Kritik zu „Ungeduld des Herzens“: Stefan Zweig im Hier und Jetzt
- Toni Schindele

- vor 1 Tag
- 5 Min. Lesezeit
Stefan Zweigs einziger Roman „Ungeduld des Herzens“ gehört zu den meistadaptierten Stoffen der deutschsprachigen Literatur und stellt jede neue Verfilmung vor dieselben Fragen: Wie lässt sich der moralisch aufgeladene Klassiker nochmals neu verfilmen und was kann man dem Stoff heute noch abgewinnen?

Stefan Zweig ist ein Name, dem die meisten schon einmal begegnet sind – sei es im Schulunterricht, im Bücherregal oder einfach als feste Größe der deutschsprachigen Literatur. Bekannt wurde er vor allem durch seine Novellen, zu seinen bekanntesten zählen die „Schachnovelle“, „Brief einer Unbekannten“ oder „Amok“. Weniger geläufig ist hingegen, dass Stefan Zweig im Laufe seines Lebens nur einen einzigen Roman geschrieben hat. Unbekannt ist das Buch deshalb jedoch keineswegs, so wurde „Ungeduld des Herzens“ im Laufe der Jahrzehnte mehrfach für Kino und Fernsehen adaptiert. Jetzt kommt von Lauro Cress eine Neuverfilmung, der sich den Stoff direkt für sein Langspielfilmdebüt gewählt hat.
Cress realisierte den Film während seines Studiums an der Deutschen Film- und Fernsehakademie und sorgte mit seiner Adaption bereits vor dem regulären Kinostart für Aufmerksamkeit. „Ungeduld des Herzens“ feierte am 23. Januar 2025 seine Premiere beim Filmfestival Max Ophüls Preis und wurde dort unmittelbar mit den Auszeichnungen „Bester Spielfilm“ sowie „Bester Schauspielnachwuchs“ für beide Hauptdarsteller geehrt. Es folgten weitere Preise bei den Biberacher Filmfestspielen, darunter der „Publikums-Biber“ und der „Debüt-Biber“, ebenso wie der Preis „Fliegender Ochse“, der Hauptpreis für den besten Spielfilm beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern. Nun startet „Ungeduld des Herzens“ auch regulär in den Kinos. Doch wird der Film seinen Vorschusslorbeeren gerecht?
Darum geht es:
In einem Bowlingcenter versucht der junge Bundeswehrsoldat Isaac Nasic, Edith Schwartz aus ihrer stillen Beobachterrolle heraus zu sich und seinen Kameraden zu ziehen. Unbedacht greift er nach ihr, übersieht den Rollstuhl, Edith stürzt zu Boden. Erst in diesem Moment begreift Isaac, was er angerichtet hat. Getrieben von Schuld sucht Isaac tags darauf Familie Schwartz auf, um sich zu entschuldigen. Doch bei der Bitte um Entschuldigung bleibt es nicht. Kann aus Isaac und Edith tatsächlich mehr entstehen – und haben sie womöglich doch mehr gemeinsam, als es zunächst schien?
Die Rezension:
Als sechste Verfilmung der gleichnamigen Romanvorlage erweist sich Lauro Cress’ „Ungeduld des Herzens“ zugleich als ihre wohl freieste wie auch zeitgenössischste Interpretation. Im Zentrum der Erzählung steht weiterhin die Beziehung zwischen zwei ungleichen Figuren, doch ihre Dynamik wird deutlich ambivalenter angelegt. Zweigs psychologisch stark zugespitzte Studie über Mitleid, Selbsttäuschung und emotionale Verantwortung wird nicht allzu werkgetreu reproduziert, sondern in eine nüchterne Gegenwart übersetzt, in der Schuldfragen weniger eindeutig, Abhängigkeiten diffuser und emotionale Motivationen schwerer greifbar erscheinen. Cress verzichtet auf die klare Trennung zwischen Liebe und Mitleid, die Zweigs Roman strukturiert, und ersetzt sie durch ein Beziehungsgeflecht, in dem Motive überlagert, verschoben und widersprüchlich bleiben.

Aus dem Leutnant Anton Hofmiller des gemeinsamen Militärs der österreichisch-ungarischen Monarchie wird hier ein einfacher Bundeswehrsoldat namens Isaac Nasic, und aus der adeligen Edith von Kekesfalva wird Edith Schwartz, Tochter aus einem ebenfalls privilegierten Hause – allerdings nicht mehr aus einem aristokratischen; stattdessen ist sie dieses Mal die gelähmte Tochter eines wohlhabenden Geschäftsmanns. Auch die Ursache ihrer Querschnittslähmung wurde verändert. Selbst wenn man einwenden könnte, dass ein Reitunfall auch heute noch zeitgemäß wäre, erweist es sich als kluge Entscheidung, den folgenschweren Unfall diesmal an ein Motocross-Motorrad zu knüpfen: Denn darin liegt nicht nur eine bloße Aktualisierung, sondern zugleich ein verbindendes Element. Die Leidenschaft für die Rennmaschine eint die beiden Hauptfiguren – ein Motiv, das in der Romanvorlage so nicht angelegt ist.
Doch auch neben den formellen Anpassungen geht das Drehbuch in der inhaltlichen Adaption neue Wege. So ist Protagonist Isaac hier weder eindeutig Retter noch bloßer Nutznießer seiner eigenen Empathie, und Edith Schwartz erscheint nicht mehr als passives Objekt männlicher Projektionen, sondern sehnt sich weniger nach Liebe als nach Selbstbestimmung. Während Zweigs Roman auf ein tragisches Finale zuläuft und seine Figuren in eine moralische Katastrophe treibt, entzieht Cress der Geschichte bewusst das melodramatische Pathos. Wo Zweigs Roman in Tod und Krieg mündet, bleibt Cress’ Film geerdet – nicht weniger ernst, aber näher an den sozialen und moralischen Grauzonen der Gegenwart, was es ihm erlaubt, gegenwärtige Klassen- und Herkunftsunterschiede sichtbar zu machen. Isaacs Begegnung mit Edith, die in einer wohlhabenden, liberalen Familie lebt, öffnet den Blick auf soziale und kulturelle Konflikte.

