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Kritik zu „Das Beste liegt noch vor uns“: Nanni Morettis neuer Film im Film

  • Autorenbild: Toni Schindele
    Toni Schindele
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Was passiert, wenn ein Filmemacher unbeirrt an seinen Überzeugungen festhält, während sich das Kino um ihn herum immer mehr verändert? Dieser Frage nimmt sich Nanni Morettis neuer Film „Das Beste liegt noch vor uns“ an.


Illustriertes Poster zu „Das Beste liegt noch vor uns“: Ein bärtiger Mann im Mantel und Schal steht auf einem roten E-Scooter, stilisierte Zeichnung vor hellem Hintergrund.
Bildnachweis: © Prokino

Nanni Moretti gehört in Italien zu den bekanntesten Filmemachern des Landes, international wird er vor allem vom Arthouse-Publikum wahrgenommen. Sein neuer Film „Das Beste liegt noch vor uns“ lief 2023 bereits im Wettbewerb von Cannes – trotzdem dauerte es fast drei Jahre, bis er nun regulär in die deutschen Kinos kommt. Das ist ungewöhnlich: Normalerweise liegen zwischen Festivalpremiere und Kinostart nur wenige Monate. Unter dem Originaltitel „Il sol dell’avvenire“, was ins Deutsche übersetzt „Die Sonne der Zukunft“ bedeutet, startete der Film schon im April 2023 in Italien. Hierzulande aber schien Morettis neuer Film lange ohne Perspektive zu bleiben, bis der Münchner Verleih Prokino ihn nun doch noch ins Kino bringt. Bleibt die entscheidende Frage: Hat sich das lange Warten auf „Das Beste liegt noch vor uns“ gelohnt?


Darum geht es:


Kurz vor dem ersten Drehtag seines neuen Films gerät beim italienischen Regisseur Giovanni alles ins Wanken. Während er einen im Jahr 1956 angesiedelten Zirkusfilm über Ideale, Parteidisziplin und die Zukunft des Kommunismus inszenieren will, stolpert er im echten Leben von einer Krise in die nächste: Die Beziehung bröckelt, der Koproduzent steht finanziell mit dem Rücken zur Wand, seine Hauptdarstellerin liest das politische Drehbuch als Liebesfilm und draußen verändert das Streaming-Zeitalter gerade die Spielregeln des Kinos. Kann Giovanni unter diesen Umständen noch seinen Film umsetzen?


Die Rezension:


Mit „Das Beste liegt noch vor uns“ setzt Nanni Moretti seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem eigenen künstlerischen Selbstbild fort. Moretti vereint erneut mehrere Rollen in Personalunion: Er führt Regie, schreibt am Drehbuch mit und rückt sich selbst als zentrale Figur ins Bild. Als Giovanni entwirft er das Porträt eines alternden Filmemachers, der unbeirrbar an seinen ästhetischen und moralischen Prinzipien festhält, während sich das filmische, politische und gesellschaftliche Umfeld längst wortwörtlich weitergedreht hat. Morettis Protagonist Giovanni trägt unverkennbar autobiografische Züge und reiht sich in seine lange Tradition selbstreflexiver Figuren ein, wirkt im Ton jedoch verschoben: Wo einst jugendlicher Furor und politische Selbstvergewisserung dominierten, zeigt sich nun ein exzentrischer, neurotischer Künstler, der um seine Relevanz ringt und sich zugleich mit wachsender Vehemenz an vertrauten Denkmustern festklammert.


Szenenbild aus „Das Beste liegt noch vor uns“: Nanni Moretti als Regisseur Giovanni geht entschlossen an der Spitze einer Menschenmenge mit roten Fahnen durch eine Straße.
Bildnachweis: © Prokino

In überzeichneten Monologen, belehrender Rechthaberei und ungefragten Lektionen an jüngere Filmschaffende wird Morettis Selbstinszenierung zur bewusst ironisierten Bestandsaufnahme eines Künstlers im Widerspruch mit seiner Zeit. Allerdings kippt er mit seiner bewusst theatralischen Präsenz rasch ins Überzeichnende und geht ebenso schnell vor allem sowohl seinen Mitmenschen wie uns Zuschauern auf die Nerven. Immerhin bekommen wir mit Morettis langjähriger Spielpartnerin Margherita Buy eine angenehm geerdete Nebenfigur, der zudem eine interessante Nebenhandlung zugestanden wird. Als Produzentin und langjährige Partnerin, die nach vier Jahrzehnten den Mut findet, einen eigenen Weg einzuschlagen, spielt sie den pragmatischen Gegenpart zum fahrigen Filmemacher. Margherita Buy verleiht dem Film jene emotionale Erdung, die ihm immer wieder entgleitet. Die Nebenrollen, unter anderem mit Mathieu Amalric und Silvio Orlando, fügen sich routiniert in Morettis vertrautes Ensemble ein, bleiben jedoch auffallend blass.


