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Kritik zu „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Ein Mädchen, Ein Hahn und ein unmöglicher Auftrag

Autorenbild: Toni Schindele
Toni Schindele
5. Feb.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Sept.

Hasan Hadis „Ein Kuchen für den Präsidenten“ nimmt uns mit auf eine ebenso kleine wie folgenschwere Odyssee – eine Reise, die aus kindlicher Perspektive viel über das zerrüttete Land Irak erzählt und zugleich offenlegt, wen staatliche Sanktionen in der Praxis tatsächlich treffen.


Filmszene aus „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Lamia hält ihren Hahn Hindi fest im Arm und blickt aufmerksam zur Seite.
Bildnachweis: © Vuelta Germany

Als „Ein Kuchen für den Präsidenten“ im Mai 2025 in Cannes uraufgeführt wurde, schrieb der Film bereits Geschichte. Erstmals war ein irakischer Beitrag bei den Internationalen Filmfestspielen zu sehen – präsentiert in der Quinzaine des cinéastes und damit auf einer der sichtbarsten Bühnen des Weltkinos. Wenige Monate später setzte sich diese Aufmerksamkeit fort: Der Irak reichte den Film als offiziellen Kandidaten für den Oscar 2026 ein, im Dezember schaffte es das Werk auf die Shortlist der 15 verbleibenden Titel für den besten internationalen Film. Auch wenn die finale Nominierung ausblieb, gewann das irakische Kino mit diesem Film einen seltenen Moment internationaler Sichtbarkeit. Nun kommt „Ein Kuchen für den Präsidenten“ auch hierzulande regulär ins Kino.


Darum geht es:


In den 1990er-Jahren wächst die neunjährige Lamia mit ihrer Großmutter Bibi in bitterer Armut im Irak auf. Als ihre Schule sie ausgerechnet zum Geburtstag Saddam Husseins damit beauftragt, einen Kuchen für den Präsidenten zu backen, wird aus einem scheinbar harmlosen Ritual eine scheinbar unlösbare Aufgabe: Zutaten wie Zucker, Eier und Mehl sind Luxus in einem Alltag des Mangels.


Die Rezension:


„Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!“ Ein Satz, der Marie Antoinette bis heute fälschlich zugeschrieben wird und doch kaum besser zu Hasan Hadis Spielfilmdebüt „Ein Kuchen für den Präsidenten“ passen könnte. Anfang der 1990er-Jahre lebte auch im Irak eine politische Führung weit entfernt vom Alltag vieler Menschen. Nach dem Einmarsch in Kuwait und dem folgenden Golfkrieg verschärften internationale Sanktionen die ohnehin schwierige Lage: Lebensmittel und Medikamente wurden knapp, Preise stiegen rasant und für viele Familien wurde selbst das Nötigste zum Luxus. Der Personenkult um Saddam Hussein machte dabei selbst vor Klassenzimmern nicht halt. Schon Kinder sollten lernen, wem im Staat die größte Aufmerksamkeit galt – besonders an Husseins Geburtstag am 28. April.


Szene aus „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Die neunjährige Lamia steht auf einem Markt einem älteren Händler gegenüber und hält ihren Hahn Hindi im Arm.
Bildnachweis: © Vuelta Germany

Schulen blieben zwar geöffnet, doch statt normalem Unterricht standen vielerorts inszenierte Feiern und zugeloste Aufgaben auf dem Programm – darunter auch der titelgebende Kuchen für den Präsidenten, aus dem der Film seinen Wettlauf gegen die Zeit entspinnt: Denn die Suche nach den benötigten Zutaten führt mitten hinein in einen Alltag, in dem selbst Selbstverständliches kaum noch aufzutreiben ist. Dass Hadi diese Zeit und seine Umstände so genau kennt, kommt nicht von ungefähr. Wie seine junge Protagonistin wuchs auch der Regisseur und Drehbuchautor im mesopotamischen Marschland im Süden des Irak auf, wo viele Menschen unter einfachsten Bedingungen lebten und Boote zu den wichtigsten Fortbewegungsmitteln gehörten.


Später zog er nach New York, arbeitete zunächst als Journalist und fand über Kurzfilme zum Kino. Für sein Langspielfilmdebüt holte er sich mit Eric Roth schließlich einen der renommiertesten Drehbuchautoren seiner Generation an die Seite. Gemeinsam haben sie mit „Ein Kuchen für den Präsidenten“ eine außergewöhnliche Fabel hervorgebracht. Zwischen Diktatur-Drama, modernem Märchen und Coming-of-Age-Abenteuer nimmt uns der Film aus kindlicher Perspektive auf eine besondere Odyssee mit – eine Reise, die kindliche Naivität bewahrt, ohne die Schwere der Zeit zu bagatellisieren. So hält der Film den Krieg meist außerhalb seiner Bilder und lässt ihn dennoch permanent in die Szenen einsickern. Kampfjets dröhnen am Himmel, entfernte Einschläge donnern, verwundete Soldaten belegen Flure im Krankenhaus und die Schule wird zum Exerzierraum ideologischer Disziplinierung.


