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Kritik zu „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Ein Mädchen, Ein Hahn und ein unmöglicher Auftrag

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • vor 7 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Hasan Hadis „Ein Kuchen für den Präsidenten“ nimmt uns mit auf eine ebenso kleine wie folgenschwere Odyssee – eine Reise, die aus kindlicher Perspektive viel über das zerrüttete Land Irak erzählt und zugleich offenlegt, wen staatliche Sanktionen in der Praxis tatsächlich treffen.


Filmszene aus „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Lamia hält ihren Hahn Hindi fest im Arm und blickt aufmerksam zur Seite.
Bildnachweis: © Vuelta Germany

Als „Ein Kuchen für den Präsidenten“ im Mai 2025 in Cannes uraufgeführt wurde, schrieb der Film bereits Geschichte. Erstmals war ein irakischer Beitrag bei den Internationalen Filmfestspielen zu sehen – präsentiert in der Quinzaine des cinéastes und damit auf einer der sichtbarsten Bühnen des Weltkinos. Wenige Monate später setzte sich diese Aufmerksamkeit fort: Der Irak reichte den Film als offiziellen Kandidaten für den Oscar 2026 ein, im Dezember schaffte es das Werk auf die Shortlist der 15 verbleibenden Titel für den besten internationalen Film. Auch wenn die finale Nominierung ausblieb, gewann das irakische Kino mit diesem Film einen seltenen Moment internationaler Sichtbarkeit. Nun kommt „Ein Kuchen für den Präsidenten“ auch hierzulande regulär ins Kino.


Darum geht es:


In den 1990er-Jahren wächst die neunjährige Lamia mit ihrer Großmutter Bibi in bitterer Armut im Irak auf. Als ihre Schule sie ausgerechnet zum Geburtstag Saddam Husseins damit beauftragt, einen Kuchen für den Präsidenten zu backen, wird aus einem scheinbar harmlosen Ritual eine unlösbare Aufgabe: Zutaten wie Zucker, Eier und Mehl sind Luxus in einem Alltag des Mangels. Als Bibi beschließt, Lamias Zukunft in fremde Hände zu legen, flieht das Mädchen mit ihrem Hahn Hindi – getrieben von kindlicher Entschlossenheit und dem verzweifelten Wunsch, den unmöglichen Auftrag zu erfüllen.


Die Rezension:


„Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!“ Ein Satz, der der französischen Königin Marie Antoinette bis heute fälschlich zugeschrieben wird, eignet sich als ideales Sinnbild, um Hasan Hadis Spielfilmdebüt „Ein Kuchen für den Präsidenten“ zu umreißen. Denn was sich im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts als Entfremdung zwischen Herrschaft und Alltag abzeichnete, zeigt sich auch im Irak der frühen 1990er Jahre als gravierende Kluft zwischen staatlicher Macht und sozialer Wirklichkeit. Zu jener Zeit marschierten irakische Truppen in Kuwait ein, was den Zweiten Golfkrieg auslöste. Um dem Aggressor etwas entgegenzusetzen, verhängten die Vereinten Nationen Sanktionen gegen den Irak, doch die Strafmaßnahmen verfehlten ihr Ziel. Während die politische Führung kaum Einbußen hinnehmen musste, litten vor allem jene, die ohnehin wenig besaßen. Hyperinflation machte selbst Grundnahrungsmittel zum Luxus, Medikamente wurden zur Rarität, stattdessen bestimmten Hunger, Angst und Korruption den Alltag.


Szene aus „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Die neunjährige Lamia steht auf einem Markt einem älteren Händler gegenüber und hält ihren Hahn Hindi im Arm.
Bildnachweis: © Vuelta Germany

Um das Regime aufrechtzuerhalten, galt daher bedingungslose Treue, und diese musste so früh wie möglich eingeimpft werden. Gerade Kinder wurden früh vom Personenkult um Saddam Hussein durchdrungen, um ihnen von Beginn an eine Hierarchie einzuprägen, in der die Wünsche des Staates oberste Priorität besitzen. Der 28. April war im Irak zwischen 1979 und 2003 kein offizieller Feiertag — und doch wusste jeder, was er bedeutete. Saddam Husseins Geburtstag markierte den Höhepunkt eines staatlich orchestrierten Rituals. Offiziell war dieser Tag kein Feiertag – faktisch jedoch legte er den Alltag lahm. Schulen und Behörden blieben zwar geöffnet, doch der reguläre Betrieb kam zum Erliegen: Der Unterricht wich einer gemeinschaftlichen Propaganda-Feier, in deren Rahmen eine schulische Tradition gepflegt wurde. In jeder Klasse wurde ein Kind ausgelost, dem die vermeintlich ehrenvolle Aufgabe zufiel, einen Kuchen für den Präsidenten zu backen.


