war wichtig zu sehen, wie fein die Stoffe sind, wie sie sich bewegen – denn letztlich ist es ein Kleid für einen Mann.


Der Film Journalist: Die Roben im Film wirken recht schwer – musstet ihr da tricksen, um den Schauspielenden mehr Bewegungsfreiheit zu geben?


Lisy Christl: Die Roben sind wirklich schwer und genau das wollten wir. Es wurde nicht getrickst.

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Bildnachweis: © Leonine

Die 33 Knöpfe an der vorderen Mitte sind echt. Wenn man mit Schauspielern wie Ralph Fiennes arbeitet, musst du nicht tricksen: Kein Velcro, kein Klettverschluss – alles ist authentisch. Besonders in der Szene, in der er vor der Kamera angekleidet wird, war es wichtig, dass die Robe sowohl innen als auch außen echt ist. Dasselbe galt auch für die Kostüme der Komparsen.


Der Film Journalist: Du warst bereits 2012 für „Anonymus“ Oscar-nominiert. Wie fühlte es sich an, bei den Academy Awards dabei zu sein?


Lisy Christl: Beim ersten Mal war es natürlich atemberaubend – aber auch traurig, da nur ich nominiert war. Filmemachen ist eine Kollaboration, eine Teamarbeit, in der sich alles gegenseitig speist. Wenn man dann als Einzige zu so einem Event geht, fühlt es sich seltsam an. Ich habe mich zwar unglaublich gefreut, aber gleichzeitig gedacht: Wo sind die anderen? Beim Deutschen Filmpreis hingegen waren wir alle zusammen – das konnte ich viel mehr genießen. Bei „Im Westen nichts Neues“ waren für die Academy Awards alle außer mir nominiert. Aber das war egal. Wir waren als Team da, und es fühlte sich an wie eine Fußballmannschaft – da bleiben schließlich auch nicht drei zu Hause.


Dieses Mal ist es glücklicherweise ähnlich: Nicht alle, aber wir sind doch in acht Kategorien vertreten und das ist natürlich großartig. Es gibt keinen größeren Preis. Dem kann man nur mit Demut begegnen, ohne zu erwarten, dass es immer so weitergeht. Es ist kaum zu glauben, dass ich jetzt schon zum dritten Mal zu dieser Preisverleihung darf. Man muss sich immer wieder zwicken und sich bewusst machen, wie außergewöhnlich das ist. Dazu kommt, dass man dort auf unglaubliche Kolleginnen und Kollegen trifft. In meiner eigenen Kategorie zum Beispiel Ariane Phillips, die für den Bob Dylan-Film [„Like A Complete Unknown“] verantwortlich war. Sie ist eine Kollegin, die ich immer verehrt und bewundert habe – und jetzt schreiben wir uns. Das ist einfach großartig. Klar, sie macht dasselbe wie ich. Aber sie kommt aus diesem sagenumwobenen Hollywood – und ich nicht.


Der Film Journalist: Als Mitglied der Academy wählst Du selbst mit über die Oscars. Wie läuft dieser Auswahlprozess für Dich ab?


Lisy Christl: Ich bin jetzt seit vier oder fünf Jahren Mitglied der Academy. Früher bekam ich noch all diese DVDs zugeschickt, aber mittlerweile gibt es nur noch den Academy Screening Room. Dieses Jahr war ich besonders fleißig, weil ich einfach mehr Zeit hatte. Ich habe wirklich fast alle Filme gesehen. Das Auswahlverfahren läuft in zwei Runden. In der ersten Runde stimme ich für „Bester Film“ und „Bestes Kostüm“ ab. Dann habe ich in der zweiten Runde gewählt – da kann ich in allen Kategorien abstimmen. Allerdings gibt es bei „Bester Film“ zehn Filme zur Auswahl, während es in allen anderen Kategorien nur fünf sind.


Der Film Journalist: Es gibt Kritik, dass Academy-Mitglieder nicht verpflichtet sind, alle nominierten Filme zu sehen. Würden Sie sich eine Sichtungspflicht wünschen?


Lisy Christl: Es liegt ja in unserem ureigenen Interesse, möglichst viele dieser Filme zu sehen.

Kostümbildnerin Lisy Christl im Interview zu „Konklave“: „Die Roben sind wirklich schwer und genau das wollten wir“
Bildnachweis: © AMPAS

Aber es gibt Jahre, in denen man selbst dreht, und dann hat man einfach nicht die Kraft und Zeit, jeden Abend Filme zu schauen. Deshalb ist „müssen“ schwierig. Ich kenne mittlerweile einige Leute in der Academy und habe den Eindruck, dass alle das sehr ernst nehmen und sich die Filme wirklich ansehen. Ich kenne niemanden, der ohne vorher zu schauen abstimmt. Natürlich muss man auch akzeptieren, dass es Filme gibt, die einen schlichtweg nicht interessieren – da schaut man dann vielleicht nur den Trailer. „Der Brutalist“ zum Beispiel dauert 3 Stunden und 40 Minuten, das muss man auch erst durchhalten. Dieses Jahr hatte ich mehr Zeit und konnte viele Screenings besuchen, sowohl von den Verleihern als auch von der Academy.


