Kritik zu „Anaconda“: Meta-Humor statt Monster-Horror
- Toni Schindele

- 24. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Kaum ein Tierhorrorfilm hat sich so tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben wie dieser. Nun meldet sich die Riesenschlange auf der großen Leinwand zurück. Kann „Anaconda“ auch 2025 als Hollywood-Blockbuster zum Kultfilm werden?

Als 1997 „Anaconda“ in die Kinos kam, ahnte wohl kaum jemand, dass der Film sich zu einem jener popkulturellen Phänomene entwickeln würde, die gleichermaßen belächelt und geliebt werden. Der Mix aus Abenteuerfilm, Creature-Feature und selbstironischem Horror traf einen Nerv der späten 1990er-Jahre: Ein exotischer Dschungel-Mythos, eine riesige Killer-Schlange, dazu eine prominent besetzte Crew rund um Jennifer Lopez, Jon Voight, Ice Cube und Owen Wilson – das alles war so überzeichnet und theatral, dass es fast zwangsläufig in Richtung Kult driftete. Der Film verstand es, Spannung und unfreiwillige Komik zu verbinden. Die Effekte wirkten zugleich beeindruckend und künstlich genug, um die Schlange als überlebensgroßes Filmmonster zu inszenieren. Vieles an „Anaconda“ war schlicht größer als das Leben: der Pathos, die Kameraarbeit, das Schauspiel – allen voran Voights legendär exzentrische Performance.
Genau aus dieser Mischung entstand im Laufe der Jahre ein Trash-Mythos, der den Film vom reinen Tierhorror zu einem festen Bestandteil der Popkultur machte. Natürlich blieb der Erfolg nicht ohne Fortsetzungen: In den frühen 2000ern entstanden mehrere Fortsetzungen und TV-Spin-offs, die die Reihe schließlich vollständig ins B-Movie-Territorium abdriften ließen, unter anderem mit Crossover-Experimenten wie „Lake Placid vs. Anaconda“. Inhaltlich unterschieden sich die Filme kaum: Immer wieder aufs Neue geraten Menschen in abgeschiedenen Naturkulissen in den Konflikt mit dem titelgebenden Reptil – doch das Publikum kam auch genau deswegen. Mit dem erstarkten Interesse an Nostalgie-Reboots wuchs auch die Idee, die Reihe als Hollywood-Blockbuster neu aufzulegen. Ist Tom Gormicans Film nun ein B-Movie in teurer Hülle oder tatsächlich hochwertiges Blockbuster-Kino?
Darum geht es:
Hochzeitsfilmer Doug und Komparse Griff wollen ihrem tristen Alltag entkommen und haben dafür auch einen Plan: Sie wollen ein Remake ihres Jugendfilm-Klassikers „Anaconda“ drehen, mit echtem Dschungel und echter Riesenschlange. Doch als bei den Dreharbeiten im Amazonas alles aus dem Ruder läuft, verwandelt sich das Filmprojekt in einen knallharten Überlebenskampf. Wird aus ihrem Filmtraum ein Blockbuster oder ihr letzter Trip?
Die Rezension:
„Anaconda“ greift die Prämisse des zugrundeliegenden Dschungel-Horrorfilms von 1997 nur sehr lose wieder auf. Anstatt einer Neuinterpretation ist es eines jener Reboots, dass sich demonstrativ über die eigene Existenz lustig macht und damit zugleich Symptom jener Franchise-Müdigkeit wird, dass es satirisch sezieren will. In seiner selbstironischen Grundhaltung begegnet der Film den vertrauten Genreklischees mit viel Augenzwinkern, ohne tatsächlich Erwartungshaltungen zu unterlaufen. Originell ist das zwar nicht, unterhaltsam kann das dennoch sein und der Film bietet mit seiner harmlosen und überdrehten Aufmachung viele Anknüpfungspunkte, um sich zum Jahresende nochmals rund eineinhalb Stunden unterhalten zu lassen, allerdings sollte man möglichst nichts aus der Handlung hinterfragen.

