Kritik zu „Better Man – Die Robbie Williams Story“: Eine andere Art von Musik-Biopic
- Toni Schindele

- 3. Jan. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Robbie Williams in seiner eigenen Geschichte – aber nicht so, wie man sie erwartet. Mit „Better Man – Die Robbie Williams Story“ entwirft Michael Gracey ein Biopic, das mehr ist als nur eine musikalische Huldigung.

Biopics über Musikstars erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit, sei es durch ihre Verheißung, das Leben von Musikikonen eindrucksvoll zu visualisieren, oder durch ihre Funktion als nostalgische Huldigung. Produktionen wie „Rocketman“, „Bohemian Rhapsody“ oder jüngst „Back to Black“ folgen dabei oft einer fast schon vorhersehbaren Erzählstruktur. Die Mechanismen des Genres – Aufstieg, Fall und Wiedergeburt – haben sich über die Zeit fest etabliert, was viele Biopics in der Darstellung eintönig erscheinen lässt. Das größte Problem dieser Filme ist jedoch, dass sie zwar die Musik feiern, aber die Menschen dahinter und ihr Umfeld oft stark beschönigen.
Der Grund dafür liegt auf der Hand: Biopics wie die oben genannten erzählen häufig das Leben eines bereits verstorbenen Musikschaffenden nach, was in der Regel nur in Zusammenarbeit mit den Hinterbliebenen möglich ist. Denn nur so können die originalen Musikstücke verwendet werden. Sind die Hinterbliebenen und Rechteinhaber der Ansicht, dass der Film der Marke des Musikstars schaden könnte, wird die Nutzung verweigert. So erging es Sofia Coppola bei „Priscilla“, ihrem Film über das Leben von Elvis’ Ehefrau. Lisa Marie Presley, die Tochter von Elvis und Priscilla Presley, äußerte vor ihrem Tod erhebliche Bedenken hinsichtlich der Darstellung ihres Vaters. In E-Mails an die Regisseurin bezeichnete sie das Drehbuch als „schockierend rachsüchtig und verächtlich“ und kritisierte, dass Elvis darin ausschließlich als „räuberisch und manipulativ“ dargestellt werde. Letztlich war daher in „Priscilla“ kein einziger Elvis-Song zu hören.

Dieses Vorgehen ist mittlerweile ein offenes Geheimnis, was diese Biopics, die häufig damit beworben werden, Musikstars von einer ganz neuen und noch nie gesehenen Seite zu zeigen, letztlich oft zu bloßen Huldigungen und Werbefilmen für die Marke des jeweiligen Künstlers macht. Auch Michael Gracey musste sich bei seinem umstrittenen Popmusical „The Greatest Showman“ den Vorwurf gefallen lassen, P.T. Barnum deutlich geschönter darzustellen, als es der Realität entsprach. Doch bei seinem neuen Musik-Biopic „Better Man – Die Robbie Williams Story“ scheint vieles tatsächlich anders zu sein. Das liegt vor allem daran, dass der porträtierte Robbie Williams, der sehr direkt in die Produktion involviert war, nicht nur darauf aus war, sich selbst zu glorifizieren.
Darum geht es:
Der kleine Robbie träumt von einem Leben im Rampenlicht. Mit 16 Jahren wird sein Traum scheinbar wahr: Er wird Mitglied der Boygroup Take That, die in Rekordzeit zu Superstars wird. Doch hinter den Kulissen sieht die Realität anders aus. Während die Welt jubelt, fühlt sich Robbie immer mehr wie eine austauschbare Marionette – hübsch, aber stumm. Kreativ blockiert und innerlich leer stürzt er sich in Drogen, Alkohol und Exzesse. Als es zu viel wird, verliert er nicht nur seinen Platz in der Band, sondern droht auch, sich selbst zu verlieren. Am Tiefpunkt stehend, begreift er, dass er kämpfen muss – gegen die Welt, gegen seine Ängste und gegen sich selbst.
Die Rezension:
Kommen wir direkt zum Elefanten im Raum: Der große Kunstgriff von Michael Gracey besteht darin, Robbie Williams so darzustellen, wie er sich selbst sieht – als Affe, im Film konkret als Schimpanse. Denn wie Williams in Vorgesprächen zum Film erneut erzählte, sah er sich selbst stets wie einen dressierten Affen und empfand sich immer als etwas weniger entwickelt als seine Mitmenschen. Diese Bemerkung führte letztlich dazu, dass Wētā FX und die Motion-Capture-Technologie einen visuell perfekten CGI-Affen erschufen, der im Verlauf des Films auch stets ähnliche Frisuren wie Robbie Williams trägt. Ein Primat, der sich im Rampenlicht zum Affen macht – ein Zirkustier, gefangen zwischen Unterhaltung und Selbstausbeutung. Mit einem avantgardistischen Ansatz, der die Grenzen zwischen Realität und Allegorie verschwimmen lässt, wird Robbie Williams’ turbulentes Leben nicht nur dokumentiert, sondern künstlerisch dekonstruiert.