Ich mache es so: Wenn ich in der ersten Runde nicht alles schaffe, spreche ich mit Freunden, die besonders engagiert sind. Ich telefoniere auch mit anderen aus der Academy und frage nach ihren Favoriten. Dann sehe ich mir zuerst diese Filme an und danach die anderen. Man weiß ja, dass einige Werke niemals in die Endauswahl kommen. Aber insgesamt habe ich dieses Jahr bestimmt 90 Prozent der Filme gesehen – die restlichen 10 Prozent zumindest als Trailer oder teilweise.


Der Film Journalist: Trotz aller Kritik: Was macht für Sie den besonderen Reiz der Oscars aus?


Lisy Christl: Die Oscars sind eine globale Gemeinschaft. Die Academy hat Mitglieder auf der ganzen Welt, zwar vermutlich mit der Mehrheit in den USA, aber es werden zunehmend mehr Mitglieder aus verschiedenen Ländern aufgenommen. Die Oscars sind der Höhepunkt der Awards Season – einfach der größte Preis in der Filmbranche.


Der Film Journalist: Die Filmbranche verändert sich – neue Technologien, Nachhaltigkeit, veränderte Produktionsweisen. Wie blickst Du auf die Zukunft der Filmbranche?


Lisy Christl: Nachhaltigkeit war für mich nie eine bewusste Entscheidung – sie war von Anfang

Kostümbildnerin Lisy Christl im Interview zu „Konklave“: „Die Roben sind wirklich schwer und genau das wollten wir“
Bildnachweis: © Leonine

an selbstverständlich. Mein Ziel ist es immer, den Müllberg so klein wie möglich zu halten. Natürlich lässt sich das nicht komplett vermeiden. Man hat einfach nicht die Zeit, beispielsweise Blumenblätter zu kochen, um Stoffe zu färben. Aber die Art und Weise, wie Kostüme gefertigt und anschließend wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden, ist essenziell. Das ist die maximal mögliche Nachhaltigkeit: Wiederverwendung statt Verschwendung. Doch Nachhaltigkeit betrifft nicht nur Materialien, sondern auch den Umgang mit Menschen. Es geht darum, wie man sich im Team verhält – unabhängig davon, in welchem Land man arbeitet. Als Head of Department sehe ich es als meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass alle unter den bestmöglichen Bedingungen arbeiten können.


KI ist längst Teil unseres Alltags, aber ihre Rolle in der Filmbranche wird zunehmend hinterfragt. Es gab zuletzt einige Skandale – etwa beim Film The Brutalist, wo angeblich mit dem Akzent von Adrien Brody nachgeholfen wurde, oder bei Emilia Pérez, wo die Gesangsstimme der Hauptdarstellerin digital verändert wurde. Mich beruhigt es, dass hier genau hingeschaut wird. Wahrscheinlich werden nach diesen Academy Awards neue Restriktionen eingeführt. Denn eines ist klar: Eine Stimme muss eine Stimme bleiben. Ralph Fiennes hat monatelang italienisch-lateinischen Sprachunterricht genommen – dafür gibt es schließlich Dialog-Coaches. Ich halte nichts davon, technische Entwicklungen aufzuhalten, denn das ist schlicht unmöglich. Entscheidend ist der verantwortungsbewusste Umgang damit – und der liegt in unserer Hand. Wir alle, besonders Produzenten, müssen bewusst entscheiden, wo KI sinnvoll ist und wo sie künstlerische Arbeit ersetzt.


Ich kämpfe jedes Mal aufs Neue dafür, dass nicht alles und jeder ersetzbar wird. Auch Regisseure wie Edward Berger setzen sich immer wieder für den Wert echter, menschlicher Arbeit ein. Letzten Sommer haben wir in Hongkong und Macau gedreht. Dort ist es in lokalen Produktionen oft üblich, nach Drehschluss einfach alles wegzuwerfen. Unsere nachhaltigste Entscheidung war, so lange zu arbeiten, bis wir sichergestellt hatten, dass sämtliche Materialien weiterverwendet wurden – nichts wurde entsorgt. Das ist gelebte Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit kostet, aber die Folgen mangelnden Bewusstseins sehen wir tagtäglich.


Konklave“ läuft noch in einigen Kinos, kann aber bereits digital

erworben werden und erscheint am 7. März 2025 auf DVD und Blu-ray.



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