Die Protagonisten, deren Karriereambitionen längst hinter den Realitäten des Broterwerbs zurückgefallen sind, geraten in ein Szenario, das sie offensichtlich überfordert. So entsteht ein klassisches Komödien-Setup, das hier mit den Versatzstücken eines Abenteuerfilms collagiert wird. Eine parallel laufende Krimi- beziehungsweise Gangsterhandlung rund um illegale Goldförderung liefert zwar den äußerlichen Konfliktrahmen, erweist sich dramaturgisch jedoch als wenig tragfähig. Ohnehin soll das Publikum weniger um das Überleben der Figuren bangen, sondern vielmehr zusehen, wie das Ensemble in immer absurdere Situationen gerät. Besonders im ersten Drittel funktioniert dieses Konzept überzeugend: dank pointierter Dialoge, präzise gesetzter Running Gags und eines feinen Gespürs für die Peinlichkeit gescheiterter Künstlerbiografien.
Im weiteren Verlauf verabschiedet sich „Anaconda“ jedoch zunehmend von der anfänglichen Satire und gleitet in konventionelle Action-Muster ab. Dass die titelgebende Schlange erst spät in Erscheinung tritt, wirkt dramaturgisch fast nachgereicht – als müsse der Film das Versprechen seines Titels schließlich doch noch erfüllen. Technisch mag die digital animierte Schlange zudem der früheren Animatronik zwar deutlich überlegen sein, zugleich aber bleibt sie in jeder Sekunde erkennbar eine computergenerierte Kreation. Zwar sollen Geschwindigkeit, Größe und hektische Montage den fehlenden Realismus kaschieren, doch die digitale Kreatur wirkt stets wie ein künstliches Konstrukt, das sich nie wirklich denselben Raum mit den Figuren teilt. Die Schlange hat hier keine Schwerkraft mehr – und genau darin liegt der Unterschied zu jenem fühlbar physischen Schrecken der Schlange aus den 90er-Jahren, auch wenn sie objektiv gesehen unrealistischer sein mag.
Kaum ein Jahr hatte so viele Reboots im Kinoprogramm wie 2025, da passt es zielgenau, dass „Anaconda“ zum Jahresende herauskommt, denn dieser Film spielt genau mit der Erwartungshaltung eines Publikums, das mit eben jenen Neuauflagen vertraut ist, und nutzt diese Metaebene, um die eigene Existenz als erneuter Franchise-Versuch immer wieder ironisch zu kommentieren. Anspielungen auf vergangene Popkulturphänomene, ironische Seitenhiebe und Verweise auf ein Amateurfilmprojekt der Protagonisten baut einen sarkastischen Rahmen über künstlerische Eitelkeit, Fankultur und die Verwertung alter Ideen auf. Auch wenn bei der selbstreflexiven Ebene nicht jeder Gag zündet hat sie doch genug unterhaltsame bis clevere Momente. Aber je stärker der Film im letzten Drittel auf Effektkino setzt, desto deutlicher verliert diese Meta-Ebene an Wirkung. Unbestreitbar ist dabei, dass die Besetzung der größte Trumpf des Films ist. Über weite Strecken lebt der Film spürbar von der Buddy-Chemie zwischen Paul Rudd und Jack Black.

Beide greifen auf ihre eingespielte Komik zurück – Rudd mit lässiger Gelassenheit und melancholischem Charme, Black mit impulsiver, pointiert dosierter Energie. Beide verkörpern Figuren, die gleichermaßen liebenswert unbeholfen wie latent tragikomisch wirken. Das Zusammenspiel wirkt locker, oft wie improvisiert und hat viel Gespür für Timing – jene Art von komischem Pingpong, die selbst dann trägt, wenn Pointen nicht zünden oder die eigentliche Handlung immer generischer wird. Steve Zahn als abgehalfterter Trinker mit trockenem Humor und Selton Mello als undurchsichtiger Schlangenexperte ergänzen die Runde, die zuverlässig für komische Akzente sorgt – auch wenn sie dramaturgisch eher Stichwortgeber bleiben. Daniela Melchior hingegen bleibt als geheimnisvolle Bootsführerin erstaunlich blass und verschwindet nach dem Twist ihrer Figur fast ebenso abrupt wieder aus der Erzählung.
Fazit:
Anstatt den Dschungel-Horror des gleichnamigen Ursprungsfilms neu zu beleben, erweist sich „Anaconda“ über weite Strecken als satirische Abenteuerkomödie, die vor allem von der charmanten Buddy-Chemie zwischen Paul Rudd und Jack Black getragen wird – erzählerisch jedoch rasch an Biss verliert. Unterhaltsam ist das allemal, solange man nichts hinterfragt und bei der digitalen Schlange nicht allzu genau hinsieht.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 25. Dezember 2025 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Anaconda“:
Genre: Action, Abenteuer, Komödie, Fantasy
Laufzeit: 100 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Tom Gormican
Drehbuch: Kevin Etten und Tom Gormican
Besetzung: Paul Rudd, Jack Black, Steve Zahn und viele mehr ...
Trailer zu „Anaconda“:





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