Aus diesem zunächst harmlos wirkenden Ritual entwickelt der Film einen Wettlauf gegen die Zeit – angetrieben durch die beschwerliche Suche nach Zutaten, die in den Jahren der Sanktionen kaum noch aufzutreiben waren und den Mangel des Alltags auf schmerzhafte Weise sichtbar machen. Regisseur und Drehbuchautor Hasan Hadi, der selbst im Süden des Irak aufwuchs, greift für diese Geschichte auf eigene Erinnerungen zurück. Seine junge Protagonistin verortet er – wie einst sich selbst – im mesopotamischen Marschland im Süd-Irak, einer Region, in der die Menschen unter einfachsten Bedingungen in schwimmenden Hütten lebten und Mobilität fast ausschließlich über Boote möglich war. Heute lebt Hasan Hadi in New York, wo er sich zunächst dem Journalismus widmete, ehe er über erste Kurzfilme seine nachhaltige Faszination für das Filmemachen entdeckte. Für sein Langspielfilmdebüt holte er sich mit Eric Roth einen der renommiertesten Drehbuchautoren seiner Generation an die Seite.


Szenenbild aus „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Nahaufnahme von Lamia in einem kargen Innenraum, ihr Blick angespannt und wachsam, während im Hintergrund eine Frau im Schatten bleibt.
Bildnachweis: © Vuelta Germany

Gemeinsam haben sie aus dem titelgebenden Kuchen für den Präsidenten eine außergewöhnliche Fabel hervorgebracht. Zwischen Diktatur-Drama, modernem Märchen und Coming-of-Age-Abenteuer nimtm uns der Film aus kindllicher Persepktive auf eine besondere Odysse mit. Gemeinsam verwandeln sie den titelgebenden Kuchen für den Präsidenten in eine ungewöhnliche filmische Fabel. Zwischen Diktatur-Drama, modernem Märchen und Coming-of-Age-Erzählung entfaltet sich eine Geschichte, die konsequent aus kindlicher Perspektive erzählt wird und den Film als eigenwillige Odyssee begreifbar macht – eine Reise, die sowohl kindliche Naiivität behält, ohne aber die schwere Zeit zu batatalisieren. So hält der Film den Krieg meist außerhalb seiner Bilder und lässt ihn dennoch permanent in die Szenen einsickern. Kampfjets dröhnen am Himmel, entfernte Einschläge donnern, verwundete Soldaten belegen Flure im Krankenhaus, und die Schule wird zum Exerzierraum ideologischer Disziplinierung.


Kinder werden hier nicht unterrichtet, sondern eingeschworen, die Sprache der Hingabe „mit Blut und Seele“ wird eintrainiert wie eine zweite Muttersprache. Hasan Hadi zeichnet eine Welt, in der Armut Verhalten formt und Beziehungen deformiert. Korruption und Gewalt durchziehen diese Gesellschaft wie ein unsichtbares Geflecht, das alle Ebenen einer ausgehungerten Gesellschaft umspannt.  In diesem Klima wird kindliche Unschuld zur offenen Flanke. Lamias naives Vertrauen macht jede Begegnung zu einem Risiko, denn die Erwachsenenwelt ist geprägt von falschen Versprechen, von Begehren und Berechnung. Hadi interessiert sich dabei weniger für das Bild einer grundsätzlich verdorbenen Gesellschaft als für die Mechanismen, durch die Not und Machtgefälle die schlimmsten Seiten des Menschen hervorbringen. Doch bei aller Härte lässt der Film auch viel Raum für Menschlichkeit. Sinnbildlich dafür steht der Taxifahrer Jasim, der Lamia und ihre Großmutter ein Stück ihres Weges begleitet.