Ihre Auftritte wirken weniger als eigenständige Akzente denn als vertraute Versatzstücke eines Kinos, das sich stark auf wiederkehrende Typen und Dynamiken verlässt. Diese Verlässlichkeit hat zwar einen gewissen Charme, unterstreicht aber zugleich den Eindruck eines Films, der sich ästhetisch und inhaltlich nur begrenzt um eigene Ideen bemüht. Inhaltlich setzt „Das Beste liegt noch vor uns“ wieder einmal auf das Prinzip des Films im Film, doch auch wenn Nanni Moretti viele Bezüge zur Filmgeschichte, zu politischen Haltungen und zu cineastischen Vorbildern aufgreift, bleiben diese doch sehr lose miteinander verknüpft. Rahmenhandlung und Binnenfilm treten zwar in Kontakt, wachsen jedoch nicht zu einer gemeinsamen Erzählung zusammen. Treffsicher gelingen Moretti vor allem dort Momente, in denen sein Humor präzise zuschlägt – etwa in der absurd-komischen Begegnung mit Netflix-Vertretern, deren mantraartig wiederholte Präsenz in 190 Ländern zur bitteren Pointe einer immer mehr standardisierten Filmindustrie wird, oder im Drehbuchmeeting, das historische Ignoranz in pointierten Dialogen bloßlegt.


Szenenbild aus „Das Beste liegt noch vor uns“: Nanni Moretti und Margherita Buy sitzen an einem Tisch mit Kaffeetassen, er gestikulierend, sie aufmerksam lauschend, in ruhiger Innenraumatmosphäre.
Bildnachweis: © Prokino

Doch so witzig einzelne Momente auch aufblitzen, fehlt dieser Selbstinszenierung letztlich Substanz und vor allem Originalität. „Das Beste liegt noch vor uns“ zitiert dabei nur nicht allerlei Vorbilder aus der Filmgeschichte, sondern vor allem auch sich selbst und dreht dadurch zunehmend ziellos im eigenen Kosmos. Was einst verspielt und persönlich war, erscheint hier nostalgisch überzuckert und ermüdet schnell. Wenn die Filmcrew wieder singt und tanzt, ist es stets dasselbe Motiv und dieselbe Pointe. Fast wünscht man sich in diesen Momenten den von einer Netflix-Managerin eingeforderten What-the-fuck-Moment, der sich hier nie so recht einstellen will. Zwar sind Ideen vorhanden, die scharf, klug und subversiv sein könnten, doch sie bleiben bloß lose arrangiert: eine generische Collage, die Szenen unnötig in die Länge zieht, insbesondere im überdehnten Finale. Obwohl „Das Beste liegt noch vor uns“ nur etwas über neunzig Minuten dauert, fühlt sich der Film dadurch durchaus schwerfällig an und zu keinem Zeitpunkt wirklich kurzweilig.


Fazit:


„Das Beste liegt noch vor uns“ ist eine selbstreflexive Moretti-Variation, die ihre stärksten Momente im pointierten Humor findet, insgesamt jedoch zu sehr im eigenen Kosmos kreist und dabei ebenso aus der Zeit gefallen wirkt wie der Regisseur, den der Film zeigt.


>>> STARTTERMIN: Ab dem 12. Februar 2026 im Kino.


Wie hat Dir der Film gefallen? Teile Deine Meinung gerne in den Kommentaren!

Weitere Informationen zu „Das Beste liegt noch vor uns“:

Genre: Tragikomödie

Laufzeit: 95 Minuten

Altersfreigabe: FSK 0


Regie: Nanni Moretti

Drehbuch: Nanni Moretti, Valia Santella, Federica Pontremoli und Francesca Marciano

Besetzung: Nanni Moretti, Margherita Buy, Silvio Orlando und viele mehr ...


Trailer zu „Das Beste liegt noch vor uns“:


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