Klassenunterschiede, Milieu-Codes und unausgesprochene Vorurteile strukturieren das Verhältnis der Figuren subtil, aber konsequent. Und so wie es durch die geteilte Motocross-Leidenschaft neue Gemeinsamkeiten gibt, sorgt das Soldatendasein ebenso für neue Reibungen. Lauro Cress vermeidet dabei sowohl eine anklagende als auch eine heroisierende Darstellung der Bundeswehr und beschreibt sie stattdessen vor allem als ein System, das bestimmte Verhaltensmuster fördert und andere systematisch ausblendet. Diente bei Zweig das Militär der Donaumonarchie als Kulisse, ist diese Adaption in eine brandenburgische Garnisonsstadt eingebettet. Erzählt in wenigen Tagen in sommerlichem Setting entfaltet der Film eine stille, beinahe drückende Atmosphäre, die sich konsequent an den inneren Zuständen seiner beiden Protagonisten orientiert. Giulio Brizzi gibt Isaac Nasic als jungen Mann, der Halt in der Disziplin sucht: Nach der Trennung seiner Eltern meldet er sich freiwillig zum Wachbataillon der Bundeswehr, überzeugt davon, dass Ordnung und körperliche Strenge ihm Orientierung geben.
Der durchtrainierte, tätowierte Körper wird dabei zur Rüstung – in einem rauen, machohaft codierten Umfeld, in dem der Ton grob ist, Frauen abfällig benannt werden und Kameradschaft sich beim Bier nach Dienstschluss erschöpft. Über Isaacs Herkunft bleibt vieles Fragment: Telefongespräche auf Italienisch mit der Mutter, ein Vater, der kaum präsent scheint. Brizzi spielt diese Leerstelle als permanente innere Spannung zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und der Unfähigkeit, Nähe verantwortungsvoll zu tragen. Mit minimalen Verschiebungen in Haltung und Stimme legt er Unsicherheit und wachsende Überforderung frei, ohne je ins Plakative zu kippen. Ladina von Frisching dagegen verkörpert Edith als äußerlich unauffälligere, doch ebenso kämpferische Figur. Ihr Spiel verleiht Edith eine offensive Energie: Kränkungen beantwortet sie nicht mit Rückzug, sondern mit scharfem Zugriff und klarer Grenzziehung. Von Frisching macht Ediths Härte als Schutzmechanismus lesbar, ohne sie zu glätten oder zu entschuldigen.

So entsteht eine Figur, die zugleich verletzlich und selbstbewusst wirkt und deren emotionale Wucht den Film maßgeblich trägt. Die ruhige, auf Nähe und Beobachtung setzende Inszenierung verlangt Geduld – und wird nicht jede Zuschauerschaft abholen –, doch die durchgehende Melancholie wirkt nie aufgesetzt, sondern aus der Situation der Figuren heraus plausibel und folgerichtig. Zudem verzichtet Lauro Cress für sein Spielfilmdebüt auf vordergründige Stilisierungen oder visuelle Effekthascherei und setzt stattdessen auf ein möglichst unverstelltes, realistisches Umfeld für seine Figuren, auch wenn die ohnehin recht uninspirierte Bildsprache durchaus Budgetgrenzen offenlegt, gerade in abgedunkelten Szenen. Lauro Cress standen für „Ungeduld des Herzens“ wohl 160.000 Euro Produktionsbudget zur Verfügung, was selbst für deutsches Arthouse-Kino extrem wenig ist. Zur Einordnung: Ein Kinofilm kostet hierzulande durchschnittlich drei bis fünf Millionen Euro, doch auch viele Low-Budget-Filme verfügen über ein deutlich höheres Produktionsetat.
Fazit:
„Ungeduld des Herzens“ denkt Stefan Zweigs Roman konsequent in die Gegenwart weiter und löst dessen moralisches Dilemma aus klaren Zuschreibungen. Weniger melodramatisch übersetzt Lauro Cress die zeitlosen Fragen der zum Scheitern verurteilten Liebesgeschichte in ein ambivalentes Stimmungsbild zwischen Mitleid, Liebe und Abhängigkeiten – mitreißend getragen von Giulio Brizzi und Ladina von Frisching, jedoch mit einer Bildsprache, die spürbar enger gesteckt ist, als es die erzählerische Ambition nahelegt.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 05. Februar 2026 im Kino.
Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!
Weitere Informationen zu „Ungeduld des Herzens“:
Genre: Drama
Laufzeit: 108 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Lauro Cress
Drehbuch: Lauro Cress und Florian Plumeyer
Besetzung: Ladina von Frisching, Giulio Brizzi, Tim Lanzinger und viele mehr ...
Trailer zu „Ungeduld des Herzens“:





Kommentare