Dabei steht das zentrale Motiv des Affen im Zoo sinnbildlich für den Kern des Films. Skurill, irritierend, aber doch sehr schnell mitreißend nutzt sich der anfängliche Effekt auch nicht wirklich ab und ist weit mehr als ein nettes Gimmick, nach wenigen Minuten wird man gar nicht mehr in Frage stellen, dass Robbie Williams hier ein Affe ist. Denn die technische Brillanz des Films ist ein einziges großes Highlight. Die CGI-Darstellung des Affen und die Motion-Capture-Technik setzen neue Maßstäbe in der Filmindustrie. Die Bewegungen und Mimiken des Affens wirken derart authentisch, dass die Illusion perfekt gelingt, da auch Jonno Davies, der Williams erwachsene Affen-Version verkörpert, die markanten Bewegungen des Sängers mit bemerkenswerter Präzision einfängt, während Williams selbst die Stimme seiner Figur leiht.
Diese Symbiose aus Technik und Performance sorgt dafür, dass der Affe nicht nur glaubwürdig, sondern zutiefst menschlich wirkt. Gleichzeitig wird durch diesen Kunstgriff aber auch eine Distanz geschaffen, die es ermöglicht, den Protagonisten mit einem analytischen Blick zu betrachten. Robbie Williams‘ Lebensgeschichte bietet genügend Stoff für eine komplexe filmische Erzählung: Von einer schwierigen Kindheit, geprägt durch die Abwesenheit seines Vaters, über seine Zeit bei Take That bis hin zu einer turbulenten Solokarriere und der Film greift auch zentrale Themen wie Selbstzweifel, familiäre Zerwürfnisse und den Kampf mit Suchtproblemen auf, wagt in der Darstellung aber einen anderen Ansatz – Michael Gracey lässt Realität und symbolische Allegorien verschmelzen.

Die Darstellung von Robbie Williams‘ inneren Kämpfen wird durch Begegnungen mit jüngeren Versionen seiner selbst visualisiert, die ihn mit seinen Dämonen konfrontieren. Diese metaphorischen Szenen verleihen dem Film eine psychologische Dimension, die weit über die üblichen Klischees des Genres hinausgeht. Diese Begegnungen machen den inneren Konflikt zwischen Selbstüberschätzung und Versagensängsten, der den Künstler durch seine gesamte Karriere begleitet, greifbar. Es ist ein Biopic, das die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen persönlichem Schicksal und universeller Allegorie auslotet.
Michael Gracey gelingt es, die inneren Dämonen von Robbie Williams in kraftvollen Bildern zu inszenieren und gleichzeitig eine emotionale Verbindung zum Publikum herzustellen. Die Biografie des Künstlers wird chronologisch erzählt und deckt alle wichtigen Stationen seines Lebens ab, ohne wirklich über die bereits bekannten Informationen von Williams hinauszugehen. In dieser Hinsicht ist der Film sehr konventionell aufgezogen: Es wird der klassische Weg geschildert, wie man zu Ruhm gelangt und daran verbrennt. Dennoch gelingt es der energiegeladenen und kurzweiligen Inszenierung, frisch und clever immer wieder das Beste aus diesem Setting herauszuholen und es stellenweise fast zu karikieren. „Better Man – Die Robbie-Williams-Story“ ist sowohl klassisches Musik-Biopic als auch Gegenentwurf zu diesem Subgenre.