Filmszene aus „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Lamia blickt angespannt zur Seite, während ein Junge neben ihr an einer Mauer steht.
Bildnachweis: © Vuelta Germany

Zugleich erlaubt sich Hadi behutsame humorvolle Einschübe, die das Drama auflockern, ohne es je zu unterlaufen. Beispielsweise dann, wenn eine hochschwangere Frau Lamias Namen kommentiert und sich kurzerhand doch lieber einen Sohn wünscht – oder wenn Lamias Hahn Hindi sich zu einer eigensinnigen Nebenfigur entwickelt, dessen Krähen bisweilen wie ein lakonischer Kommentar zum Geschehen wirkt. Dass Lamia ihr geliebtes Tier unbeirrbar überallhin mitnimmt, führt immer wieder zu leise skurrilen Momenten. Gerade die Idee, diese Reise ausgerechnet mit einem Hahn zu bestreiten, verleiht dem Film einen besonderen Charme, den Hadi immer wieder mit viel Zärtlichkeit ausspielt. Mehr noch als um andere Geschehnisse bangt man irgendwann mit, dass Hindi nichts geschieht. Doch wenn der Hahn mal nicht die Szene stiehlt, ist Banin Ahmad Nayef als Lamia doch das eindrucksvolle Herzstück dieser Geschichte.


Die kleine Lamia wächst dem Publikum beinahe unweigerlich ans Herz. Ohne jede Aufdringlichkeit wird sie zur emotionalen Bezugsperson des Films, zu einer Figur, mit der man hofft und mitbangt. Gerade auch, da Banin Ahmad Nayef in so gut wie jeder Szene des Films zu sehen ist, lebt „Ein Kuchen für den Präsidenten“ stark vom facettenreichen wie ausdrucksstarken Spiel der jungen Darstellerin. Aber auch Sajad Mohamad Qasem spielt als zweiter Kinderdarsteller beeindruckend als junger Saeed, der schon deutlich mehr um die Lage der Wlet weiß und dadurch pragmatischer bereits durch die Welt geht als die sich erst die Wlet erstanstende Lamia, die sich im laufe des Films immer mehr emanzipiert. Zwischen ihm und Lamia entsteht eine spröde Solidarität aus Reibung, Nähe und gegenseitigem Schutz. Waheed Thabet Khreibat erdet den Film als Großmutter Bibi mit zurückgenommener Autorität. Ihre Fürsorge zur Enkeltochter Lamia bildet einen berührenden zweiten Handlungsstrang.


Szene aus „Ein Kuchen für den Präsidenten“: Lamia sitzt mit ihrer Großmutter in einem schmalen Boot im Marschland des Südiraks – eine ruhige Fahrt durch die Schilflandschaft.
Bildnachweis: © Vuelta Germany

Eingebettet wird die Geschichte in eine poetische Bildsprache, umrahmt von einem Vignette-Rahmen. In den Marschlandschaften – Schilfgürtel, fragile Häuser, Boote als Alltagsmobilität – entfaltet sich eine fast zeitlose Ruhe, die sich später in der Stadt als wimmelnde Falle spiegelt: Staub, Lärm, Märkte, Gedränge, ein Jahrmarkt als grelles Zwischenbild, und überall das Gesicht des Diktators als visuelle Überwachung. Die Kamera von Tudor Vladimir Panduru betont diese Zweiteilung mit unterschiedlichen Herangehensweisen: weite, eher ruhige Einstellungen, die die Landschaft atmen lassen, gegen eine dringlichere, unruhigere Nähe in den Gassen, die Lamias Hetze und die Unberechenbarkeit der Begegnungen übersetzt.


Fazit:


Aus einem vermeintlich harmlosen Ritual formt Hasan Hadi eine mitreißende, zugleich einfühlsam bittersüße Fabel über Macht und Mangel. Getragen von einer starken jungen Hauptdarstellerin, feinem Humor und einer poetischen Bildsprache verbindet der Film Märchen, Coming-of-Age-Abenteuer und Diktatur-Drama zu einem eindringlichen Porträt einer Kindheit im Schatten der Geschichte.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 05. Februar 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Ein Kuchen für den Präsidenten“:

Genre: Drama

Laufzeit: 105 Minuten

Altersfreigabe: FSK 6


Regie: Hasan Hadi

Drehbuch: Hasan Hadi und Eric Roth

Besetzung: Baneen Ahmad Nayyef, Sajad Mohamad Qasem, Waheed Thabet Khreibat und viele mehr ...


Trailer zu „Ein Kuchen für den Präsidenten“:


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