Szenenbild aus „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Nahaufnahme von Lamia in einem kargen Innenraum, ihr Blick angespannt und wachsam, während im Hintergrund eine Frau im Schatten bleibt.
Bildnachweis: © Vuelta Germany

Kinder werden hier nicht unterrichtet, sondern eingeschworen, die Sprache der Hingabe „mit Blut und Seele“ wird eintrainiert wie eine zweite Muttersprache. Hasan Hadi zeichnet eine Welt, in der Armut Verhalten formt und Beziehungen deformiert. Korruption und Gewalt durchziehen diese Gesellschaft wie ein unsichtbares Geflecht, das alle Ebenen einer ausgehungerten Gesellschaft umspannt. In diesem Klima wird kindliche Unschuld zur offenen Flanke. Lamias naives Vertrauen macht jede Begegnung zu einem Risiko, denn die Erwachsenenwelt ist geprägt von falschen Versprechen, von Begehren und Berechnung.


Hadi interessiert sich dabei weniger für das Bild einer grundsätzlich verdorbenen Gesellschaft als für die Mechanismen, durch die Not und Machtgefälle die schlimmsten Seiten des Menschen hervorbringen. Umso wichtiger sind die Momente, in denen sich Menschen diesem Sog entziehen. Einer von ihnen ist der Taxifahrer Jasim, der Lamia und ihre Großmutter ein Stück ihres Weges begleitet. Zugleich erlaubt sich Hadi immer wieder behutsame humorvolle Einschübe, die das Drama auflockern, ohne es je zu unterlaufen. Etwa wenn eine hochschwangere Frau Lamias Namen spöttisch kommentiert und sich kurzerhand doch lieber einen Sohn wünscht oder wenn ihr Hahn Hindi mit seinem Krähen regelmäßig dazwischenfunkt wie ein lakonischer Kommentator des Geschehens.


Filmszene aus „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Lamia blickt angespannt zur Seite, während ein Junge neben ihr an einer Mauer steht.
Bildnachweis: © Vuelta Germany

Dass Lamia ihr geliebtes Tier unbeirrbar überallhin mitnimmt, beschert der Reise immer wieder wunderbar skurrile Momente. Bald bangt man beinahe ebenso um Hindi wie um seine Besitzerin. Doch sobald er einmal nicht die Szene stiehlt, gehört sie Banin Ahmad Nayef, die als Lamia dem Publikum unweigerlich ans Herz wächst. Da Nayef in nahezu jeder Szene zu sehen ist, lebt „Ein Kuchen für den Präsidenten“ stark vom facettenreichen wie ausdrucksstarken Spiel der jungen Darstellerin. Neugierig, vertrauensvoll und zunächst kaum in der Lage, die Gefahren um sie herum zu durchschauen, gewinnt Lamia im Laufe ihrer Reise zunehmend an Eigenständigkeit.


Aber auch Sajad Mohamad Qasem beeindruckt als junger Saeed, der die Lage um sich herum bereits deutlich besser versteht und entsprechend pragmatischer durchs Leben geht als Lamia, die vieles erst zu begreifen beginnt und sich im Laufe des Films zunehmend emanzipiert. Zwischen den beiden entwickelt sich eine spröde Solidarität aus Reibung, Nähe und gegenseitigem Schutz. Waheed Thabet Khreibat erdet den Film als Großmutter Bibi mit zurückgenommener Autorität; ihre Fürsorge für Lamia gibt der Geschichte zugleich einen berührenden zweiten emotionalen Anker.


Szene aus „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Lamia sitzt mit ihrer Großmutter in einem schmalen Boot im Marschland des Südiraks – eine ruhige Fahrt durch die Schilflandschaft.
Bildnachweis: © Vuelta Germany

Die Geschichte ist in eine poetische Bildsprache eingebettet, deren Vignette-Rahmen der Bildsprache fast etwas Märchenhaftes gibt. Zugleich gibt Kameramann Tudor Vladimir Panduru Lamia im breiten Cinemascope-Format viel Raum und bleibt in längeren Einstellungen nah bei ihr und ihrer Reise. Dabei verliert die Kamera nie aus dem Blick, was Lamia umgibt: Im Marschland öffnen sich Schilf, Wasser und fragile Häuser zu beinahe verträumten Bildern, während die Stadt voller, enger und unruhiger wird. Menschen drängen durch die Straßen, Märkte füllen die Plätze und über allem wacht Saddam Hussein von Plakaten, Gemälden und Fassaden. Das Regime scheint sich förmlich in die Bilder selbst eingeschrieben zu haben.


Fazit:


Aus einem vermeintlich harmlosen Ritual formt Hasan Hadi eine mitreißende, zugleich einfühlsam bittersüße Fabel über Macht und Mangel. Getragen von einer starken Hauptdarstellerin, feinem Humor und einer poetischen Bildsprache verbindet der Film Märchen, Coming-of-Age-Abenteuer und Diktatur-Drama zu einem eindringlichen Porträt einer Kindheit im Schatten der Geschichte.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 05. Februar 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Ein Kuchen für den Präsidenten“:

Genre: Drama

Laufzeit: 105 Minuten

Altersfreigabe: FSK 6


Regie: Hasan Hadi

Drehbuch: Hasan Hadi und Eric Roth

Besetzung: Baneen Ahmad Nayyef, Sajad Mohamad Qasem, Waheed Thabet Khreibat und viele mehr ...


Trailer zu „Ein Kuchen für den Präsidenten“:


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