Dennoch bleibt der Film nicht frei von Schwächen. Die Darstellung von Williams' Drogenexzessen, die sich über weite Teile der zweiten Hälfte erstreckt, wirkt stellenweise redundant und könnte straffer inszeniert sein. Hier verliert die Erzählung an Tempo und riskiert, das Publikum durch Wiederholungen zu ermüden. Zudem bleiben einige Nebenfiguren, wie Williams' Bandkollegen oder seine romantischen Partner, vergleichsweise blass und dienen eher als dramaturgischer Hintergrund denn als eigenständige Charaktere. Auch die thematische Konzentration auf die Vater-Sohn-Beziehung wirkt bisweilen überbetont und lässt andere Aspekte seines Lebens und Schaffens in den Hintergrund treten. Hier bleibt der Film letztlich seinem Genre treu und verpasst die Chance, noch tiefer in die komplexe Psyche seines Protagonisten einzutauchen.
Musikalisch liefert „Better Man – Die Robbie-Williams-Story“ aber genau das, was man von einem Biopic über Robbie Williams erwartet: eine mitreißende Auswahl seiner größten Hits. Songs wie „Angels“, „Let Me Entertain You“ und „Rock DJ“ werden nicht nur als nostalgische Highlights inszeniert, sondern tragen maßgeblich zur narrativen Struktur bei und schlagen auch Brücken, die Robbie Williams noch etwas greifbarer macht. Besonders gelungen sind auch die Musical-Sequenzen, die durch ihre Choreografie und Bildsprache zu den Highlights des Films zählen. Insbesondere die Regent-Street-Tanzsequenz, in der hunderte Statisten die Ära von Take That wieder aufleben lassen, ist ein cineastisches Highlight. Mit hunderten Statisten, beeindruckendem Kostümdesign und nahtlosen Übergängen in einer scheinbar einzigen Einstellung wird hier clever Williams Boygroup-Zeit in ihrer Essenz zusammengefasst.

Diese Szene ist ein Paradebeispiel für Graceys Fähigkeit, große Emotionen und spektakuläre Bilder zu vereinen, ohne dabei die Handlung aus den Augen zu verlieren, was sowohl Fans als auch Neulinge in den Bann ziehen dürfte. Visuell beeindruckt „Better Man – Die Robbie-Williams-Story“ durch die Arbeit des Kameramanns Erik Wilson, der mit dynamischen Kamerafahrten und atmosphärischen Einstellungen die emotionale Intensität der Geschichte einfängt. Ob intime Close-ups oder imposante Totalen, die Bildsprache des Films trägt maßgeblich zur Erzählung bei. Gracey kombiniert geerdete, entsättigte Bilder mit spektakulären Musical-Sequenzen und schafft so eine visuelle Vielfalt, die den Spannungsbogen des Films bis zum Schluss hochhält.
Fazit:
„Better Man – Die Robbie-Williams-Story“ beeindruckt mit innovativem CGI und Motion-Capture, das Robbie Williams als Schimpansen zeigt – eine brillante Allegorie für seine Selbstwahrnehmung. Trotz konventioneller Erzählweise ist Michael Gracey eine fesselnde und emotionale Reise durch das Leben des Künstlers gelungen.
>>> STARTTERMIN: Ab dem 2. Januar 2025 im Kino.
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Weitere Informationen zu „Better Man – Die Robbie-Williams-Story“:
Genre: Biopic, Musical, Drama
Laufzeit: 131 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Regie: Michael Gracey
Drehbuch: Michael Gracey, Oliver Cole
Besetzung: Robbie Williams, Jonno Davies, Steve Pemberton und viele mehr ...
Trailer zu „Better Man – Die Robbie-Williams-Story“:





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